Angélique Kidjo

Die Weisheit der Königin

Angélique Kidjo gestaltet ein viertägiges »Reflektor«-Festival in der Elbphilharmonie – und zeigt damit, warum sie zu Recht als die neue »Mama Africa« gilt.

Lange bevor es die heutige Diskussion um Diversität und Inklusion in der Musik gab, hat Angélique Kidjo diese Werte schon gelebt. »Musik ist integrativ, sie gibt dir immer den Raum, das zu sein, was du sein willst«, sagt die Sängerin, die zweifellos zu den wahrhaft kosmopolitischen Stimmen nicht nur Afrikas, sondern des ganzen Planeten zählt. Und sie ist sich sicher: »Wenn politische Systeme auf den Grundsätzen der Musik aufbauen würden, dann hätten wir eine bessere Welt.« Geboren 1960 in der Hafenstadt Ouidah im westafrikanischen Benin, sog Kidjo seit frühester Kindheit kulturelle Einflüsse aus den unterschiedlichsten Stilen und Epochen auf. Ihre Mutter war Choreografin und Theaterdirektorin, ihr Vater ein Mélomane, ein Musikverrückter, der Schallplatten aus aller Welt sammelte und seiner Tochter das Banjo-Spiel beibrachte. Mit sechs stand sie schon auf der Bühne, hatte mit elf ihre erste Band, orientierte sich an den heimischen Traditionen ebenso wie an Soul und Funk. Mit Anfang zwanzig dann hielt sie nichts mehr in Benin – als Freigeist eckte sie mit der damaligen kommunistischen Führung des Landes an.

Kämpferinnennatur

Paris hieß das neue Ziel. Dort bildete sich die junge Frau mit Schauspiel- und Gesangsunterricht weiter und schrieb sich in Jura ein – durchaus bezeichnend für ihre Überzeugungen, die Menschenrechte sind ihr bis heute ein großes Anliegen. In der frühen Weltmusikszene begegnete man Kidjo in den Reihen der Fusionband Pili Pili des Keyboarders Jasper van’t Hof, in der sie ihre resolute, charismatische Stimme erstmals international ertönen ließ. Und ab den frühen Neunzigern konnte sie niemand mehr überhören und übersehen, der sich für afrikanische Musik interessiert: ihre frechen Auftritte im Zebrakostüm, ihre aus der Tradition inspirierten Tanz-Performances, Songs wie »Agolo« von ihrem Debütalbum »Ayé« (1994), mit dem Kidjo den damaligen Afro-Pop in den Sprachen Fon und Yoruba funky machte.

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Von dieser amazonenhaften, forschen Newcomerin hat sich Angélique Kidjo in den vergangenen 25 Jahren längst zu einer Grande Dame gewandelt, die auf ihren Alben und Konzerten stilistische Querverbindungen zwischen Afrika, Kuba und Brasilien knüpft, die vor Präsidenten und Religionsführern singt und sich mit Elan für das panafrikanische Zusammenwirken von Künstlerinnen einsetzt. Ob Benin, Paris oder New York dabei als ihre Basis fungiert, spielt eigentlich keine Rolle mehr – Kidjo ist eine wahre Weltbürgerin. Da nimmt es auch nicht Wunder, dass sie den Ehrentitel ihrer legendären südafrikanischen Kollegin Miriam Makeba (1932–2008) als »Mama Africa« geerbt hat.

Nun gestaltet Angélique Kidjo einen viertägigen Reflektor in der Elbphilharmonie – und nutzt diese Carte blanche, um ein stark weiblich geprägtes Programm zu präsentieren. Mal steht sie selbst auf der Bühne, vor allem aber lässt sie Kolleginnen (und auch ein paar Kollegen) verschiedener Generationen als Gäste zu Wort und Ton kommen. Zwei ganz neue Projekte aus ihrer eigenen Kreativschmiede bilden den Kern des Programms, und es überrascht nicht, dass sich eines davon einer der stärksten Frauengestalten der Menschheitsgeschichte widmet.

Trailer: Angélique Kidjo über das von ihr kuratierte »Reflektor«-Festival in der Elbphilharmonie

Königliches Gipfeltreffen

»Heutzutage sprechen wir immer über die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Vor drei Jahrtausenden war sie bereits verwirklicht – in der Weisheit der Königin von Saba«, sagt Angélique Kidjo im Interview. Das biblische Treffen der vermutlich aus dem Jemen oder aus Äthiopien stammenden Herrscherin von Saba mit dem israelitischen König Salomo in Jerusalem sieht Kidjo als Sinnbild für den Austausch vernünftiger Menschen. In den Rätseln, die die Königin ihrem Gegenüber stellte, wird für Kidjo der Kern der Menschlichkeit, ja der Menschheit deutlich: »Übst du einfach Macht aus, oder sprichst du mit anderen, lässt dich inspirieren, um deine Macht auf ein höheres Niveau zu bringen? Darum geht es bei diesem Treffen.«

Den Anstoß, in die Rolle der »Queen of Sheba« zu schlüpfen, gab ihr der franko-libanesische Trompeter Ibrahim Maalouf, ein großer Verehrer der Sängerin. »Wir fragten uns, was wir zusammen anstellen könnten«, erinnert sich Kidjo. »Die Beziehung zwischen dem Nahen Osten und Afrika sollte jedenfalls eine Rolle spielen – und da stieß ich sofort auf die Legende der Königin von Saba. Ich wählte sieben der vielen Rätsel aus, die sie Salomo stellte, und schrieb darüber Texte auf Yoruba. Ibrahim komponierte die Musik, wobei seine Trompete natürlich die Stimme von Salomo verkörpert.« In der musikalischen Ausformung dieses Tête-à-tête aus dem zehnten vorchristlichen Jahrhundert tritt Kidjos kraftgeladene Stimme also in einen atemberaubenden Dialog mit den Viertelton Schleifen und Improvisationen der Trompete. Maalouf (der beim Reflektor noch einen zweiten Abend mit dem Gitarristen François Delporte gestaltet) hat hier alle seine Tugenden gebündelt: rockige Wucht, jazzige Verspieltheit, sinfonische Räumlichkeit und Emotionalität.

Kidjo & Maalouf mit einem Stück aus dem Programm »Queen of Sheba«

Zeitlos sind die Themen der Rätsel: »Alles dreht sich um den Gebrauch unserer Zunge, darum, ob wir die Wahrheit oder eine Lüge erzählen – denn die Macht der Worte kann töten oder auch heilen.« Es geht um einen wundersamen Vogel, um eine geheimnisvolle Flüssigkeit und einen eigentümlich beschaffenen Stoff. All diese Rätsel verweben Kidjo und Maalouf mit den flammenden Reden der Königin vor dem fremden Thron, mit ihrer Leidenschaft, ihrem Schmerz und dem Stolz ihrer Weiblichkeit. Ein machtvolles Treffen auf Augen- und Ohrenhöhe, das die Gleichberechtigung als ein uraltes Thema der Menschheit verankert, für die Verständigung zwischen den Religionen wirbt – und auch fürs Auge ein Erlebnis wird, wenn Kidjo in fantasievollen Gewändern auf der Bühne agiert.
 

Lieder der Liebe

In ihrem zweiten neuen Projekt wagt sich Kidjo erstmals an ein Duo mit einem klassischen Pianisten – auf durchaus überraschende Weise: In »Les Mots d’Amour« rücken sie und Alexandre Tharaud das klassische französische Chanson in den Fokus. »Am Rande eines Konzerts gestand er mir einmal, dass er eine große Liebe für diese Musik hegt«, erzählt Kidjo. »Das hat mich sehr erstaunt, aber ich fand, dass wir darauf aufbauen sollten.« Und so tauschten die beiden einen riesigen Berg von Texten aus, die für ein gemeinsames Konzertprogramm in Betracht kommen könnten. Die Wahl fiel auf Chansons von Édith Piaf, Claude Nougaro, Serge Gainsbourg, Pierre Perret, Josephine Baker und Barbara, doch die genaue Zusammenstellung ist ständig im Fluss, wird wohl gar eine Bach-Vertonung auf Yoruba umfassen.

Angélique Kidjo & Alexandre Tharaud: »La Foule« von Edith Piaf

Natürlich geht es in »Les Mots d’Amour« stets darum, was der Titel verspricht, doch es ist Kidjo wichtig zu betonen, dass es sich hier nicht einfach nur um hübsche Liebeslieder handelt. Auch die dunklere Seite dieses Gefühls komme zum Tragen: »Verletzlichkeit ist eine Stärke«, betont sie. »Wenn du immer nur Schmerzen vermeiden willst, wirst du nicht leben. Ohne Schmerzen gibt es kein Leben und keine Liebe, ohne Rückschläge gibt es keinen Erfolg. Aber die Botschaft ist: Das Leben geht weiter!«
 

Viele Gäste, ein Idol

Neben diesen beiden eigenen Projekten hat Angélique Kidjo für ihren Reflektor auch zahlreiche Gastkonzerte programmiert – und dazu fast ausschließlich Frauen eingeladen. Sie begründet das mit der Schieflage im Musikgeschäft: »Es ist noch immer nicht einfach für eine Frau, sich durchzusetzen, besonders wenn sie aus Afrika kommt. Die Präsenz, die wir in der westlichen Welt haben, ist minimal. Also nutze ich jede Gelegenheit, junge Afrikanerinnen nach vorne zu bringen. Es gibt keine Plattform, auf der wir existieren können, wenn wir sie nicht für uns selbst schaffen.«

Die große Vorreiterin für die Belange der afrikanischen Frau war zweifellos Miriam Makeba. Angélique Kidjo, die viel Zeit mit Makeba verbrachte und von ihr lernte, nennt die südafrikanische Sängerin immer wieder als Vorbild für ihre Arbeit – und hat dies mit der etwa zwanzig Jahre jüngeren Laura Kabasomi Kakoma, kurz Somi, gemein. Die Sängerin aus New York mit ruandisch-ugandischen Wurzeln hat sich auf Konzeptalben spezialisiert, deren musikalische Erzählungen von der Verwandtschaft zwischen den Kulturen Afrikas und der African Americans berichten.

In ihrem neuen Programm »Zenzile« setzt Somi diesen Dialog zwischen den Kontinenten fort und erweist zugleich ihrem Vorbild Miriam Makeba die Reverenz. »Ich tat mein Bestes, um Miriams Stimme und deren Färbungen zu verstehen«, sagt die Sängerin. »Also habe ich mich in die Geschichte und Kultur Südafrikas vor Ort versenkt. Ich wollte nicht wie sie klingen; ich wollte, dass ein Gespräch zwischen ihrer und meiner Stimme zustande kommt. Dabei stellte ich mir die Frage: Wie würden sich ihre Songs heute anhören, mit dem Sound des 21. Jahrhunderts?«

Somi: »Pata Pata«

Ausgewählt hat Somi schließlich siebzehn Makeba Songs, zu denen sie eine tiefe, intuitive Beziehung hat. Deren »Reimagination« fällt dann ganz unterschiedlich aus: Der Song »Milele« etwa bekam ein zeitgenössisches Afropop-Feeling, während »Malaika« und »Ring Bell« zu Jazzballaden mit ausgefuchsten Harmonien mutiert sind. Und Makebas Erkennungshit »Pata Pata« hat Somi mit dunklen Färbungen aller Tanzlied-Klischees entkleidet. »Besonders die Verwandlungen der Songs ins Jazzige sind für mich auch eine Metapher für die Freiheit, um die Makeba immer kämpfte.«
 

Polyglott Polychrom

Zu den jungen westafrikanischen Künstlerinnen, die bislang von Europa aus gewirkt haben, zählte bis vor Kurzem die Ivorerin Dobet Gnahoré. Jetzt aber ist sie aus Paris in die Elfenbeinküste zurückgekehrt und hat dort das Repertoire für ihr neues Programm »Couleurs« entwickelt. »Ich bekam sehr viel Inspiration durch die Wurzeln, die mich umgeben, durch die verschiedenen Sprachen. ›Couleur‹ steht für die sicht- und hörbaren Farben, auch die Farben der Emotionen.« Gnahoré singt neben Französisch und Englisch auch in der Sprache ihres Volkes, der Bété, sowie in Dida, Djoula, Adjoukrou und Koulango – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der riesigen Palette der 72 Idiome in der Côte d’Ivoire.

Dobet Gnahoré mit »Lève-toi« aus ihrem Album »Couleur«

Musikalisch dagegen geht es quer durch den Kontinent, von südafrikanischen Einflüssen bis hin zum saharischen Wüstenblues-Groove. Denn die 41-Jährige, die ihre Ausbildung in Musik, Tanz und Schauspiel im berühmten ivorischen Künstlerdorf Ki-Yi Mbock erhielt, pflegte schon immer eine panafrikanische Philosophie. Textlich ist Gnahorés wichtigster Themenkomplex die Weiblichkeit in all ihren Ausprägungen: Sie feiert die Zukunft der klugen Frauen und die Mutterschaft, ermutigt Mädchen zur Selbstermächtigung: »Ich durchlebe eine intensive Phase des Wachstums«, bekennt sie. »Ich bin dabei, mich zu emanzipieren, meine Sexualität neu zu entdecken, mich zu behaupten.«
 

Im Reichtum der Facetten

Oum El Ghaït Benessahraoui, die sich als Sängerin schlicht Oum nennt, ist eine der mutigsten Stimmen Marokkos, wenn es darum geht, für die Anliegen der modernen arabischen Frau einzutreten. Dabei vereint sie auch die verschiedenen kulturellen Facetten ihres Heimatlandes: »Die Musik des Marrakesch ist durch meine Ohren in meinen Körper hineingeflossen, ohne dass ich eine Wahl gehabt hätte«, erinnert sie sich an ihre Jugendjahre. Die Musik der Berber, arabo-andalusische Klänge und der nordafrikanische Châabi-Pop finden sich in ihren Liedern Seite an Seite mit westlichen Einflüssen aus Soul und Elektronik; arabische Knickhalslauten erklingen neben E-Gitarre und Trompete.

OUM: »Taragalte« (Soul Of Morocco)

Oum singt auf Derija, der lokalen Variante des Arabischen, hat sich aber ebenso die Kultur der Sahrauis zu eigen gemacht, der westsaharischen Nomaden, denen ihr Vater entstammt. »Es gibt bei den Sahraui ein herausragendes Gespür für Improvisation und Poesie«, sagt Oum. »Und den Frauen wird ein unglaublicher Respekt entgegengebracht.« Oum möchte damit ein Vorbildcharakter für ihre Geschlechtsgenossinnen in der Heimat sein: »Für die, die sprechen, und die, die schweigen; für die, die sich verschleiern, und die, die es nicht tun. All diese Facetten gleichzeitig zu repräsentieren und sie als Reichtum anzunehmen, all das zu verkörpern und sich dabei wohl in seiner Haut zu fühlen – so begreife ich die marokkanische Kultur.«
 

Kosmopolitisches Archipel

Wer an die Musik der Kapverdischen Inseln denkt, dem dürfte gleich der Name Cesaria Evora durch den Kopf gehen. Doch seit dem Tod der barfüßigen Diva 2011 hat sich die Musik des Archipels verjüngt und kosmopolitische Züge angenommen – und Lura ist dabei eine der führenden Figuren. Die Sängerin entdeckt afrikanische Rhythmen wie Batuque, Ferrinho oder Funaná wieder und kombiniert sie mit Einflüssen aus dem Soul. Melodien und Texte großer Autoren wie etwa des Poeten und Kulturministers Mario Lúcio über Geschichten aus dem Inselalltag sind ebenso Bestandteil ihres Repertoires wie politische Themen etwa zur Emigration; all das bereichert sie in ihren Eigenkompositionen gern mit augenzwinkernden Anekdoten.

Lura: »Bla Bla Bla«

Abenteuerlich weltbürgerlich

Mit einer hierzulande noch weitgehend unbekannten Sängerin schließlich komplettiert Angélique Kidjo ihre Auswahl starker afrikanischer Frauen – wobei Shungudzo tatsächlich sogar auf die abenteuerlichste Weltbürgerinnen-Biografie verweisen kann: Sie wurde auf Hawaii geboren, ist aber Simbabwerin, hat Vorfahren auf mehreren Kontinenten. Shungudzo steht für einen Global Pop, der zeit- und grenzenlos ist. In ihrem Sounddesign stecken Indie-Folk, Retro-Soul und Avant-Pop, ihre Gedichte und ihre Videoclips strotzen vor Fantasie, die sich keinen Modediktaten unterwirft. Shungudzo glaubt an die heilende Kraft des Tanzens und an die politische Veränderung durch Musik und Text. »Sie hat eine ungeheure Vision, Dinge zu gestalten, lenkt Songs in eine ganz andere Richtung«, sagt Kidjo über ihre junge Seelenverwandte, die auch auf ihrem letzten Album »Mother Nature« gastierte.

Shungudzo: »It's a good day (to fight the system)«

PS: Doch noch ein Mann

Als Bewahrer der Geschichte und Erzähler von Geschichten, als lobpreisender Dichter, aber auch als kritische Stimme, als das Herz der westafrikanischen Gesellschaft: So lässt sich der Griot definieren. Ablayé Cissoko aus dem Senegal verkörpert diese ein Jahrtausend alte Rolle in ihrer modernen Form. Immer noch ist die Kora, die bis zu 21-saitige Stegharfe, sein Werkzeug. Doch in tiefer Verinnerlichung seiner Tradition bricht er auf zu neuen Ufern, hat ebenso mit Musikern der persischen Klassik zusammengearbeitet wie mit dem US-deutschen Trompeter Volker Goetze. Angélique Kidjo hat ihn für einen Soloabend zu ihrem Reflektor eingeladen – und begründet ihre Wahl so knapp wie einleuchtend: »Ich wollte einfach einen großartigen Musiker präsentieren. Wie mein Vater schon gesagt hat: Talent kennt kein Geschlecht!«

Autor: Stefan Franzen, Stand: 7.12.2022

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