Caetano Veloso

Caetano Veloso: Brasiliens Jahrhundertstimme

Er ist der umfassendste Musiker Lateinamerikas – und gegenüber den Mächtigen auch der unerschrockenste.

Einem halben Jahrhundert brasilianischer Musikgeschichte hat er seinen Namen eingeschrieben. Caetano Veloso kann als der umfassendste Musiker Lateinamerikas gelten. Zeitlos, in fast allen Stilen beheimatet – und vor allem unerschrocken, wenn es um die künstlerische Auseinandersetzung mit den Mächtigen geht.

Ein bewegtes Leben

Lange wirkte er wie ein androgyner Pan mit scheinbar nicht alternder Stimme und jugendlicher Ausstrahlung. Doch seit dem Cover seines Werks »Abraçaço« (Umarmung) von 2012 zeigte Veloso ein Gesicht, in dessen Furchen sich erkennbar ein bewegtes Leben spiegelt. Dieses Leben, es begann 1942 im Hinterland des Bundesstaates Bahia, der mit seinem afrikanischen Erbe als die Wiege vieler musikalischer Umwälzungen Brasiliens gilt. So auch, als der Musiker und linksorientierte Philosophiestudent Veloso mit seiner Schwester Maria Bethânia und den engen Mitstreitern Gilberto Gil, Gal Costa und Tom Zé 1965 nach Rio aufbricht.

Musik wider die Diktatur :Der Tropicalismo

Es ist eine explosive Zeit in Brasilien: Gerade hat eine Militärdiktatur die sorglose Bossa-Nova-Epoche beendet. Veloso und seine Freunde sind große Verehrer der Bossa. Auf seinem ersten Album »Domingo« mit Gal Costa regieren noch die zarten Töne, die er mit einer ungeheuer delikaten, geschmeidigen, mühelos umherkletternden Stimme erzeugt.

Caetano Veloso: È Proibido Proibir

Doch die Intellektuellen Brasiliens wollen angesichts der rigiden Herrscher neue Sprengkraft formen, und so begründen Veloso und seine Clique 1968 die Tropicalismo-Bewegung. Traditionelles vermischt man mit Rock aus dem Ausland und gewagter Poesie zu einer experimentellen Collage, die auch eine politische Dimension hat. Velosos radikaler Song »É Proibido Proibir« (Es ist verboten zu verbieten) verursacht einen Skandal. Das Regime steckt ihn zusammen mit Gilberto Gil ins Gefängnis, nach der Freilassung schiebt man beide ins Londoner Exil ab.

Ungebrochen provokant :Die Música Popular Brasileira

1972 kehrt Veloso zurück, ungebrochen provokant. Seine Auftritte mit dem Kollegen Chico Buarque zählen zu den Highlights der jungen Música Popular Brasileira, einer raffinierten Popmusik, die sich aus dem Tropicalismo herausgeschält hat. Mit schrägen Kostümen und Transgender-Habitus kitzelt er das konservative Rollenverständnis, bekennt sich zu bisexuellen Neigungen, die durch wunderbare Balladen wie »Menino Do Rio« (Der Junge aus Rio) oder »Leãozinho« (Kleiner Löwe) untermauert werden.

Caetano Veloso: Menino do Rio

»Welten in die Welt schleudern« :Die 70er Jahre

Aus den Siebzigern, in denen er meisterhaft mit Indio-, Afro- und Psychedelia-Elementen spielt, stammen auch einige seiner stärksten Texte: »Terra«, eine kosmische Betrachtung des Heimatplaneten, und »Oração Ao Tempo«, eine philosophische Verbeugung vor dem Phänomen Zeit. Denn Caetano ist stets auch Dichter, nicht nur der Musiker: »Der Vers vermag es, Welten in die Welt zu schleudern«, heißt es in seinem Stück »Livros«. 

Caetano Veloso: Livros

Jedes denkbare Ausdruckfeld

In den letzten dreißig Jahren hat Caetano Veloso sich in jedem denkbaren musikalischen Ausdrucksfeld betätigt. Er erkundete sein bahianisches Erbe mit Trommelorchestern, er zog den Hut vor seinen Bossa-Idolen. Er schrieb Filmmusiken, etwa für »Frida« oder »Habla Con Ella« (Sprich mit ihr), reflektierte in einem ausufernden Essay über die »Verdade Tropical«, die tropische Wahrheit.

Burn it Blue: Soundtrack zu »Frida«

Der nun fast 80-jährige Gigant der brasilianischen Musik- und Kulturszene war dabei immer im Kontakt mit aktuellen Trends. So hat er sich im vorgerückten Alter einer Klangsprache angenähert, die auch mal ausgeprägt krachige Züge tragen kann. Mit sperriger, konzentrierter Rockenergie befreit der reife Veloso die Bossa Nova von aller Süßlichkeit, singt in epischer Breite das Loblied eines Kämpfers gegen die Militärdiktatur, intellektualisiert den Funk – und das alles mit einer Stimme, die sich auch heute noch ins schwerelose Falsett hocharbeitet.

Der neue alte Kampf

An seine Söhne Moreno, Zeca und Tom hat er das Erbe weitergegeben: Sie gehen neuerdings auch mal als musikalisches Familienunternehmen mit ihm auf die Bühne. Bitterkeit dagegen gibt es in diesen späten Jahren auch: Ein halbes Jahrhundert nach seinem Kampf gegen die Militärdiktatur muss er nun unter dem aktuellen Präsidenten ein ähnlich menschenverachtendes Gesellschaftsklima ertragen. 2019 verspottete ein Bolsonaro-treuer Bischof den kritischen Geist, doch der Verleumdete reagierte prompt und öffentlich, wehrte sich mutig mit einer flammenden Gegenrede. Äußerlich mag Caetano Veloso nun ein Senior sein. Doch in ihm brennt immer noch das Feuer des Aufbegehrens.

Text: Stefan Franzen, Stand: 9. Juli 2021

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