David Longstreth

5 Fragen an Dave Longstreth

»Ich weiß, dass wir Menschen das ändern können und müssen!« Der Frontsänger der Dirty Projectors über sein erstes Orchesterwerk und über unsere Verantwortung gegenüber der Natur.

Ein neues »Lied von der Erde« – weit über 100 Jahre nach Gustav Mahlers berühmten Liederzyklus präsentiert Dave Longstreth im Rahmen des Elbphilharmonie Sommers seinen »Song of the Earth in Crisis«. Komponiert für das experimetierfreudige Berliner Orchesterkollektiv Stargaze, legt der Frontmann der Dirty Projectors hiermit sein erstes umfassendes Werk für Orchester vor.

»Seit der Uraufführung von Gustav Mahlers ›Lied von der Erde‹ hat sich unser Verhältnis zur Erde dramatisch verändert. Es schien also an der Zeit, diese Idee neu zu formulieren«, erklärt der amerikanische Musiker. Kurz vor der Uraufführung spricht er über seine Verbindung zu Mahler, über die einzigartigen Ausdrucksmöglichkeiten von Musik und seine Hoffnung auf ein harmonischeres Verhältnis von Mensch und Natur.

01

Sie haben sich für Ihre Komposition von Mahlers berühmtem Liederzyklus »Lied von der Erde« inspirieren lassen. Die Musik klang damals natürlich ganz anders. Was für eine Verbindung empfinden Sie dennoch zu Komponisten wie Gustav Mahler?

Musik ist etwas Einzigartiges. Musik zu schreiben oder zu spielen, gibt einem die Chance, so etwas wie den Stoff eines Traumes zu teilen. Und Träume haben eine lange Lebensdauer, denn sie sind zeitlos und entspringen aus den tiefliegendsten Schaltkreisen des menschlichen Betriebssystems, wenn man das so sagen kann.

In Mahlers Träume geworfen zu werden, ist auch heute noch so intensiv, weil sie so lebendig sind – durch ihren enormen musikalischen Reichtum und ihre wilde, raffinierte Sprache. Ich liebe das Gefühl, an einem fremden Ort zu sein, der doch vertraut ist. Ein fremder Traum, der doch mein eigener werden kann. Es ist ein Geschenk, die Welt so kennenzulernen.

02

»Song of the Earth in Crisis« ist Ihr erstes so umfassendes Werk für ein »klassisches« Orchester. Was sind für Sie dabei besondere Herausforderungen oder auch besondere Chancen?

Meine innere Stimme fing plötzlich an, einen ganz speziellen Dialekt zu sprechen – ohne, dass ich dies absichtlich herbeigeführt hätte. Es war, als würde sich innerlich ein Kehlkopf öffnen, der vorher zugeschnürt war. Ich bin André de Ridder, dem Leiter von stargaze, sehr dankbar für diese Chance und für die ermunternden Gespräche in den letzten Jahren. Dass wir das Werk jetzt sogar in der Elbphilharmonie uraufführen dürfen, ist eine ganz besondere Freude!

03

Ist Ihre Musik als ein Appell zu verstehen?

Ich liebe die Natur und habe eine große Ehrfurcht vor der Wildnis. Die Natur ist für mich etwas Heiliges und ich hoffe sehr, dass irgendwann ein harmonischeres Verhältnis herrscht zwischen dem Planeten und seinen Menschen, die auf seiner Oberfläche herumtrampeln und über alle anderen Bewohner zu herrschen meinen. Ich liebe den Erfindungsreichtum der Menschheit und die grenzlose Plastizität unseres Verstandes. Und gleichzeitig ist mir der destruktive Weg zuwider – diese vermeidbare Sackgasse –, auf dem wir uns gerade befinden. Ich weiß, dass wir uns ändern können und müssen.

Das sind meine ganz persönlichen Überzeugungen, aber sie haben politische Konsequenzen. Denn wir hängen da alle zusammen drin, ob wir wollen oder nicht.

David Longstreth David Longstreth © Jason Frank Rothenberg

»Zu hoffen, stärkt uns. Nur mit Hoffnung können wir dieser Krise begegnen.«

04

Wie bilden Sie die Krise der Welt musikalisch ab?

Ich habe tatsächlich versucht, Mahlers Beispiel zu folgen. Sein »Lied von der Erde« ist geprägt von Gegensätzlichkeiten. Diese Musik – in ihrem freien Umgang mit der Tonalität, die ständig zwischen der bekannten Dur-Moll-Welt und älteren Kirchentonarten changiert, sowie in der kaleidoskopartigen Klangstruktur – fühlt sich an wie ein einziger langer »Liebestod«. Ist das nun eine Krise oder Glückseligkeit?

In den Texten, die Mahler ausgewählt hat, kommen einerseits junge Leute vor, die in einem Pavillon sitzen, Gedichte schreiben und Tee trinken – andererseits aber auch Bilder des Verfalls, von herbstlichen Blättern und kühlem Raureif auf kahlen Ästen. Alles ist vergänglich, Wachstum und Verfall existieren nebeneinander: Licht, und Hoffnung, Fruchtbarkeit und spirituelle Begegnungen, aber auch Leere und die Unausweichlichkeit des Todes – das alles sind doch vertraute Gefühle und Gewissheiten.

Wie sonst könnte man das menschliche Zeitalter denn abbilden: diese beispiellose Spezies und den Verlust ihres Lebensraums, die Entwicklung der Erdoberfläche hin zu einem asphaltierten Gitter aus Parkplätzen, Einkaufzentren und Handelsstraßen, das damit verbundene Leid von Menschen und Tieren? Ich denke: nur mit schmerzhaften Dissonanzen, unerbittlich zerstörerisch.

Und dennoch: Das ist nicht die Musik, die ich geschrieben habe. Ich verstehe selbst nicht, warum. Gegen Ende des Komponierens wurde mir bewusst, dass mein Stück weniger ein »Lied über die krisengeschüttelte Erde« geworden ist als vielmehr ein »Lied von der Erde«: eine Liebeserklärung an die Erde und die Menschen; ein Gebet, dass wir es besser machen, unser Chaos in Ordnung bringen.

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05

Gibt es in Ihrer Musik noch Hoffnung?

Ja! Es wird unseren vollen Einsatz erfordern, um eine nachhaltige Gesellschaft für acht Milliarden Menschen zu gestalten. Aber Hoffen, Träumen und Musizieren stärkt uns. Nur mit Hoffnung können wir dieser Krise begegnen.

Interview: Julika von Werder

Stand: 12. Juli 2021

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