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Die tanzenden Derwische aus Damaskus

Das Festival »Lux aeterna« beginnt mit religiösen Gesängen – und einem jahrhundertealten rituellen Drehtanz.

Es ist ein einfaches, inniges Ritual – und es ist schon viele Jahrhunderte alt: Zu Musik und Gesang drehen die tanzenden Derwische aus Damaskus sich im Kreis, um Gott nahe zu kommen. Der Sänger und Korangelehrte Noureddine Khourchid ist mit dieser Tradition der Sufis aufgewachsen und stellt sie nun zum Auftakt des Festivals »Lux aeterna« in der Elbphilharmonie vor.

Noureddine Khourchid & Die tanzenden Derwische aus Damaskus
Noureddine Khourchid & Die tanzenden Derwische aus Damaskus © Claudia Höhne

Lux aeterna

Das »Musikfest für die Seele« vom 3. bis 27. Februar 2019

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Über die Türschwelle

Von Nordafrika über den Kaukasus bis nach Zentralasien kennen etliche Sufi-Orden, aber auch Gemeinschaften, die nicht spirituell geprägt sind, die Derwische. Der aus dem Persischen stammende Begriff »darvish« bedeutet sowohl Bettler als auch Wanderer, aber auch Ekstatiker. In seiner eigentlichen Bedeutung bezeichnet er Menschen, die den weltlichen Gütern entsagt haben und stattdessen auf dem Weg der Gottessuche wandeln. Dabei überschreiten sie die Türschwelle vom Diesseits zur anderen Welt, und auch diese steckt in ihrem Namen – »dar« ist die persische Entsprechung zu unserer »Tür«.

Sufismus: eine mystische Richtung im Islam. Sufi-Gemeinschaften suchen die Gotteserfahrung durch enthaltsames Leben und rituelle Meditation.

Der sogenannte Sema, der Drehtanz gegen den Uhrzeigersinn, ist eine der vielen durch Klänge und Bewegung geprägten Varianten der Gottessuche bei den Sufis. Seinen Ursprung hat dieses Ritual der Derwische im anatolischen Konya, wo es sich nach dem 13. Jahrhundert bei der Mevlevi- (oder auch Mawlawi-) Bruderschaft, Anhängern des berühmten Mystikers Rumi herauskristallisierte. Der Drehtanz überwand die Grenzen Anatoliens und breitete sich bis nach Syrien aus.

Derwische im Festtagsschmuck
Derwische im Festtagsschmuck

Der Körper als Spindel

Im Sema suchen die Derwische eine Harmonie mit dem ebenfalls kreisenden Kosmos. Symbolisch verbirgt sich im Tanz eine Sehnsucht nach der Wiedervereinigung mit dem Göttlichen, von dem der Mensch nur vorübergehend getrennt wurde. Während er im Wirbel des Sema begriffen ist, wird der Körper zu einer Spindel, die die Erde und den Himmel verknüpft und zugleich die ganze Menschheit umarmt. Die Seele, die im Körper gefangen ist, zelebriert so ihre immerwährende, glühende Sehnsucht nach der Rückkehr in die transzendente Sphäre. Im Westen wird die Wirkung des Drehtanzes oft mit Trance beschrieben. Doch ist es in Wahrheit keine Auflösung des Bewusstseins, sondern vielmehr höchste Konzentration mit Leib, Seele und Geist auf das Prinzip des Allumfassenden.

Mit Chor, Oud und Rahmentrommel

In unseren Tagen hat der Drehtanz oft den Geschmack von Dekoration bekommen, wird als schmückendes Element bei poppigen Bühnenshows eingesetzt, ist eine Touristenattraktion geworden. Mit Noureddine Khourchids Ensemble bietet sich die Möglichkeit, den Sema in seiner ursprünglichen rituellen Aufrichtigkeit erleben zu können. Der Tanz der Mevlevis ist hier eingebettet in einen Chor von sieben Munshid (religiösen Sängern) aus der Shâdhiliyya-Bruderschaft, die in Syrien auf eine Tradition von 800 Jahren zurückblicken kann. Instrumentalbegleitung mit der arabischen Laute Oud und Rahmentrommeln unterstützen die inbrünstigen Gesänge.

Noureddine Khourchid

Als große Stimme der Ommayyaden-Moschee von Damaskus steht Noureddine Khourchid in einer Familientradition der religiösen Vokalmusik. Der 1966 geborene Sänger ist den Weg der Sufis quasi von der Wiege an gegangen. Heute zählt er nicht nur zu den größten Stimmen seiner Region, er ist auch als einer der wichtigsten Korangelehrten anerkannt. Wer Khourchids Stimme lauscht und sich in den Anblick der sich drehenden Derwischen versenkt, erfährt, selbst wenn in einem völlig anderen Kulturraum beheimatet, vielleicht auch etwas vom »Lux aeterna«, dem ewigen Licht, das diesem weltweit einzigartigen Ritual innewohnt.

Autor: Stefan Franzen

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