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Elisabeth Leonskaja im Portrait

Die Lebensfreundlichkeit der Grand Dame: Über die Pianistin Elisabeth Leonskaja

Selbstverständlich hat sie immer wieder auch mit Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert begeistert, diesem besonderen Glanzstück pianistischer Virtuosität russischer Provenienz. Und Ehrensache für eine Künstlerin ihrer Herkunft ist es wohl auch, ihr Publikum mit den beiden anderen Tschaikowsky-Klavierkonzerten und seiner Konzertfantasie zu begeistern, mit Stücken also, die im Westen vergleichsweise unpopulär geblieben sind. Dazu kommen in ihrem großen Repertoire auch Schostakowitsch, Prokofjew, Chopin, Mendelssohn, so vieles mehr.

Elisabeth Leonskaja in der Elbphilharmonie
Elisabeth Leonskaja in der Elbphilharmonie © Daniel Dittus

Musik über die »letzten Dinge«

Dennoch fallen einem bei Elisabeth Leonskaja immer zuerst jene Auftritte ein, bei denen sie Musik über die »letzten Dinge« zum Klingen gebracht hat. Mit den letzten drei Klaviersonaten Beethovens etwa, dem »kürzesten Programm der Welt«, wie sie es schmunzelnd nennt, zumal sie es vorzugsweise ohne Pause spielt. Der eigenwillige zweisätzige Bau des finalen Opus 111 mit seinem monumentalen, zuletzt ruhig verklingenden Variationensatz scheint in unerhörter, tief beeindruckender Weise ganz auf Entrücktheit, Tiefsinn, Abschied und Transzendenz zu zielen – eine Domäne der Leonskaja.

Oder auch mit seinem Pendant, dem »längsten Programm der Welt«, gebildet aus den letzten drei Schubert-Sonaten. Da führen gerade Leonskajas bedachtsam liebendes Eingehen auf Schuberts epochale Klavier-Epik und damit auch der Respekt vor seinen leider oft ignorierten Wiederholungszeichen ganz ins Zentrum dieses großen Romans in drei Bänden. Denn Leonskaja besitzt nicht nur die Ruhe und den langen Atem für eine solche Unternehmung, sondern ihr gelingt auch das Paradoxon, Schuberts Labilität in gleichsam genau tariertem Gleichgewicht darzustellen. Soll heißen, dass etwa scheinbar heitere Tänze und triste Rastlosigkeit nahtlos ineinanderfließen, dass der Überraschungswert der harmonischen Ausweichungen weder überspielt noch eigens herausgestellt wird, wodurch sich das Ganze in Einzelheiten verlöre. Im Gegenteil, es ist gerade der erzählerische Fluss, der an Leonskajas Interpretationen fesselt – und in den die Details sich sorgsam einordnen. Es wirkt, als beschreite sie einfach traumwandlerisch intuitiv den Königsweg zu Schuberts Seelenleben.

Elisabeth Leonskaja spielt Schuberts späte Sonaten

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Klavier
Klavier Klavier © Pixabay

»Es geht immer um Verantwortung. Für Musik und für Menschen.«

 

Über technische Brillanz, über bloße Fingerfertigkeit denkt da niemand mehr nach. Eher fällt einem ein, dass Leonskaja 2016 von der Republik Georgien, ihrer einstigen, unvermindert geliebten engeren Heimat, mit dem Titel »Priesterin der Kunst« ausgezeichnet wurde. »Dafür kann ich aber nichts«, lacht sie in ihrem feinen Wiener Deutsch mit den russischen Obertönen – um dann, ganz typisch für sie, nach der spontanen Emotion die Worte dennoch auf die Goldwaage zu legen: »Ein Priester ist etwas anderes als ein König, aber selbst ein König ist eine Art von Diener. Königin möchte ich keine sein, das ist ein furchtbares Schicksal. Aber Priesterin … Es geht immer um Verantwortung. Für Musik und für Menschen.« Dass ihre Berufung untrennbar mit Dienen zu tun hat, mit der Interpretation von Texten und dem Dienst am Werk, daran besteht für Elisabeth Leonskaja kein Zweifel: »Musik ist eine heilige Kunst.«

Eine heilige Kunst

Dieses Heilige zelebriert die Grande Dame nicht nur alleine am Klavier, sondern eben auch mit Orchester – und nicht zuletzt als leidenschaftliche Kammermusikerin. Auch da rührt sie immer wieder an Unaussprechliches. Etwa als sie 2015 mit den hinterbliebenen drei Mitgliedern des Artemis Quartetts in einer Konzerttournee des verstorbenen Bratschisten Friedemann Weigle gedachte. »Für sie war nicht nur der Verlust eines Freundes zu verarbeiten, sondern sie mussten auch wieder auf die Bühne gehen, ohne ihn. Tausend Emotionen …« Man hätte sich keine einfühlsamere und zugleich stärkeren Halt verleihende Partnerin als Elisabeth Leonskaja vorstellen können für einen solchen körperlichen, seelischen und musikalischen Kraftakt – der dann freilich überwiegend zart tönte, Trauer und Wehmut zum Klingen brachte, aber auch jene Dankbarkeit, die den Blick in die Zukunft erlaubt.

Ganz im Sinne Thomas Manns, der einmal von »zweierlei Lebensfreundlichkeiten « schrieb: Es gebe »eine, die vom Tode nichts weiß; die ist recht einfältig und robust, und eine andere, die von ihm weiß, und nur diese, meine ich, hat vollen geistigen Wert. Sie ist die Lebensfreundlichkeit der Künstler, Dichter und Schriftsteller.« Die Künstlerin Elisabeth Leonskaja hat diese Art der Lebensfreundlichkeit verinnerlicht – seit ihren musikalischen Anfängen in Tiflis, wo sie 1945 geboren wurde. Die Eltern waren aus Odessa vor Pogromen geflohen. Für die Mutter vor allem, die Gesang und Klavier studiert und dann alles verloren hatte, war es ein Herzenswunsch, ihre Tochter musizieren zu hören. »Papa hat immer gesagt: Lass das Kind länger glücklich leben! Doch Zwang habe ich keinen verspürt.« Die Aufnahmeprüfung an einer der mehr als 300 (!) Musikschulen von Tiflis hat die siebenjährige Lisa also bestanden, ohne zuvor schon Klavier gespielt zu haben. Das sei übrigens nichts Besonderes, winkt Leonskaja ab: »Jedes Kind in Russland fängt mit sieben Jahren an, und jedes Kind ist für die Eltern ein Wunderkind.« Aber nicht jedes Kind debütiert mit elf als Solistin in Beethovens 1. Klavierkonzert.

Elisabeth Leonskaja mit dem finnischen Cellisten Arto Noras und dem russischen Geiger Oleg Kaga, 1967
Elisabeth Leonskaja mit dem finnischen Cellisten Arto Noras und dem russischen Geiger Oleg Kaga, 1967

Schließlich studierte Leonskaja am Moskauer Konservatorium. Dort erkannte auch Swjatoslaw Richter ihr eminentes Talent und begann, sie zu fördern: der Beginn einer musikalischen Zusammenarbeit und zugleich beglückenden, sich immer weiter vertiefenden Freundschaft. Eine hinreißende Ahnung dieser künstlerischen Beziehung vermittelt die 1993 entstandene gemeinsame Aufnahme der Bearbeitung von Mozart-Klaviersonaten durch Edvard Grieg – oder besser gesagt: Griegs frei hinzukomponierte Begleitung durch ein zweites Klavier bei der »Sonata facile« KV 545 sowie der c-Moll-Fantasie KV 475 und der Sonate KV 533/494. »Richter hat immer gesagt, bei Mozart sei das Timing besonders herausfordernd, er verzeihe viel weniger als zum Beispiel Beethoven«, erzählt Leonskaja. Im Moment, so verrät sie, gingen ihre Gedanken in die Richtung, dass der emotionale Gehalt der Ausführung bei Mozart ebenso hochtourig laufen müsse wie die extreme Schnelligkeit seines Komponierens. Und da schieße man eben mal über das Ziel hinaus oder erreiche es nicht: »Das macht es so schwer.«

Wahlheimat Wien

Als ihr 1978 in letzter Sekunde die Ausreise aus der UdSSR erlaubt wurde und sie direkt vom Flughafen zur Probe ins Wiener Konzerthaus eilte, stand Beethovens 5. Klavierkonzert mit den Wiener Symphonikern unter Erich Leinsdorf auf dem Programm, ein Stück, das mit imperial-prunkvollen Gesten einsetzt. »Bei irgendeiner Stelle sagte Leinsdorf: ›Machen Sie den Gürtel auf!‹«, erzählt Leonskaja lachend. Aber kein Wunder, dass sie in dieser Situation erst schrittweise zu ihrer gewohnten, aus höchster Konzentration gespeisten Lockerheit hatte finden können. Erst kurz zuvor hatte sie nämlich eine Visumseinladung aus Israel bekommen, was von den Sowjetbehörden sofort registriert und mit einer Ausreisesperre quittiert worden war. »Die Frau von Swjatoslaw Richter hat dann für mich gebürgt, und ich glaube, dass ich deshalb doch noch den nötigen Pass bekommen habe – genau am Morgen dieser Probe. Und so ging es sofort ab zum Flugzeug Richtung Wien.« Wien sollte es sein und Wien sollte es für sie bleiben als neuer Stützpunkt und Lebensmitte der passionierten Fußgängerin.

Hier ist sie im Musikverein ebenso heimisch wie im Konzerthaus, und unser Treffen findet auf ihren Wunsch hin auch im Konzerthaus statt, denn »da findet man immer eine ruhige Ecke«. Der Portier hat Post für sie, und an der Sitzbank im Foyer, auf die sie gleich zustrebt, kommen immer wieder Mitarbeitende des Hauses vorbei, lächeln, nicken zum Gruß. Aus dem Großen Saal dringt eine Probe von Brahms’ Violinkonzert, man fühlt sich zu Hause.

»Jeden Morgen beim Aufwachen bin ich froh, in Wien zu sein. Diese Stadt ist phänomenal, man liebt Musik, man liebt Theater. Ich verdanke ihr für mein Werden, mein geistiges Wachstum unglaublich viel.« Dennoch hat sich Leonskaja auch eine gewisse kritische Distanz bewahrt – und zitiert schmunzelnd den Schauspieler Gert Voss, der einmal gesagt hat, man könne hier schnell zu einem Stück Sachertorte werden, wenn man nicht aufpasse: »Man denkt viel nach hier. Man wird verschlafen. Man muss mit sich selbst kämpfen. Und was mir fehlt, ist noch mehr seelischer Austausch zwischen Menschen – jenseits oberflächlicher Nettigkeit. Ich habe mich gefreut und bestätigt gefühlt, davon auch bei Stefan Zweig und Arthur Schnabel zu lesen, die das ähnlich empfunden haben.«

Elisabeth Leonskaja
Elisabeth Leonskaja © Marco Borggreve

»Die Mentalität von Schönbergs Zeit finde ich zum Greifen nah.«

 

Zuletzt habe sie vor allem die Beschäftigung mit der Musik Arnold Schönbergs weitergebracht, verrät Leonskaja: »Das ist so extrem polyphonisch und absolut genial. Manchmal will man beinahe aufgeben, weil es so schwer ist, alles zu verstehen und die Linie zu finden. Erst wenn man alles durchhören kann, die verschiedenen Intensitäten sämtlicher Stimmen erfasst, wird alles klar.« Mit Leidenschaft hat sie sich auch in den Briefwechsel zwischen Schönberg und Alma Mahler-Werfel versenkt.

»Die Mentalität von Schönbergs Zeit finde ich zum Greifen nah. Alma Mahler war eine großartige Persönlichkeit, die aus ihrer beinah allmächtigen Position heraus vielen geholfen hat. Aber ganz besonders hat mich ein Satz von Schönberg fasziniert, er schreibt ihr einmal sinngemäß: ›Glauben Sie mir, gnädige Frau, dass ich nicht überheblich bin, sondern mich wie ein Blinder jeden weiteren Schritt vortaste.‹«

Das Gegenteil von einem Kopfmenschen

Schönberg, der angebliche Konstrukteur, der dennoch im Dunkeln tappe und intuitiv vorgehe: So etwas rührt Elisabeth Leonskaja. Weil sie sich selbst als das Gegenteil eines strategisch überlegenden Kopfmenschen ansieht. Viel eher empfindet sie sich als auf einer Wanderung unterwegs. Wenn sich in der Ferne etwas möglicherweise Anziehendes zeige, dann halte sie darauf zu, bis sich die Erwartungen entweder bestätigen oder eben nicht.

Vom Brahms-Verehrer Schönberg ist es auch nur ein Katzensprung zurück zu Brahms’ frühen, einzigen drei Klaviersonaten – noch so ein geliebtes »Monoprogramm« der Leonskaja. »Brahms war fast noch ein Teenager, als er sie schrieb, und steckte voller Energie, wie ein junges Rennpferd. Alles ist sofort wundersam aus ihm geströmt, aber trotzdem gibt es eine enorme Entwicklung. Am Ende lässt sich schon der große Symphoniker erkennen.« Was neue Werke in ihrem Repertoire anbelangt, schwanke sie im Moment zwischen Debussy und spanischer Musik. »Es wäre falsch formuliert, würde ich sagen: ›Ich denke darüber nach.‹ Eher ist es ein Nachfühlen, ein intuitiver Vorgang. Und wenn mir vorkommt, dass es passt, dann überprüfe ich das in der Praxis. Das Leben beginnt auf der Bühne.«


Dieser Artikel erschien im Elbphilharmonie Magazin (Ausgabe 2/24).

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