John Lennon und Yoko Ono, Bed-in for peace, Amsterdam

Musik und Liebe

Achtung, die folgenden Fettnäpfchen werden riesig! Und sie lauern hinter jeder Ecke. Denn es geht um Liebe und Musik. Um Musik und Liebe.

Geht das eine überhaupt ohne das andere? Fängt nicht jeder verliebte Mensch irgendwann an, zu summen? Vor Glück, vor lauter Gefühlsduseligkeit, weil es einfach raus muss … Und wenn’s mit der Liebe dann vorbei ist, dann geht’s erst richtig los mit der Musik. Was wurden nicht schon für Songs geschrieben in diesem Schmerz, der sich im ganzen Körper ausbreitet und bis in die kleinste Faser spürbar ist.

Und da wären wir wieder bei den Fettnäpfchen. Denn im Rausch der Liebe passieren Dinge, die nüchtern betrachtet (oder vielmehr gehört) gar nicht mal so gut sind. Schwülstigkeiten, Grenzüberschreitungen, Pathos, Ekstase – alles dabei, alles schon erlebt. Ist man allerdings in der richtigen Stimmung, dann trifft es voll ins Herz. Das erklärt wohl auch, warum Liebeslieder so erfolgreich sind. Und warum es sie bereits so lange gibt.

Unerfüllte Liebe

Denn wenn man genau hinschaut, liegen die Beweggründe, Musik zu komponieren, ganz schön oft in der Nähe von Liebesdingen. Das war schon vor vielen Jahrhunderten so, als die Troubadours in Südfrankreich über die Liebe zu einer zumeist adligen und verheirateten Dame sangen – ohne übrigens an eine Erfüllung dieser Liebe überhaupt nur zu denken. Neu war damals, dass die Texte in der Alltagssprache und nicht in Latein verfasst waren. Außerdem waren vor allem arme, nicht-adlige Troubadours auf den provençalischen Straßen unterwegs, die trotzdem die Chuzpe besaßen, von unerreichbaren Frauen zu singen. Und das auch noch so, dass es jeder verstand!

Musik der Troubadours

Mit den Troubadours gründete sich eine Tradition, die bis heute besteht und die Gesellschaft Frankreichs spürbar prägte: Paris – die Stadt der Liebe, die französische Sprache, Serge Gainsbourg, Georges Brassens, Edith Piaf, Chanson, Eclair, Champagner, Pomme d’amour, die Millionen herzförmigen Schlösser am Pont des Arts. Oh là là!

Mitten rein ins triefende Klischee also. Zum Glück gibt’s inzwischen Künstler:innen wie Albin de la Simone oder Pomme, die das Chanson ein wenig von seiner Floskelhaftigkeit befreien und trotzdem im Sinne der Erfinder – der Troubadours – über die Liebe singen.

Pomme

Aber warum überhaupt singen? Was ist das für eine geheimnisvolle Verbindung zwischen Liebe und Musik, die jetzt sogar das Internationale Musikfest 2023 als Motto stolz verkündete?

Es ist ja so: Wann immer ein Mensch Leidenschaft und Anziehungskraft spürt, schüttet der Verstand Serotonin und andere Hormone aus – diese besagten »Wohlfühl«-Substanzen, die der Körper von sich aus produzieren kann. Und Musik scheint diese Produktion noch zu intensivieren. Außerdem kann Musik erlebte Emotionen in unseren Gedächtnisspeichern verankern und somit solche Gedanken tatsächlich verstärken.

Dieser Moment also, wenn jemand bei einer Party ruft: »Das ist UNSER Lied« – und eine andere Person mit sich auf die Tanzfläche zieht. Um dann noch mal so richtig einzutauchen in besondere Erinnerungen; nice feelings reloaded.

Zu Tränen gerührt

Aber: Funktioniert das mit dem Serotonin und dem Gedächtnisspeicher auch, wenn es gar keinen Text gibt? Kann Musik pur dieselben Gefühle auslösen? Na klar!

Tatsächlich hören nur die wenigsten wirklich zu und verstehen und verfolgen die gesungenen Texte. Es sind also die Töne, die Klänge, die den Unterschied ausmachen und die die Zuhörenden sogar zu Tränen rühren können.

Was zur nächsten Frage führt, nämlich: Weint dann während des Songschreibens eigentlich auch der oder die Songschreiber:in? Nun, das ist eine so persönliche Angelegenheit, die ja nichts mit dem Können oder dem Talent zu tun hat, dass es dazu natürlich keine belastbaren Angaben gibt. Man findet aber gerade in manch klassischen Werken Hinweise darauf, dass eine bestimmte Stelle den Komponisten oder die Komponistin sicherlich nicht kalt gelassen hat.

Wolfgang Amadeus Mozart zum Beispiel überschrieb in einem erst nach seinem Tod ergänzten und veröffentlichten Sonatensatz einen verminderten Akkord mit »Constanze«, während einen Takt vorher über dem Moll-Akkord mit Sekundvorhalt »Sophie« steht. Wer das war? Die Schwester der späteren Ehefrau, die Mozart doch eigentlich viel lieber geheiratet hätte.

Und Robert Schumann komponierte in seinen ganz frühen Zyklus für Klavier mit dem Titel »Carnaval« gleich an mehreren Stellen die Initialen der Frau hinein, mit der er für eine kurze Zeit verlobt war. Später dann tauchten wie durch ein Wunder die Anfangsbuchstaben von Clara Wieck auf, deren von Schubert vergebener Phantasiename »Chiarina« dann auch zum Titel einer der Miniaturen wurde.

Robert Schumanns »Chiarina«

Ganz sichergehen wollte dagegen Alexander Skrjabin. Er trug in die Noten seiner Werke Vortragsbezeichnungen ein, die dem Interpreten oder der Interpretin eigentlich ganz unmissverständlich und erstaunlich genau seine eigene Gefühlswelt beschreiben. Da steht dann »schmachtend«, »mit Wollust« oder »mit Entzückung und Zärtlichkeit« oder auch mal: »mit hinreißender Gewalt«. 

Probieren Sie doch mal aus, was bei Ihnen davon ankommt. Bei den Konzerten am 11. und 12. Mai 2023 mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester, Titularorganistin Iveta Apkalna und Dirigent Esa-Pekka Salonen steht nämlich Skrjabins »La poème de l’extase« auf dem Programm.

Und um jetzt auch wirklich alle Fettnäpfchen voll auszukosten, schließt diese kleine Übersicht über die magische Verbindung von Musik und Liebe mit einem zugegeben sehr willkürlichen Ranking der absoluten Power Couples der Musikgeschichte – viel Spaß!

Power Couples der Musikgeschichte

Tristan und Isolde

Tristan & Isolde

Die Königstochter und der junge Ritter, die ein Liebestrank vereinte – sehr zum Ärger der Eltern. Die schönsten Werke, berühmte Opern wurden über sie geschrieben, sogar einen Akkord wurde nach ihnen benannt.

John Lennon und Yoko Ono, Bed-in for peace, Amsterdam

John Lennon & Yoko Ono

Der Gründer der Beatles und die japanische Künstlerin, die ein glamouröses, sehr öffentliches Leben führten und auch musikalisch viel gemeinsam experimentierten.

Clara und Robert Schumann

Robert & Clara Schumann

Eine der ersten großen Künstler-Ehen der Musikgeschichte, bei der beide Seiten für die damalige Zeit erstaunlich eigenverantwortlich agieren und arbeiten.

Johannes Brahms 1866

Clara Schumann & Johannes Brahms

Waren sie nun ein echtes Liebespaar oder nicht? Egal – tiefe Zuneigung haben die beiden auf jeden Fall füreinander empfunden. Für Brahms sollte es die einzig wahre Liebe seines Lebens bleiben.

Al Bano & Romina Power

Nach dem tragischen Unglück um die gemeinsame Tochter gab es zwar eine längere Pause und auch die Scheidung, aber seit 2013 tritt das Italo-Pop-Duo wieder gemeinsam auf. Felicità!

Orpheus geleitet Eurydike aus der Unterwelt: Ölgemälde von Jean-Baptiste Camille Corot (1861)

Orpheus & Eurydike

Auch Halbgötter und Musen können sich ineinander verlieben. Aber bei denen hilft der schöne Gesang trotzdem nicht, wenn das Verlangen doch zu groß ist und die strengen Regeln nicht beachtet werden.

Serge Gainsbourg & Jane Birkin

»Je t’aime … moi non plus« hauchte die Schauspielerin für ihn ins Mikro – das war so lasziv und erotisch, dass viele Radiostationen den Song nicht spielen wollten. 13 Jahre waren die beiden ein Paar, am Ende blieb nur der Song.

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