Fabio Biondi

Fabio Biondi im Interview

»Ich glaube an die Zukunft«: Der italienische Dirigent und Geiger über Musik als Spiegel unserer Zeit und die Kraft des Optimismus.

Interview: Ivana Rajič, 24. Februar 2026

 

Fabio Biondi erweckt Barockmusik zu neuem Leben – virtuos, expressiv und voller Spielfreude. Als Gründer und Leiter von Europa Galante prägt er den typischen »italienischen Klang« und lässt nicht nur Werke berühmter Komponisten wie Claudio Monteverdi oder Antonio Vivaldi erklingen, sondern bringt auch vergessene Komponisten zurück auf die Bühne. Mit ihm wird jahrhundertealte Musik unmittelbar spürbar. 

Sein aktuelles Programm an der Elbphilharmonie dreht sich um das »Lamento« – Klang des Schmerzes und der Reflexion –, doch Biondi mischt auch Humor, Leichtigkeit und Hoffnung hinein. Im Gespräch spricht er über Musik als Spiegel unserer Gegenwart, den Mut zum Optimismus und über die Lust, jenseits des etablierten Kanons auf Entdeckungsreise zu gehen.

 

Audio-Einführung zum Konzert am 21. März

Europa Galante
Europa Galante © Ana de Labra

 

Ihr Konzert in der Elbphilharmonie mit Europa Galante steht unter dem Leitgedanken des »Lamento« – eines musikalischen Ausdrucks von Trauer oder tiefem Schmerz. Können Sie die Idee des Programms erläutern?

Fabio Biondi: Die Idee entstand aus der Auseinandersetzung mit den sozialen Problemen und Unsicherheiten, mit denen wir heute leben. Es gibt ein Gefühl existenziellen Leidens, und ich wollte das musikalisch erforschen.

Im Zentrum des Programms steht »Il combattimento di Tancredi e Clorinda« von Claudio Monteverdi – eine eindringliche Darstellung des Krieges, in der ein Ritter unwissentlich gegen die Frau kämpft, die er liebt, und sie tödlich verwundet. Außerdem gibt es Instrumentalwerke von Komponisten wie Dario Castello und Girolamo Frescobaldi, die Momente tiefer Reflexion eröffnen. Aber es war mir sehr wichtig, auch etwas wie das »Capriccio stravagante« von Carlo Farina einzubeziehen. Es ist ein sehr leichtes, humorvolles Stück mit Tierimitationen. Wenn wir über Dunkelheit nachdenken, brauchen wir auch Momente, die uns ein Lächeln schenken.

Geht es in dem Konzert also nicht nur um Klage, sondern auch um Hoffnung?

Ja, absolut. Ehrlich gesagt bin ich kein Pessimist. Pessimist zu sein, ist schrecklich – besonders für die jüngere Generation. Wir müssen gründlich über die Probleme unserer Gesellschaft nachdenken, aber wir müssen auch dem Optimismus Raum geben. Denn ich glaube an die Zukunft.

Musik selbst ist Hoffnung. Sie ist eine universelle Sprache. Wenn man jung ist, hört man diesen Satz, aber man versteht ihn nicht vollständig. Jetzt verstehe ich ihn vollkommen. Musik bringt Menschen zusammen. Wir teilen dieselben Gefühle. Das ist ein Wunder – und genau das möchte ich in Hamburg weitergeben.

Europa Galante & Fabio Biondi spielen Carlo Farinas »Capriccio stravagante«

Sie werden dieses Programm gemeinsam mit dem berühmten Tenor Ian Bostridge aufführen. Was macht diese Zusammenarbeit besonders?

Ian Bostridge ist ein großartiger Künstler und auch ein enger Freund. Zwischen uns besteht eine sehr starke künstlerische und persönliche Verbindung. Wir haben viele Male zusammengearbeitet, besonders mit Werken Monteverdis, und es gibt ein tiefes gegenseitiges Verständnis. Er verfügt über eine außergewöhnliche Intelligenz und Sensibilität für den Text – was in einem Programm wie diesem essenziell ist, einem Programm, das extreme Intimität, Schmerz und Reflexion ausdrückt.

Ian Bostridge
Ian Bostridge © Kalpesh Lathigra

Sie präsentieren ein rein italienisches Programm. Mit Europa Galante, das Sie 1990 gegründet haben, sprechen Sie seit Langem davon, einen eigenen »italienischen Klang« zu entwickeln. Was bedeutet das für Sie?

Als ich begann, mich mit Alter Musik zu beschäftigen, hatte ich das Gefühl, dass eine Gefahr der Globalisierung bestand. Alle begannen mehr oder weniger auf die gleiche Weise zu spielen, mit demselben Klang. Für mich war es sehr wichtig, unsere Ursprünge nicht zu vergessen.

Wenn ich von »unserem Klang« spreche, meine ich einen italienischen Klang – warm, leicht, lebendig und tief mit unserer Kultur verbunden. Aber selbst innerhalb Italiens gibt es Unterschiede. Die römische Schule ist nicht dieselbe wie die neapolitanische Schule, und Venedig hat seinen ganz eigenen Charakter. Die Geografie beeinflusst den Klang. Wir sollten nicht in starren Kategorien denken. Im 18. Jahrhundert konnte sich die Stimmung alle 30 Kilometer ändern. Nichts war festgelegt. Heute suchen wir nach globalen Regeln, aber die Geschichte lehrt uns, dass sich alles ständig verändert – je nach Zeit und Ort.

Ist es dieser ständige Wandel, der Sie dazu inspiriert, immer wieder zum selben Repertoire zurückzukehren?

Absolut. In der Alten Musik ist es ein großer Fehler zu glauben, es gebe nur eine einzige Wahrheit. Es gab viele Wahrheiten. Musik wurde an jedem Ort Europas anders aufgeführt. Man kann einen italienischen Stil in deutscher Musik finden oder einen französischen Stil in italienischer Musik, weil die Musik reiste und sich auf ihrem Weg anpasste.

Diese kaleidoskopartige Natur der Musik ist äußerst spannend. Für ein und dasselbe Stück gibt es viele mögliche Lösungen – abhängig von der Akustik, den Instrumenten, dem Saal und dem Publikum. Deshalb wird es nie zur Routine. Jede Aufführung kann etwas Neues offenbaren.

Claudio Monteverdi
Claudio Monteverdi Claudio Monteverdi © Associazione Amici della Raccolta Bertarelli, Milan

Beeinflusst der Raum des Großen Saals der Laeiszhalle, wie dieses Programm aufgeführt wird?

Sehr sogar. Er ist fantastisch für Kammermusik. Natürlich spielen wir Musik, die oft für sehr kleine Räume geschrieben wurde. Die Herausforderung besteht darin, dieselbe Emotion in einem großen Saal zu vermitteln. Wir passen Artikulation, Phrasierung und Balance an. Wir reagieren ständig auf die Akustik. Das ist äußerst wichtig, denn wir sind nicht daran interessiert, Authentizität in starrer Weise zu reproduzieren. Wir wollen zeigen, dass wir diese musikalische Sprache verstehen – aber wir akzeptieren auch, dass wir moderne Interpreten sind, die im Hier und Jetzt leben.

Beeinflusst auch das Publikum Ihre Interpretation?

Ja, absolut. Wenn man die Bühne betritt und den Applaus hört, spürt man sofort etwas. Jeder Ort ist anders. Man merkt, ob das Publikum einen zum ersten Mal hört, ob Neugier da ist, Begeisterung oder vielleicht eine gewisse Strenge. Diese Atmosphäre kann Entscheidungen beeinflussen – Tempo, Phrasierung, Artikulation. Musik lebt. Früher gab es eine viel stärkere improvisatorische Haltung. Heute verlieren wir diese Freiheit manchmal. Aber gerade in der Kammermusik kann »Rubato« (musikalische Tempobezeichnung für eine freie Behandlung des Tempos zugunsten des Ausdrucks) jeden Tag neu erfunden werden.

Wenn man historische Dokumente betrachtet, sieht man, dass das ganz normal war. Franz Liszt passte sein Spiel dem Charakter des Publikums an. Niccolò Paganini tat dasselbe. Und Geiger wie Pietro Locatelli spielten in Wettbewerben anders als in offiziellen Konzerten. Das ist das Leben – und es ist äußerst wichtig. Routine hingegen ist gefährlich. Routine ist wahrscheinlich das Tragischste in der Musik von heute.

Pietro Locatelli
Pietro Locatelli © Creative Commons

Ist es Ihnen deshalb wichtig, über den etablierten Kanon hinauszublicken und weniger bekannte Komponisten wie Pietro Locatelli oder Dario Castello aufzuführen?

Ja, aber das ist eine grundlegende Frage, und ich beantworte sie sehr gern. Die Musikgeschichte ist äußerst komplex und voller Komponisten, die heute nicht mehr aufgeführt werden. Ich halte das für einen großen Fehler. Wir haben einige Komponisten immer als Genies behandelt und viele andere vergessen – als hätte der Rest der Gesellschaft nicht existiert. Das stimmt nicht. Wenn man Gioachino Rossini liebt, sollte man auch die Komponisten in seinem Umfeld kennen, etwa Saverio Mercadante oder Giovanni Pacini. Wenn man Robert Schumann bewundert, ist es ebenso wichtig, jemanden wie Niels Gade zu entdecken.

Man erlebt Komponisten auch anders, wenn man versteht, woher sie kommen – ihre Tradition, ihre Einflüsse, ihr Umfeld. Wenn man Rossini gut kennt, hört man vielleicht Puccini anders.

Absolut. Es gibt eine sehr langsame, aber stetige Entwicklung der musikalischen Sprache. Ich stimme Komponisten wie Mendelssohn oder Schumann zu, wenn sie sagen, dass es unmöglich ist, ihre Musik zu verstehen, ohne Beethoven oder Mozart zu kennen.

Es ist sehr spannend, heute Musiker zu sein. Unsere Aufgabe als Interpreten ist es, das Publikum an die Hand zu nehmen und gemeinsam durch eine größere musikalische Landschaft zu spazieren. Wenn nach einem Konzert jemand zu mir kommt und sagt: »Ich kannte diesen Komponisten nicht, aber die Musik ist wunderschön«, dann macht mich das stolz. Was heute für eine Aufführung wichtig ist, ist die Einführung vergessener Komponisten – das Öffnen eines weiteren Blicks auf die Musikgeschichte.

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