Text: Tom R. Schulz, Juni 2025
Die »Elbphilharmonie Jazz Academy« ist eine Biennale des Lernens, wie es sie wohl kein zweites Mal gibt. Wo sonst lädt ein Konzerthaus regelmäßig rund 15 der besten jungen Jazzmusiker:innen und aus aller Welt ein mit dem Angebot, dort eine Woche lang nach Herzenslust an ihrer Musik, ihrem Spiel, ihrem Ausdrucksvermögen zu feilen und am Ende bei einem Konzert vor über 4.000 Ohren vorzuführen, was sie in dieser Zeit geschaffen haben? Zur Seite stehen ihnen künstlerische Mentor:innen, die ihr Metier nicht nur kompetent zu vermitteln wissen, sondern selbst gestandene Performer sind. In der Vergangenheit waren das etwa Yaron Herman, Anat Cohen, Theo Croker, Sullivan Fortner, Melissa Aldana, Ziv Ravitz, Julia Hülsmann und Clarice Assad.
Die dritte Ausgabe dieser High-End-Ausbildungswoche im Spätsommer 2025 leitet Der New Yorker Saxofonist Donny McCaslin, der die »Elbphilharmonie Jazz Academy« schon 2023 als Dozent bereicherte. Die Kolleg:innen, mit deren Hilfe er dem internationalen Nachwuchs Impulse geben wird, hat er selbst ausgesucht. Liest man die Namen, ersteht vor dem geistigen Auge sogleich eine Dream Band, die man am liebsten im Konzert erleben würde: Gerald Clayton und Django Bates (Klavier/Keyboards), Jorge Roeder und Allison Miller (Bass und Schlagzeug), Jen Shyu (Gesang) und eben Donny McCaslin (Tenorsaxofon).
Über die Teilnehmenden der Jazz Academy 2025
Jazz-Talente aus aller Welt: Fotos, Kurz-Bios und Hintergründe zu den Teilnehmenden der »Elbphilharmonie Jazz Academy«.
Null Hochmut, null Herablassung
»Donny ist toll«, schwärmt eine Elbphilharmonie-Mitarbeiterin, die ihn bei der »Jazz Academy« 2023 Tag für Tag miterlebt hat. »Er hat sich total eingesetzt für die Akademist:innen und mit ihnen unwahrscheinlich viel Zeit verbracht.« McCaslin scheint tatsächlich zu jenen Künstler:innen zu gehören, bei denen das Gefälle zu aufstrebenden Talenten umso flacher wird, je ausgeprägter sich die eigene Meisterschaft entwickelt. Null Hochmut, null Herablassung. Dabei spielt der Mann sein Tenor technisch und konzeptionell derart souverän, dass man nicht zögert, ihn in eine Reihe mit den Größten seiner Zunft zu stellen – Michael Brecker, Joe Henderson, Sonny Rollins, John Coltrane.
In Uptempo-Nummern bringt er eine selbstgewisse, dabei immer leidenschaftliche Flamboyanz zum Funkeln, die langsamen Balladen lädt er auf mit dem Gewicht der Welt. Sein Sound ist durch und durch geformt. In seinen Stücken gibt es immer wieder Momente, in denen sich einzelne Töne als vieldimensionale, machtvolle Gebilde in den Raum hineinschieben und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. Doch auch sie fügen sich letzten Endes ein in ein stetes Kontinuum kühner Linien, irrer Blitze und Klangkaskaden. Wer Donny McCaslin Saxofon spielen hört, wird Zeuge eines mitreißenden, von einer quecksilbrigen musikalischen Intelligenz gesteuerten Bewusstseinsstroms.
Die phänomenale Kontrolle, die er in jedem Tempo über seine Musik behält, gelingt auch einem Donny McCaslin nur dank unentwegten Trainings. Die Elbphilharmonie-Mitarbeiterin berichtet beinahe ehrfürchtig, wie er sich 2023, kaum mal für einen Augenblick der Gruppe der Studierenden entronnen, immer wieder unverzüglich in einen Nebenraum verzog. Zum Üben.
Die »Elbphilharmonie Jazz Academy« 2023 im Rückblick
Athletische Lässigkeit
Seit weit über zehn Jahren blüht und gedeiht Donny McCaslins eigene Musik im stabilen Milieu einer Quartettbesetzung, mit der er 2015 auch David Bowies schwarzen Schwanengesang »Blackstar« aufgenommen hat. Mit Jason Lindner (Keyboards), Tim Lefebvre (Bass) und Mark Guiliana (Schlagzeug) hat McCaslin gleichgesinnte Hypervirtuosen zu einer Supergroup des Jazz versammelt.
Die vier schöpfen aus einem endlos scheinenden Vorrat spielerischer Möglichkeiten, Ideen und manchmal herrlich abseitiger Sounds und widmen sich im Kollektiv der Musik wie austrainierte Athleten ihrer sportlichen Disziplin. Tightness und Lässigkeit gehen bei ihnen Hand in Hand. Die Impulsdichte der Musik fordert allerdings auch die Spiegelneuronen der Zuhörenden zu Höchstleistungen. Denn McCaslins Kompositionen sind raffinierte Ideengehäuse, die er mit Rasanz und Inbrunst durcheilt und bei denen man nie weiß, was einen an der nächsten Ecke erwartet.
Der geborene Sieger
McCaslins überragende musikalische Autorität geht mit großer Freundlichkeit einher. Sie zeigt sich auch in scheinbar kleinen Dingen, etwa in seinem Vermögen, Gesichter und Namen von Menschen reproduktionsbereit abzuspeichern. Da begrüßt er einen dann nach Jahren mit dem Vornamen, als habe man sich gestern zuletzt gesehen. Mit seinem scheinbar unbekümmerten Jungsgesicht, dem strahlenden Lächeln und der umgekehrt aufgesetzten Cap auf dem Kopf sieht er aus wie der geborene Sieger. Seine oft jubelnden, ekstatischen Soli sprechen dafür.
Doch aus seiner Musik jagen auch immer wieder Dämonen, gerade in jüngerer Zeit, mit Hall und Echoeffekten verstärkt. »Stadium Jazz« heißt programmatisch einer seiner Songs. Wie bei den großen, Stadien füllenden amerikanischen Rockbands brechen auch bei ihm immer wieder Wut, Trauer, Verzweiflung mit roher Energie durch die intellektuelle Architektur der Stücke. Ungefragt erwähnt er im Gespräch Traumata aus der Kindheit, und man denkt: Die nie ganz verheilten sind es vielleicht, die aus manchem Chorus so herausschreien.
Donny McCaslin & hr-Bigband: »Stadium Jazz«
Warme Humanität
Donny McCaslin ist auf der Bühne groß geworden. Als er noch nicht gehen konnte, setzte ihn der Vater Don McCaslin – er spielte Vibrafon und Klavier – neben sich auf einen Stuhl, während er selbst mit seiner Band namens Warmth auf der Veranda des Cooper House in Santa Cruz allsonntäglich Stunde um Stunde Musik für die Community spielte. Es muss eine ziemliche Hippie-Truppe gewesen sein, sehr California style. »Manchmal konnte ich im Horn des Saxofons in einer Pfütze aus Speichel eine Zigarettenkippe schwimmen sehen«, erinnert sich McCaslin. Der Anblick hielt ihn nicht davon ab, im Alter von zwölf Jahren selbst mit dem Saxofon anzufangen. Von klein auf durfte er in Vaters Band mitspielen. »Wenn ich den Kopf hängen ließ, weil ich mal wieder irgendwas nicht richtig konnte, sagte er mir immer, dass ich sein Lieblingssaxofonist sei.«
Die warme Humanität des Vaters, der in Santa Cruz bisweilen 13 Gigs pro Woche spielte, lebt in seinem Sohn weiter. Dabei ist Donny McCaslin als Jazzpädagoge kein Mann für den künstlerischen Breitensport. Unter den Bewerber:innen für die »Elbphilharmonie Jazz Academy« 2025 kam er immer wieder auf jene Talente zurück, die nicht nur sehr gut spielen können, sondern deren eigene Musik ihn aufhorchen ließ. Da folgt er seinem Mentor, dem Vibrafonisten Gary Burton, in dessen Band McCaslin mit Anfang 20 eintrat, in seinem letzten Studienjahr am Berklee College of Music. Burtons Credo lautete: »Erst wenn du anfängst, deine eigene Musik zu spielen, wirst du auch deine eigene musikalische Stimme finden.« Schreib! Deine! Musik! Wer als junger Spieler diesem Imperativ folgt, habe wenigstens den Hauch einer Chance, in dem enorm dichten Feld exzellenter Instrumentalisten und Sänger zu reüssieren – eines Tages, ganz vielleicht, sagt McCaslin.
Live Talk »Elbphilharmonie Jazz Academy« 2023: What is Jazz today?
Sein Herz gehört fraglos den jungen, aufstrebenden Spieler:innen, in denen er immer auch sich selbst wiedererkennt. Schließlich ging Donny McCaslin schon mit 14 Jahren erstmals auf Europatournee. Sie verlief anders als erhofft, denn kaum war der junge Mann mit seiner Bigband von der Aptos High School auf dem alten Kontinent angekommen, musste er sich wegen einer Blinddarmentzündung für den Großteil der Reise in ein niederländisches Krankenhaus verabschieden. Vier Jahre später und musikalisch um etliche Umdrehungen weiter, tourte die Schulband ein zweites Mal durch Europa. Da war Donny McCaslin schon auf dem Sprung nach Berklee.
Am Konzept der »Elbphilharmonie Jazz Academy« reizt ihn besonders, dass am Ende ein abendfüllendes Konzertprogramm für den Großen Saal stehen muss. Davor werden sich rund 15 hochbegabte und hochmotivierte Leute zwischen 18 und 30 Jahren, die einander zuvor nie begegnet sind, innerhalb weniger Tage mithilfe von sechs inspirierenden Jazz-Cracks zu mehreren Combos zusammengerauft haben, die nur eigene Stücke der Teilnehmenden spielen. Der Druck ist beträchtlich, doch der Nutzen rechtfertigt ihn. »Eine solche Gelegenheit hätte ich früher gern selbst gehabt«, sagt McCaslin. Im Idealfall wird das Ganze, mit einem Plattentitel von Miles Davis gesprochen, auch und vor allem Big Fun.
Donny McCaslin jedenfalls ist wild, nein, von ganzem Herzen entschlossen, dass diese Akademiewoche für alle Beteiligten ein unvergesslich tolles Erlebnis wird.
Dieser Artikel erscheint im Elbphilharmonie Magazin (Ausgabe 3/25).

