Charlotte Bray Installation

Rettungswesten zu Quartett-Noten

Das Castalian String Quartet führt ein Stück auf, das es in sich hat – es bezieht sich auf eine Installation der Künstlerin Caroline Burraway mit Kinderkleidern aus den Rettungswesten Geflüchteter.

Manchmal sagt ein Bild mehr als 1000 Worte. Beispielsweise kann man immer und immer wieder von den Geflüchteten lesen, die auf der Suche nach einem sicheren Leben das Mittelmeer überqueren. Die sich Menschenschmugglern, Grenzschützern und den Elementen ausliefern, was nicht Wenige mit dem Tod bezahlen. Und die am Ende entkräftet und mit nichts als dem nassen Hemd am Leib an europäischen Küsten stranden.

Man kann aber auch einfach das Bild eines »Rettungswesten-Friedhofs« auf der griechischen Insel Lesbos betrachten. Bergeweise stapeln sich hier abgelegten Westen, ausgeblichen von der Sonne. In jeder steckte einmal ein Mensch.

Zur Veranstaltung

Das Castalian String Quartet ist am 7. April in der Elbphilharmonie zu erleben. Die Installation der Künstlerin Caroline Burraway wird vor und nach dem Konzert im Foyer ausgestellt.

Lifejackets Graveyard
Lifejackets Graveyard © Unknown

Die Londoner Künstlerin Caroline Burraway hat diesen Ort mehrfach besucht. Seit 2015 begleitet sie die Flüchtlingskrise. Sie filmt in Auffanglagern, sammelt Eindrücke und Material, die sie zu Installationen, Zeichnungen und Videos fügt. Ihr Ziel: Mitgefühl zu wecken für die Menschen, die ihre Heimat und all ihr Hab und Gut verloren haben. Burraway wird vom Flüchtlings-Hilfswerk UNHCR unterstützt und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem für 13 großformatige Bilder von Kindern im Flüchtlingslager Moria.

Ihre Eindrücke vom »Rettungswesten-Friedhof« beschreibt Burraway so: »Es fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Vor mir lagen Berge abgelegter Rettungswesten, viele Meter hoch, verlassen, verrottend. Ich ging hindurch, durch tausend grelle Farben. Jede einzelne Form evozierte die Anwesenheit eines um Luft ringenden Körpers. Ich wusste sofort, dass ich einen Weg finden musste, diesen Eindruck all denen zu vermitteln, die ihn nicht selbst vor Ort erleben können.«

Aus Rettungswesten, die sie auf Lesbos sammelte, schneiderte Caroline Burraway also insgesamt 13 Kinderkleider. Dreckig, zerrissen, grob zusammengestückelt, sehen sie auf den ersten Blick aus wie jedes andere Kleid für 3- oder 4-Jährige. Manche tragen den Namen eines Landes auf der Brust wie ein Modelabel, an manchen baumelt eine Pfeife wie ein Spielzeug. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man, woraus die Kleider gemacht sind.

Jedes steht für eine Million der insgesamt 13 Millionen Kinder, die weltweit auf der Flucht sind. Die Kleider symbolisieren die Abwesenheit der Körper, evozieren Erinnerungen und Verlust, drängen den Betrachter dazu, sich die Schicksale der Flüchtlinge vorzustellen.

In ihrer Installation »Ungrievable Lives« (Unbeweinbare Leben) hängen die 13 Kleider über Haufen von Sand, die physische und kulturelle Grenzen symbolisieren.

Charlotte Bray
Charlotte Bray

Die Komponistin Charlotte Bray wiederum war von der Installation so beeindruckt, dass sie in dem ihr eigenen Medium – der Musik – darauf reagieren wollte. »Fast täglich gibt es in den Nachrichten neue, schockierende Berichte über die Flüchtlingskrise. Ich habe versucht, nachzuvollziehen und durch Musik zu vermitteln, was Millionen Flüchtlinge auf sich nehmen, auf der Suche nach einem sicheren oder besseren Leben. Caroline Burraways Installation ›Ungrievable Lives‹ bildet daher den wichtigsten Bezugspunkt meines neuen Streichquartetts, dass das Castalian String Quartet in der Elbphilharmonie Hamburg zur Uraufführung bringen wird.«

Text: Clemens Matuschek, Stand: 02.03.2022

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