Helmut Lachenmann

Neu gehört: Helmut Lachenmann

5 Fragen an die Komponist:innen des Neue-Musik-Festivals »Elbphilharmonie Visions«.

Geht es um Komponist:innen klassischer Musik, denken viele an alte Meister wie Beethoven oder Mozart. Dass auch die Gegenwartsmusik »so reich und vielfältig wie die Menschheit selbst« (Alan Gilbert) sein kann, beweist das Festival »Elbphilharmonie Visions«. Dort steht ausschließlich die Musik zeitgenössischer Komponist:innen auf dem Programm. Das ist nicht nur musikalisch spannend, sondern bietet auch die großartige Chance, den Schöpfern Fragen zu ihren Werken und zum Komponieren selbst zu stellen. Wie funktioniert Komponieren überhaupt? Haben sie vorher schon eine konkrete Vorstellung von dem Werk oder entsteht es erst beim Schreiben? Was für eine Rolle spielt die Umgebung? Und was wünschen sie sich für ihre Musik?

Davon berichten die Komponist:innen des Festivals in Kurzinterviews. In dieser Ausgabe mit Helmut Lachenmann, der seit Jahrzehnten schon eine zentrale Figur der zeitgenössischen Musik ist. Im Rahmen des Festivals steht sein klangwuchtiges »Double / Grido II« auf dem Programm, für das der legendäre Neutöner sein Drittes Streichquartett in ein sinnliches, räumlich erfahrbares Klangerlebnis für sage und schreibe 48 Streicher verwandelte.

Wie klingt Helmut Lachenmann?

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Wie ausgeprägt ist Ihre innerliche Vorstellung von einem Werk, ehe Sie sich daran machen, es zu komponieren?

Immer wieder anders, die erste »innerliche« Vorstellung dient mir sowieso nur als eine Art Treibsatz, um die Schwerkraft der eigenen, so oder so konditionierten Fantasie zu überwinden. Ein Treibsatz, der wie bei jeder Rakete irgendwann zurückbleibt und wenig mit dem so ausgelösten Werk zu tun hat.

Welche Rolle spielt das Außermusikalische für Ihr Schaffen?  

Ich weiß es nicht, bewusst keine. Unbewusst: Wer weiß?

Beim Festival »Elbphilharmonie Visions« wird zeitgenössische Orchestermusik so kompakt und prominent aufs Programm gesetzt wie wohl in keinem anderen Konzerthaus auf der Welt - an neun Abenden erklingen 18 Werke von 18 Komponist:innen. Finden Sie das sinnvoll, oder halten Sie das für die falsche Strategie?

Das ist ein anspruchsvolles Angebot. Ich freue mich darüber, aber es kommt im Einzelnen auf die Kompetenz, Klugheit und innovatorische Courage der Veranstalter an.

Was braucht die Neue Musik, um die Liebe des Publikums zu gewinnen? 

»Was ist denn die Neue Musik«?  Sind »wir« Komponierende ein Kollektiv mit kommerziell nutzbare Beliebtheit erzeugendem Dienstleistungsauftrag? Beliebtheit, gar Liebe beim »Publikum«, also bei wem bitte – bei Björn Höcke oder bei Sarah Wagenknecht?

Solche Frage drückt sich vor der Verantwortung nicht nur der kulturpolitisch Zuständigen, sondern im Grunde unser aller für das, was im Grundgesetz »die Würde des Menschen« genannt wird und zur Pflicht des »mündigen« Staatsbürgers gehört: im Wissen um die eigene Begrenztheit seinen Horizont auch ästhetisch ständig zu erweitern, ihn als erweiterbaren zu erkennen und diejenigen mit allen Konsequenzen zu respektieren, die uns durch ihr Schaffen zum unverzichtbaren Abenteuer des Geistes einladen. Unsere Aufgabe, oder besser unser Wirken als Komponierende: aus verständnis-innigen »Zuhörern« neugierige und abenteuerbereite Hörerinnen und Hörer zu machen.

Was wäre Ihr Traum vom Konzertleben – heute und in der nahen Zukunft? 

Kein Konzert, wo nicht wenigstens ein Werk gespielt wird, das dazu einlädt, den vertrauten ästhetischen Erfahrungsraum zu öffnen. Selbst die »klassische« Musik übrigens, und sei es Mozart, Schubert oder Tschaikowsky, deren Schönheit vom »zahlenden Publikum« (R. Strauss) weithin als »Ohrenschmaus« genossen und meist treuherzig verfehlt wird – ok, warum auch nicht? –, könnte durch fantasievoll durchdachten Eingriff in ihre Repräsentation unsere Antennen auf die Struktur des Geschaffenen, das heißt, auf die darin vermittelte kreative Energie lenken beziehungsweise wecken. Musik als sinnliche Erfahrung, die uns an unsere Bestimmung als geistfähige Kreaturen erinnert. Warum nur ein Traum?

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