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Kein Kommentar vom Avatar

Über das interaktive Computerspiel »Genesis« von Alexander Schubert

»Meine größte Sorge grade? Dass es langweilig werden könnte.« Aber ganz ehrlich, Alexander Schubert – ist das nicht Koketterie? Kann überhaupt langweilig werden, was der Hamburger Komponist gerade im Kraftwerk Bille plant? Sein Projekt »Genesis« gibt dem Publikum die Möglichkeit, einmal Gott zu spielen, einzutauchen in eine Art Realität gewordenes Computerspiel, in dem alles möglich ist: Vier Personen steuern online jeweils einen Avatar, also einen Stellvertreter, durch einen anfangs komplett leeren Raum.

Genesis: Trailer

Sie können verschiedene Materialien bekommen und verarbeiten, eine Welt erschaffen, bereits Erbautes zerstören, zusammenarbeiten oder sich bekriegen, Träume wachsen oder zerplatzen lassen. Sie sehen und hören, was ihr Avatar sieht und hört. Und sie können ihm oder ihr sagen, was als Nächstes passieren soll: »Hol eine Kettensäge, eine Vase, eine Kerze und eine Mundharmonika!« »Ich brauche das große Tuch und die lange Stange. Und dann frag die andere Frau, ob sie dir beim Zeltbauen hilft.« Vielleicht aber auch: »Setz dich in die Mitte des Raums und schau den anderen zu.« Dann würde es eventuell doch langweilig.

Aber die Chance dafür ist klein. Und die Faszination an virtuellen Welten groß. Performances wie die, die Schubert gerade erarbeitet, sind nichts grundsätzlich Neues; die Gruppe machina ex etwa entwickelte mehrfach Theaterstücke, die wie begehbare Computerspiele funktionieren, in denen das Publikum selbst bestimmen kann, wie es weitergeht, und die berühmte »vierte Wand«, die Trennung zwischen Zuschauerraum und Bühne, einfach einreißt und mitmischt.

Schuberts Zugang zu diesem Thema ist stärker künstlerisch orientiert als der von machina ex, deren »Theater-Games« wie die Einszueins-Übertragung eines Computerspiels in die reale Welt funktionieren. »Genesis« will gesellschaftliche Tendenzen erforschen – und dabei gleichzeitig dem Forschungsgegenstand die Möglichkeit geben, aktiv teilzuhaben.

Genesis
Genesis © Alexander Schubert

Elbphilharmonie Magazin

Dies ist ein Ausschnitt aus dem Elbphilharmonie Magazin (1/2018), das dreimal pro Jahr erscheint.

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Uns interessiert die Interaktion zwischen den Personen, die die Avatare steuern.

Alexander Schubert

DIE VOLLE WUCHT DES COMPUTERS

Streng genommen ist Schubert mit seinen 40 Jahren ein bisschen zu früh geboren, um noch als waschechter Digital native durchzugehen. Er bezeichnet sich trotzdem so. Im Vergleich zu den nächstjüngeren Generationen trat der Computer erst spät in sein Leben, dafür aber mit voller Wucht. »Ich habe mich allem durch dieses Interface genähert«, sagt er. Als habe der Rechner eine Verbindung des eigenen Seins zur Außenwelt überhaupt erst möglich gemacht. Damals nutzte er den Computer vor allem für Musik: Elektronik, Hardcore, Freejazz, Klangcollagen, Samples, Techno – viele Namen für verschiedene Möglichkeiten von computergenerierten Sounds.

In Leipzig studierte Schubert dann Neuroinformatik und Kognitionswissenschaft. Passt. Aber die Musik blieb. Also kam anschließend ein Master in »Multimedialer Komposition« an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg dazu. Seit mehr als 15 Jahren ist dieser Studiengang deutschlandweit einzigartiger Anlaufpunkt für alle, die mit dem Computer statt mit echten Instrumenten Musik machen wollen.

In dieser Zeit beschäftigte sich Schubert vor allem mit denjenigen, die Musik aufführen, mit den Menschen auf der Bühne. Was bedeutet es, selbst Musik zu machen? Welche Rolle spielen Konzertformate? Kann ein Schlagzeuger ohne Schlagzeug, allein mit Sensoren, die an seinen Gliedmaßen befestigt sind, Musik machen? Spoiler: Kann er, eindrucksvolle Videobeweise vom Stück »Laplace Tiger« (2009) findet man online.

Genesis
Genesis

Die dabei entstandenen Werke waren sehr intensiv, denn Schubert mag starke Reize. Für ihn passiert bevorzugt alles gleichzeitig, garniert mit Blitzlichtern, um auch ja den Sehnerv nicht zu langweilen. Was andere eventuell als aggressiv und bedrohlich wahrnehmen, bedeutet für ihn die Freiheit, sich fallen zu lassen, sich hingeben zu können.

Ein technikgläubiger Nerd, der ohne Rücksicht auf Verluste seinen digitalen Gott verteidigt, ist Schubert dennoch nicht geworden. Er erkennt durchaus Gefahren darin, wie die Digitalisierung die Gesellschaft immer stärker beeinflusst. »Aber ich tendiere auf jeden Fall dazu, die Vorteile zu sehen. Einfachere Demokratisierung, Sachverhalte barrierefrei zugänglich zu machen … Ich sehe eher so etwas, statt nur auf die Manipulations- und Täuschungsmöglichkeiten in der digitalen Welt zu schauen.«

KÖRPER IM VIRTUELLEN RAUM

Dabei ist es genau die freie Verknüpfbarkeit von Ursache und Wirkung, die ihn fasziniert. Er möchte herausfinden, was ein virtueller Raum, in dem die Beziehung von Ursache und Wirkung entweder aufgehoben oder ganz neu bestimmt ist, mit einem machen kann. Wie viel Körperlichkeit man da eigentlich noch braucht. Oder will man möglichst viel Körperlichkeit aufgeben, um eine Flucht zu ermöglichen? Und kann diese Flucht vielleicht auch ein Zu-sich-Kommen bedeuten?

Viele Fragen, spannende Fragen, die Schubert nicht nur für sich klären will, sondern auch für alle anderen. Und das ist der Moment, in dem seine Werke von der Bühne »runterschwappen«, wie er es selbst bezeichnet, und in diesem Falle die Userinnen und User ins Zentrum stellen. »Ich will mit meinen Stücken nicht nur darstellen, illustrieren, im Narrativ steckenbleiben, sondern erlebbar und spürbar werden.«

Alexander Schubert
Alexander Schubert © Alexander Schubert

Man merkt Schubert an, dass es ihm schwergefallen ist, im Entwicklungsprozess von »Genesis« nach und nach auf die für ihn so wichtigen starken Reize zu verzichten. In früheren Stücken mit ähnlichem Aufbau gab es noch mehr Regeln, ein stärker intervenierendes Lenken. Und jetzt? »Uns interessiert die soziale Interaktion zwischen den Personen, die die Avatare steuern. Deswegen haben wir uns entschieden, so wenig wie möglich von außen einzugreifen, haben in den Proben das ganze Setting immer weiter reduziert.« Halt, Stopp! So etwas probt man? Und wer ist eigentlich »wir«?

Das Decoder Ensemble: eine Gruppe von Leuten – Schubert inklusive –, die sich 2011 dazu entschied, sich ausschließlich mit aktuellen Kompositionen zu beschäftigen. Es gibt drei Komponisten in der Gruppe, insgesamt zeigen aber alle sechs festen Mitglieder einen starken Mitgestaltungswillen. Experimentelle Performances, multimediale Setups, musikalische Konzeptkunst – nichts kann diese Künstler schrecken, ganz im Gegenteil. Und natürlich proben sie. Auch so etwas wie »Genesis«. 

Ich erforsche, was Digitalisierung mit den Menschen macht.

Alexander Schubert

WELCHE REGELN SIND SINNVOLL?

Für dieses Projekt verfünffacht sich das Ensemble auf mehr als 30 Personen, die sich gemeinsam mit Alexander Schubert, Heinrich Horwitz (Dramaturgie) und Carl-John Hoffmann (Technik) um den Aufbau und die Durchführung kümmern.

Decoder Ensemble
Decoder Ensemble © Alexander Schubert

In den Proben testen sie, welche Regeln sinnvoll sind, welche nicht. Welche Materialien für den Fundus lohnend sind, welche nicht. Wie lange eine Zeitslot zum Mitspielen aus Perspektive der Userinnen und User bestenfalls dauert, wie lange die Avatare überhaupt durchhalten. Und dabei kam heraus, dass weniger mehr ist. Es wird sehr viele Freiheiten geben bei »Genesis« – vielleicht ist das der Grund für Schuberts Langeweile-Bedenken. Was nicht geprobt wird: Noten. »Ich schreibe keinen Ton dafür«, sagt er und stößt damit die Tür ganz weit auf für die Frage, warum ein Kammermusik-Ensemble so etwas wie »Genesis« macht, wenn Musik (im Zweifelsfall) gar keine Rolle spielt.

Eine zufriedenstellende Antwort gibt es natürlich nicht. Das ist das Recht der künstlerischen Freiheit: nicht immer Antworten geben zu müssen. »Ich erforsche, was Digitalisierung mit den Menschen macht.« Ob dabei die Musik eine Rolle spielt oder nicht, wird sich zeigen. Musikinstrumente stellt die Gruppe auf jeden Fall zur Verfügung in diesem virtuellen Raum der anderen Art.

Text: Renske Steen, Stand: 27.3.2020

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