Christoph Lieben-Seutter & Dr. Carsten Brosda

Die Menschheit braucht Orte wie die Elbphilharmonie

Der Generalintendant von Elbphilharmonie und Laeiszhalle, Christoph Lieben-Seutter, und der Hamburger Kultursenator Dr. Carsten Brosda, im Gespräch über 10 Jahre Elbphilharmonie

April 2026

Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant von Elbphilharmonie und Laeiszhalle, und Carsten Brosda, Hamburgs Kultursenator, treffen sich im Intendantenbüro im 10. Stock der Elbphilharmonie. Die Sonne ist gerade untergegangen, mit Blick auf den Hafen schauen sie zurück auf 10 Jahre Elbphilharmonie.

CHRISTOPH LIEBEN-SEUTTER (CLS)In der kommenden Saison jährt sich nicht nur das Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie zum zehnten Mal, sondern auch deine Ernennung zum Kultursenator. Hast du dir 2017 gedacht, dass wir hier 10 Jahre später noch sitzen?

CARSTEN BROSDA (CB)Dass du hier sitzt, davon war ich überzeugt, bei Politikern haben langfristige Prognosen grundsätzlich weniger Sinn. Rückblickend ist es schon eine wahnsinnige Entwicklung, die die Stadt seitdem gemacht hat. Mit welcher Selbstverständlichkeit in Hamburg heute über Musik und Kultur geredet wird – das war vor 10 Jahren undenkbar. Und das hat natürlich viel mit der Elbphilharmonie zu tun und der Arbeit, die du und dein Team hier leisten. Ich habe das Gefühl, die Hamburger haben sich verliebt in die Idee, dass Kultur etwas sehr Sinnvolles sein kann. Wie hast du das erlebt? Ist die Arbeit leichter geworden mit den Jahren?

© Thies Rätzke

Mit zahlreichen Festivals und Schwerpunkten feiert die Elbphilharmonie in der Saison 2026/27 ihren 10. Geburtstag.

»Seit 2017 ist die klassische Musik in Hamburg Talk of the Town.«

Christoph Lieben-Seutter

Viel mehr als eine architektonische Hülle

CLS Für mich war es, als wäre im Eröffnungsjahr ein Schalter umgelegt worden. Die klassische Musik hatte in Hamburg früher ein engagiertes, aber eben auch recht überschaubares Kennerpublikum. Seit 2017 ist sie Talk of the Town. Ich werde regelmäßig auf der Straße oder in der U-Bahn von wildfremden Menschen auf das Konzertprogramm angesprochen und jeder sprichwörtliche Taxi-Fahrer hat eine Meinung zur Akustik der Elbphilharmonie. Auch 10 Jahre nach der Eröffnung gehen in Hamburg dreimal so viele Leute ins Konzert wie davor. Gäste aus aller Welt, aber vor allem aus Hamburg und der Metropolregion. Dieses Stammpublikum ist eine Bank – Menschen, die die Elbphilharmonie leben und lieben. Aber mich würde jetzt auch interessieren: Wenn du Hamburg vertrittst in der Welt, welche Rolle spielt da die Elbphilharmonie?

CB Die Elbphilharmonie ist der Beweis dafür, dass sich Hamburg heute als Kulturstadt begreift. Wir haben damals mit ihr die Hoffnung verbunden, dass sie ein Wahrzeichen wird. Heute ist sie nicht nur ein Wahrzeichen Hamburgs, sondern von ganz Deutschland. Der Kölner Dom, Schloss Neuschwanstein, das Brandenburger Tor, das sind alles Wahrzeichen, die alt sind, vordemokratisch, nicht aus dem 21. Jahrhundert, alle nicht aus dem Norden. Nach ihrer Eröffnung wurde die Elbphilharmonie auf einmal Teil des internationalen Deutschlandbildes. Wenn sich irgendeine Redaktion fragt: Wie bebildere ich einen Bericht über Deutschland? Dann zeigt sich, dass die Elbphilharmonie heute fester Bestandteil der Ikonografie der Bundesrepublik ist. Und das funktioniert vor allem, weil sie nicht nur eine großartige architektonische Hülle ist, sondern auch weil in ihrem Inneren etwas wahnsinnig Spannendes passiert.

CLS Ja, ein Geheimnis des Erfolges ist sicherlich, dass die Architektur und die Verortung der Elbphilharmonie ein Qualitätsversprechen ausstrahlen, das inhaltlich erfüllt werden muss. Die Elbphilharmonie muss man nicht nur gesehen, sondern erlebt haben. Und wenn alles gut geht, werden die hohen Erwartungen der Konzertbesucher noch übertroffen, was eine emotionale Bindung erzeugt und den Wunsch nach Wiederholung.

Mit offener Erwartungshaltung

CB Ich kann mir vorstellen, dass dieser Anspruch und diese Erwartung auch manchmal zur Bürde werden können. Hättest du 2017 gedacht, dass die enorme Nachfrage so lange anhalten würde?

CLS Ich hatte damals in einem Abendblatt-Interview prognostiziert, dass es im Frühjahr 2019 erstmals ein nicht ausverkauftes Konzert geben würde. Tatsächlich war dann bis zur Pandemie immer alles voll, und auch danach waren wir nach einer kurzen Wiedereingewöhnungsphase weitere zwei Jahre ausgebucht. Diese Auslastung ist noch heute Weltrekord, mit dem Unterschied, dass man nun schon mal kurzfristiger an Tickets kommt, was sich positiv auf die Vielfalt und Altersverteilung des Publikums auswirkt. Wir haben jetzt einen höheren Anteil an jungen Konzertbesuchern, die sich halt nicht fünf Monate im Vorhinein Tickets für ein klassisches Konzert besorgen.

CB Weil du mich fragtest, wie die Elbphilharmonie außerhalb Hamburgs wahrgenommen wird. Christina Weiß, die ehemalige Kulturstaatsministerin, sprach mich neulich auf das Festival »Visions« an, das ja in der kommenden Saison auch wieder stattfindet. Sie war ganz begeistert, dass es gelungen ist, hier ein Festival für moderne Musik aus dem 21. Jahrhundert mit zeitgenössischen Kompositionen zu etablieren, und dass dabei der Große Saal tatsächlich regelmäßig ausverkauft ist. Andere Veranstalter sind froh, wenn sie 200 oder 300 Tickets für so ein Programm verkaufen. Hier gelingt es aber, dass die Attraktivität des Gebäudes dazu führt, dass die Besucher auch bei so einem Programm kommen – und dann begeistert wieder gehen, weil sie merken, wie toll zeitgenössische Musik sein kann.

Konzertfilm »World Builder, Creature«
Visions 2025: Konzertfilm zu »World Builder, Creature« von Alex Paxton © Elbphilharmonie Hamburg

»Hier gelingt es, [...] dass die Besucher auch bei so einem Programm kommen – und dann begeistert wieder gehen, weil sie merken, wie toll zeitgenössische Musik sein kann.«

Carsten Brosda

CLS Ja, dank der Ausstrahlung des Hauses hat das Publikum eine ganz andere Bereitschaft zuzuhören als in einem traditionelleren Konzertsaal. Die Erwartungshaltung ist einfach viel offener. Das macht es uns möglich, so viel ungewöhnliches Repertoire vor vollem Haus zu spielen.

»Elbphilharmonie Visions« findet auch 2027 wieder statt.

In der Saison 2026/27 sind die wichtigsten amerikanischen Orchester zu Gast in der Elbphilharmonie.

Schwerpunkt: 250 Jahre USA

CB Einen großen Schwerpunkt habt ihr in der kommenden Saison zur 250-Jahr-Feier der USA geplant. Das finde ich wichtig, denn es hilft ja derzeit durchaus, sich daran zu erinnern, welche großen Ideen am Anfang dieses Landes mal standen.

CLS Zweifellos. Die USA sind halt auch eine musikalische Weltmacht, obwohl viele kulturelle Strukturen dort gerade stark unter Druck stehen. In den USA gibt es immer noch einige der weltbesten Orchester, und abseits der Klassik hat ungefähr jede populäre Musikrichtung den Ursprung im Blues, den die afrikanischen Sklaven auf den Baumwollplantagen des Südens entwickelt haben. Diese Bandbreite wollen wir ein bisschen zeigen und dabei auch einige kritische Stimmen zu Wort kommen lassen.

CB Eine meiner absoluten Lieblingskünstlerinnen, Rhiannon Giddens, ist als Reflektor-Künstlerin zu Gast. Da bin ich sehr gespannt, was sie mit dem Saal macht. Das ist auch so eine Erkenntnis aus den letzten Jahren: Viele Künstlerinnen und Künstler begreifen den Großen Saal nicht nur als coolen Aufführungsort, sondern als Instrument.

CLS Ja, der Saal ist einmalig. Erhebend und intim zugleich. Manchmal sind Künstler eingeschüchtert von der Direktheit und der Nähe zum Publikum, die meisten aber ganz besonders begeistert. Es ist jedenfalls wichtig, dass die Künstler, die wir zu einem »Reflektor« einladen, den Saal schon gut kennen und sich von ihm bei der Programmierung ihrer Carte Blanche inspirieren lassen.

Rhiannon Giddens
Rhiannon Giddens 2024 in der Elbphilharmonie © Daniel Dittus

Highlights der Jubiläumssaison

CB Beeindruckend ist auch die Liste der Gastorchester. Wenn ich es richtig sehe, dann hattet ihr alle großen Orchester der USA schon einmal zu Gast. Daran arbeiten andere Häuser ein ganzes Leben lang.

CLS Die meisten Orchester kommen gerne und so oft wie möglich in die Elbphilharmonie. Deshalb war es nicht schwer, für die Jubiläumssaison praktisch alle relevanten Toporchester zu versammeln. Wir leisten uns auch einige aufwendige Sonderprojekte, wie etwa Aufführungen von Mieczysław Weinbergs Oper »Die Passagierin« oder von Luigi Nonos Opus Magnum »Prometeo«, einem Klassiker der Nachkriegsmoderne. Der ist übrigens Teil eines Prometheus-Schwerpunktes, der die mythische Figur von unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja entwickelt mit dem Ensemble Resonanz eine Inszenierung, die Prometheus eher kritisch sieht, unter dem Motto: Er hat den Menschen das Feuer gebracht, hätte er das bloß nicht getan, jetzt richten sie mit ihrer Hybris die Welt zugrunde. Für Beethoven war Prometheus wiederum ein Sinnbild der Aufklärung. Die Musik Beethovens ist im Beethoven-Jahr 2027 sowieso allgegenwärtig. Da steuern unsere Partner-Veranstalter einige Konzertreihen bei: Das Quatuor Ébène spielt alle Streichquartette, Igor Levit alle Klaviersonaten über zwei Spielzeiten, Lang Lang ist mit Beethovens Klavierkonzerten zu Gast.

Prall gefüllt mit Musik aus allen Genres: Die Jubiläumssaison 2026/27. 

Elbphilharmonie Session mit dem Quatuor Ébène

Elbphilharmonie für alle

CB Neues Publikum gewinnt ihr vor allem auch mit eurer Musikvermittlung, die ja wirklich herausragend ist, gerade im Vergleich zu anderen Häusern. Man kann schließlich nicht mehr davon ausgehen, dass das Konzertleben von denen getragen wird, die sowieso fünf-, sechsmal im Jahr ins Konzert gehen. Ihr schafft es, auch ein neues Publikum davon zu überzeugen, dass ihr ein relevantes Angebot habt.

CLS Bei der Musikvermittlung geht es nicht nur um das Publikum von morgen, sondern vor allem um den Zugang und die kulturelle Teilhabe von Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht am Konzertleben teilnehmen können. Das Angebot ist wirklich äußerst vielfältig und umfangreich und gilt mittlerweile europaweit als vorbildlich. Es ist allerdings bisher so in das Gesamtprogramm integriert, dass man es gar nicht in seiner Gesamtheit erkennen kann. Deshalb bündeln wir die Aktivitäten der Musikvermittlung zukünftig unter dem Motto »MUSIK FÜR ALLE«.

Workshops, Konzerte für jedes Alter und Ensembles zum Mitmachen: Das und vieles mehr gibt es unter dem Stichwort »Musik für alle« zu entdecken.

Musik für alle: Vermittlung in der Elbphilharmonie

Was ziehe ich bloß an? Und wann darf ich klatschen? Diese und mehr Fragen beantworten unsere Tipps für den (ersten) Elbphilharmonie-Besuch.

CB Ein Beleg dafür, dass das »Haus für alle« nicht nur eine Behauptung war, sondern tatsächlich stimmt. Das sieht man ja auch daran, dass das Publikum immer wieder mal zwischen den Sätzen applaudiert. Das zeigt, es sind hier auch Menschen im Saal, die mit der vermeintlich richtigen Form des Klatschens nichtvertraut und einfach total begeistert sind. Mich freut das immer.

CLS Genauso ist es, auch wenn der berüchtigte Zwischenapplaus seltener vorkommt als gerne kolportiert wird. An dem stört sich der erfahrene Teil des Publikums oft mehr als nötig. Schließlich war das Klatschen zwischen den Sätzen oder sogar mitten in die Musik hinein bis vor etwa hundert Jahren gang und gäbe und ist in der Oper und im Jazz nach gelungenen Arien bzw. Soli nach wie vor üblich. Wie soll man sich da auskennen? Gerne werden auch »Bustouristen« im Konzert bekrittelt, dabei sagt die Art der Anreise noch nichts über die Kennerschaft des Publikums aus. Ganz abgesehen davon, dass vier Reisebusse, wie sie öfter am Sandtorkai stehen, maximal 200 Besucher transportieren können, was gerade mal 10% des Publikums im Großen Saal entspricht.

Die Wunschliste des Intendanten

CB Eines meiner persönlichen Highlight-Konzerte der letzten10 Jahre war das Konzert mit Jimmy Webb 2024, der sein erstes Deutschlandkonzert überhaupt hier gegeben hat. Gibt es eigentlich Künstler, die im Programm noch fehlen, die hier unbedingt noch auftreten sollen?

CLS Nicht in der Klassik, bis auf ein einziges Orchester, das aber die Saison 2027/28 eröffnen wird. Meine ursprüngliche Wunschliste haben wir gut abgearbeitet, wobei manches das Schicksal verhindert hat. Keith Jarrett konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auftreten. Und mein Traum, Marc Hollis zurück aufs Podium zu bringen, ließ sich auch nicht erfüllen. Aber mit Künstlern wie Caetano Veloso, Paolo Conte, John Cale, Elvis Costello, Chick Corea, John McLaughlin und sogar dem 91-jährigen Burt Bacharach habe ich einige meiner Idole in der Elbphilharmonie begrüßen können. Jetzt bleibt noch zu hoffen, dass sich Tom Waits nach 20 Jahren noch einmal zu einer Konzerttournee durchringt, aber das bleibt wohl ein unerfüllbarer Wunsch.

CB Einmal in der Elbphilharmonie auftreten scheint jedenfalls immer noch das Ziel vieler Musiker und Musikerinnen zu sein, die Anziehungskraft der Elbphilharmonie auf die Künstler ist wohl ungebrochen.

CLS Absolut, aber auf das Publikum auch! Das Bedürfnis, mal zwei Stunden offline zu sein und gemeinsam mit hunderten anderen Musik live zu erleben, ist bei den meisten Menschen immer noch groß, vielleicht sogar größer als früher. Denn in diesen zwei Stunden im Saal sind wir uns alle einig – darin, dass auf der Bühne etwas Außergewöhnliches passiert. Ein Grund mehr, sich keine Sorgen machen zu müssen um die Zukunft der Live-Musik. Ich bin überzeugt, die Menschheit braucht Orte wie die Elbphilharmonie mehr denn je.

Christoph Lieben-Seutter & Dr. Carsten Brosda
Christoph Lieben-Seutter & Dr. Carsten Brosda © Thies Rätzke

Dieses Gespräch erschien ursprünglich im Jahrbuch für die Saison 2026/27.

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