Ahornspitze / Zillertal

Sehnsucht nach den Höhen

Auf dem Berg geht es immer um mehr als bloß Natur – ein Blick auf Mahler, Strauss und Kreneks »Reisebuch aus den österreichischen Alpen«.

»Sie brauchen gar nicht mehr hinzusehen – das habe ich alles schon wegkomponiert«, soll Gustav Mahler seinem Freund und Kollegen Bruno Walter bei einem Spaziergang am Attersee gesagt haben, im oberösterreichischen Salzkammergut, dort, wo das Land gegen Osten ins Höllengebirge aufsteigt. Inmitten dieses spektakulär schönen Panoramas hatte Mahler gerade seine Dritte Sinfonie fertiggestellt mit ihrem ausgeklügelten, wenn auch später unterdrückten Programm, das vom Frühlingserwachen der Natur über die Stufen des Lebens emporsteigt bis zur reinen, göttlichen Liebe.

 

Reinhören: Die Dritte Sinfonie von Gustav Mahler

 

Auf Bergeshöhen geht es eben immer auch um mehr als bloß um Natur. »Seid ihr wohl zuweilen ernst und still / Auf einen Berg gestiegen nah den Himmeln?« Mit diesen im Original französischen Gedichtzeilen Victor Hugos ließ Franz Liszt seine »Bergsinfonie« anheben, genauer gesagt: seine Sinfonische Dichtung Nr. 1 »Ce qu’on entend sur la montagne«. Was man auf dem Berge hört, das sind bei Liszt »zwei Stimmen: die eine unermesslich, prächtig und ordnungsvoll, dem Herrn ihren jubelnden Lobgesang entgegenbrausend – die andere stumpf, voll Schmerzenslaut, von Weinen, Lästern und Fluchen angeschwellt. – Die eine spricht ›Natur‹, die andere ›Menschheit‹!«

Auch Lord Byrons romantischer Antiheld Manfred, der, von Schicksalsfragen des Daseins gequält, in den Alpen umherirrt, hat eine mystische Erfahrung, wenn er im Regenbogen der Gischt eines Wasserfalles der Alpen-Fee begegnet – zu hören in Tschaikowskys »Manfred-Sinfonie«.

Mensch und Natur: Widerspruch und unauflösliche Verbindung zugleich

Selbsterfahrung, die vielleicht riskant ausgekostete Gratwanderung zwischen Leben und Tod, das Einswerden mit Gott – nicht ohne Grund hat Moses erst in der Einsamkeit des Sinai den brennenden Dornbusch gefunden und später die Gesetze empfangen: »Ein eigentümlicher Berg, ausgezeichnet vor seinen Geschwistern durch eine Wolke, die, niemals weichend, dachförmig über seinem Gipfel lag und tags grau erschien, nachts aber leuchtete«, wie Thomas Mann in seiner Moses-Erzählung »Das Gesetz« es beschreibt.

Mit Bedacht ließ auch Friedrich Nietzsche seinen Zarathustra in die Isolation der Höhe sich zurückziehen: »Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe die Ebenen nicht (…) Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme – ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: Man erlebt endlich nur noch sich selber.«

Als Richard Strauss seine (bewusst mit dem unbestimmten Artikel versehene) »Eine Alpensinfonie« komponierte, tat er es zunächst unter dem projektierten Nietzsche-Titel »Der Antichrist«. Hinter der scheinbar banalen Schilderung einer Bergwanderung verbirgt sich eine Lebensreise. Deskriptive Stationen camouflieren den Blick auf die zentrale »heidnische« Naturmystik und den flexiblen Wechsel zwischen äußeren und inneren Ereignissen, den die Musik immer wieder vollzieht: Das Ich dieser musikalischen Erzählung lässt »das erbärmliche Zeitgeschwätz von Politik und Völker-Selbstsucht unter sich«, wie es bei Nietzsche heißt.

 

Reinhören: »Eine Alpensinfonie« von Richard Strauss

 

Im »Dritten Reich« durch Tod, Verfolgung und Emigration der engsten Freunde zunehmend isoliert und vereinsamt, schickte Anton Webern einmal dem rechtzeitig vor den Nazis in die USA emigrierten Pianisten Eduard Steuermann per Post ein Päckchen mit »Alpenkräuterduft-Extrakt und Edelweiß-Schau«: Er wusste, wie sehr dieser die Geste schätzen würde. Und Samson Raphael Hirsch, der 1808 in Hamburg geborene Begründer der jüdischen Neo-Orthodoxie, war überzeugt davon, vom Höchsten folgende Frage zu hören, wenn er dereinst über sein Leben Rechenschaft abzulegen habe: »Hast du meine Alpen gesehen?« Gott als stolzer Schöpfer.

Ernst Krenek und die musikalische Avantgarde

Doch hinunter ins Tal!, zu den nur allzu aktuell klingenden Begriffen Zeitgeschwätz, Politik, Völker-Selbstsucht. Sie bringen uns direkt in Ernst Kreneks Welt. 1900 als Sohn eines k.u.k. Offiziers böhmischer Herkunft in Wien geboren, 1991 in Kalifornien gestorben, in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt: Allein die nüchternen Eckdaten lassen schon vermuten, dass das Leben dieses Komponisten schicksalhaft mit dem 20. Jahrhundert und seinen historischen Verwerfungen verkettet war.

Ernst Krenek
Ernst Krenek © Unbezeichnet

Krenek begann als Student von Franz Schreker in Wien und Berlin, verkehrte in den Kreisen der musikalischen Avantgarde und war einige Monate mit Gustav und Alma Mahlers Tochter Anna verheiratet. Seine 1927 in Leipzig uraufgeführte Oper »Jonny spielt auf« wurde dank ihrer Jazz-Elemente zu einem der größten Erfolge jener Zeit – und 1933 nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland verboten. Nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 emigrierte der als »Kulturbolschewist« Verfemte in die USA.

Dies ist ein Artikel aus dem Elbphilharmonie Magazin (Ausgabe 02/2022), das drei Mal pro Jahr erscheint.

Der Verwandlungsmeister

Kreneks Bedeutung als unermüdlich experimentierfreudiger Komponist und Lehrer ist vermutlich bis heute noch nicht voll anerkannt. Er hat sich nie auf seinen Lorbeeren ausgeruht, sondern, im Gegenteil, auf einen Erfolg eher mit einem Stilwandel als mit einer Wiederholung reagiert. Wie sonst nur noch Strawinsky verstand er es, sich in verschiedenen musikalischen Spielarten der Moderne souverän auszudrücken.

Das zeigt auch sein eindringlicher Liederzyklus »Reisebuch aus den österreichischen Alpen«, der unmittelbar von den Erlebnissen einer Österreich-Rundfahrt inspiriert war: Kurz nach dem »Jonny« entstanden, verzichtet das Werk auf die gerade noch bejubelten Jazz-Anklänge und erfindet im Geiste Franz Schuberts die Tonalität gleichsam neu – in einer charakteristischen Mischung der Techniken, die sowohl für die – künstlerisch wie politisch – so spannungsreichen Entstehungsjahre typisch ist, als auch zeitlos wirkt.

Ein einstiger Schüler und Freund Kreneks, der Musikjournalist Lothar Knessl, hat diesen »Reisebuch«-Stil treffend in Worte gefasst: »Es sind keine Tonarten vorgezeichnet, und es gehören auch die wenigsten der zwanzig Lieder einer durchgehenden Tonart an. Fast jedes gleicht einem kleinen Reisebuch durch die Tonarten, wobei die Strecke den Quintenzirkel vermeidet, über Orte der Quarten- und Ganzton-Akkordik führt, Felder des Impressionismus berührt, Mischgebiete der Bitonalität durchschneidet, schlanke Stützen nur angedeuteter Harmonik überbrückt und, manchmal erst nach ruppig modulierenden Umwegen, im Kopfbahnhof sauberer Dreiklänge ein Ende findet.«

 

Dokumentation: Ernst Krenek - Ein Suchender

 

Der österreichische Bassbariton Florian Boesch ist einer der stimmgewaltigsten und zugleich subtilsten Anwälte von Kreneks Liederzyklus. Und er ist sich der Wichtigkeit sehr bewusst, den spezifischen Ton des »Reisebuchs« zu treffen – einen Ton, der sich sowohl in der Diktion als auch im Klaviersatz und der allgemeinen Musiksprache mitteilt, die keineswegs epigonal an Schubert orientiert sind: »Das ist kein eindeutig klassischer Liedgesangton, er hat eine lokale Komponente. Mir ist die authentische Artikulation der Texte immer ein großes Anliegen. Aber beim ›Reisebuch‹ funktioniert das international nicht, da würde es in der Wahrnehmung der Zuhörer in einer Schublade mit dem Wienerlied landen. Ich bemühe mich um einen Ton, der ausreichend im Wienerischen zu Hause ist, und trotzdem verstanden werden kann.«

Florian Boesch
Florian Boesch © Andreas Weiss

Es wäre auch zu schade, wenn es hier im Norden zu Verständnisproblemen käme – nicht nur angesichts einer geradezu Social-Media-visionären Pointe Kreneks, auf die Boesch mit hintersinnigem Vergnügen hinweist. Im zehnten Lied des Zyklus, »Auf und ab«, heißt es: »Wie die Narren rennen die Menschen / den Sommer über auf und ab in diesen Alpen (…) fotografieren sich und dahinter auch wohl einen Berg / und sehen nichts, weil sie Ansichtskarten schreiben müssen.«

Autor: Walter Weidringer, Stand: 6. April 2022

Mehr zu Florian Boesch

Der berühmte Bassbariton verleiht mit samtweicher Stimme und klarer Artikulation großen Werken wie weniger bekannten Liedern eine Stimme - so auch in seinem Elbphilharmonie-Schwerpunkt.

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