Rebecca Saunders

Neu gehört: Rebecca Saunders

5 Fragen an die Komponist:innen des Neue-Musik-Festivals »Elbphilharmonie Visions«.

Geht es um Komponist:innen klassischer Musik, denken viele an alte Meister wie Beethoven oder Mozart. Dass auch die Gegenwartsmusik »so reich und vielfältig wie die Menschheit selbst« (Alan Gilbert) sein kann, beweist das Festival »Elbphilharmonie Visions«. Dort steht ausschließlich die Musik zeitgenössischer Komponist:innen auf dem Programm. Das ist nicht nur musikalisch spannend, sondern bietet auch die großartige Chance, den Schöpfern Fragen zu ihren Werken und zum Komponieren selbst zu stellen. Wie funktioniert Komponieren überhaupt? Haben sie vorher schon eine konkrete Vorstellung von dem Werk oder entsteht es erst beim Schreiben? Was für eine Rolle spielt die Umgebung? Und was wünschen sie sich für ihre Musik?

Davon berichten die Komponist:innen des Festivals in Kurzinterviews. In dieser Ausgabe mit der in Berlin lebenden Britin Rebecca Saunders, über deren Musik ihr Kollege Enno Poppe sagt: »Ich kenne kaum jemanden, der so genau mit Klängen arbeitet wie sie. In jedem Detail stecken Liebe und Arbeit.«

Wie klingt Rebecca Saunders?

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Rebecca Saunders
Rebecca Saunders Rebecca Saunders © Astrid Ackermann

Wie ausgeprägt ist Ihre innerliche Vorstellung von einem Werk, ehe Sie sich daran machen, es zu komponieren?

Das ist je nach Werk unterschiedlich. Ein neues Stück stellt zunächst eine Frage – es sucht und spürt auf. Es kann das Potenzial eines Klangfragments erforschen, unterschiedliche Klangfarben untersuchen, die architektonischen Merkmale eines Raums erkunden, ein formale Herausforderung aufstellen und sie wieder aufbrechen. Aber im Wesentlichen geht es immer um den Klang selbst – um das reine und unverfälschte physische Hörerlebnis, das erforscht und vermittelt wird.

Die meisten Werke beschäftigen sich mit der Abwesenheit oder Anwesenheit von Stille. Stille ist ein Ideal, das man erahnen oder andeuten kann, aber niemals tatsächlich hören oder fühlen kann – das gefällt mir. Ein Ding, das nicht ist. Stille umrahmt den Klang und bildet den Rahmen, innerhalb dessen der Klang wahrgenommen wird. Sie geht dem Klangereignis voraus und folgt ihm, sie ist der Moment des Wartens, der Spannung, der Erwartung; sie ist die leere Seite, bevor der erste Klang auf dem Blatt notiert wird. Das Spiel zwischen Stille und Klang ist zerbrechlich, flüchtig und aufregend.

Welche Rolle spielt das Außermusikalische für Ihr Schaffen?

Ich denke, dass alles eine Rolle spielt und in die Klänge und Bilder einfließt. Es kann ein Gemälde sein, bei dem ich den Pinselstrich beobachte, ein Eindruck von einer Installation, ein geschriebener Satz oder ein ganzer Roman, ein Akkord oder ein Musikstück. Das alles kann eine Kettenreaktion auslösen, durch die ein neues Werk entsteht.

Es kann aber auch das Geräusch von Arbeiter:innen sein, die tagtäglich vor meinem Fenster auf Steine schlagen, der Wind eines Orkans, die Beobachtung des Sogs der Gezeiten oder die Farben in den Supermarktregalen. Ich würde sagen, es ist eine Frage der Beobachtung und des Fokus.

Beim Festival »Elbphilharmonie Visions« wird zeitgenössische Orchestermusik so kompakt und prominent aufs Programm gesetzt wie wohl in keinem anderen Konzerthaus auf der Welt – an neun Abenden erklingen 18 Werke von 18 Komponist:innen. Finden Sie das sinnvoll, oder halten Sie das für die falsche Strategie?

Es gibt keine richtige Strategie. Ein solches Fest der Originalität und Vielfalt der zeitgenössischen Musik ist einfach fantastisch. Es ist eine der zahlreichen Möglichkeiten, spannende Konzerterlebnisse zu schaffen. Natürlich ist es auch von großer Bedeutung, das Alte mit dem Neuen ganz selbstverständlich zu verbinden. Zeitgenössische Musik muss nicht als das »Andere« eingestuft werden – es ist alles Musik.

Was braucht die Neue Musik, um die Liebe des Publikums zu gewinnen? Was wäre Ihr Traum vom Konzertleben – heute und in der nahen Zukunft?

Ein neues Musikstück ist eine Einladung, zuzuhören und sich auf etwas einzulassen. Im Gegensatz zu älterer klassischer Musik zeigt uns die zeitgenössische Musik etwas Neues und Unerwartetes. Sie setzt einen Impuls, sei es körperlich, emotional oder intellektuell. In diesem Sinne gibt es keine Botschaft oder Bedeutung, sie ist nicht das Mittel zum Zweck. Sie ist die Sache selbst. Musik ist außergewöhnlich und einzigartig, weil sie auf fast magische Weise etwas andeuten kann. Sie formuliert das, was sonst schwer zu artikulieren ist. Peter Brooks sagte in seinem Werk »The Empty Space«: »Der Musiker hat es mit einem Stoff zu tun, der dem Ausdruck des Unsichtbaren so nahe kommt, wie es dem Menschen überhaupt möglich ist.« Ich fand das sehr schön.

Und um die Liebe des Publikums zu gewinnen? Dazu braucht sie vielleicht das Folgende:

- eine intelligente Programmgestaltung, die das Publikum zur Neugierde ermutigt, anstatt zu denken, dass es etwas »verpasst«, das »verstanden« werden muss

- mehr Konzertprogramme, die das Alte mit dem Neuen verbinden, sodass die zeitgenössische Musik nicht als das seltsame »Andere« angesehen wird

- zeitgenössische Musik in allen möglichen Kontexten zu hören, in traditioneller Umgebung, aber auch in neuen Räumen, um ein wissbegieriges und neugieriges neues Publikum anzusprechen, das normalerweise eher in anderen Kunstformen wie der bildenden Kunst, elektroakustischer Musik und Tanz zu Hause ist.

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Die Musik von Rebecca Saunders bei »Elbphilharmonie Visions«

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