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Ferne Klänge

Diesen Konzerten wohnt ein ganz besonderer Zauber inne: Das Ensemble Resonanz spielt für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Eine Reportage.

So ein Konzert, das ist wie Weihnachten für mich.

Es ist ein ganz besonderes Konzert, das die Besucher an diesem vorweihnachtlichen Dienstag im Kleinen Saal der Laeiszhalle zusammenbringt. Denn viele der rund 80 Gäste sind an Demenz erkrankt.

Für die meisten von ihnen ist es nicht alltäglich, hier zu sein. Manche sind noch gut zu Fuß, einige sitzen im Rollstuhl, viele sind mit Angehörigen oder Pflegern gekommen. Erwartungsfroh haben sie sich in den vordersten Reihen vor der hell erleuchteten Bühne versammelt.

Ein ganz eigener Zauber

Die Musiker haben sich rings um das Publikum verteilt. Leise erklingt die Melodie von »Es ist ein Ros entsprungen« und wandert langsam vom Zuschauerraum auf die Bühne.

Vogelstimmen, gespielt auf Geigen, Flöten oder bloßen Händen, zwitschern durch den Raum. Diesem Konzert wohnt ein ganz eigener Zauber inne.

Musik und Tanzen, das ist noch alles drin, das können wir noch lange zusammen machen.

Die Elbphilharmonie-Konzertreihe »Ferne Klänge« richtet sich an demenzerkrankte Menschen und ihre Angehörigen. Demenz gehört zu den großen Herausforderungen unserer alternden Gesellschaft ­– allein in Deutschland gibt es über 1,5 Millionen Betroffene, die sich an immer weniger erinnern: an Erlebnisse, Gefühle, vertraute Orte und Menschen, daran, wie man spricht, die Zähne putzt und Schuhe bindet, oft nicht einmal mehr an sich selbst.

Weiterhin am Leben teilhaben

»Viele wünschen sich, weiterhin am kulturellen und öffentlichen Leben teilzuhaben, Konzerte zu besuchen, ohne stigmatisiert zu werden«, so Anke Fischer aus dem Education-Team der Elbphilharmonie.

»Wir möchten diesen Menschen die Möglichkeit geben, Konzerte erleben und gleichzeitig frei mit der Krankheit umgehen zu können. Sie dürfen sich bewegen und sprechen, hier darf jeder sein, wie er ist.«

Klänge, die Erinnerungen wecken

Im Programm haben die Musiker an diesem Vorweihnachtstag eingängige Werke aus Frühbarock und Renaissance, die sie mit Volks- und Weihnachtsliedern auflockern. Denn oft sind es Klänge und Melodien, die an vergessen geglaubten Erinnerungen rühren.

Hier darf jeder sein, wie er ist.

Es ist schön, man entspannt, und diese Vogelklänge am Anfang – so etwas habe ich noch nie in einem Konzert gehört.

»Mit dem Kleinen Saal der Laeiszhalle haben wir den idealen Ort für diese Konzerte gefunden«, sagt Anke Fischer von der Elbphilharmonie. »Viele Hamburger verbinden besondere Erinnerungen mit diesem Haus, manche hat es ihr ganzes Leben lang begleitet. Der Zugang ist rollstuhlgerecht, die Zuschauerzahl bewusst stark begrenzt, und der Kleine Saal bietet mit seiner intimen Atmosphäre einen geschützten Rahmen

Auch in diesem Konzert gibt es Momente, die tief ins Unterbewusstsein reichen. Als das Ensemble zum Schluss »Kling, Glöckchen, klingelingeling« anstimmt, singen viele der Konzertbesucher alle drei Strophen mit – und für einen Moment spielt die Krankheit keine Rolle. »So ein Konzert,« sagt eine Angehörige am Ende, »das ist wie Weihnachten für mich«.

David Schlage, Bratschist im Ensemble Resonanz
David Schlage, Bratschist im Ensemble Resonanz © Claudia Höhne

Drei Fragen an David Schlage, Bratschist im Ensemble Resonanz

Wie geht man als Ensemble an so ein Konzert heran? Spielt Ihr es wie jedes andere auch?

Nein, natürlich möchten wir uns auf unser Publikum einstellen, es einbeziehen. Bei den »Ferne Klänge«-Konzerten ist es völlig okay, wenn die Leute reden, mitsingen oder -summen oder wenn sie aufstehen.

Uns ist wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohlfühlt. Deshalb spielen wir viele eingängige Stücke, manchmal auch bekannte Lieder wie jetzt zur Weihnachtszeit. Interessant ist, dass unsere Konzerte für Babys einem ganz ähnlichen Prinzip folgen. Da merkt man, wie sich der Kreis vom Anfang und Ende des Lebens schließt.

Wie reagieren die Konzertgäste auf Eure Musik?

Nach dem Konzert mische ich mich oft unter die Leute, da kriegt man am meisten mit. Ich habe schon viele schöne Reaktionen erlebt. Eine Angehörige hat neulich gesagt, dass sie sich ganz eingehüllt von der Musik gefühlt hat.

Nimmst Du als Musiker etwas aus diesen Konzerten mit?

Ja, auf jeden Fall. Das ist auch für uns etwas Besonderes. Für mich ist es sehr sinnerfüllend, für die Leute etwas zu tun, die nicht mehr in »normale« Konzerte gehen können.

Mit dem Kleinen Saal der Laeiszhalle haben wir den idealen Ort für diese Konzerte gefunden.

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