Umm Kulthum: Die Inspirationsquelle vom Nil

Auch fünfzig Jahre nach ihrem Tod begeistert die ägyptische Sängerin Umm Kulthum Milliarden von Menschen zwischen Marokko und Indonesien – und beflügelt eine junge Künstlergeneration.

Text: Stefan Franzen, 11. Dezember 2025

 

Mit betörender Präsenz füllt die junge Frau die Leinwand. Bannend ist ihr Blick, und doch melancholisch verhangen. Dann erhebt sie die Stimme: »Ich fand meine Freude in seiner Liebe, doch das Schicksal hat mich verkauft. Oh, werde ich meinen Geliebten jemals wiedersehen? Oder werde ich das Leben einer Fremden leben?« Eine Urgewalt ist diese Stimme, die das Schicksal mit immer neuen Seufzern und Arabesken beklagt, mitunter zuckt ihr ganzer Körper vor Liebesleid. Ganze acht Minuten lang hält Umm Kulthum mit ihrem erschütternden Lied »Leih Ya Zaman« die Handlung des Films an. »Wedad«, ein ägyptischer Streifen aus dem Jahr 1936 in der Regie des Deutschen Fritz Kramp, erzählt in typischer 1001-Nacht-Manier die Geschichte einer schönen Sklavin im Reich der Mameluken: Da ihr Herr durch ein Unglück mittelos geworden ist, muss er Wedad verkaufen, obwohl beide in heftiger Liebe zueinander entbrannt sind. Es ist Umm Kulthums erster Kino-Auftritt. Doch zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits ein Star in der ganzen arabischen Welt.

Umm Kulthum im Film »Wedad« (1936)
Umm Kulthum im Film »Wedad« (1936) © Screenshot

Zunächst kurz zu ihrem Namen: Der wird, speziell im frankophonen Raum, oft auch Oum Kalthoum transkribiert und spricht sich in etwa »Umm Kilsoum«. Geboren wurde sie wahrscheinlich 1904; hieb- und stichfest belegen lässt sich das Datum nicht. Schauplatz ihrer Kindheit ist das kleine Dorf Tammay al-Zahayra im Nildelta, wo Umm als Tochter des Imams aufwächst. Heimlich ahmt sie die Hymnen nach, die der Vater ihrem Bruder beibringt, und als zutage tritt, dass sie die weit bessere Stimme hat, ist sie bald der Star, wenn die Familie für Festdarbietungen durch die Dörfer tourt. Eine Geschichte, die an die Baptistentochter Aretha Franklin erinnert – später wird es da noch ein paar weitere Parallelen geben. Der gestrenge Vater lässt Umm, um sie nicht zu entehren, als Beduinenjunge verkleidet auftreten. Erst recht, als die arme Familie – Gönner ermöglichen das – 1922 ins »sündige« Kairo übersiedelt. Hier hat sich direkt nach der Unabhängigkeit von England im Ezbekiya-Viertel ein reges Nachtleben etabliert, in dem die sich gerade emanzipierenden Frauen eine wichtige Rolle spielen, darunter die exaltierte Diva Mounira El Mahdeya. Und sehr bald auch Umm Kulthum.

»Warum ignorierst du mich?«

In Kairo bringt ein Lehrer dem Dorfmädchen Hocharabisch bei, schult ihre Artikulation. Doch die wichtigste, lebenslange Bekanntschaft ist die mit Ahmed Rami: Während der nächsten Jahrzehnte schreibt er 137 Lieder für Umm Kulthum – und ist zeitlebens glühend in sie verliebt. In seiner schmerzerfüllten Lyrik kanalisieren sich all seine unerwiderten Gefühle, etwa in »Leih Telew’ini« aus dem Jahr 1932 (»Warum ignorierst du mich, wo du doch das Licht meiner Augen bist?«). Gerade weil die Liebe platonisch bleibt, stachelt sie ihn zu immer neuen fiebrigen Versen an. Und Umm Kulthum, jetzt keine Interpretin von Koransuren mehr, präsentiert sie der Kairoer Gesellschaft. Trotz aller verleumderischen Falschmeldungen in der Presse setzt sie sich gegen ihre Rivalin El Mahdeya durch, und ihre erste Schellack-Platte macht sie über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannt. »Die arabische Welt hat mehr auf die Stimme von Umm Kulthum gehört als auf die des Muezzins, wenn er zum Gebet ruft«, wird der Dichter Ahmed Fouad Negm schreiben.

Mit Ende zwanzig kann sie sich von der väterlichen Bevormundung befreien, zeigt sich endlich als Dame auf der Bühne, mit extravaganten Kleidern und Schmuckstücken. Da sind ihr schon längst die besten Musiker Kairos zu Diensten, unter ihnen der Oud-Spieler Mohammed al-Kasabgi, der Ramis Verse vertont. Auch er verfällt ihr – wie überhaupt praktisch alle Männer im Publikum. In der patriarchalen Gesellschaft Ägyptens projizieren sie ihre Fantasien auf eine Sängerin, die die Heiligkeit und den Eros der Jungfrau Maria vereint – so erklärt es eine der heutigen Erbinnen Kulthums, die marokkanisch-französische Sängerin Sapho. Mit ihren langen schwarzen Haaren, ihrem betörenden Blick und ihrer Stimme muss ihr Charisma schon mit dreißig von einer geradezu unheimlichen Strahlkraft gewesen sein. Von da an geht es rapide aufwärts für sie: Tourneen führen sie nach Bagdad, Damaskus, Beirut und Haifa. Auf der berühmten Emad-al-Din-Straße des Kairoer Vergnügungsviertels eröffnet sie 1934 ihr eigenes Theater. Der Start des staatlichen Radios ermöglicht es, dass ihre Konzerte am ersten Donnerstagabend jedes Monats live in allen Cafés, in allen Haushalten zu hören sind.

Schwerpunkt »Umm Kulthum« :13.–19.12.2025

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Umm Kullthum 1967 im Olympia in Paris

»Von welcher Liebe sprichst du?«

Was macht nun die Faszination dieser Alt-Stimme aus? Immer wieder kann man lesen, es sei ihr legendärer Schalldruck, deutlich höher als bei Opernsängerinnen, weswegen sie im Studio meterweit Distanz vom Mikrofon halten muss. Doch das ist nur physikalische Oberfläche. Über die reine Wucht ihrer Stimme hinaus ist Umm Kulthum in der Lage, jedes Wort mit Schleifen, Seufzern und Vibratos im Mikrointervallbereich auszuschmücken – das Wort »Arabeske« bekommt hier seinen tiefen Sinn. Oft wiederholt sie eine Phrase, ja ein Wort, einen Anlaut Dutzende Male, um die Wirkung der Worte zu steigern, jedes Mal in einer feinen Variation. Der libanesische Trompeter Ibrahim Maalouf meint: »Technisch ist sie unschlagbar. Aber gleichzeitig – und das macht ihre Magie aus – ist sie von einer beständigen Brüchigkeit. Es ist so etwas wie ein Zögern, eine Sprödigkeit in der Intonation und Phrasierung spürbar, die einen Bruch anzukündigen scheint. Aber tatsächlich bricht sie nie.«

Im Laufe der Zeit baut Umm Kulthum ihre Lieder, die ihr nun auch andere Dichter und Komponisten wie Riad Sunbati und Baligh Hamdi schreiben, zu Versionen aus, die länger als eine Stunde dauern können. Drei Lieder pro Konzert, jeder Abend ein immenser Kraftakt. Immer geht es um die Liebe als verzweifelte, unerfüllte Sehnsucht: »Alf Leila Wah Leila« (»1001 Nacht«), »Hob Eh« (»Von welcher Liebe sprichst du?)«, »Ja Zalimni« (»Du tyrannisierst mich«). Subtil gelingt es ihr, in dieser Stunde den Tarab zu erzeugen, einen Zustand der Ekstase. Und nichts anderes entlädt sich im Publikum, wie die unzähligen Live-Aufnahmen bezeugen. Stets hat man das Gefühl, man lausche ihr durch einen unwirklichen, märchenhaften Klangschleier: Die Tonqualität ist meist lausig, ihre Darbietung eingebettet in eine turbulente Geräuschkulisse. Sie gleicht der eines Pokal-Endspiels, ja eines Ringkampfs, wenn schmerzliche Gedichtzeilen und einzelne Spitzentöne mit rasendem Brüllen, verzücktem Heulen und gellendem Pfeifen goutiert werden. Nicht selten muss das Orchester unterbrechen, bis sich das Auditorium wieder fasst.

Auch das erinnert an Aretha Franklin, wie sie in einem Gospelgottesdienst vor der Baptistengemeinde das himmlische Brausen erweckt. In Umm Kulthums »Seelenmesse« antwortet jedoch kein Chor, sondern ein ganzes Orchester, das im Laufe der Zeit immer opulenter besetzt wird. Es begleitet ihre Arabesken minimal zeitverzögert, als folge es ihrer Stimme wie eine kolorierende Schleppe der Braut – die freilich die musikalischen Zügel stets fest in der Hand hält: Grausam und endlos seien die Proben mit ihr gewesen, bezeugen die, die es aushalten mussten. Kulthum war Perfektionistin: Falschspielende Musiker stellt sie bloß; mit sich selbst ist sie allerdings auch nie zufrieden. Große Angst packt sie vor dem Publikum; ihre Insignie, das Tuch, das sie stets hält, ist wohl weniger Bühnenzier, es nimmt vielmehr den Handschweiß auf. Und nach einem Konzert schließt sie sich sofort in ihrer Villa am Nilufer ein, um die Aufnahme selbstkritisch abzuhören.

Umm Kulthum
Umm Kulthum

»Was meine Augen vor dir sahen«

Die Zeitläufte machen diese Ausnahmesängerin zu einer politischen Person. 1952 muss König Faruk abdanken, die Revolutionäre übernehmen mit dem neuen starken Mann, Oberst Nasser, die Macht. Da Kulthum im Königspalast verkehrt hatte, setzt das Radio ihre Musik ab. Ihr Fan Nasser interveniert: »Der Nil und die Pyramiden waren auch unter dem alten Regime da, und niemand kam auf die Idee, sie zu verbieten!«, soll er gesagt haben. Er will Kulthum nun für die Einheit aller Araber einspannen, zusammen mit dem großen Sänger und Komponisten Mohammed Abdel Wahab. Beide vereinen ihre Kräfte, und das epische »Enta Omri« ist das Resultat: »Du bist mein Leben, alles, was meine Augen vor dir sahen, war vergeudete Zeit«, so die berühmten Verse.

Die Diva geht auf Tournee, stellt ihre Stimme in ganz unterschiedlichen Kontexten immer wieder in den Dienst der panarabischen Emanzipation. 1958 singt sie nach dem Sturz der probritischen Monarchie im Irak eine Hymne auf Bagdad; während der Bauarbeiten des Assuan-Staudamms preist sie vor Ort den Staatsmann Nasser als dessen Errichter; gegen Ende ihrer Karriere tritt sie in Libyen vor einem rein weiblichen Publikum auf und ermutigt die Frauen zum Ablegen des Schleiers; und als Ägypten den Sechstagekrieg verliert, fängt sie mit »Al-Atlal« und der Zeile vom »Traumschloss, das in Trümmern fiel« die Stimmung der Menschen auf. Sie sammelt für die Wiederbewaffnung Ägyptens und gibt – als Vorbild für Tausende von Frauen – all ihren Schmuck für die Staatskasse ab. Ihr einziger Auftritt außerhalb der arabischen Welt, 1967 im Pariser Olympia, wird zum Balsam für die verwundete Seele der Diaspora.

Umm Kulthums Beerdigung (1975)
Umm Kulthums Beerdigung (1975) © Alamy Stock Foto / Historic Collection

»Die Liebe ist gewiss der Sieger«

Doch die Liebeslieder bleiben, bei allen politisch-kämpferischen Tönen, bis zum Ende ihrer Karriere der Kern ihres Schaffens. Immer wieder führt sie die von ihrem Stamm-Autor Ahmed Rami ins Arabische übersetzten »Rubaiyat« auf, Vierzeiler des persischen Dichters und Astronomen Omar Khayyam. Sie avancieren 800 Jahre nach ihrer Entstehung durch Umm Kulthums Stimme zum Triumph von ausschweifendem Liebes- und Lebensrausch, der sich gegen den islamischen Fatalismus erhebt. Nicht allen gefällt das, schon damals regen sich fundamentalistische Gemüter. Legendär wird einer ihrer späten Auftritte, in denen sich ihre Stimme, seit einer Kehlkopf-OP und den vielen Erschütterungen des Lebens emotional gezeichnet, noch einmal zu unfasslicher Magie aufschwingt: Im marokkanischen Rabat singt sie »Howa Sahih El-Hawa Ghallab« (»Die Liebe ist gewiss der Sieger«) und schmückt ein einziges Wort, »nazra« (»Augenzwinkern«), in 45 Variationen aus – bis das Publikum so in Rage gerät, dass das Orchester abbrechen muss.

Am 3. Februar 1975 stirbt Umm Kulthum. Millionen folgen ihrem Sarg, er wird von den Trauernden entwendet, tanzt wie ein Boot auf den Händen der Menge. Diese Stimme gehört allen Ägyptern, will dieses Bild sagen. Eine Nachfolgerin – und hier die letzte Parallele zu Aretha Franklin – gibt es bis heute nicht, denn, wie es in einem arabischen Sprichwort heißt, »wenn die Sonne erlischt, kann selbst der Mond nicht mehr leuchten.«

Dieser Artikel erschien im Elbphilharmonie Magazin (Ausgabe 01/2026)

Schwerpunkt »Umm Kulthum« – Die Konzerte

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