Gregor Gysi

»Ich schwanke zwischen Disco und Klassik«

Gregor Gysi über die Musik, die ihn am meisten geprägt hat – und was er als Vertreter der Linken über die Elbphilharmonie denkt.

Er ist einer der berühmtesten Politiker des Landes und Galionsfigur der Linken. Doch wie steht es um Gregor Gysis musikalische Vorlieben? Im Vorfeld seines Auftritts in der Elbphilharmonie beim Festival »Harbour Front Sounds« 2021 nahm er sich via Zoom Zeit, um über das Thema Musik zu sprechen – und offenbarte dabei ein unerwartet breites Interesse. Ganz ohne Politik ging es dann aber doch nicht …

Gregor Gysi im Interview

Herr Gysi, mit welchem Soundtrack würden Sie den aktuellen Wahlkampf unterlegen?

Gibt es einen Song, der große Verwirrung stiftet, sowohl sprachlich als auch melodisch? Der wäre wohl am geeignetsten für diesen Wahlkampf.

Und einer, der ziemlich dahinplätschert, finden Sie nicht?

Das würde ich so nicht sagen. Denn eines scheint ja festzustehen: Dass es nicht wie bisher in der Bundesrepublik Deutschland eine Zweierkonstellation geben wird, sondern eine Dreierkonstellation. Niemand weiß genau, wer eigentlich mit wem kann oder auch nicht kann. Und das macht die Sache etwas aufregender als sonst!

 

»Janis Joplin hat mir sehr imponiert. Man merkte, welche Leidenschaft in dieser Frau steckte.«

Gregor Gysi beim Zoom-Interview (2.9.2021)
Gregor Gysi beim Zoom-Interview in seinem Berliner Büro. Man beachte das Plakat im Hintergrund.

Lassen wir die Politik einmal beiseite: Was haben Sie denn für einen Bezug zur Musik – egal ob als aktiver Musiker oder als passiver Hörer?

Ich kann leider kein Instrument spielen und kann beim Singen auch keine Melodie halten. Insofern bin ich ganz klar ein passiver Genießer. Aber was ich spannend finde, ist, dass schon zu den Anfängen der Menschheit Musik gehörte. Alle Naturvölker hatten und haben Musik, sie bauen sich Instrumente, sie singen, sie tanzen und bewegen sich. Da muss also irgendwas in unserem Körper stecken, das danach verlangt.

Und bei welcher Gelegenheit verlangt es Sie nach Musik?

Jedenfalls nicht früh am Morgen, beim Frühstück. Ich höre Musik am liebsten am Nachmittag oder am Abend. Und dann ist das völlig unterschiedlich: Es gibt Situationen in denen ich sehr gerne Klassik höre, Beethoven, Mozart, aber auch Ravel und vor allem Bach. Und dann mag ich wieder alles, was an Rock ’n’ Roll und Musik dieser Art erinnert. Kein Fan bin ich hingegen von Operette und Musical. Im Grunde schwanke ich also zwischen Disco-Musik und Klassik.

Hat sich Ihr Musikgeschmack im Laufe der Zeit gewandelt?

Ein bisschen schon. Mit Jazz konnte ich zunächst nicht viel anfangen, das hat sich geändert. Auch Oper höre ich inzwischen sehr gern. Manches ist aber auch weniger geworden. Zum Beispiel habe ich die Beatles immer sehr gemocht und schätze sie noch heute, aber ich höre sie nicht mehr so gern wie damals. Während ich zum Beispiel Elvis Presley, wenn ich in der entsprechenden Stimmung bin, auch heute noch gern höre. Auch wenn er gegen Ende etwas schmalzig wurde, wenn ich das mal so sagen darf …

»Louis Armstrong war der Größte« :Gregor Gysis Lieblingssongs

Gregor Gysi
Gregor Gysi Gregor Gysi © Joachim Gern

Welche Interpreten fallen Ihnen noch ein?

Im Jazz-Bereich war für mich war Satchmo (der Spitzname von Louis Armstrong, Anm. der Redaktion) einfach ein Wunder, nicht nur wie er Trompete blies, sondern auch diese tiefe Stimme. Ein bisschen in Vergessenheit geraten ist Ella Fitzgerald, die ich ausgezeichnet fand. In der DDR mochte ich dann besonders City mit ihrem berühmten Lied »Am Fenster«. Wer mir auch sehr imponiert hat, war Janis Joplin. Das war eine Sängerin, die das ganze Leben auf die Bühne brachte. Und man merkte, welche Leidenschaft in dieser Frau steckte. Dass sie dann so früh gestorben ist, an Rauschgift, das hat mich ehrlicherweise nicht verwundert. 

Und wie sind Sie mit klassischer Musik in Berührung gekommen?

Das kam durch die Schule. Da waren wir unter anderem im Deutschen Theater, in der Volksbühne, im Berliner Ensemble und vielen weiteren, aber eben auch in der Komischen Oper und der Staatsoper, wo ich Ballett und Oper gesehen habe. Und dann hatten wir auch einen sehr guten Musiklehrer, der uns an Musik herangeführt hat. Das macht viel aus, denn ein guter Lehrer bringt Dir bei, was da in der Musik passiert – und dann hörst Du genauer.

Am 9. September 2021 sind Sie nun zusammen mit Sebastian Krumbiegel von den Prinzen in der Elbphilharmonie im Rahmen des Festivals »Harbour Front Sounds« zu Gast – waren Sie schon einmal hier?

Ja, einmal zu einem Konzert, das war allerdings ein sehr anstrengender Tag und alles ein bisschen hektisch. Deswegen freue ich mich jetzt, mir die Elbphilharmonie mit ein bisschen mehr Zeit anzuschauen. Sie hat ja auch ihre ganz eigene Geschichte, was Kosten und Bauzeit betrifft, aber da halte ich als Berliner besser die Klappe …

Gutes Stichwort: Wie stehen Sie denn als Repräsentant der Linken zu Bauten wie der Elbphilharmonie?

Ich kann da nur in meinem Namen sprechen: Wir brauchen natürlich die alternative Szene in der Kunst und Kultur. Aber wir brauchen auch die Hochkultur. Wenn man nur das eine oder das andere hat, dann verarmt eine Gesellschaft. Und die brauchen sich ja immer auch gegenseitig, da gibt es Funken, die überspringen. Also muss man sich einen Ruck geben und sagen, wir brauchen einen Konzertsaal, und der ist nun mal nicht billig. Deswegen lasse ich ja trotzdem nicht in meinen Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit nach. Aber da kenne ich noch ganz andere Dinge, bei denen man Geld einsparen könnte. Jetzt freue ich mich aber erstmal auf die Stimmung in der Elbphilharmonie.

Das Interview führte Simon Chlosta am 2. September 2021.

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