Text: Ivana Rajič, 16. Dezember 2025
Die Liebe zur Musik beginnt im Auto. Dort, wo Opernarien mit Motorgeräuschen konkurrieren und selbst Pop-Balladen plötzlich tiefgründig wirken. Wo der Soundtrack aus dem Lautsprecher genau den richtigen Ton trifft, während draußen die Welt wie ein Film vorüberzieht. Zumindest bei der südafrikanischen Sopranistin Golda Schultz war das so. »Meine schönste Kindheitserinnerung sind die Reisen mit meinen Eltern im Auto, auf denen wir Musik hörten«, erzählt sie. »Ich habe immer den Takt dazu geschlagen – und dann haben wir alle gemeinsam gesungen.« Während eines Roadtrips von Johannesburg nach Kapstadt etwa hatte die damals Siebenjährige einen klaren musikalischen Fahrplan: Paul Simons Album »Graceland«. In Endlosschleife. 15 Stunden lang.
Doch was für die heute 42-Jährige in der Kindheit so mühelos aus dem Autoradio klang, war im Südafrika der Apartheid alles andere als selbstverständlich. Das politische System der systematischen Rassentrennung – eingeführt 1910, offiziell beendet erst Anfang der Neunzigerjahre mit der Wahl Nelson Mandelas zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes – zensierte internationale Musik, besonders Black Music: US-amerikanischer Soul, südafrikanischer Jazz, Reggae – alles galt als politisch subversiv.
Klassische Musik wiederum war auch nicht offen zugänglich, sondern Teil eines elitären Kulturbetriebs, zu dem Schwarze kaum Zugang hatten – weder im Publikum noch auf der Bühne. Nach dem Ende der Apartheid wurden viele dieser Institutionen als Orte struktureller Ausgrenzung hinterfragt. Dass Sängerinnen und Sänger wie Pretty Yende, Pumeza Matshikiza, Sunnyboy Dladla und eben Golda Schultz dennoch ihre musikalische Ausbildung an genau diesen Institutionen begannen, ist Ausdruck eines kulturellen Wandels, der bis heute andauert.
Musik in einer geteilten Welt
»Als Nicht-Weißer wird man es in der klassischen Musikszene immer schwer haben«, meint die Sängerin. »Das bleibt interessant und herausfordernd. Viele Menschen gehen davon aus, dass wir keine Verbindung zu klassischer Musik haben, keinen kulturellen oder historischen Kontext. Aber das Wesentliche an Musik ist ja, dass sie eine universelle Sprache ist. Genauso wie Mathematik allgemeingültig ist.«
Für Schultz ist das keine Floskel, sondern gelebte Realität. Geboren in Kapstadt, aufgewachsen in Bophuthatswana – einem der sogenannten Homelands, die im Apartheidsystem als unabhängig galten, aber de facto isoliert waren –, war Musik in ihrer Familie stets präsent. Die Mutter arbeitete als Krankenschwester, der Vater war Mathematiker und begeisterter Musikliebhaber. Während seines Studiums im Freiburg der Siebzigerjahre entdeckte er eine neue musikalische Welt: Cat Stevens, The Eagles, Simon & Garfunkel – aber auch Johann Sebastian Bach und Joseph Haydn. Er nahm seine Lieblingsstücke auf Kassetten auf und brachte sie heimlich mit zurück nach Südafrika – Klassik und Pop als klingende Mitbringsel aus einem musikalisch freieren Land.
Mit der Zeit wuchs die Sammlung. Durch die Vorliebe ihrer Mutter für R’n’B kamen George Benson, Whitney Houston, Luther Vandross, The Temptations und andere Motown-Klassiker hinzu. Die Oper fand eher zufällig ihren Weg in diesen musikalisch vielfältigen Haushalt – durch die Stimme von Kiri Te Kanawa als Rosalinde in Johann Strauss’ »Die Fledermaus«. Schultz hörte sich die Aufnahme an und verstand kein Wort, aber sie spürte sofort, worum es ging: »Ich hatte das Gefühl, dass Kiris Stimme so klang, als kämen ihr die Gedanken in genau diesem Moment.« Später las sie nach, wovon die Arie tatsächlich handelt – und staunte, wie präzise ihr Gefühl sie gelenkt hatte: Rosalinde, die ihren Mann auf die Probe stellen möchte, verkleidet sich als ungarische Gräfin und verbirgt ihre wahre Identität mit einem Volkslied, das sie scheinbar improvisiert. »Ohne die Sprache zu verstehen, wusste ich: Da passiert gerade etwas Kritisches.« In diesem Moment war Schultz hineingezogen – nicht nur in die Geschichte, sondern in die Oper selbst.
Vom Schreiben zum Singen
Eigentlich wollte Golda Schultz Geschichten schreiben, nicht singen. In Grahamstown begann sie ein Journalismus-Studium mit dem Ziel, gesellschaftliche Debatten kritisch zu hinterfragen und mitzugestalten. »Das Leben ist immer auch politisch«, sagt sie. »Das ist uns allen in Südafrika bewusst.« Doch während sie an ihrer Abschlussarbeit schrieb, veränderte sich etwas: Statt Medientheorie oder Zeitungstexte zu lesen, verlor sie sich zunehmend in der Welt der Oper; ihr Zimmer war übersät mit Partituren. »Ich versuchte, ihre Anziehungskraft besser zu verstehen und überlegte, wie ich meine Faszination mit anderen teilen könnte. Ich war völlig versunken.« Noch war der Weg nicht klar – aber die Richtung war es.
Sie entschied sich für ein Gesangsstudium, erst in Kapstadt, später an der Juilliard School in New York. Ihr erstes Engagement führte sie ins Opernstudio der Bayerischen Staatsoper – ein Meilenstein auf dem Weg zur internationalen Karriere. Es folgten Auftritte in Wien, London, an der Metropolitan Opera in New York sowie bei den Salzburger Festspielen. Heute lebt Schultz mit ihrem Ehemann im bayerischen Augsburg, pendelt aber regelmäßig zwischen den bedeutendsten Bühnen der Welt. Was sie dabei immer begleitet: eine klare politische Haltung – auch als Künstlerin. Das zeigt sich nicht zuletzt in der bewussten Auswahl ihres Repertoires.
Golda Schultz singt Clara Schumanns »Lorelei«
Die Kraft der eigenen Erzählung
Ihre Debüt-CD war ein Statement: ein Liedprogramm ausschließlich mit Werken von Komponistinnen, fernab vom üblichen Repertoire. Während viele Kolleginnen und Kollegen ihre erste Veröffentlichung nutzen, um mit allseits bekannten Arien stimmlich zu glänzen, entschied sich Schultz bewusst anders. Denn was Frauen erleben, wurde über Jahrhunderte hinweg von Männern erzählt und vertont. So erging es Gretchen mit ihrer ersten Liebe – von Goethe ausgedacht und von Schubert auskomponiert –, und ebenso der Loreley, die in zahllosen Fassungen immer wieder zur Projektionsfläche männlicher Fantasie wurde: als verlassene Frau bei Brentano, als mystische Verführerin bei Heine, als Balladenfigur bei Schumann.
»Was wäre, wenn Frauen ihre Geschichten selbst erzählen würden?« Diese Frage wurde zum Ausgangspunkt des Albums. Mit zwei engen Freundinnen, der Komponistin Kathleen Tagg und der Librettistin Lila Palmer, tauschte sich Schultz darüber aus, »was es bedeutet, eine Frau zu sein – verheiratet, allein, in der Welt, in der Kunst«. Sie teilten persönliche Erfahrungen, Herausforderungen und Hoffnungen über das Frausein in einer von Erwartungen geprägten Welt, über Rollenbilder, Beziehungen, Selbstbestimmung.
Die Ergebnisse dieser intensiven Auseinandersetzung flossen schließlich in drei Lieder, die Palmers einfühlsame Texte mit Taggs kraftvoller Musik vereinen: »After Philip Larkin«, »Wedding« und »Single Bed«. Diese neuen Stücke treffen auf dem Album auf Kompositionen von Clara Schumann, die zu Lebzeiten sehr viel berühmter war als ihr Ehemann Robert, von Nadia Boulanger, der größten Musikpädagogin des 20. Jahrhunderts, von Emilie Mayer, der als »weiblicher Beethoven« gefeierten, heute fast vergessenen Komponistin, und von Rebecca Clarke, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gegen den Willen und ohne finanzielle Unterstützung ihres Vaters ihre Musik schuf. »Das sind alles Frauen, die so viel zu sagen hatten – und denen einfach nicht genügend Raum geboten wurde«, sagt Schultz.
Mozart macht sie wahnsinnig
Nach den vergessenen Komponistinnen wandte sich Golda Schultz nun dem Gegenteil zu: der Musik eines Genies, das jeder kennt. Für ihr zweites Album, 2024 erschienen, hat sie sich ausgerechnet Mozart vorgenommen. »Mozart, You Drive Me Crazy!« heißt diese Liebeserklärung mit Augenzwinkern. Der Titel zitiert einen alten Britney-Spears-Ohrwurm, den die Sopranistin als Teenager rauf und runter hörte – und er passt, weil Mozart sie tatsächlich wahnsinnig macht: mit Musik, die so federleicht klingt und doch gnadenlos schwer zu singen ist. Und mit Frauenfiguren, die mehr sind als Opernklischees, nämlich Menschen mit Tiefe: Donna Anna, die Gräfin, Fiordiligi, Dorabella – alle erleben Krisen, scheitern, wachsen. »Am Ende«, sagt Schultz, »ist keine dieser Frauen mehr dieselbe wie zu Beginn.« Diese Wandlung interessiert sie, der Blick auf die menschliche Dimension der Partie.
Begleitet von der Kammerakademie Potsdam unter Antonello Manacorda bringt sie dieses Programm auch live auf die Bühne. Große Arien und himmlische Koloraturen – für Golda Schultz ist das alles kein Selbstzweck. Es sind einfach mitreißende Geschichten. Und die erzählt sie nun mal verdammt gut. Mit Gefühl. Mit Haltung. Mit Tiefe.
Dieses Portrait erscheint im Elbphilharmonie Magazin (Ausgabe 1/26).
- Elbphilharmonie Großer Saal
Golda Schultz / Kammerakademie Potsdam
Wolfgang Amadeus Mozart: Ausgewählte Arien, »Jupiter«-Sinfonie


