Dieter Ammann

Neu gehört: Dieter Ammann

5 Fragen an die Komponist:innen des Neue-Musik-Festivals »Elbphilharmonie Visions«.

Geht es um Komponist:innen klassischer Musik, denken viele an alte Meister wie Beethoven oder Mozart. Dass auch die Gegenwartsmusik »so reich und vielfältig wie die Menschheit selbst« (Alan Gilbert) sein kann, beweist das Festival »Elbphilharmonie Visions«. Dort steht ausschließlich die Musik zeitgenössischer Komponist:innen auf dem Programm. Das ist nicht nur musikalisch spannend, sondern bietet auch die großartige Chance, den Schöpfern Fragen zu ihren Werken und zum Komponieren selbst zu stellen. Wie funktioniert Komponieren überhaupt? Haben sie vorher schon eine konkrete Vorstellung von dem Werk oder entsteht es erst beim Schreiben? Was für eine Rolle spielt die Umgebung? Und was wünschen sie sich für ihre Musik?

Davon berichten die Komponist:innen des Festivals in Kurzinterviews. In dieser Ausgabe mit dem Schweizer Dieter Ammann, über dessen Musik der große Komponist Wolfgang Rihm sagte: »Keine Sekunde Leerlauf, alles lebendig und im schönsten Sinne durchwachsen von Kraftlinien«.

Wie klingt Dieter Ammann?

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Dieter Ammann
Dieter Ammann Dieter Ammann

Wie ausgeprägt ist Ihre innerliche Vorstellung von einem Werk, ehe Sie sich daran machen, es zu komponieren?

Sie ist nicht da, sondern entwickelt sich im Laufe der Monate und Jahre mit und innerhalb der kompositorischen Arbeit. Mein Werk ist ja quantitativ recht übersichtlich, was vor allem meiner Art des Schaffens geschuldet ist. Die Musik entsteht durch eine intuitive Suche, durch das Verbalisieren von inneren akustischen Vorgängen und durch Ausprobieren, Nachhören, Skizzieren, Varianten bilden und wieder verwerfen. Es ist eine Suche ohne prädeterminiertes Material. Auch darüber, welche Form ein Stück einmal haben wird, wird nicht im Voraus entschieden. Die individuelle Morphologie ist eigentlich jeweils der entstehenden Musik »abgelauscht«.

Pierre Boulez meinte über mein Triptychon, das in Hamburg aufgeführt wird, es sei »eine Synthese aus scheinbar improvisatorischem Habitus und akribischer Sorgfalt in der Ausarbeitung« und prägte den eigentlich paradoxen Begriff der »künstlerisch reflektierten Spontaneität«. Jedenfalls lässt diese total offene Entscheidungssituation, wo man sich nicht auf ein »korrektes« Regelwerk verlassen kann, wo es keine Stützen zum Weitergehen gibt, sondern man sich in jedem Augenblick selber befragen muss, nur ein allmähliches Vortasten zu - quasi eine Reise ohne eine Karte. Es gilt den Widerspruch auszuhalten, als Suchender in einer Welt unterwegs zu sein, deren eigener Schöpfer man gleichzeitig ist. Aber diese Herausforderung ist wohl genau der Grund, warum ich komponiere.

Welche Rolle spielt das Außermusikalische für Ihr Schaffen? 

Bisher eigentlich keine. Generell lässt sich sagen, dass mein Verhältnis zum Klang, der auch das Geräuschhafte miteinbezieht, kein informell-materielles, sondern ein intrinsisch-künstlerisches ist. Der Klang ist also kein Vehikel für einen wie auch immer gearteten Informationstransfer außerhalb seiner selbst. Er IST die Information. Er spricht nicht bloß über sich, sondern erzählt sich selber, er spricht »für sich« im doppelten Wortsinn.

Allerdings reagiere ich im entstehenden Bratschenkonzert zum ersten Mal auf Außermusikalisches, nämlich auf den unsäglichen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Es wird eine Allusion auf Schuberts »Tod und das Mädchen« darin enthalten sein.

Beim Festival »Elbphilharmonie Visions« wird zeitgenössische Orchestermusik so kompakt und prominent aufs Programm gesetzt wie wohl in keinem anderen Konzerthaus der Welt – an neun Abenden erklingen 18 Werke von 18 Komponist:innen. Finden Sie das sinnvoll, oder halten Sie das für die falsche Strategie? 

Wo zeitgenössische Orchestermusik zur Aufführung und somit an ein Publikum gelangt, kann eine wie auch immer geartete Strategie nie falsch sein. Das Festival »Elbphilharmonie Visions« nimmt in dieser Hinsicht eine herausragende Rolle ein. Ich bin aber schon der Meinung, dass das heutige Musikschaffen auch ganz selbstverständlich ins »normale« Konzertleben gehört. 

Was braucht die Neue Musik, um die Liebe des Publikums zu gewinnen?

Diese Frage stellt sich eigentlich erst in unserer Zeit, die musikhistorisch eine Ausnahmesituation darstellt. Während Jahrhunderten wurde ausschließlich zeitgenössische Musik gespielt, gesungen, gehört, aufgeführt. Das war die Normalität. Es sollte auch für uns selbstverständlich sein, ein genuines Interesse daran zu haben, was die Kunst in unserer eigenen gelebten Gegenwart zu sagen hat. Eine Gesellschaft, die ihre Gegenwart nicht aktiv gestaltet und rezipiert, hat keine Zukunft, denn unser Tun im Hier und Jetzt wird ein Bestandteil der Tradition von morgen sein. Was es dazu braucht? Ein neugieriges Publikum, das gerne gefördert wird, indem es gefordert wird. Und natürlich qualitativ gute Werke in hochstehenden Interpretationen.

Was wäre Ihr Traum vom Konzertleben – heute und in der nahen Zukunft? 

Einen Traum habe ich nicht, eher einen Wunsch. Uraufführungen erhalten oft große öffentliche Aufmerksamkeit. Dieser »Uraufführungs-Hype«, den – nebst den Medien – auch die Veranstalter und sogar Förderinstitutionen mitmachen, führte in der zeitgenössischen Musik zur Situation, dass in den letzten Jahrzehnten eine eigentliche Repertoirebildung beinahe zum Erliegen kam. Für mich bedeutet Komponieren nicht, möglichst viel Musik zu »produzieren«, sondern im Gegenteil lieber weniger Musik zu schreiben, die aber qualitativ so überzeugend ist, dass sie aufgrund ihrer künstlerischen Kraft zum Bestandteil des Repertoires von morgen werden kann.  Deshalb sind mir Nachspielungen wichtiger als Uraufführungen, die im Idealfall bloß Startpunkt sind für ein Eigen- und Nachleben der Werke. Dieser Wunsch gilt natürlich nicht nur für meine eigene Musik, sondern generell für zeitgenössische Musik.   

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