Wie klingt die Musik der Zukunft? In seinen multimedialen Konzert-Projekten zeigt Zubin Kanga dazu ganz verschiedene Perspektiven auf – mit Sensor-Handschuhen, Synthesizern, einem glitzernden EEG-Helm, verkabelten Klavieren und spektakulären visuellen Effekten. Auch für seine »Elbphilharmonie Session« in der Westspitze des Kaispeichers bringt der gebürtige Australier jede Menge Technik mit, darunter auch seine kleinteilig programmierten Sensor-Handschuhe, mit denen er faszinierende Sound-Effekte und Layerings kreiert. Seine Komposition »Hypnagogia (after Bach)« erzählt vom Halbschlaf auf einem Langstreckenflugs, in dem sich Bachs Harmonien und seine klare melodische Sprache wirkungsvoll mit dem Rauschen der Turbinen vermischen.
Für besondere visuelle Effekte sorgt in dieser »Elbphilharmonie Session« der Video-Künstler Alexander Trattler, der schon in anderen Kontexten mit Zubin Kanga zusammen gearbeitet hat. Mit Verzerrungseffekten reagiert seine Bildsprache auf die vielschichtigen Sound-Ebenen der Komposition.
Die Produktion fand am 17. Mai 2025 statt.
Kunst zwischen Mensch und Maschine
Was in Science-Fiction-Klassikern wie »Star Trek« und »Matrix« noch Zukunftsmusik war, gehört heute immer mehr zu unserem Alltag: Ob smarte Körperprothesen, Assistenzsysteme im Auto oder KI-basierte Tools auf dem Handy – die Schnittstellen zwischen uns und diversen technischen Hilfsmitteln werden immer mehr und immer effektiver. Und das auch in der Kunst: Zubin Kanga erforscht in verschiedenen Projekten, wie sich solche Technologien künstlerisch nutzen lassen. Sein Programm »Cyborg Pianist« erkundet gleich mehrere Möglichkeiten – und passte damit im Mai 2025 perfekt in das Programm des Internationalen Musikfests Hamburg, das unter dem Motto »Zukunft« stand.
Zubin Kanga wurde 1982 in Sydney geboren, seine Eltern sind Ingenieure. Er studierte Musik, Philosophie und Informatik in seiner Heimatstadt und setzte sein Musikstudium in London fort. Forschungen und Lehraufträge führten ihn an die Universität Nizza, das Pariser IRCAM und die Royal Holloway University in London. Er tritt bei relevanten Neue-Musik-Festivals quer durch Europa auf, arbeitet mit zahlreichen renommierten Komponist:innen zusammen und brachte bereits mehr als 160 Uraufführungen auf die Bühne. Für sein groß angelegtes Forschungsprojekt »Cyborg Soloists« erhielt Kanga ein hochdotiertes UK Research and Innovation Future Leaders Fellowship, über das er rund 60 Kompositionen in Auftrag gab.
Bach im Halbschlaf auf einem Langstrecken-Flug
»Hypnagogie« bezeichnet den schwebenden Geisteszustand zwischen Wachsein und Einschlafen, in dem unser Gehirn zwischen Reflexion, Assoziation und Halluzination wechselt. Zubin Kanga erinnert sich an viele solcher Zustände während der Langstreckenflüge zwischen Europa und seiner australischen Heimat. Einmal schien es ihm, als würden die Flugzeugturbinen den Schluss-Chor »Wir setzen uns mit Tränen nieder« aus Johann Sebastian Bachs »Matthäuspassion« singen – ein Eindruck, den er in seinem fasznierenden Werk »Hypnagogia (after Bach)« einfängt. Die effektvolle und raumzeitlose Musik kombiniert einen »Korg Prologue«-Synthesizer, ein elektronisch verstärktes Klavier und »MiMU«-Handschuhe, die dank eingebauter, frei programmierbarer Sensoren in den einzelnen Fingern und am Handgelenk den Klang differenziert beeinflussen.
»Hypnagogia (after Bach)« entstand im Rahmen des Projektes »Cyborg Soloists«, unterstützt durch ein UKRI Future Leaders Fellowship und der Royal Holloway, University of London.
Der Ort
Im ehemaligen Gastronomiebereich in der Westspitze des Elbphilharmonie-Kaispeichers befindet sich seit der Saison 2024/25 eine wandelbare Pop-Up-Bar mit spektakulärem Blick auf den Hafen. Neben einzelnen Gesprächsformaten und Sonderveranstaltungen fanden im lichtdurchfluteten Raum im Rahmen von Festivals auch schon mehrfach After-Show-Events statt – in gemütlicher Wohnzimmer-Atmosphäre oder mit DJs und Partystimmung.
Langfristig soll in den von der Tube (Rolltreppe) aus zugänglichen Räumlichkeiten ein neues und erweitertes Musikvermittlungsangebot. Der Barbereich am großen Panoramafenster bleibt aber auch in Zukunft den Konzertbesucher:innen vor und nach dem Konzert zur Verfügung stehen.
Produktion:
Udo Potratz Sound
Jasper Techel Director of Photography
Gert Seggewiss Camera Assistant
Jonah Hollwege Drone
Alexander Trattler Visual Effects
Julian Conrad Edit
Julika von Werder Production Management
Zur Reihe
Für die Elbphilharmonie Sessions nehmen Künstler:innen exklusive Musikvideos in Elbphilharmonie und Laeiszhalle auf – manchmal auch abseits der Bühnen, an ungewöhnlichen Orten. Hier findet jeder Sound seine eigene Kulisse.

