»Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai)

Elbphilharmonie Sessions: Pablo Barragán

Für eine ganz besondere »Elbphilharmonie Session« bringt Weltklasse-Klarinettist Pablo Barragán das Hamburger Mahnmal St. Nikolai zum Klingen.

In direkter Nachbarschaft zur Elbphilharmonie findet sich das große Mahnmal St. Nikolai: 1943 bei Bombenangriffen zerstört, ist die Ruine der ehemaligen Hauptkirche heute ein zentraler Erinnerungsort für die Opfer von Krieg und der Gewaltherrschaft im Nationalsozialismus. Anlässlich des Internationalen Musikfestes Hamburg, das 2024 unter dem Motto »Krieg und Frieden« steht, spielt der gefeierte Klarinettist Pablo Barragán ein Werk von Olivier Messiaen in dem weitläufigen Kirchenschiff des Mahnmals. Für diese sehr besondere »Elbphilharmonie Session« widmet er sich »Abîme des oiseaux« aus dem berühmten »Quatuor pour la fin du temps«, das der französische Komponist 1941 in deutscher Kriegsgefangenschaft fertigstellte und uraufführte. Inmitten der besonderen Atmosphäre des Mahnmals scheint diese Musik Raum und Zeit aufzulösen – mit langen, schwebenden Linien und mit Tönen, die wie aus dem Nichts kommen.

»Es ist sehr bewegend, das Werk an diesem Ort zu spielen und zu spüren. Es geht viel um Hoffnung in dieser Musik.«

Pablo Barragán

Live im Konzert :19. Mai 2024

Das gesamte »Quatuor pour la fin du temps« bringen Pablo Barragán und das renommierte Sitkovetsky Trio am 19. Mai im Kleinen Saal zur Aufführung.

»Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán
»Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán © Elbphilharmonie Hamburg

Das Ende von Raum und Zeit :Über Messsiaens »Abîme des oiseaux« (aus: »Quatuor pour la fin du temps«)

1941 in einem deutschen Gefangenenlager bei Görlitz uraufgeführt, gehört Olivier Messiaens »Quatuor pour la fin du temps« (»Quartett für das Ende der Zeit«) heute zu den bedeutendsten Kammermusikwerken des vergangenen Jahrhunderts. Der französische Komponist war 1939 in den Kriegsdienst gerufen worden und schon im ersten Jahr in deutsche Gefangenschaft geraten. Dass er dort überhaupt komponieren durfte, ist einem Kommandanten zu verdanken, der ihn mit Papier versorgte und ihn in die Lagerkirche ließ. Die ungewöhnliche Quartett-Besetzung für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier ergab sich nicht zuletzt aus den mitinhaftierten Musiker:innen und dem Komponisten selbst am Klavier. Trotz der herrschenden Kälte und den widrigen Umständen fand die Uraufführung des Quartetts im Januar 1941 sogar vor etwa 400 Gefangenen statt – ein bewegender Moment inmitten der schrecklichen Lager-Realität. »Das Publikum war eine Mischung aus allen Gesellschaftsschichten – Landarbeiter, Hilfsarbeiter, Intellektuelle, Berufssoldaten, Ärzte und Geistliche. Nie wieder hat man mir mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört wie damals«, erinnerte sich der Komponist noch viele Jahre später.

Olivier Messiaen, Jean le Boulaire, Henri Akoka und Étienne Pasquier bei der Uraufführung des »Quatuor pour la fin du temps« Olivier Messiaen, Jean le Boulaire, Henri Akoka und Étienne Pasquier bei der Uraufführung des »Quatuor pour la fin du temps« © The Hellenic Centre London
Winter im KZ-Außenlager bei Görlitz Winter im KZ-Außenlager bei Görlitz © ICRC / Meetingpoint Memory Messiaen

Das »Ende der Welt« im Titel des Quartetts meint bei Messiaen nichts Apokalyptisches. Tief im katholischen Glauben verwurzelt, bezog sich der damals 32-Jährige damit vielmehr auf die Offenbarung des Johannes, in der der Untergang der Welt mit dem Beginn der Ewigkeit zusammenfällt – und griff so in Zeiten von persönlicher und politischer Perspektivlosigkeit auf eine biblische Hoffnungsvision zurück: »Und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand auf zum Himmel und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit«.

Der ausgedehnte Satz für Solo-Klarinette ist der dritte der insgesamt acht Sätze und mit dem Titel »Abîme des oiseaux« (»Abgrund der Vögel«) versehen. Geschrieben hatte der Komponist ihn schon auf seinem Weg nach Görlitz, nachdem ihm unter den Mitgefangenen der Klarinettist Henri Akoka begegnet war. Messiaen, in dessen Werken immer wieder Vogelstimmen auftauchen, vertont in diesem technisch sehr anspruchsvollen Solo das biblische Bild der Vögel, die über dem Abgrund der Zeit kreisen, bevor der Engel der Apokalypse auftritt. In dessen Verkündung heißt es »Es soll hinfort keine Zeit mehr sein«. Diesen Beginn zeitloser Ewigkeit übersetzt Messiaen unter anderem mit einer enormen rhythmischen Freiheit und einem sehr langsamen Tempo. Die metrische Ordnung des musikalischen Verlaufs scheint aufgehoben – die Melodie schwebt unabhängig von Raum und Zeit.

Der Künstler

Mit seinem musikalischen Feingefühl, Experimentierfreude und beeindruckender Perfektion begeistert Pablo Barragán sein Publikum weltweit. Der südspanische Klarinettist ist dabei nicht nur ein erfolgreicher Solist, sondern auch ein gefragter Kammermusiker. Zu seinen musikalischen Partner:innen gehören Beatrice Rana, Noa Wildschut oder Kian Soltani.

Bekannt für seine enorme künstlerische Breite, widmet sich der Wahlberliner immer wieder auch zeitgenössischer Musik. Nicht zuletzt erntete er auch mit seinen sehr vielseitigen Album-Zusammenstellungen international viel Lob. Seit 2020 unterrichtet Pablo Barragán als Professor für die renommierte Barenboim-Said Foundation in Sevilla.

Der Ort

Das Mahnmal St. Nikolai gehört fest in die Skyline und das Stadtbild von Hamburg. Im Juli 1943 wurde die ehemalige Hauptkirche bei Luftangriffen zerstört. Nach dem Krieg entschied man sich, die Kirche nicht in dieser Form wieder aufzubauen, sondern ihre Ruine im Herzen Hamburgs zu behalten, als zentralen Erinnerungsort für die Opfer der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg im Kontext des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges. Viele Besucher:innen kommen täglich über die Freifläche des ehemaligen Kirchenschiff oder besuchen den noch erhaltenen Turm, der zwischen Elbphilharmonie und Rathaus in den Himmel zeigt und mit seinen rund 147 Meter noch immer einer der höchsten Kirchtürme der Welt ist.

In den Kellerräumen der Kirche befindet sich heute ein Museum, das sich der Geschichte des Ortes widmet. Auch verschiedene Gesprächs- und Konzertveranstaltungen laden regelmäßig zu einem Besuch ein.

Das Mahnmal St. Nikolai in Hamburg
Das Mahnmal St. Nikolai in Hamburg © Thies Raetzke

Produktion:

Karola Parry Sound

Pauline Schüler, Julian Conrad Camera
Felix Lübbert Drone
Julian Conrad Edit

Julika von Werder, Julian Conrad Production Management

»Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai) »Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai) © Sophie Wolter
»Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai) »Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai) © Sophie Wolter
»Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán »Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán © Elbphilharmonie Hamburg
»Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai) »Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai) © Sophie Wolter
»Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai) »Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai) © Sophie Wolter
»Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai) »Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán (Mahnmal St. Nikolai) © Sophie Wolter
»Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán »Elbphilharmonie Session« mit Pablo Barragán © Elbphilharmonie Hamburg

Zur Reihe

Für die Elbphilharmonie Sessions nehmen Künstler:innen exklusive Musikvideos in Elbphilharmonie und Laeiszhalle auf – manchmal auch abseits der Bühnen, an ungewöhnlichen Orten. Hier findet jeder Sound seine eigene Kulisse.

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