5 Fragen an Anoushka Shankar

Die Sitar-Virtuosin über ihre europäisch-indische Heimat und grenzüberschreitende Musik.

Als eine der besten Sitar- Spielerinnen trägt Anoushka Shankar die traditionellen Klänge Indiens in die Welt. Mit gleicher Hingabe aber sucht die sechsfach Grammy-nominierte Kosmopolitin den Austausch mit Musikern aus weit entfernten Kulturen und Stilen.

Vom 5. bis 8. November 2020 ist die Tochter des legendären Sitar-Virtuosen und Kulturbotschafters Ravi Shankar auch in der Elbphilharmonie zu erleben: Beim »Reflektor« gestaltet Anoushka Shankar über vier Tage das Programm.

5 Fragen an Anoushka Shankar

Ihr Vater Ravi Shankar war einer der bedeutendsten indischen Sitar-Spieler weltweit, Sie selbst wurden von ihm als Sitar-Virtuosin ausgebildet und tourten jahrelang mit ihm. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie musikalisch Ihren eigenen Weg gehen möchten?

Ich wollte nie ein Klon meines Vaters werden. Er brachte mir alles bei, was er wusste – genauso aber lehrte er mich, selbst Neues zu erschaffen und zu improvisieren. Es war also eher ein allmählicher Prozess, keine plötzliche Erkenntnis.

Anoushka Shankar
Anoushka Shankar © Anushka Menon

In Ihren eigenen Projekten sind Sie ab einem gewissen Punkt stets über die klassische indische Musiktradition hinausgegangen. Sie haben gemeinsame Sache mit unheimlich verschiedenen Künstlern gemacht – mit VertreternWas fasziniert Sie an der Zusammenkunft verschiedener Stile und Musikrichtungen?

Ich bin in drei sehr unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen, deshalb fühlte ich mich immer jenseits von Grenzen. Wie wahrscheinlich viele Künstler mache ich Musik, die sowohl mich repräsentiert als auch das, was ich mir für die Welt erhoffe. Wenn ich mit Künstlern aus einer anderen Musikkultur zusammenarbeite, stoßen wir oft auf gewisse Reibungspunkte. Aber wenn wir dann Gemeinsamkeiten finden, diese Reibung überwinden und etwas Schönes schaffen, gibt mir das Hoffnung.

Spielen Sie auch gern allein oder ist Musizieren für Sie per se ein Gemeinschaftserlebnis?

Ich spiele gerne allein. Aber es macht mir mehr Freude, es geht tiefer, wenn ich mit Musikern zusammentue, die mich inspirieren. Da entsteht etwas Magisches. Mich inspiriert das Gefühl, etwas zu schaffen, was größer ist als ich selbst.

Die indische klassische Musik basiert auf ganz anderen Regeln, Harmonien und Tonfolgen als die europäische Musik. Mit welchen Unterschieden ist man konfrontiert, wenn indische und europäische/ westlich geprägte Musikerinnen und Musiker zusammen musizieren?

Es geht darum, eine gemeinsame Sprache zu finden. Dafür müssen ein paar grundlegende Unterschiede überwunden werden. Ein Beispiel wäre, dass indische Musiker die Stimmung ihrer Instrumente an die temperierte Tonskala westlicher Instrumente anpassen, damit wir gut zusammenklingen. Außerdem kommt es auf das Repertoire an – Europäer spielen oft aus Partituren, während indische Musiker alles nach Gehör gelernt haben. Dann einigen wir uns darauf, welche Passagen improvisiert werden können und wie wir dann wieder zu den Noten zurückkommen.

Die interessanteste Erfahrung machte ich bei den Aufnahmen für mein Album »Traveller«, für das ich ein Jahr lang mit indischen und Flamenco-Musikern auf Tournee war. Oft spielten wir perfekt synchron, und die Zuhörer gingen davon aus, dass wir einander vollkommen verstanden. In den Proben jedoch hatte ich den Musikern die Stücke auf zwei verschiedene Arten beigebracht: Flamencomusiker denken ab dem letzten Schlag eines rhythmischen Zyklus, was normalerweise der 12. Schlag ist, während wir in der indischen Musik ab dem ersten Schlag zählen.

Als wir das erste Mal zusammen probten, klang es also ziemlich unbeholfen, da wir immer an verschiedenen Stellen im Lied waren. Schließlich brachte ich den spanischen Musikern bei, die Lieder immer eine Zählzeit früher zu beginnen: Wenn wir »1« zählten, waren sie bei »12«, aber von außen klang es perfekt!

Was erwartet das Publikum bei Ihrem »Reflektor« in der Elbphilharmonie?

Zuallererst: Es ist eine große Freude und Ehre für mich, die Musik, die ich liebe, mit den Menschen in der Elbphilharmonie zu teilen! Es gibt einen roten Faden, der die Künstler in meinem Reflektor lose miteinander verbindet: Sie stammen alle aus dem indischen Subkontinent oder der südasiatischen Diaspora. Und gleichzeitig treffen sehr verschiedene Stile und Kunstformen aufeinander, von legendären klassischen Sängerinnen bis hin zu innovativen, von indischer Musik beeinflussten Jazzmusikern, von originellen Interpreten des indischen Tanzes bis hin zu Liebesliedern, die ihre Wurzeln in der Sitar – nicht der Gitarre – haben.

Reflektor Anoushka Shankar

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