Video on Demand vom 16.4.2021
verfügbar bis 13.6.2021

Piotr Anderszewski spielt Bach

Der polnische Pianist präsentiert eine ganz persönliche Zusammenstellung aus dem »Wohltemperierten Klavier«.

»Natürlich gibt es Konzertsäle, in denen ich wirklich gerne spiele. Und die Elbphilharmonie gehört sicher dazu.« Was für ein schönes Bekenntnis, und das auch noch von einem der besten Pianisten der Welt! Piotr Anderszewski ist schon mehrfach in der Elbphilharmonie aufgetreten – im Großen wie im Kleinen Saal, solo und mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester. Nun kehrt der polnische Pianist nach Hamburg zurück, um sich ganz der Musik Johann Sebastian Bachs zu widmen. In einem Livestream präsentiert er seine ganz persönliche Zusammenstellung einzelner Stücke aus dem »Wohltemperierten Klavier« des großen Barockkomponisten.

»Ich habe die Stücke in einer subjektiven Reihenfolge zusammengestellt, die manchmal auf Tonart-Beziehungen basiert, ein anderes Mal auf Kontrasten, die die Stücke unwider­stehlich zusammenzuziehen scheinen«, erklärt Anderszewski. Diese durchdachte Auswahl an Stücken hat er Anfang des Jahres 2021 auch schon auf CD veröffentlicht und erntete dafür Jubel-Kritiken: »Das steht Bach einmal mehr sehr gut«, lobte das Magazin »Rondo«.

»In Bachs Musik gibt es immer eine Geschichte, eine emotionale Erzählung.«

Piotr Anderszewski

Besetzung

Piotr Anderszewski Klavier

Programm

Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Das Wohltemperierte Klavier, Band II BWV 870 – BWV 893 (Auszüge)

Piotr Anderszewski in der Elbphilharmonie 2017
Piotr Anderszewski in der Elbphilharmonie 2017 © Claudia Höhne

Kompromissloser Anspruch :Piotr Anderszewski

Schon einer seiner allerersten Auftritte wurde zum Sinnbild seines kompromisslosen Anspruches: Kurz vor seinem internationalen Durchbruch erregte Piotr Anderszewski viel Aufmerksamkeit beim bedeutenden Leeds-Wettbewerb, als er seinen eigenen Auftritt beim Halbfinale abbrach und die Bühne verließ – und zwar, weil er trotz großer Gewinnchancen mit seiner eigenen Interpretation nicht zufrieden war.

Eine solche Demut und Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Musik hat sich der inzwischen weltweit gefeierte Pianist bis heute erhalten und zieht sein Publikum mit seinen persönlichen und feinsinnigen Interpretationen in den Bann. Zu Recht hagelt es Preise für den polnischen Musiker, darunter der prestigeträchtige Gilmore Award und zwei BBC Music Magazine Awards.

»Es ist wichtig, der Musik immer wieder Fragen zu stellen.«

Piotr Anderszewski

Durch alle Tonarten :Bachs »Wohltemperiertes Klavier«

»Das Wohltemperierte Klavier ist das Alte Testament, Beethovens Sonaten sind das Neue; an beide müssen wir glauben.« So äußerte sich der große Pianist und Dirigent Hans von Bülow über Bachs berühmtes Klavierwerk, und auch Beethoven selbst bekannte: »Immer, wenn ich beim Komponieren ins Stocken geriet, nahm ich mir das Wohltemperierte Klavier hervor, und sogleich sprossen mir wieder neue Ideen.«

Der etwas sperrige Titel von Bachs Komposition bezieht sich auf eine wichtige musikalische Errungenschaft seiner Zeit. Schon seit den alten Griechen wurde nämlich daran getüftelt, wie man die Abstände zwischen den Tönen der Tonleiter definieren sollte – wie also eine perfekte Stimmung der einzelnen Töne aussehen könnte. Zunächst legte man Wert darauf, dass bestimmte, wichtige Intervalle wie Quarte und Quinte rein klingen sollten, was aber an anderen Stellen für unschöne Verzerrungen sorgte. Das heißt, die Instrumente klangen dann immer nur in bestimmten Tonarten gut. Im Barock ging man dazu über, die 12 Halbtöne innerhalb einer Oktave alle in gleichmäßigen Abständen zu setzen – die sogenannte wohltemperierte Stimmung. Sie ist gewissermaßen der ideale Kompromiss: Sie opfert zwar die Perfektion einzelner Intervalle, ermöglicht es aber, in allen Tonarten gleich gut spielen zu können.

Voller Faszination über die neuen Möglichkeiten demonstrierte Bach den Reichtum dieser omnipotenten Stimmung in den beiden Bänden seines »Wohltemperierten Klaviers«. Jeder Teil umfasst 24 Satzpaare, die aus je einem Präludium und einer Fuge bestehen und sämtliche Dur- und Molltonarten abdecken, von C-Dur in Halbtonschritten aufsteigend bis h-Moll. Innerhalb dieser strikten Ordnung entwickelt Bach eine ungeheure Vielfalt an Ausdrucksformen.

 

»Das Wohltemperierte Klavier sei dein täglich Brot. Dann wirst du gewiss ein tüchtiger Musiker.«

Robert Schumann

 

Beim Es-Dur-Präludium etwa handelt es sich um ein Werk mit einem heiteren Grundton, das je nach Tempowahl (Bach machte hierzu keine expliziten Angaben) wie ein flotter Walzer oder wie eine Hirtenmelodie klingen kann. Die vierstimmige Es-Dur-Fuge hingegen ist ein ausgesprochen gesangliches Stück, das man sich auch von einem Chor gesungen vorstellen könnte. Bach bedient sich dort einer traditionellen Komponierweise, die auf die Renaissance zurückgreift, tänzerische Rhythmen vermeidet und sich durch eine ruhige und ausgeglichene Melodik auszeichnet.

Das natürlich fließende dis-Moll-Präludium ist hinsichtlich seiner Struktur eine zweistimmige Invention, also ein Werk, in dem ein musikalischer Einfall (lateinisch: Inventio) verarbeitet wird, indem sich zwei Stimmen wechselseitig imitieren und die Melodie gegenseitig zuspielen. Die vierstimmige dis-Moll-Fuge bildet in ihrem ernsten und zutiefst melancholischen Gestus einen starken Kontrast dazu.

Johann Sebastian Bach
Johann Sebastian Bach © Elias Gottlob Haussmann/Wikimedia Commons

Das majestätische As-Dur-Präludium ist in seiner vergeistigten Form eines barocken Konzertsatzes und den fließenden Übergängen typisch für Bachs Spätstil, während sich im gis-Moll-Präludium bereits der galante und der empfindsame Stil andeuten, wie er in den Werken von Bachs Söhnen Carl Philipp Emanuel oder Friedemann ausgeprägt ist. Dieser Gestus setzt sich in der dreistimmigen gis-Moll-Fuge fort, der der Musikwissenschaftler Hugo Riemann »eidechsenartige Behendigkeit« attestierte. Den zweiten Band (und auch die Zusammenstellung von Piotr Anderszewski) eröffnet das C-Dur-Präludium, das wie ein großes Orgelwerk daherkommt, und seinen Abschluss findet das Ganze in der dreistimmigen h-Moll-Fuge, die mit ihrem tänzerischen Charakter ein überraschend leichtes Finale bildet.

Text: Mario-Felix Vogt / Julika von Werder, Stand: 06.04.2021

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