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Festkonzert: 5 Jahre Elbphilharmonie

Happy Birthday Elbphilharmonie: Das Konzert zum 5. Geburtstag live aus dem Großen Saal. Video verfügbar bis 11.01.2023.

Konzert-Stream bis 11. Januar 2023 verfügbar.

 

Wären die Stadt Hamburg und die Elbphilharmonie ein Ehepaar, dann würden sie jetzt ihre Hölzerne Hochzeit feiern. Oder Rosenhochzeit, wie man hier im Norden sagt. Denn vor bald fünf Jahren strömten die Hamburger nach der langwierigen Bauphase erstmals ins Innere des neuen Wahrzeichens.

Gründe zum Feiern gibt es allemal: Denn das Konzerthaus an der Elbe zog nicht nur mit seiner spektakulären Architektur, sondern auch mit einem erstklassigen Programm durch alle Genres Millionen von Besuchern an. Seit der Eröffnung 2017 hat sich die Zahl der Konzertbesucher in Hamburg verdreifacht.

Eine Festwoche

Eine ganze Festwoche wird dem Jubiläum gewidmet – zu Gast sind neben den großen Hamburger Orchestern auch viele internationale Gäste wie Sir Simon Rattle und sein London Symphony Orchestra, Alte-Musik-Ikone Jordi Savall und Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin. Den Jahrestag am 11. Januar 2022 gestaltet das NDR Elbphilharmonie Orchester unter seinem Chefdirigenten Alan Gilbert mit Musik der Gegenwart und Stücken von John Adams, Thomas Adès und Esa-Pekka Salonen.

5 Jahre Elbphilharmonie

Eine ganze Woche lang, vom 9. bis zum 17. Januar, feiert die Elbphilharmonie mit einer Reihe hochkarätiger Orchester und Solisten ihren Geburtstag.

Alan Gilbert Alan Gilbert © Peter Hundert
Anu Komsi Anu Komsi © Maarit Kytöharju
Kirill Gerstein Kirill Gerstein © Marco Borggreve

Besetzung

NDR Elbphilharmonie Orchester

Anu Komsi Sopran

Piia Komsi Sopran

Kirill Gerstein Klavier

Dirigent Alan Gilbert

Programm

John Adams
Tromba lontana / Fanfare für Orchester
Short Ride in a Fast Machine / Fanfare für Orchester

Thomas Adès
Konzert für Klavier und Orchester

- Pause -

Esa-Pekka Salonen
Wing on Wing

Alan Gilbert – Dirigent

Alan Gilbert
Alan Gilbert © Peter Hundert

NDR Elbphilharmonie Orchester

NDR Elbphilharmonie Orchester
NDR Elbphilharmonie Orchester © Nikolaj Lund

Kirill Gerstein – Klavier

Kirill Gerstein
Kirill Gerstein © Marco Borggreve

Anu Komsi – Sopran

Anu Komsi
Anu Komsi © Maarit Kytöharju

Piia Komsi – Sopran

Piia Komsi
Piia Komsi © Unbezeichnet

AUS DER TIEFE DES RAUMES :Zum Programm

Der allererste Ton, der im Eröffnungskonzert am 11. Januar 2017 durch den Großen Saal der Elbphilharmonie schwebte, war kein massiger Akkord des vollen Orchesters. Stattdessen erinnerte eine einzelne Solo-Oboe hoch oben in den Zuhörerrängen daran, wie der griechische Hirtengott Pan einst aus einem Schilfrohr ein Instrument schnitzte. So weit holt das heutige Konzertprogramm zum fünfjährigen Jubiläum nicht aus. Doch den besonderen Reiz im Saal verteilter Schallquellen nutzt auch Alan Gilbert gern: »Die Elbphilharmonie ist ein wunderbarer Konzertsaal, der sich besonders für Raumklang-Musik eignet«, schwärmt der NDR-Chefdirigent. »Unser Programm feiert dieses Wunder – und die Experimentierfreude, die die Elbphilharmonie in ihrer kurzen, aber glänzenden Existenz auszeichnet.«

JOHN ADAMS :TROMBA LONTANA & SHORT RIDE IN A FAST MACHINE

Der räumliche Effekt ist John Adams’ »Tromba Lontana« (»entfernte Trompete«) schon im Titel eingewoben. Es sieht zwei Trompeten vor, die sich stereofon im Saal gegenüberstehen und einander musikalische Signale zuspielen wie in einem nonverbalen Dialog. Grundiert werden sie von einem konstanten Puls des Orchesters, wobei ausgerechnet das sonst so ätherische Glockenspiel den Beat vorgibt, was dem Gesamtklang eine transzendente Note verleiht.

Adams schrieb das Werk 1985 im Auftrag des Houston Symphony zur Feier des 150. Jahrestages der Unabhängigkeit des heutigen US-Bundesstaates Texas von Mexiko. Den womöglich erwarteten staatstragenden Charakter einer Fanfare für Orchester (so der Untertitel) unterlief er dabei jedoch verschmitzt. Mit seinen Kompositionsprinzipien ist Tromba Lontana ein klassischer Vertreter der sogenannten Minimal Music. Sie entstand in den 1960er Jahren in den USA als Gegenentwurf zur europäischen, als allzu ernst und abgehoben wahrgenommenen Avantgarde. Stattdessen sollte Nahbarkeit und Spielfreude im Zentrum stehen. Dazu experimentierten klassisch ausgebildete Komponisten wie Terry Riley, Steve Reich und Philip Glass mit der Repetition kleinster musikalischer Zellen, »Patterns« genannt.

John Adams
John Adams © Margaretta Mitchell

Wurde die neue Stilrichtung anfänglich noch misstrauisch beäugt – vor allem von den europäischen Granden der Neuen Musik –, hat sie sich heute längst einen festen Platz in der Musikgeschichte erspielt. John Adams stieß in den 80er Jahren dazu, nachdem er als Klarinettist des Boston Symphony Orchestra an Werken von Arnold Schönberg verzweifelte. Mittlerweile kann er mehrere Grammy-Auszeichnungen, Ehrendoktorwürden und sogar den Pulitzer Preis für Musik sein eigen nennen. Alan Gilbert ist ein bekennender Adams-Fan; schon sein Gastspiel mit dem New York Philharmonic im Rahmen des Eröffnungsfestivals 2017 war seiner Musik gewidmet.

»Wissen Sie, wie es ist, wenn man eingeladen wird, in einem tollen italienischen Sportwagen mitzufahren, und sich dann wünscht, man hätte es nicht getan?« So kommentierte Adams – als Amerikaner nie um einen lockeren Spruch verlegen – den Titel seines Orchesterstücks »Short Ride in a Fast Machine« aus dem Jahr 1986. In gut fünf Minuten vermittelt es tatsächlich den Eindruck, als hilfloser Beifahrer entfesselten Fliehkräften ausgeliefert zu sein. Als Motor fungiert hier ein simpler Holzblock, der Hörer und Orchester mit 150 bpm gnadenlos vor sich her treibt – »auch die dicke Tuba und die Kontrabässe«, wie der Komponist feixte. Darüber schichtet er immer komplexere Pattern, die sich am Schluss in einer Fanfare entladen »wie die letzte Stufe einer Rakete, die die Schwerkraft überwunden hat und ins Weltall schwebt«.

THOMAS ADÈS :KONZERT FÜR KLAVIER UND ORCHESTER

Dass sich um das Opus 1 eines 18-jährigen Jungkomponisten gleich drei Verlage reißen, hat die Musikwelt praktisch seit Mozarts Zeiten nicht mehr erlebt. 1989 aber löste der Brite Thomas Adès einen regelrechten Hype in der Klassikwelt aus – noch bevor er sein Studium am altehrwürdigen King’s College in Cambridge überhaupt begonnen hatte. 30 Jahre später zählt Adès längst zu den meistgespielten Komponisten der Gegenwart. Sein Orchesterwerk Asyla wählte Sir Simon Rattle 2002 für sein Einstandskonzert bei der Berliner Philharmonikern aus; seine drei Opern Powder Her Face, The Tempest und The Exterminating Angel haben es ins Repertoire der Wiener Staatsoper und der New Yorker Met geschafft.

Thomas Adès
Thomas Adès © Marco Borggreve

Im Herbst 2020 widmete ihm die Elbphilharmonie bereits einen eigenen Schwerpunkt, bei dem er sich auch als Dirigent und Pianist präsentierte – denn auch in diesen beiden Disziplinen ist Adès rund um den Globus erfolgreich. Als Vertreter einer jungen Komponistengeneration sieht sich Adès kaum mehr auf Glaubenssätze, Schulen oder Etiketten festgelegt, um die in der Avantgarde-Szene zuvor erbitterte Kämpfe ausgefochten worden waren. Seine enorm breit angelegte Klangsprache vereint ganz selbstverständlich Klassik und Jazz, Anleihen aus Barock und Variété, bauschige Harmonien und reibende Dissonanzen. Das eigentlich Erstaunliche ist, wie es ihm gelingt, daraus dennoch einen ganz eigenständigen Stil zu formen.

Bei aller instinktiven Zugänglichkeit ist seine Musik ungeheuer komplex gebaut und enthält immer wieder doppelte Böden, die das Ohr irritieren und aus der Komfortzone locken. Sein Klavierkonzert, ein Auftrag des Boston Symphony Orchestra, hob er 2019 aus der Taufe, schon damals mit Kirill Gerstein als Solist. Mit seinen drei Sätzen in der Folge schnell langsam-schnell und einer virtuosen Kadenz entspricht es ganz dem traditionellen Modell eines Solokonzerts. Wie der Radiosender NPR treffend feststellte, handelt es sich dabei aber um Adès persönlichen Blick auf die alte Form, »so wie Quentin Tarantinos Filme klassische Hollywood-Genres durch eine zeitgenössische Brille betrachten«. Die Uraufführung geriet jedenfalls zum Triumph.

»Wie immer ist Adès Kunstfertigkeit erstaunlich, seine Orchesterbehandlung durchgehend brillant, die Stimme ganz seine eigene. Das Stück spricht unmittelbar an – aber lassen Sie sich nicht täuschen: Unter der Oberfläche brodelt es. Ich kann kaum erwarten, es wieder zu hören.«

New York Times

ESA-PEKKA SALONEN :WING ON WING

Seit dem Millennium lässt sich auf der ganzen Welt fast schon ein Boom neuer Konzerthäuser beobachten. Moderne Säle entstanden etwa in Dortmund (2002), Luxemburg (2005), Reykjavík (2007) und Paris (2015), dazu Opernhäuser in Kopenhagen (2005) und Oslo (2008). Auch Los Angeles im fernen Kalifornien leistete sich 2003 eine neue Spielstätte, die Walt Disney Hall. Genau wie die Elbphilharmonie ist sie schon von außen ein echter Hingucker: gewölbte stählerne Oberflächen schwingen sich empor wie die Segel eines großen Windjammers. Stararchitekt Frank Gehry führte damit seine ästhetische Linie vom Guggenheim- Museum in Bilbao weiter. Für die hervorragende Akustik des oval geschnittenen großen Saales zeichnet – wie in Hamburg – der Japaner Yasuhisa Toyota verantwortlich.

Zur Anbahnung und erfolgreichen Umsetzung des Projekts trug maßgeblich der damalige Chef- und heutige Ehrendirigent des Los Angeles Philharmonic bei: Esa-Pekka Salonen. Der 1958 geborene Finne ist eine Doppelbegabung wie Thomas Adès, nur dass bei ihm das Dirigieren tendenziell vor dem Komponieren steht. Nach dem Studium in seiner Heimatstadt Helsinki schaffte er 1983 als Einspringer beim Londoner Philharmonia Orchestra den internationalen Durchbruch. 1992 trat er als Chef in Los Angeles an, nach 17 Jahren wechselte er 2008 in gleicher Position zum Philharmonia, mit dem er schon mehrfach in Laeiszhalle und Elbphilharmonie gastierte. Letztlich zog es ihn aber zurück nach Kalifornien: Seit 2020 leitet er das San Francisco Symphony.

Esa-Pekka Salonen
Esa-Pekka Salonen © Clive Barda

Als Komponist schöpft Salonen aus dem vollen Fundus der zeitgenössischen Tonsprache. Wie seine nicht minder prominenten Landsleute Kaija Saariaho and Magnus Lindberg, mit denen er in jungen Jahren ein experimentelles Ensemble gründete, und wie sein Lehrer Einojuhani Rautavaara lässt er sich nicht auf eine bestimmte Schule festlegen. Im Gegensatz zur Komponistengeneration vor ihm hat er jedenfalls keine Angst vor einem an die Spätromantik anknüpfendem Wohlklang, gepaart mit einer gewissen skandinavischen Herbheit à la Jean Sibelius und einem im besten Sinne amerikanischen Sinn für effektvolle Orchesterbehandlung. Nie würde er »gegen« die Instrumentalisten schreiben, erklärte er einmal. Gleichzeitig gilt Salonen als technikaffin, verwendet in seinen Werken auch elektroakustische Samples und hat zahlreiche crossmediale und interaktive Projekte realisiert: Im Kaispeicher der im Bau befindlichen Elbphilharmonie lief 2013 seine Orchesterinstallation re-rite.

All diese Aspekte treffen auch auf das gut 30-minütige Wing on Wing zu, das er 2004 für die erste Saison im neuen Konzerthaus an der West Coast komponierte. Der Titel stammt aus der Seglersprache und entspricht dem deutschen »Schmetterling«: Bei Wind von achtern werden das Vorsegel und das Großsegel auf unterschiedlichen Seiten des Masts geführt, um maximalen Vortrieb zu erreichen. Die Assoziation bezieht sich natürlich auf den Entwurf von Frank Gehry, dem das Werk neben Yasuhisa Toyota gewidmet ist – in Salonens Worten »eine Hommage an ein außergewöhnliches Gebäude eines außergewöhnlichen Mannes«.

Walt Disney Concert Hall
Walt Disney Concert Hall © Gehry Partners, LLP

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, fährt Salonen nicht nur ein groß besetztes Orchester auf, sondern ergänzt es um ebenso effektvolle wie merkwürdige Elemente. Zunächst bittet er zur Erweiterung der Klangpalette zwei Sopranistinnen hinzu, die allerdings keinen Text singen, sondern wie Instrumente eingesetzt werden und sich überdies im Raum bewegen (was in der Disney Hall und der Elbphilharmonie gleichermaßen reizvoll ist). Zudem nutzt er zugespielte Samples – einerseits von Frank Gehrys Stimme, andererseits vom Nördlichen Bootsmannfisch. Ja, kein Scherz: Dieser Meeresbewohner hat es an der kalifornischen Küste zu einiger Popularität gebracht. Zwar ist der am Meeresboden lebende, krötenähnliche Fisch eher unansehnlich, doch verfügt er über die erstaunliche Fähigkeit, mit seiner Schwimmblase laut brummende Balzrufe zu produzieren, die auch an Land gut zu hören sind und an eine tiefe Oboe oder ein Handy im Vibrationsmodus erinnern. Damit das Tier nicht ertaubt, wird der entsprechende Frequenzbereich in seinem Ohr währenddessen stummgeschaltet.

Dass Salonen Fische in seine Komposition einarbeitet, ist nicht nur skurriles Lokalkolorit, sondern spielt auch auf Gehry an, der zu Beginn seiner Karriere Lampen in Fischform designte und 1992 am Strand von Barcelona anlässlich der Olympischen Spiele eine 50 Meter große goldene Fischskulptur schuf.

Wing on Wing lässt sich grob in vier Abschnitte unterteilen: eine choralartige Einleitung, einen ersten Höhepunkt in Form eines veritablen Sturms, der eher nordisch als kalifornisch daherkommt, einen ruhigeren Teil mit einer Art Solokadenz der singenden Fische, schließlich das große Finale. Und auch wenn Esa-Pekka Salonen bei der Komposition ein anderes Konzerthaus vor Augen gehabt hat – das Stück wirkt, als sei es eigens für die Elbphilharmonie im Hamburger Hafen entstanden.

Text: Clemens Matuschek

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