Anna Thorvaldsdóttir

Neu gehört: Anna Thorvaldsdóttir

5 Fragen an die Komponist:innen des Neue-Musik-Festivals »Elbphilharmonie Visions«.

Geht es um Komponist:innen klassischer Musik, denken viele an alte Meister wie Beethoven oder Mozart. Dass auch die Gegenwartsmusik »so reich und vielfältig wie die Menschheit selbst« (Alan Gilbert) sein kann, beweist das Festival »Elbphilharmonie Visions«. Dort steht ausschließlich die Musik zeitgenössischer Komponist:innen auf dem Programm. Das ist nicht nur musikalisch spannend, sondern bietet auch die großartige Chance, den Schöpfern Fragen zu ihren Werken und zum Komponieren selbst zu stellen. Wie funktioniert Komponieren überhaupt? Haben sie vorher schon eine konkrete Vorstellung von dem Werk oder entsteht es erst beim Schreiben? Was für eine Rolle spielt die Umgebung? Und was wünschen sie sich für ihre Musik?

Davon berichten die Komponist:innen des Festivals in Kurzinterviews. In dieser Ausgabe mit der Isländerin Anna Thorvaldsdóttir, über deren Musik Die Zeit schreibt, ihre »auratischen Klangwelten« seien »so surreal wie das Nordlicht«.

Wie klingt Anna Thorvaldsdóttir?

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Anna Thorvaldsdóttir
Anna Thorvaldsdóttir Anna Thorvaldsdóttir © Kristinn Ingvarsson

Wie ausgeprägt ist Ihre innerliche Vorstellung von einem Werk, ehe Sie sich daran machen, es zu komponieren?

Die innerliche Vorstellung des Werkes ist für mich einer der wichtigsten Schritte des gesamten Kompositionsprozesses. Bevor ich mit dem Niederschreiben der Musik anfangen kann, dauert es eine Weile – zuerst muss sie in mir Form annehmen, und diese innerliche Suche nimmt viel Zeit in Anspruch. Wenn ich also mit dem tatsächlichen Aufschreiben beginne, habe ich meist eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie sich das Werk anhören wird. Für mich ist es wichtig, dann schon die grobe Struktur und die Schlüsselmomente des Stücks zu kennen. Um nichts zu vergessen, mache ich mir deshalb vorher schon Notizen aller Art, sozusagen als Gedächtnisstütze. Das hilft mir dabei, mich an meine Ideen und die eigene Welt des Stückes zu erinnern. Die kurze Antwort auf Ihre Frage wäre demnach »sehr«, aber auch, dass mit der innerlichen Vorstellung des Werks mein Kompositionsprozess längst begonnen hat.  

Welche Rolle spielt das Außermusikalische für Ihr Schaffen?

Für mich ist Musik in erster Linie Musik. Dennoch spielen Vorstellungskraft und Inspiration vor allem in der Anfangsphase der Entstehung einer Komposition unweigerlich eine große Rolle. Ganz sicher beeinflussen sie die Musik, die geschrieben wird. Letztlich ist das Hören aber eine ganz persönliche Erfahrung.

Wenn ich an einem Stück arbeite, gibt es eine Art atmosphärische Erzählung, die sich durch das gesamte Werk zieht. Sie kann unterschiedliche Formen annehmen und bestimmt die Struktur und die wichtigsten Bausteine eines Stückes. Sobald es jedoch fertig ist und aufgeführt wird, dann gehört es jedem einzelnen, der oder die mit dem Stück zu tun hat. Dazu gehören die Musiker:innen, die es spielen und der Musik ihre eigene Färbung geben – und das Publikum, dass die Musik wiederum auf individuelle Art erfährt. Natürlich ist es schön, einige der Ideen zu teilen, die mich zu meinem Werk inspiriert haben. Am Ende zählt aber nur die Musik selbst und für mich ist es sehr wertvoll, wenn Menschen meine Musik auf persönliche Art erfahren und dabei ihre eigenen Gefühle und manchmal sogar Bilder haben.

Was braucht die Neue Musik, um die Liebe des Publikums zu gewinnen? 

Erst einmal muss Neue Musik überhaupt Teil der Konzertprogramme werden, damit das Publikum die Möglichkeit bekommt, sie zu hören. Nur wenn sie regelmäßig und auch zusammen mit älterem Repertoire gespielt wird, kann eine Resonanz entstehen. Es gibt so viele unterschiedliche Arten von zeitgenössischer Musik – dass nicht jedem alles gefallen wird, ist klar. So ist es ja auch bei den älteren Stücken. Aber um eine Verbindung zur Musik aufzubauen und sich eine Meinung zu bilden, muss das Publikum die Musik regelmäßig zu Gehör bekommen.

Aus einer rein musikalischen Perspektive würde ich sagen, ist es wichtig, authentisch und aufrichtig beim Komponieren zu sein. Ganz unabhängig vom Stil oder der Herangehensweise. So besteht die Hoffnung, dass das Publikum die Aufrichtigkeit der Musik wahrnimmt und zu schätzen weiß.

Was wäre Ihr Traum vom Konzertleben – heute und in der nahen Zukunft? 

Ich habe dieses Thema schon in den vorherigen Antworten angeschnitten, aber es wäre tatsächlich mein Traum, dass Neue Musik ein natürlicher und untrennbarer Bestandteil der Konzertprogramme wird. Es gibt eine riesige Auswahl an Repertoire! Und es würde sicherlich auch jüngere Komponist:innen dazu ermutigen, Orchestermusik zu schreiben.

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