Video on Demand vom 2.4.2021
verfügbar bis 1.7.2021

Bach: Matthäus-Passion

Das französische Barock-Ensemble Pygmalion spielt Bachs geistliches Meisterwerk – ein Konzert-Stream aus der Provence.

Eigentlich hätten sie alle am 29. März 2021 hier in der Elbphilharmonie sein sollen: Das französische Ensemble Pygmalion, sein junger Leiter Raphaël Pichon, eine ganze Reihe hervorragender Gesangssolisten wie Stéphane Degout oder Julian Prégardien – und vor allem: Johann Sebastian Bach. Als Eröffnung des Osterfestivals stand eine Aufführung seiner berühmten »Matthäus-Passion« auf dem Programm. Diese Vertonung der Leidensgeschichte Christi gehört zu den bedeutendsten geistlichen Werken überhaupt.

In der Elbphilharmonie kann das Konzert Corona-bedingt leider nicht stattfinden, ausfallen muss es aber nicht: Die Musiker senden einen Konzert-Stream aus einer wunderschönen alten Kirche (Église de la Madeleine) im südfranzösischen Aix-en-Provence.

Pygmalion
Pygmalion © Fred Mortagne

»Diese fast schon unverschämt mühelose Virtuosität und Perfektion, diese Schwerelosigkeit – und dann wieder diese berührende Schlichtheit und Innigkeit oder wahlweise auch tief empfundene Expressivität!«

BR-Klassik über das Pygmalion

Besetzung

Pygmalion Chor und Orchester

Maîtrise de Radio France Chor

Julian Prégardien Evangelist
Stéphane Degout Jesus
Christian Immler Pilatus
Sabine Devieilhe Sopran
Hana Blažíková Sopran
Lucile Richardot Alt
Tim Mead Countertenor
Emiliano Gonzalez Toro Tenor
Renoud Van Mechelen Tenor

Leitung Raphaël Pichon

Programm

Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Matthäus-Passion BWV 244 (1727)

Das Ensemble: Pygmalion

Bachs Musik spielt für das Pygmalion eine ganz zentrale Rolle. Vor 15 Jahren gründete sich die französische Formation anlässlich des großen Europa Bach Festivals und legt seitdem einen besonderen Schwerpunkt auf den barocken Großmeister. Das Pygmalion – übrigens bestehend aus Orchester und Chor – widmet sich mit großer Leidenschaft und Genauigkeit der historischen Aufführungspraxis, die einen möglichst authentischen Barock-Sound sucht. Unter der Leitung seines Gründers Raphaël Pichon, der selbst ausgebildeter Countertenor ist, hat das Ensemble schon zahlreiche ausgezeichnete Alben aufgenommen.

In Hamburg wären die Barock-Spezialisten nicht zum ersten Mal zu Gast gewesen. Bereits 2013 erregten sie mit einem Konzert in der Laeiszhalle viel Aufmerksamkeit – »unwiderstehlich«, jubelte die Kritik.

Raphaël Pichon
Raphaël Pichon © Fred Mortagne

In Hamburg wären die Barock-Spezialisten nicht zum ersten Mal zu Gast gewesen. Bereits 2013 erregten sie mit einem Konzert in der Laeiszhalle viel Aufmerksamkeit – »unwiderstehlich«, jubelte die Kritik.

Pygmalion / Chor Pygmalion / Chor © Diego Salamanca
Raphaël Pichon Raphaël Pichon © Piergab
Julian Prégardien Julian Prégardien © Peter Rigaud
Stéphane Degout Stéphane Degout © Jean-Baptiste Millot
Christian Immler Christian Immler © Marco Borggreve
Sabine Devieilhe Sabine Devieilhe © Jean-Baptiste Millot
Hana Blažíková Hana Blažíková © Vojtěch Havlík
Lucile Richardot Lucile Richardot © Igor Studio
Tim Mead Tim Mead © Benjamin-Ealovega
Emiliano Gonzalez Toro Emiliano Gonzalez Toro © Michel Novak
Reinoud Van Mechelen Reinoud Van Mechelen © Senne van der Ven
Ensemble Pygmalion Ensemble Pygmalion © Piergab

Evergreen mit Startschwierigkeiten :Bachs »Matthäus-Passion«

Warum interessiert uns die Passionsgeschichte heute eigentlich noch? Ein Drittel aller Deutschen geht überhaupt nicht mehr in die Kirche, ein paar Prozent vielleicht noch an Weihnachten. Und die blutige Geschichte von der Kreuzigung Jesu, all das Leiden und Büßen, Reuen und Strafen, scheint eigentlich nicht mehr so recht in unsere heutige Zeit zu passen. Dennoch ist insbesondere Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion aus unserem Kulturleben nicht wegzudenken, wird sie Jahr für Jahr an zahlreichen großen und kleinen Kirchen von Laien und von Profis aufgeführt und findet mühelos ihr Publikum.

Am Anfang war das Schweigen

Das war nicht immer so. Im Gegenteil: Bei seiner Uraufführung am 11. April 1727 erntete das Werk zunächst einmal – Schweigen. Keine Rezension, kein Bericht vom Leipziger Stadtrat (damals Bachs Arbeitgeber), kein Brief und keine persönliche Notiz ist nach der Uraufführung überliefert. Und es kam noch schlimmer: Nach nur vier Aufführungen zu Lebzeiten des Komponisten verschwand das Werk in der Versenkung. Erst hundert Jahre später wurde es wiederentdeckt – von einem unternehmungslustigen Zwanzigjährigen, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, dem vergessenen Thomaskantor zu neuem Ruhm zu verhelfen. Sein Name war Felix Mendelssohn Bartholdy.

Mit der Aufführung einer stark gekürzten Matthäus-Passion 1829 durch die Berliner Sing-Akademie unter Leitung Mendelssohns wurde nicht nur dieses Werk wieder zu Ehren gebracht. Nein, eine ganze Bach-Renaissance kam ins Rollen, die bis heute anhält. Doch wie kam es zu diesem Wandel? Was hörten Mendelssohns Zeitgenossen in der Matthäus-Passion, was hören wir heute darin, das Bachs Zeitgenossen entging?

Johann Sebastian Bach
Johann Sebastian Bach © Elias Gottlob Haussmann/Wikimedia Commons

Eine Oper in der Kirche?

»Behüte Gott! Ist es doch, als ob man in einer Opéra-Comédie wäre!«, klagt eine Adlige, als sie 1729 der zweiten Aufführung der Matthäus-Passion beiwohnt. Das ist nicht als Kompliment gemeint. Opernmusik in der Kirche war damals unerwünscht – Bach hatte sich sogar eigens vertraglich verpflichten müssen, keine zu opernmäßige Musik zu kirchlichen Anlässen zu schreiben. Und doch trifft die Kritikerin den Nagel auf den Kopf: Bachs Musik zur Matthäus-Passion ist in der Tat von ungeheurer dramatischer Wucht.

Thomaskirche in Leipzig 1735
Thomaskirche in Leipzig 1735 © Wikimedia Commons

Mit zwei Chören, zwei Orchestern und einer Dauer von gut zweieinhalb Stunden sprengt das Werk den Rahmen des damals Üblichen bei Weitem – und Bach holt aus dieser Konstellation alles an Ausdruck heraus, was ihm zu Gebote steht. Schon der überwältigende Eingangschor, »Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen«, steht in der Oratorienliteratur einzig da. Mit seinem als Dialog angelegten Gesang zieht er den Zuhörer unmittelbar ins Passionsgeschehen hinein. Über diesem chorischen Zwiegespräch schwebt eine dritte, nur aus Sopranen bestehende Stimmgruppe mit der Choralstrophe »O Lamm Gottes unschuldig«. Dieser gewissermaßen aus Himmelshöhen herabsteigende Gesang gibt dem Hörer schon zu Beginn des Werkes den Schlüssel zu seiner Deutung an die Hand: Ja, es ist schrecklich, was hier passiert – aber darin steckt eine tröstliche Botschaft, die uns alle angeht.

Zukunftsmusik

Auch im weiteren Verlauf bleibt Bach dabei, das Passionsgeschehen auf zwei Ebenen zu schildern. Auf der reinen Handlungsebene erzählt der Evangelist die Geschehnisse im Wortlaut der Bibel nach. Dabei unterstützen ihn einige Solisten und der Chor in den Rollen von z.B. Pilatus, Petrus, Jüngern oder dem Volk. In den Arien und Chorälen wiederum unterbricht Bach die Nacherzählung. Hier wird das Passionsgeschehen auf einer allgemeineren Ebene reflektiert: Was bedeutet es für die Zuhörer heute? Für jeden einzelnen von uns?

Das alles war an sich nicht neu. Dass eine erzählende und eine reflektierende Ebene sich abwechseln, gab es schon in früheren Oratorien. Kein Komponist vor Bach hat es jedoch geschafft, dieser Erzählweise eine solche dramatische Dichte und Durchschlagskraft einzuhauchen. Und so brauchte es vielleicht tatsächlich die aufkommende Romantik, in der Mendelssohn geboren wurde, um die Matthäus-Passion würdigen zu können. Bach selbst war sich der Bedeutung seines Werks übrigens durchaus bewusst: Die Handschrift der Partitur fertigte er mit besonders großer Sorgfalt an – sie ist bis heute das schönste und kostbarste Autograph aus seiner Feder.

Bachs Handschrift vom Ende des ersten Chores »Kommt ihr Töchter, helft mir klagen«
Bachs Handschrift vom Ende des ersten Chores »Kommt ihr Töchter, helft mir klagen« © IMSLP/Wikimedia

Text: Juliane Weigel-Krämer, Stand: 22.03.2021

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