Text: Stefan Franzen, 17. Januar 2026
Die unfassbar schöne Welt, die Ragnar Axelsson 2011 in seinem Bildband »The Last Days of the Arctic« zeigte, sah der isländische Fotograf bereits damals als dem sicheren Untergang geweiht. Axelsson, der seit Jahrzehnten immer wieder bei und mit den Inuit gelebt hat, bezeichnete die Indigenen der Arktis als die menschlichen Gesichter des Klimawandels. Ihre natürliche Lebensweise war bereits bedroht, seit ihnen die »Errungenschaften« der Industriegesellschaft und fremde Glaubenssysteme übergestülpt worden waren. Durch die neuen klimatischen Herausforderungen wurde diese Bedrohung verschärft und beschleunigt.
Paradox: In dem Maße, in dem die ursprüngliche Lebensweise indigener Völker zu verschwinden droht, greifen ihre Musikkulturen umso mutiger aus und werden in die globalisierte Konzertlandschaft integriert. Die Klänge der Inuit und der Samen sind Paradebeispiele dafür. Beide verfügen über einzigartige, einst in den Alltag eingebundene Gesangstechniken. Nun lösen sie sich aus ihrem ursprünglichen Kontext und erheben sich zu einer Kunstform, die auch in experimentelle Sphären vordringt.
»Arctic Voices« :26.2.–1.3.2026
Im höchsten Norden gibt es faszinierende Musiktraditionen, die von Norwegen bis Japan, von der Mongolei bis in die Arktis mitreißend in die Gegenwart geholt werden.
Die Inuit und der Katajjaq
Bis vor wenigen Jahrzehnten war die Kultur der Inuit, die in Grönland und in den weitläufigen Polargebieten Kanadas leben, durch die Unterdrückung der Kolonialmächte verschüttet. In Kanada wurden Kinder systematisch von ihren Eltern getrennt, in katholischen Internaten wurde ihnen bis in die 1990er-Jahre hinein ihr Erbe und ihre Sprache Inuktut ausgetrieben, Missbrauchsfälle waren an der Tagesordnung. Die politische Aufarbeitung und Wiedergutmachung dieser Zeit steht erst am Anfang.
Das wichtigste Ausdrucksmittel der Inuit-Musikkultur ist der Kehlkopfgesang Katajjaq. Sein Hintergrund ist mythisch, er gilt als Sprache der Tunnituarit-Geister, die unter der Erde leben. Für den Katajjaq interessierte sich zunächst nur die Musikethnologie. Er strapaziert Hörgewohnheiten: ein gutturaler Wechselgesang mit keuchenden, hicksenden, brummenden und schnarrenden Lauten. Seine rhythmischen Eigenheiten kann er nur durch die sich überlagernden Gesangsmuster eines Duos entfalten. Es sind grundsätzlich zwei Frauen, die da einander gegenüberstehen, in wiegender Bewegung anatmen und dabei verspielt Vögel, Wildtiere und Naturkräfte nachahmen, bis eine von ihnen in Gelächter ausbrechen muss oder aus dem Tritt gerät. Der Katajjaq besitzt somit auch unterhaltsamen Wettbewerbscharakter. Mittlerweile ist er auf den Konzertbühnen südlich des Polarkreises angekommen.
Auch Naturerscheinungen sind eine Inspirationsquelle für den Katajjaq: Der Name des Duos PIQSIQ etwa beschreibt das Phänomen, wenn Schneeflocken durch Verwirbelungen in den Himmel zurückzukehren scheinen. Die Schwestern Inuksuk Mackay und Tiffany Ayalik stammen aus dem seit 1999 teilautonomen kanadischen Territorium Nunavut, einem riesigen Gebiet von der sechsfachen Größe Deutschlands mit nur 40.000 Einwohnern. Sie beherrschen die traditionelle Form des Katajjaq, nutzen ihn jedoch auch, um ihn dezent mit Elektronik zu paaren. Oder mit ihm als Ausgangsmaterial in Schichtungen ihrer Stimmen per Loop-Verfahren ganz neue, vielstimmige Klanggebilde zu schaffen. Für die beiden jungen Frauen ist der Katajjaq identitätstiftend, ein Akt der Dekolonialisierung.
Katajjaq-Performance von Tanya Tagaq
Eine Ausnahmestellung unter den aktuellen Inuit-Künstlern nimmt Tanya Tagaq von der ebenfalls in Nunavut gelegenen Cambridge Bay ein. Tagaq hat mit Björk und dem Kronos Quartet gearbeitet und den Katajjaq auf ein experimentelles Level gehoben. In ihrer Kindheit war die Tradition als kultureller Hintergrund kaum noch präsent, sie fand erst auf einem Umweg zu den Klangwurzeln ihres Volkes: Um ihr Heimweh am weit entfernten Studienort Halifax zu lindern, schickte die Mutter ihr Kassetten mit Katajjaq-Stücken. Bewegt griff Tagaq das Vermächtnis ihres Volkes auf, horchte die Techniken von den Bändern ab. Ihr Gegenüber ist nun keine zweite Sängerin mehr, sondern es sind Streicher, Rapper, Schlagzeug, Electronics. Ihre Kompositionen benennt sie nach Tieren und Lautäußerungen, aber auch nach abstrakten seelischen und körperlichen Zuständen. Tagaqs Klangsprache bewegt sich zwischen Neuer Musik, Beatboxing und Trip-Hop. Ihre englischsprachigen Texte sind dabei sehr frei, die Themen reichen von recht animalischen Sex-Schilderungen bis zur unter die Haut gehenden Kritik an der Ausbeutung der Natur, etwa durch Fracking.
Die Samen und der Joik
Indigene Musikkultur im globalisierten Zeitalter: Mit wachsender Distanz zu den Wurzeln bei gleichzeitig immer einfacherem Zugriff auf eine Vielzahl musikalischer Gestaltungsmittel setzt eine Rückorientierung zum Verlorenen ein. Das ist auch bei der Musik der Samen im nördlichen Teil der finnisch-skandinavischen Halbinsel der Fall. Samische Musik ist wesentlich vom Joik geprägt, einer kehligen Vokaltechnik, die jedoch weitaus melodischer als der Katajjaq der Inuit klingt. Auf einfache lautmalerische Silben werden die Natur, Tiere und Menschen »gejoikt«, und das ist stets Ausdruck eines individuellen Gefühlszustands, oft auch eine innige Widmung an die Besungenen oder gar eine »Verschmelzung« mit ihnen.
Jahrhundertelang wurde die Kultur der Samen durch die Skandinavier unterdrückt, ihre schamanische Naturreligion bekämpft. Die protestantisch umerzogenen Indigenen schämten sich ihrer Herkunft und vertuschten sie. Eindrücklich auf die Leinwand gebracht wurde die Geschichte der Samen 2008 im Kinofilm »Kautokeino-opprøret« (»Die Rebellion von Kautokeino«) des einflussreichen Aktivisten und Regisseurs Nils Gaup. Erst seit wenigen Jahrzehnten tritt ihre Musik wieder hervor.
Mari Boine im Tedx-Talk über ihre Wurzeln und das Joiken
Die erste internationale Galionsfigur hieß Mari Boine aus dem norwegischen Teil Sápmis, so die offizielle Bezeichnung des Kulturraums der Samen. »Höre, Bruder, höre, Schwester. Hört die Stimmen der Vormütter. Sie fragen euch, warum die Erde vergiftet und verbraucht ist. Sie erinnern euch daran, dass die Erde unsere Mutter ist.« So lauten die ersten Zeilen in Boines international berühmt gewordener Hymne »Gula Gula« aus dem Jahr 1989. In ihren Liedern sprechen die Erde, der Wind, die heiligen Berge, das Wasser. Boine kombiniert den Joik mit zeitgenössischer Dichtung im vokalreichen samischen Idiom, und sie näherte sich schon früh einer sphärischen Klangsprache an. Dafür hat sie sich immer wieder Jazz-Musiker ins Studio geholt, etwa den Electro-Jazzer Bugge Wesseltoft oder den Saxofonisten Jan Garbarek. Bis heute steht sie, nach überstandenen persönlichen Krisen, mit ihrer empfindsamen Adaption des samischen Erbes auf der Bühne, lässt mit dem aktuellen Programm »Alva« sehr gefühlvoll ihre Kindheit lebendig werden.
Auf Boines Pionierarbeit baut die samische Musikszene bis heute auf. Sie hat sich in Zusammenarbeiten mit beinahe jedem erdenklichen Genre vorgewagt, mit World und Folk, Pop und Jazz. Ein Paradebeispiel für ein Teamwork jenseits aller Stile ist die Sängerin Marja Mortensson aus einer Familie südlicher Wald-Samen und Rentierhirten. Zusammen mit ihrem Gatten, dem norwegischen Jazz-Tubisten Daniel Herskedal, arbeitet sie mal mit Jazzern, mal mit klassischen Musikern. Durch die Kombination von Stimme und Tuba entsteht eine machtvoll-hymnische Klanglandschaft, die aber stets warm tönt und ganz ohne Elektronik auskommt.
Ortswechsel: Ukuok und Khöömii
Noch ein kurzer Blick über den Polarkreis nach Süden, auf die Kulturen der Ainu und der Mongolen. Denn deren Lebensweisen und Musiken weisen Parallelen zur Urbevölkerung der Arktis auf. Die Ainu sind die Ureinwohner des japanischen Nordens, darunter die Insel Hokkaido, und wie stark sie sich mit anderen Indigenen verbunden fühlen, zeigt sich an ihrer jüngst aufgenommenen kulturellen Zusammenarbeit mit den Samen. Auch bei den Ainu sind Frauen die Träger der Klangkultur. Sie pflegen eine charakteristische Gesangstechnik namens Ukuok, die vom Ineinandergreifen zeitlich gegeneinander verschobener Stimmen lebt. Dadurch wird, ähnlich wie in einem Kanon, eine in Trance versetzende Wirkung erzeugt. Das Frauentrio Marewrew demonstriert seine eigene, modernisierte Art des Ukuok und lässt sich dabei von der Harfe Tonkori begleiten, dem wichtigsten Instrument der Ainu.
Wie die Samen leben auch die mongolischen Nomaden mit ihren Tieren – Pferden, Yaks und Kamelen – zum Teil bis heute in einer von schier unendlicher Weite geprägten Steppe. Und auch ihre herausragenden Gesangsstile nehmen, ebenso wie das Nationalinstrument, die Pferdekopfgeige Morin Khuur, Bezug auf die Natur- und Tierlaute ihrer Heimat. Mongolische Musik hat sich in den letzten Jahrzehnten in viele stilistische Facetten ausdifferenziert. So hat das Ensemble Tengerton die zweisaitige Morin Khuur in Anlehnung ans westliche Streichquartett in verschiedenen Lagen besetzt; zugleich pflegen die Musiker den berühmten Kehlkopfgesang Khöömii. Die Sängerin Erdenetsetseg Khenmedekh hingegen hat sich mit ihrem Trio den Langliedern Urtiin Duu verschrieben, die traditionell mit kraftgeladenem Timbre von den Berggipfeln hinab in die Steppe gesungen werden. In ihren epischen Texten, geprägt von langen Silben, treffen spirituelle, naturreligiöse und philosophische Betrachtungen aufeinander.
Dieser Artikel erschien im Elbphilharmonie Magazin (Ausgabe 01/2026)
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Marja Mortensson / Daniel Herskedal / Jakop Janssønn
»Båalmaldahkesne – Entwined« – Traditionelles Joiken aus Skandinavien mit Tuba-Echos / Arctic Voices
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Kehlkopfgesang der Inuit mit Improvisationen / Arctic Voices
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Katajjaq – Kehlkopfgesang der Inuit zwischen Tradition und Moderne / Arctic Voices / ePhil
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»Alva« / Arctic Voices
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Ukouk – Kanongesang der Ainu von der Insel Hokkaido / Arctic Voices
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Tengerton Ensemble & Erdenetsetseg Khenmedekh Trio
Melismen der mongolischen Steppe: Epen und Obertongesang / Arctic Voices
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