Elbphilharmonie Talk mit Abel Selaocoe

Der junge südafrikanische Star-Cellist im Gespräch über die Klangkulisse seiner Kindheit, über das Singen beim Spielen und die Bedeutung des Publikums.

Alle Welt findet ihn gerade megatoll. Aber abheben deswegen? Dagegen weiß der junge Klassik-Star Abel Selaocoe ein probates Mittel: Zuhause den Küchenfußboden putzen. Das sorgt für Erdung, es reguliert Körper, Geist und Seele, und es ist klug. Denn all das Adrenalin und Endorphin, ausgelöst vom Musikmachen vor Leuten, die sich vor Jubel kaum einkriegen, kann einen Menschen ganz schön durcheinanderbringen.

Im Podcast mit der Elbphilharmonie erzählt Abel Selaocoe, der charismatische Cellist und Sänger aus Südafrika mit Wohnsitz Manchester, auch über das Singen, über seine 15 Monate alte Tochter und wie ganz anders sie aufwächst als er. Er spricht über seine Eltern, die noch in demselben Township leben, in dem er groß geworden ist, und über die allgegenwärtige Klangkulisse dort, wo die Behausungen dünne Wände haben und man alles hört. Natürlich geht es auch um seinen acht Jahre älteren Bruder Sammy, dem er so ziemlich alles verdankt, was seine musikalische Entwicklung betrifft.

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Abel Selaocoe ist das, was man einen Menschenfischer nennt. Wie einst der Wundersänger Bobby McFerrin versetzt er über kurz oder lang jedes Publikum in einen Ausnahmezustand, in dem es aus seiner angestammten Rolle als Gruppe passiver Konsumenten heraustritt und zu einem spontan-schöpferischen Kollektiv wird. Man ist versucht, diese Gabe auf Selaocoes Herkunft zurückzuführen, auf seine von der Familie und der ganzen Nachbarschaft getragenen bescheidenen Anfänge in einem Township südlich von Johannesburg, und auf die ungewöhnliche Karriere, die er von dort aus gemacht hat. Er ist den Weg durch die Institutionen der klassischen Musikausbildung gegangen, aber den Schneid seiner unkonventionellen Herangehensweise ans Musikmachen hat er sich von niemandem abkaufen lassen.

Als schwarzer Musiker in der weithin von Nichtschwarzen dominierten Szene der klassischen Musik ist Abel Selaocoe die fortgesetzte Erfahrung des Andersseins tief vertraut. Sie reicht bei ihm jedoch noch weiter zurück. Denn als Stipendiat aus Südafrika musste er sich, kaum dass er als Halbwüchsiger nach England gegangen war, auf einem Internat inmitten von Sprösslingen aus der weißen Oberschicht zurechtzufinden und behaupten lernen.

Was ihm bei alledem bis heute Kraft gibt, ist vielleicht mehr noch als der Zuspruch des Publikums und der Segen des Alltags der Einfluss seiner Ahnen. Sie sind auf vielerlei Weisen präsent für ihn, auf und neben der Bühne. Das Totemtier seines Stammes in Südafrika aber ist das Piri, eine Wildschweinart. Das Piri, so sagt es Abel Selaocoe, lehrt Respekt vor der Tradition – und ermutigt einen ausdrücklich dazu, die Fehler der Ahnen nicht zu wiederholen. Auch diese Balance dürfte bei der Erdung im Leben recht hilfreich sein.

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