Text: Ivana Rajič, 17. Juni 2025
Im Elbphilharmonie Magazin-Format »Umgehört« wird es ganz schön persönlich: Sieben Künstler:innen – ob komponierend oder musizierend, Pop oder Klassik – stellen sich einer Frage und offenbaren ihr (Innen-)Leben. Es geht um ein Mit- und Nebeneinander von unterschiedlichen Perspektiven auf umfassende Themen, die im Grunde genommen auch nur aus einzelnen subjektiven Erfahrungen zusammengesetzt sind.
Diesmal geht es um das Thema »Zukunft«, das dem Internationalen Musikfest Hamburg in der Spielzeit 2024/25 als Motto vorangestellt ist. Wo steht die Musik heute? Und wohin steuert sie? Fragen, die nicht eindeutig zu beantworten sind und deshalb viel Raum für persönliche Spekulationen lassen.
Bryce Dessner
»Roboter, die Klavier spielen, und KI, die Musik komponiert?« Für den US-amerikanischen Komponisten und Gitarristen der Band The National ist das keine vielversprechende Zukunft. Er hofft, dass man sich vielmehr »auf die tatsächliche Erfahrung konzentrieren wird, Live-Musik zu hören, die von Menschen gespielt wird. Besonders in unserer modernen Welt, mit dem Fehlen von Gemeinschaftserlebnissen und all den geopolitischen und religiösen Konflikten, wird die Kunst und insbesondere die Musik zu einem Zufluchtsort und einem Raum der Wiedervereinigung.« Bereits 2017 vereinte der Grammy-Gewinner Weggefährten und Kollegen unterschiedlicher Herkunft und Stilrichtungen beim ersten »Reflektor«-Festival der Elbphilharmonie. Seitdem ist er hier in seiner ganzen Vielfalt zu erleben. Zuletzt wurde beim Silvesterkonzert 2024 sein Violinkonzert aufgeführt.
DECODER ENSEMBLE, SONJA LENA SCHMID
Moderne Technologien werden unser Verhältnis zur Musik immer stärker verändern – davon ist die Cellistin Sonja Lena Schmid vom Decoder Ensemble überzeugt: »Intelligente Systeme werden jede unserer Handlungen klanglich flexibel mitvollziehen, zum Beispiel beim Autofahren. Sie erfassen jederzeit die gewünschte Atmosphäre und untermalen sie. Sound wird uns immer und überallhin begleiten, und längst wird er kaum noch von menschlichen Gehirnen designed.« Am 18. Mai erkundet die sechsköpfige »Band für Neue Musik« das Werk von sechs jungen Komponistinnen und Komponisten, für die das Arbeiten mit KI fast schon selbstverständlich ist. Doch stellt sich die Frage: Ist das nun ein kreatives Potenzial oder eine Gefahr für den Menschen und seine Identität? Sonja Lena Schmid meint, »uns heute vertraute Klänge« würden durch diese Entwicklungen zunehmend ausradiert: »Das Klimpern von Bargeld, der Flügelschlag eines Adlers, summende Wildbienen, Schritte im Schnee …«
Roderick Cox
»Ich mache mir Sorgen, dass die Zukunft mehr Stille bringen könnte«, sagt der US-amerikanische Dirigent Roderick Cox. »In vielen Ländern werden derzeit die Haushaltsmittel für die Künste, besonders für die westliche Musik, gekürzt. Ich erlebe das gerade in meiner Wahlheimat Berlin und meiner musikalischen Heimat Frankreich. Die Zukunft klingt vielleicht gar nicht so, wie sie sollte – lebendig, kraftvoll, vielseitig und in positivem Wandel.« Neue technologische Möglichkeiten sind für ihn kein Ersatz für das musikalische Live-Erlebnis: »Virtuelle Realität und Künstliche Intelligenz können niemals so wertvoll, so aufrichtig oder herzlich klingen wie die Musik, die von Künstlerinnen und Künstlern im Moment geschaffen wird.« Nachdem Cox 2021 mit dem Konzertprojekt »Song of America: A Celebration of Black Music« sein Elbphilharmonie-Debüt gab, kehrt er mit Strawinskys »Le sacre du printemps« zurück, einem frühen Klassiker des 20. Jahrhunderts, der das Tor zur musikalischen Zukunft weit aufriss.
Johannes Maria Staud
»Wie die Zukunft klingt, weiß ich natürlich nicht, aber mit jedem neuen Stück taste ich mich ein wenig weiter vor«, erklärt der Komponist Johannes Maria Staud. »Man ist ja immer in seiner Zeit gefangen, doch es geht darum, ausgetretene Wege zu vermeiden, denn Klischees warten hinter jeder Ecke – in der Elektronik genauso wie in der Instrumentalmusik.« Deswegen ist die Frage der Mittel für den 1974 geborenen Österreicher sekundär; im Vordergrund steht das Experimentieren mit Formen, Klängen und Besetzungen. In seinem 2023 uraufgeführten Schlagzeugkonzert etwa, das im Februar beim Festival Elbphilharmonie Visions zu erleben ist, beabsichtigt er »mit der Kombination des Instrumentariums zwischen Hightech- und Lowtech-Instrumenten wie Blumentöpfen, Holzkisten und Metallkanistern eine Welt zu erschaffen, die es so noch nicht gibt und die man selbst noch nicht kennt«: ein Konzert mit ungewöhnlichem Formablauf, einer überraschenden Dramaturgie und einem schlagkräftigen Klangfarbenkasten.
Monika Dalach Sayers
Monika Dalach Sayers beobachtet bei den Künstlern und Künstlerinnen der Generationen Y und Z eine zunehmende Zahl »hybrider, elektroakustischer Stücke, die neue Medien sowie innovative, mehrdimensionale Praktiken im Bereich des Sounddesigns verwenden«. Für die junge polnische Komponistin, Multimedia-Künstlerin und Sounddesignerin steht fest, dass der Klang der Zukunft eng »mit der Entwicklung neuer Aufführungstechniken und dem rasanten Fortschritt der Technologie sowie dem potenziellen Einfluss von KI und Automatisierung auf den Kompositionsprozess verbunden ist«. Dalach Sayers selbst sucht nach neuen, hybriden Formen des musikalischen Ausdrucks, indem sie traditionelle Ensemblebesetzungen mit Elektronik, performativen Elementen, Text und innovativen Medien konfrontiert. Ein brandneues Werk der experimentellen Künstlerin bringt das Decoder Ensemble im Rahmen seines Programms »Future Recognition« am 18. Mai auf die Bühne des Kleinen Saals.
ICTUS ENSEMBLE, JEAN-LUC PLOUVIER
Die Frage nach der Musik der Zukunft führt Jean-Luc Plouvier, den Pianisten und Gründer des belgischen Ictus Ensembles, notwendigerweise in die Vergangenheit. »Die Erfinder des Theremins und der seriellen Syntax, diejenigen, die für Fotos an den Reglern ihres Polymoogs posierten oder den Begriff ›Panmodalismus‹ erfanden, schrieben Geschichte wie ein Science-Fiction-Roman. Doch die ständige Erneuerung des Materials ist verdächtig geworden.« Vielmehr interessiert sich das Ictus Ensemble für die Erneuerung der Aufführungspraxis: »Neue Spielräume für die Musik zu schaffen, den Musikern zu erlauben, ihr eigenes Instrument zu erfinden, die Beziehung zwischen Interpreten, Improvisatoren, Komponisten und Encodern, also den Leuten, die digitale Kunstwerke aufführen, neu zu definieren. Damit stellt sich eher die Frage, wie Klangpraktiken unsere Zukunft verändern werden.« Eine mögliche Antwort darauf gibt das Ensemble am 21. und 22. Mai mit der Aufführung von Eva Reiters experimenteller Oper »The Rise«, die durch selbstentwickelte Instrumente und innovative Klangsprachen Parallelwelten von Leben und Tod heraufbeschwört.
Titus Engel
Titus Engel ist Chefdirigent der Basel Sinfonietta, einem der besten Orchester für Neue Musik, und ist somit ganz nah dran am musikalischen Puls der Zeit. Gemeinsam führen sie das preisgekrönte Werk »Become Ocean« des Komponisten und Umweltaktivisten John Luther Adams, das die Auswirkungen des Klimawandels auf eindrucksvolle Weise erfahrbar macht, im Mai in der Elbphilharmonie auf. Bei einem solch visionären Programm verwundert es nicht, dass der deutsche Dirigent überzeugt ist, die Musik der Zukunft offenbare »die menschlichen Abgründe, aber auch die mögliche Liebesfähigkeit und Großzügigkeit unserer Gattung. Sie weckt große Gefühle und ist spirituell erhebend. Sie verführt zum genauen Hören und ist so ein exemplarisches Vorbild für eine Gesellschaft, die wieder lernt, einander zuzuhören.« Mit seiner unkonventionellen Programmgestaltung strebt Engel bereits heute an, mehr Offenheit für Neues zu schaffen. Denn er weiß: Musik wird nicht länger »für den Elfenbeinturm geschrieben, sondern für eine breite Gesellschaft – ohne anspruchslos zu sein.«
Dieser Artikel erschien im Elbphilharmonie Magazin (Ausgabe 2/25).

