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Irreversible Entanglements im Portrait

Das Kollektiv um die Poetin und Aktivistin Moor Mother ist die wohl politischste Band im zeitgenössischen Jazz.

Text: Jan Paersch, 15.4.2024

Am besten fängt man mit ihrem längsten Song an. Er ist nur als »Single« erschienen, ein seltsamer Ausdruck für ein mehr als zwanzigminütiges Stück. Der Beginn: nur Schlagzeug und ein nervös trabender Kontrabass, minutenlang. Langsam schrauben sich ein Saxofon und eine Trompete gemeinsam in die Höhe, es wird laut, unangenehm.

Erst nach sieben Minuten gesellt sich eine sonore weibliche Stimme dazu: »Nobody wants to be who they are.« Ein »Wunderland voller Illusionen« erwähnt die Performerin, in energischem Sprechgesang beklagt sie verschlüsselt die Abgründe von Social-Media-Plattformen. Die Bläser intonieren ein rasant-monotones Thema, fast wie eine Alarmsirene, doch der Klang ist seltsam weich, sie spielen es wie in Trance, werden lauter. Elf Minuten sind vorbei, dann beginnt ein Saxofon-Solo, höllenschnell, schmerzhaft, verbindet sich erst nach drei gehetzten Minuten wieder mit der Trompete.

Irgendwann kommt dann der Song zu einem Stillstand. Die Sängerin fragt: »How far do we have to go / To get away from the hell / That’s always waiting.« Der Song endet so, wie er begonnen hat, mit gezupftem Kontrabass.

»Homeless/Global« ist eine 23 Minuten und 38 Sekunden lange Studioaufnahme, länger als eine Folge »Friends«, länger als so manches komplette Punk-Album. Ein aufwühlendes politisches Gedicht, gesetzt zu einer Musik, die zumeist mit einem Begriff bezeichnet wird, mit dem viele nur Lärm assoziieren: Free Jazz.

Irreversible Entanglements: Homeless/Global

Dem Sog und der Wucht, aber auch der Schönheit von »Homeless/Global« wird diese Kategorisierung nicht gerecht. In den Sechzigerjahren hätte man so etwas wohl »Fire Music« genannt, angelehnt an ein frühes Album des Saxofonisten Archie Shepp. Eine politische, unbarmherzige Musik, die fordert, Missstände anprangert, die weh tut, aber auch berührt. Eine Musik, die nicht aus dem Nichts kommt. Ein Kritiker erwähnt die Band in einem Atemzug mit den »ritualistischen Rhythmen des altehrwürdigen Art Ensemble of Chicago, der hymnischen Ekstase des späten John Coltrane, der Spiritualität von Alice Coltrane oder Pharoah Sanders und den akustisch-elektrischen Texturen von Zeitgenossen wie Shabaka Hutchings«.

Die Band, die solch großen Vergleichen standhält, heißt Irreversible Entanglements. Vier Männer und eine Frau, die sich nach einem physikalischen Terminus benannt haben, der »unumkehrbaren Quantenverschränkung«: ein Phänomen, bei dem mehrere verschränkte Teilchen nicht mehr einzeln beschrieben werden können, sondern nur noch als Gesamtsystem.

Camae Ayewa, der Kopf der Band, hatte die Namensidee bereits, als das Quintett noch nicht die in beinahe telepathischer Einigkeit agierende Gruppe war, die später von der Kritik als »lebensbejahend und überwältigend« gefeiert werden sollte. Ayewa ist Sängerin, Dichterin und Spoken-Word-Künstlerin. »Ich versuche Dinge zu machen, die sich organisch anfühlen«, sagt sie. »Dinge, bei denen die Energie schon vorhanden ist. Ich erinnere michnoch daran, wie sehr ich Musik machen wollte, aber niemanden kannte. Um eine Band zu gründen, brauchst du Freunde!«

Irreversible Entanglements Irreversible Entanglements © Bob Sweeney

»Alles, was du hörst, kommt aus dem Moment. Meistens fangen wir einfach an und sagen: See you at the end.«

Luke Stewart, Bass

Von Beginn an aktivistisch

Der Gründungsmoment ihrer Band hatte mit Kamerad Ayewa, der Saxofonist Keir Neuringer und der Bassist Luke Stewart lernten sich in der Hardcore-Experimental-Szene Philadelphias kennen und organisierten basisdemokratische Aktionen. Im April 2015 reisten die drei gemeinsam nach New York City, um an der musikalischen Demonstration »Musicians Against Police Brutality« teilzunehmen. Direkt nach ihrem Auftritt spielte dort ein Duo, bestehend aus Trompete und Schlagzeug – und diese beiden Musiker, Aquiles Navarro und Tcheser Holmes, lieferten mit ihren afro-karibischen Wurzeln und ihrem erstaunlichen Mix aus Jazz, Elektronischer Musik und Latin-Einflüssen die ideale Ergänzung für den harschen Noise-Sound der drei aus Philadelphia. Irreversible Entanglements waren geboren.

»Wir spielen keine Songs«, sagt der Bassist Luke Stewart, »wir sind eine improvisierende Band. Alles, was du hörst, kommt aus dem Moment. Camae bringt vorgefertigte Gedichte mit, und wir diskutieren darüber. Meistens fangen wir einfach an und sagen: ›See you at the end.‹«

Seit 2017 haben Irreversible Entanglements vier Alben veröffentlicht, das jüngste für Impulse. Dieses Label hatte 1964 »A Love Supreme« veröffentlicht, das bald als Jahrhundertwerk gepriesene Album eines Saxofonisten namens John Coltrane. Wo Coltrane in den Sechzigern vor allem nach Erleuchtung strebte, Spiritualität in Klang zu gießen suchte, ihm das Politische aber vorwiegend von anderen zugeschrieben wurde, da waren Irreversible Entanglements von Beginn an explizit aktivistisch unterwegs. Ihre jüngsten Albumtitel sind energische Imperative: »Open the Gates« und zuletzt »Protect Your Light«. Die Band beschreibt dieses im Herbst 2023 erschienene Album als »melancholische Erkundung der postkolonialen Trümmer, die uns umgeben«.

Irreversible Entanglements
Irreversible Entanglements © Bob Sweeney
Irreversible Entanglements: Protect Your Light

Es sind eine Milliarde Geschichten

Wenn Kritiker die Musik des Quintetts beschreiben, greifen sie oft zu martialischem Vokabular. Von den »aggressiven Bläsersätzen«, vom »donnernden Bass« und von der Wut in Ayewas Vortrag ist die Rede – sie selbst wurde schon als »Poet Laureate der Apokalypse« bezeichnet. Die Künstlerin selbst sagt jedoch: »Ich bin nie wütend. Das ist Liebe. Ich mache Musik über das, was mir wichtig ist und was ich teilen möchte. Und das sind die Geschichten von Frauen.«

Camae Ayewa stammt aus der Kleinstadt Aberdeen, Maryland, 80 Kilometer südwestlich von Philadelphia. »To get away from the hell / That’s always waiting« – die allgegenwärtige Hölle, die sie im Song »Homeless/Global« beschreibt, das könnten die Sozialwohnungen ihrer Kindheit sein. Es könnten aber auch die immer noch alltäglichen Vorfälle von Rassismus und Misogynie sein, denen sie ausgesetzt ist. »Es ist nicht nur eine Geschichte, und es ist nicht nur meine Geschichte«, sagt Ayewa. »Es sind eine Milliarde Geschichten.«

Viele davon hat sie solo unter dem Namen Moor Mother vertont, mit Stücken, die sie als »Black ghost songs« bezeichnet. Sie arbeitet im Duo mit ihrem Kunstprojekt »Black Quantum Futurism« und mit den Geistesverwandten vom Art Ensemble of Chicago und der Londoner Band Sons of Kemet rund um den Saxofonisten Shabaka Hutchings.

Die Karriere ihrer wichtigsten Band Irreversible Entanglements ist eng mit dem wachsenden Renommee des Labels International Anthem aus Chicago verknüpft, ein weit off enes, politisches Label, das Jazz als Haltung, nicht als die Hinwendung zu einem bestimmten Sound versteht.

Moor Mother
Moor Mother © Ebru Yildiz

Dessen Chef, Scott McNiece, erinnert sich an sein erstes Moor-Mother-Konzert: »Es war inspirierend, eine schwarze Künstlerin zu sehen, die bereit war, einem zu 99 Prozent weißen Publikum so direkt ins Gewissen zu reden. Sie hat dessen Selbstgefälligkeit und Bequemlichkeit auf eine Art und Weise angegriff en, die auch für mich unangenehm war: ›Was guckst du so? Was tust du gegen das Chaos da draußen?‹ Ein unvergesslicher Auftritt. Dann traf ich sie nach der Show, und sie war so friedlich und liebevoll, bewegte sich fast in Zeitlupe. Es war ein starker Kontrast zu der Unmittelbarkeit, die sie auf der Bühne zeigte. Sie tickt nach ihrer eigenen Zeit, und die bewegt sich in jedem Moment so schnell, wie sie es will.«

In ihrem aktuellen Programm »Protect Your Light« nun haben sich Ayewa und Co. für ein langsameres Ticken entschieden. Zwar gibt es auch hier lange, fanfarenhafte Intros, klagende, New-Orleans-satte Bläser, brasilianische Samba-Grooves. Doch die schroffen Soli, die zuvor wie die musikalische Entsprechung der »Black Lives Matter«-Empörung anmuteten, sind mittlerweile gezähmter. Und Ayewa stellt nun auch persönliche Geschichten aus. Auf »Root – Branch« verneigt sie sich vor der verstorbenen Trompeterin und Labelkollegin Jaimie Branch; der Song »Free Love« wiederum enthält die erotisch aufgeladene Forderung »I want more love«.

Doch bei aller Liebe: Irreversible Entanglements bleiben engagiert. »Homeless/Global« wird nicht der letzte Song sein, in dem die Band Themen wie Migration, Vertreibung und Gewalt verhandelt. Camae Ayewa fragt darin: »When was the last time you took a picture of a sound smiling at you?« Ein Klang, der den Zuhörer anlächelt – welch poetisches, vielsagendes Bild. Und ein zärtliches Angebot ans Publikum von der wohl politischsten Band im Jazz.

Dieser Artikel erschien im Elbphilharmonie Magazin (2/24).

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