Elbphilharmonie Hamburg

Haus für alle

Die Elbphilharmonie will nicht nur ein Konzerthaus von Weltrang, sondern vor allem eines für alle sein. Wie geht das?

Eine für alle

Die Elbphilharmonie blickt zurück auf fünf bunte Jahre mit einem enorm breit gefächerten Programm in den Konzertsälen, mit einem riesigen Angebot in Sachen Musikvermittlung, mit Stadtteilprojekten und Mitmach-Ensembles … Als »Haus für alle« wurde sie am 11. Januar 2017 eröffnet. Der Plan ging auf. 

Aber wie sieht ein Programm aus, das für jede und jeden etwas bereithält? Das für Hamburg ebenso relevant ist wie für die internationale Musikwelt? Das Newcomern die gleiche Bühne bietet wie Legenden? In einem Beitrag von ByteFM gibt die künstlerische Betriebsdirektorin der Elbphilharmonie, Barbara Lebitsch, Einblicke in die kreative Planung hinter den Kulissen.

Elbphilharmonie-Programm

Aktuelle Saisonschwerpunkte, Festivals und Konzertreihen

Ein bunter Anfang

Die allerersten Töne beim Eröffnungskonzert in der Elbphilharmonie spielte der estnische Oboist Kalev Kuljus in Benjamin Brittens »Sechs Metamorphosen nach Ovid«. »Zum Raum wird hier die Zeit«, war der klingende Titel des grandiosen Festkonzertes des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Das nächste raumzeitliche Großprojekt folgte schon zwei Tage später mit der Uraufführung von Jörg Widmanns Oratorium »Arche«, mit der Generalmusikdirektor Kent Nagano und sein Philharmonisches Staatsorchester Hamburg das Konzerthaus begrüßten.

Über zwei Wochen lang feierte Hamburg die Eröffnung seines neuen Wahrzeichens – zusammen mit allem, was Rang und Namen hat: Berühmte Künstlerpersönlichkeiten wie Pultlegende Riccardo Muti und Weltklasse-Sänger Thomas Hampson ließen es sich nicht nehmen, unter den Ersten auf der Elbphilharmonie-Bühne zu sein. Auch Bands wie die Einstürzenden Neubauten, Orchester wie das Chicago Symphony Orchestra und die Wiener Philharmoniker sowie hochkarätige Solisten wie Yo-Yo Ma füllten schon in den ersten Tagen diese neuen Bretter, die bald die Welt bedeuten sollten. Es war ein buntes Eröffnungsfestival und es war der Anfang von noch bunteren fünf Jahren Elbphilharmonie.

Elbphilharmonie Eröffnung
Elbphilharmonie Eröffnung © Ralph Larman

Über das Programm der Elbphilharmonie

Klassische Musik war, ist und bleibt natürlich Schwerpunkt des Konzerthauses, doch geht das Programm seit jeher auch weit darüber hinaus. Wie wird die Programmauswahl getroffen?

Barbara Lebitsch:
Unser Anspruch ist es von Beginn an gewesen, ein sehr offenes und vielfältiges Programm zusammenzustellen. Und das funktioniert auch deshalb ganz gut, weil wir im Team der künstlerischen Planung sehr breit aufgestellt sind, was die persönlichen Interessen und die Expertise betrifft. Es ist wirklich ein Glücksfall, dass alle, die bei uns mit der Programmplanung beschäftigt sind, einfach selbst leidenschaftliche Musikhörer sind – quer durch alle Genres. Das heißt, unser eigenes Interesse ist oft auch der Ausgangspunkt, wenn wir nach neuen Programmideen suchen. Auch wenn das natürlich erstmal eine subjektive Entscheidung ist, führt das dazu, dass wir eben auch Einiges abseits des »normalen« Programms mit aufnehmen können. So können wir Musik zeigen, über die man nicht so einfach stolpert, von der wir aber glauben, dass es wichtig ist, sie zu präsentieren, weil wir sie selber gut finden und sie dann auch unserem Publikum anbieten wollen.

 

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Ein Beispiel für solche Musik abseits des »normalen« Konzertrepertoires ist die österreichische Sängerin Anja Plaschg alias Soap&Skin, die im August 2019 ein großartiges Konzert mit Stargaze im Großen Saal gab. Oder der legendäre brasilianische Musiker Cateono Veloso, der wie die Geschwister Rufus und Martha Wainwright beim Elbphilharmonie Sommer 2021 zu Gast war.

Elbphilharmonie Session mit Martha und Rufus Wainwright

Konzertreihen und Festivals

Welche Schwerpunkte gibt es in der Elbphilharmonie abseits der »klassischen« Abonnements und Reihen?

Barabara Lebitsch:
Wir haben mehrere Jazz-Reihen im Kleinen und Großen Saal, in denen wir immer wieder auch Schwerpunkte auf bestimmte Instrumente legen – wie zum Beispiel bei unserem aktuellen Fokus »Jazz Trumpet«. Der Weltmusik widmen wir uns ebenfalls gleich in zwei Reihen: »Around the World« im Großen Saal und »Klassik der Welt« im Kleinen. Die beiden Reihen sind sehr unterschiedlich konzipiert: In »Klassik der Welt« präsentieren wir die klassische Musik außereuropäischer Kulturen und in »Around the World« eher populärere Bands, die es meistens auch schon gewohnt sind, durch Konzerthäuser zu touren.

Neben den Abonnements und solchen Konzertreihen setzen wir während der Saison auch einzelne Schwerpunkte: Das können wiederkehrende Festivals sein wie das Internationale Musikfest Hamburg oder unser »Reflektor«-Format, das es auch schon seit Beginn gibt. Hier übergeben wir gewissermaßen die Schlüssel zur Elbphilharmonie an eine Künstlerpersönlichkeit, die dann für ein paar Tage das Programm in der Elbphilharmonie gestaltet – mit eigenen Auftritten, mit befreundeten Künstlern, mit Künstlern, die sie geprägt haben …

Reflektor John Zorn :17.–20. März 2022

John Zorns Musik reicht von swingendem Jazz über brachialen Noise bis zu zartesten Klängen, zwischen minutiös ausgearbeiteter Komposition und komplett freier Improvisation. An vier Tagen präsentiert er nun wesentliche Facetten seines Schaffens.

Rückblick-Video: Reflektor Anoushka Shankar :4.–7. November 2021

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»Reflektor«-Festivals in der Elbphilharmonie gestalteten unter anderem Persönlichkeiten wie die Performance-Künstlerin Laurie Anderson, Produzent und Pianist Nils Frahm oder der Gründer des legendären Labels ECM, Manfred Eicher. Auch die Sitar-Virtuosin Anoushka Shankar schuf mit ihrem »Reflektor« rund um indische Musik ein Highlight der Saison 2021/22, wo sie unter anderem mit der Sängerin Alev Lenz auftrat. Und der Gitarrist derUS-amerikanischen Indie-Rock-Band The National sorgte mit seinem Programm schon in der ersten Elbphilharmonie für eine Extraportion Originalität – und mit seiner Band und »Bloodbuzz Ohio« für einen ganz besonderen Höhepunkt der vergangenen Jahre.

Weltoffenes Konzerthaus

Die Elbphilharmonie will ein »Haus für alle« sein. Was heißt das?

Barbara Lebitsch:
Das heißt in erster Linie, dass wir total offen sind. Erstens im Blick auf das Publikum: Wir wollen ein Angbot für alle schaffen, die sich irgendwie für Musik interessieren. Und zweitens wollen wir ebenso offen sein gegenüber den Musikerinnen und Musikern sowie den musikalischen Inhalten. Deswegen haben wir eben ein sehr breit gefächertes Programm, das eigentlich alle Genres und verschiedene Kulturen abdecken soll. Unser einziges Kriterium ist die Qualität: Wir wollen einfach gute Musik präsentieren. Und es muss natürlich passen mit unseren Sälen und der besonderen Akustik – aber ansonsten wollen wir den Musizierenden wie dem Publikum immer wieder die Chance geben, den eigenen Horizont noch zu erweitern und sich vielleicht mal auf etwas ganz Neues einzulassen.

 

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Die Möglichkeit, sich auf etwas Neues und Ungewohntes einzulassen, bietet natürlich gerade das Weltmusik-Programm der Elbphilharmonie. So gab es in den vergangenen Jahren beispielsweise ein Festival mit Musik aus dem Kaukasus oder ein Konzert der buddhistischen Lautenpriesterin Kyokuyo Okada aus Japan. Und im Februar 2019 war der Mystiker und Korangelehrte Noureddine Khourchid mit dem Ensemble »Die Tanzenden Derwische aus Damaskus« im Großen Saal zu erleben.

Die drehenden Derwische aus Damaskus (3. Februar 2019)
Die drehenden Derwische aus Damaskus (3. Februar 2019) © Claudia Höhne

 

Bei einem »Haus für alle« spielen sicherlich auch die Eintrittspreise eine Rolle, oder?

Barbara Lebitsch:
Ja, natürlich sind für ein offenes Haus auch die Bedingungen entscheidend, unter denen man eben zu uns kommen kann. Bei uns kann man eigentlich in jedes Konzert auch zum Preis einer Kinokarte gehen. Das gehört für uns ganz zentral zu einem »Haus für alle«. Es gibt bei all unseren Veranstaltungen, auch bei eigentlich teuren Konzerten, immer ein Kontingent an sehr günstigen Karten oben im Saal. Und weil der Raum so gebaut ist, dass es keine Sichtbehinderungen oder akustische Verzerrungen gibt, kommt man dort oben auch in den vollen Genuss des Konzertes. Außerdem gibt es oft ermäßigte Karten für junge Leute und natürlich im Education-Bereich besondere Konzertangebote für Familien, wo die Tickets nur fünf Euro kosten.

Die Hot 8 Brass Band in der Elbphilharmonie 2017
Die Hot 8 Brass Band in der Elbphilharmonie 2017 © Claudia Höhne

Konzerthaus für Hamburg

Die Elbphilharmonie wollte von Beginn an aber nicht nur ein Haus für die ganze Welt, sondern insbesondere auch für die Hamburgerinnen und Hamburger sein. Das löst das Programm unter anderem mit tollen Education-Konzepten, Stadtteilprojekten und Open-Air-Veranstaltungen ein. Gibt es denn auch einen besonderen Platz für Hamburger Künsterinnen und Künstler?

Barbara Lebitsch:
Mit der Reihe »Made in Hamburg« beispielsweise wollen wir der jüngeren Hamburger Musikszene – abseits der Klassikwelt – die Chance geben, mal in der Elbphilharmonie aufzutreten. In dieser Reihe im Kleinen Saal sind Hamburger Newcomer oder auch prominentere Hamburger Bands zu Gast, die sich hier mal außerhab der Clubszene ausprobieren können.  Das hat in den vergangenen Jahren immer sehr gut funktioniert – sowohl für die Künstler als auch für die Fans. Oft kommt die Fangemeinde nämlich mit und darüber erreichen wir auch neues Publikum.

 

Haiyti
Haiyti © Universal Music

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Zu den Gästen der Reihe »Made in Hamburg« zählen das Duo Shari Vari, Angel Olsen oder Ivy Flindt (im Livestream). In der laufenden Saison sind unter anderem Gangster-Princess Haiyti und Singer-Songwriter Leroy Jönsson zu erleben.

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: Vorgestellt: Künstlerische Planung

Konzerte planen, organisieren und betreuen – das Team der Künstlerischen Planung ist das Herz des Konzerthauses.

NDR Elbphilharmonie Orchester / Esa-Pekka Salonen
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Video on Demand vom 22.1.2022 : NDR Elbphilharmonie Orchester / Esa-Pekka Salonen

Live aus der Elbphilharmonie: Im Rahmen des Schwerpunkts »Multiversum Esa-Pekka Salonen« dirigiert der Finne sein eigenes Werk »Gemini« – und Hector Berlioz‘ berühmte »Symphonie fantastique«.

»Wow, so kann das auch klingen!«

Der Komponist und Dirigent Esa-Pekka Salonen über sein »Multiversum« in der Elbphilharmonie, die Schwarmintelligenz bei Orchestern und die Tücken des klassischen Kanons.