Ictus Ensemble
Video on Demand vom 27.11.2022
verfügbar bis 27.11.2023

Philip Glass: Einstein on the Beach

Mit der Oper des berühmten amerikanischen Komponisten kommt ein wahrer Klassiker der Minimal Music in die Elbphilharmonie.

Seit ihrer Uraufführung 1976 hat die Oper »Einstein on the Beach« von Philip Glass Kultstatus. Das Werk, das von der Los Angeles Times erst kürzlich als »wichtigste Oper der letzten 50 Jahre« bezeichnet wurde, stellt die traditionelle Oper völlig auf den Kopf: Es gibt keine durchgehende Handlung, sondern eher Klanggebilde, begleitet von enigmatischen Sätzen des Dichters Christopher Knowles. Vorgetragen werden diese in der Elbphilharmonie von der US-amerikanischen Sängerin Suzanne Vega, die mit ihren Songs »Tom’s Diner« und »Luka« weltbekannt wurde.

Ictus Ensemble Ictus Ensemble © Maxime Fauconnier
Collegium Vocale Gent Collegium Vocale Gent © Michiel Hendryckx

Besetzung

Suzanne Vega Erzählerin

Collegium Vocale Gent

Ictus

Igor Semenoff Violine
Chryssi Dimitriou Flöte
Dirk Descheemaeker Bassklarinette, Sopransaxofon
Nele Tiebout Sopransaxofon, Altsaxofon
Jean-Luc Fafchamps Keyboard
Jean-Luc Plouvier Keyboard
Michael Schmid Dirigent, Flöte

Dirigent Tom De Cock

Alexandre Fostier Klangregie

Germaine Kruip Szenografie

Programm

Philip Glass
Einstein on the Beach / Oper in vier Akten

Konzertante Aufführung in englischer Sprache

Zum Programm

Einstein ist relativ egal :Philip Glass: Einstein on the Beach

Als Philip Glass einmal von der New York Times gefragt wurde, welches Kompliment ihn richtig stolz machen würde, antwortete er: »Wenn jemand von einem neuen Stück meint, dass es gar nicht nach mir klinge.« Natürlich war diese Replik ironisch gemeint. Schließlich weiß Glass nur zu gut, dass sein Erfolg auch auf seinem Wiedererkennungswert basiert. Ob große Oper oder handliches Klavierstück, ob Soundtrack oder Sinfonie – stets sind es diese winzigen, sich aber ungeheuer rasant ausdehnenden Rhythmuszellen, aus denen Glass seine Musik konstruiert und die mit ihren ständig veränderten Wiederholungen eine schier hypnotische Wirkung erzeugen. Dank diesem »Minimal Music« genannten Stil stieg er zu einem der bekanntesten und gefragtesten Komponisten in der zeitgenössischen Musik auf.

Zu Beginn von Glass’ Karriere war dieser Erfolg  nicht unbedingt absehbar. Zwar studierte der 1937 in Baltimore geborene Künstler an der renommierten Juilliard School in New York und bei der legendären Nadia Boulanger in Paris. Doch auch nach seinen ersten veröffentlichten Werken Mitte der 1960er Jahre musste er noch ein Umzugsunternehmen gründen (zusammen mit seinem Kollegen Steve Reich), um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Philip Glass
Philip Glass

Seinen Durchbruch feierte Glass 1976 mit Einstein on the Beach, das er zusammen mit dem texanischen Regisseur, Bühnenbildner und Librettisten Robert Wilson herausbrachte. Ob die manchmal bemühte Beschreibung »Anti-Oper« zutrifft, sei dahingestellt, jedenfalls gab er der Opernwelt einen völlig neuen Dreh. Wie Glass selbst einmal gestand, hat er keine der von ihm besuchten 50 Aufführungen von Einstein on the Beach jemals in einem Zug, ohne Unterbrechung erlebt. »Doch es war nie beabsichtigt gewesen, dass das Werk als ein ganzes erzählendes Stück gesehen wird«, erklärte er. Damit deutete er das revolutionäre Potenzial des Werks an, mit dem er und Wilson sich von der klassischen Operform verabschiedeten. Fünf Stunden dauerte die Uraufführung im südfranzösischen Avignon – so lang wie eine Wagner-Oper. Allerdings ohne Pause.

Zudem ist Einstein on the Beach eine Oper ohne Handlung. Ein traditionelles Libretto, einen Erzählfaden gibt es nicht. Vielmehr besteht der Text großflächig aus Zahlenkolonnen und Solmisations-Silben (»do-re-mi«), aus Texten der Choreografin Lucinda Childs und des Schauspielers Samuel M. Johnson. Außerdem werden immer wieder Gedichte von Christopher Knowles vorgetragen, den Robert Wilson von seiner Tätigkeit an einer New Yorker Förderschule her kannte. Nimmt man noch Glass’ Musik hinzu, in der sich Solo­stimmen, Chor und ein unter anderem mit Keyboards, Orgeln und Saxofon besetztes Ensemble bisweilen zu verlieren scheinen, erweist sich Einstein on the Beach als Klang- und Bilderbogen mit nur einem Ziel und Sinn: die Fantasie des Publikums zu beflügeln. »In den vier Monaten«, so Glass, »in denen wir mit Einstein in Europa auf Tournee waren, fragten uns die Leute gelegentlich, was es zu ›bedeuten‹ hätte. Aber viel öfters sagten uns die Menschen, was es für sie bedeutete, manchmal gaben sie uns sogar Erklärungen für die Handlung und das komplette Szenario.«

Albert Einstein

Albert Einstein. Für das Stück von Glass allerdings völlig egal, denn die Heldenfigur sollte inhaltlich keine Rolle spielen. Sie sollte nur bekannt genug sein, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Dieses ungewöhnliche Konzept spiegelt sich schon in Glass’ und Wilsons Suche nach einem Titelhelden. Um den »Inhalt« der Figur ging es ihnen nicht – sie sollte nur bekannt sein, um Aufmerksamkeit zu erregen. Schon Sigmund Freud und Josef Stalin hatte Wilson Theaterstücke gewidmet. Auf der Suche nach einer entsprechenden historischen Berühmtheit für ihre Oper schlugen Glass und Wilson nun Charlie Chaplin, Adolf Hitler oder Gandhi vor. Schließlich entschied man sich für Albert Einstein, der für Glass schon in der Jugend ein Held gewesen war. Kurzerhand taufte man das Werk Einstein on the Beach on Wall Street. Als ob es an der Wall Street einen Strand geben würde! Heute können sich die beiden angeblich nicht mehr daran erinnern, wann und warum der Arbeitstitel gekürzt wurde.

Der Aufbau von Einstein on the Beach stand hingegen schon früh fest: Es handelt sich um eine lose Folge von assoziativen Szenen und musikalischen Einheiten. Eingebettet sind sogenannte »Kneeplays« (Kniestücke), die als eine Art Zwischenspiele fungieren und das Gesamtwerk einrahmen.

Glass’sche Klangräume

Obwohl Einstein nicht nur im Titel vorkommt, sondern im Kneeplay 2 auch anhand eines großen Violinsolos verewigt wurde (der Physiker war ja ein begabter Amateurviolinist), führen die Textpassagen allesamt eher von ihm weg als zu ihm hin: Eine Gerichtsverhandlung kommt zur Sprache, Moderatoren eines New Yorker Radiosenders werden genauso zitiert wie der Country-Hit Mr. Bojangles. Ganz zum Schluss besteigt man dann noch ein Raumschiff und erkundet ein letztes Mal all jene Glass’schen Klangräume und Raumklänge, die der Mensch tatsächlich so noch nie zuvor gehört und erlebt hatte.

In den nächsten Jahren legte Philip Glass sogar noch zwei weitere Opern über berühmte Männer nach: über Gandhi (Satyagraha, 1980) und über den Pharao Echnaton (Akhnaten, 1983). Zusammen mit seiner Filmmusik zu Koyaanisqatsi (1982) trugen sie entscheidend zu seiner Popularität auch außerhalb der Klassik bei. Neben Karlheinz Stockhausen, John Cage und Steve Reich gehört Glass zu jener Riege, die auch in der jüngeren Rock- und Pop­geschichte ihre Spuren hinterlassen hat. Für David Bowie, Kraftwerk und Brian Eno etwa war seine Musik prägend. Umgekehrt finden sich auf Glass’ Album Songs from Liquid Days Vertonungen von Liedtexten, die ihm Paul ­Simon, ­Laurie Anderson oder eben auch Suzanne Vega zugeschickt hatten.

Weggefährten

Für die kalifornische Pop-Sängerin begann damit Mitte der 1980er Jahre eine enge künstlerische Freundschaft mit Glass. Daher war sie auf Anhieb auch begeistert von der Idee, an der Neueinrichtung von Einstein on the Beach mitzuwirken. Die Pläne dazu reichen ins Jahr 2017 zurück, als das belgische Ensemble Ictus die Tanzcompagnie von Anne Teresa De Keersmaeker für eine Aufführungsserie im New Yorker MoMA begleitete. Damals war auch Suzanne Vega vor Ort. Nun tritt sie als eine Art Multi-Charakter-Erzählerin auf, die die Texte von Christopher Knowles, Samuel M. Johnson und Lucinda Childs vorträgt.

Eine weitere Besonderheit dieser Produktion liegt beim Fokus auf die Partitur selbst und dem musikalischen Klang des Librettos. Tatsächlich gibt es keine szenischen Extravaganzen im Sinne der ursprünglichen Wilson/Glass-Produktion. »Es ist die Musik, die sich selbst ausstellt«, wie die Musiker be­tonen. Und eine enorme körperliche und geistige Herausforderung für alle Beteiligten – und auch für das Publikum. Die Türen des Großen Saales bleiben daher – wie schon von Glass und  Wilson ausdrücklich vorgesehen – während der gesamten Vorstellung geöffnet. Sie als Zuhörer können sich frei bewegen und, wenn Sie eine Pause brauchen, entspannt an die Foyer-Bar schlendern und sich einen Drink genehmigen, um zu einem späteren Zeitpunkt wieder von Neuem in Glass’ Kosmos einzutauchen.

Autor: Guido Fischer, Stand 22.11.2022

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