Text: Tom R. Schulz, April 2026
Wohl jeder Mensch, in dessen musikalischer Biografie Miles Davis eine Rolle spielt, wird eine eigene Geschichte darüber erzählen können, wo, wann und wie er oder sie zum ersten Mal den unverkennbaren Klang und die unberechenbaren, eigenwilligen Linien aus dieser Trompete hörte. Nenn es Charisma, nenn es Aura – mit dem Sound und dem sexy Intellekt von Miles Davis kam etwas in die Welt, das es vorher nicht gab und dem man sich kaum entziehen konnte. Miles’ Kunst war die Kunst eines coolen Verführers, der aber um niemanden buhlt und zumindest den Anschein erweckt, als bräuchte er keinen Applaus. Improvisierend folgte er seinen untrüglichen Ohren, seinem schöpferischen Geist, seiner Lust, seinem Instinkt, manchmal seiner Wut.
Jazz ist die Musik des 20. Jahrhunderts. Den größten Teil dieser hundert Jahre über war er, zumindest auf der Herstellerseite und mit Ausnahme des Sängerfachs, weitgehend reine Männermusik. Und die meisten Trompeter verstanden sich darin als Alphatiere: Ausbünde an Kraft, Feuer, Potenz.
Miles 100
Klangkünstler, Trendsetter, Stilikone – kaum jemand hat den Jazz so sehr geprägt wie der Trompeter Miles Davis. Zum 100. Geburtstag feiert die Elbphilharmonie seine unsterbliche Musik in fünf Konzerten.
Miles Davis verkörperte all das, in seiner Musik ebenso wie in seinem wahrlich bewegten Leben. Aber in seinem Ton und in seiner bisweilen tastenden, fragenden Spielweise offenbarte er auch die Kehrseite gockelhafter Selbstgewissheit: Brüchigkeit, Zweifel, Einsamkeit. Der schöne Miles, der Chauvi Miles, der Dauergrantler Miles, der alle Männer in seinem Umfeld, egal wie gut oder schlecht sie zu ihm waren, »Motherfucker« nannte – wie viel ärmer wäre die Welt ohne ihn! Der Paradiesvogel Miles, der die buntesten und abgefahrensten Klamotten trug, der Koksertrinkersexjunkiedrogi Miles, der Magier Miles, der auf der Bühne noch das wildeste musikalische Tohuwabohu seiner Bandkollegen mit einem einzigen Ton auf der Trompete zu einem spirituellen Schweigen bringen konnte, der Spürhund und rastlose Neuerer, der den Jazz entscheidend vorangetrieben, ihn mehrfach umgebogen und tatsächlich neu erfunden hat: Miles Davis würde in diesem Jahr nicht nur einfach 100 Jahre alt. Er war selbst eine Jahrhundertgestalt.
Tänzelnder Boxer, Künstler der Pause
Der Zahnarztsohn Miles Dewey Davis III kam am 26. Mai 1926 in Alton, Illinois zur Welt und wuchs in East St. Louis am Mississippi auf, in für schwarze US-Amerikaner damals ungewöhnlich begüterten Verhältnissen. Als er erstmals in einem Tonstudio stand, 1945 in New York City, mit 18 Jahren, roch es dort freilich noch nicht nach Weltkarriere. Die Aufnahmen mit dem Sänger Rubberlegs Williams waren kein allzu memorables Debüt. Auch die nächsten Flugversuche, die Miles wenig später unter den Fittichen von Charlie Parker unternahm, deuteten noch nicht auf Großes hin. Es war die Zeit des Bebop, in der Musiker wie Parker und der Trompeter Dizzy Gillespie Melodien im Turbo-Tempo durch komplexe Akkorde jagten und nebenbei so etwas wie ein neues Alphabet für den Jazz erfanden.
Miles erlernte es rasch, aber von seinem Temperament her war er kein Sprinter. Miles war Boxer. Als er seiner Sache auf dem Instrument sicher war, spielte er tänzelnd, reaktionsschnell, abwartend, mit einem unglaublichen Gespür für Timing, ein Künstler auch der Pause. Vor allem aber klang er schon früh anders als andere. Von seinem ersten Trompetenlehrer Elwood Buchanan hatte er gelernt, dass das Vibrato von allein kommt, nämlich dann, wenn man alt und zittrig wird. Als tüchtiger junger Spieler sollte er das Vibratospiel deshalb gefälligst unterlassen. Das hat er befolgt. Sein Ton auf dem Instrument, oft gefiltert durch einen Dämpfer, klang oft ähnlich heiser und brüchig wie seine Sprechstimme, die schon in den 50er-Jahren kaputtgegangen war. Aber auf der Trompete konnte er auch schreien und wüten. Manche Linien klingen wie mit dem Schneidbrenner gefräst. Ab 1969, schwer inspiriert von Jimi Hendrix, Sly Stone und James Brown, verfremdete Miles seinen Sound mit technischen Effektgeräten und drang so scheinbar auch in Sphären jenseits planetarischer Grenzen vor.
Unauslöschliche Spuren
46 Jahre dauerte die Karriere von Miles Davis, von 1945 bis zu seinem frühen Tod 1991. Zwischen 1975 und 1981 allerdings veröffentlichte er nichts und steckte tief im miesen Sumpf multipler Süchte. Heute würde man vielleicht von einem Burnout sprechen, damals gab es den Begriff noch nicht. 30 Jahre lang hat Miles mit ungeheurer Energie immer wieder Neues, Unerhörtes geschaffen und währenddessen massiv Raubbau an seinem Körper betrieben.
Die erste unauslöschliche Spur in der Geschichte des Jazz hinterließ er mit Aufnahmen aus den späten 40er-Jahren, die schließlich im Album »Birth of The Cool« mündeten. Von Gil Evans, dem Baritonsaxofonisten Gerry Mulligan und dem Pianisten John Lewis (Modern Jazz Quartet) vielfarbig orchestrierte Partituren leiten neun Top-Instrumentalisten in intimem Bigband-Sound durch ambitionierte Stücke, die dem Bebop sein halsbrecherisches Tempo nahmen und gleichzeitig Pionierdienste an einer musikalischen Strömung leisteten, die erst in den späten 50er-Jahren so richtig virulent wurde: Der Third Stream, in dem das Beste aus Improvisation und notierter, zeitgenössischer E-Musik ineinanderfließen sollte. Mit »Miles Ahead« (1957), »Porgy and Bess« (1958) und »Sketches of Spain« (1960) hält der umfängliche Plattenkatalog des Meisters gleich drei hochseriöse Angebote für Klassik-Aficionados bereit. Alle drei Alben, orchestriert von Gil Evans, gelten als Höhepunkte in Miles’ Schaffen.
Parallel dazu setzte Miles Davis in einer Quintettformation neue Standards im Jazz. Das Rezept »Trompete und Saxofon plus Rhythmusgruppe mit Klavier, Bass und Schlagzeug« hat er nicht erfunden, schließlich war das die Kombination, die bereits seine musikalischen Ziehväter Charlie Parker und Dizzy Gillespie etabliert hatten. Aber die Jazzgeschichte vollzog sich gerade in der Nachkriegszeit in einem Up-tempo-Beat sondergleichen, sodass Miles’ erstes Quintett mit Sonny Rollins (Saxofon), Red Garland (Klavier), Paul Chambers (Bass) und Philly Joe Jones (Schlagzeug) nur wenige Jahre nach der Geburt des Bebop schon meilenweit vorangeschritten und völlig anders klang als der Jazz der Bebop-Pioniere. Als John Coltrane im September 1955 den Platz von Sonny Rollins einnahm, der sich zum Drogenentzug verabschieden musste, nahm Miles’ erstes großes Quintett mächtig Fahrt auf: »Schneller, als ich es mir vorstellen konnte, spielten wir eine unglaubliche Musik«, erinnerte er sich. »Sie war so wahnsinnig, dass mir nachts nach dem Konzert noch ein Schauer über den Rücken lief, und ich glaube, dem Publikum ging es ähnlich.« Die bei zwei Sessions im Mai und Oktober 1956 entstandene Album-Tetralogie »Relaxin’«, »Steamin’«, »Workin’« und »Cookin’« legt Zeugnis vom Rang dieses Quintetts ab.
Der Neuerer für Novizen
Aber für Miles-Novizen bieten sich viele weitere Einstiege an. Dem Jazz zugeneigte Cineasten würden ihnen den Soundtrack zu »Ascenseur pour l’échafaud« empfehlen, den Miles Davis Anfang Dezember 1957 in Paris in einer einzigen nächtlichen Studiosession mit überwiegend französischen Musikern aufnahm. »Fahrstuhl zum Schafott«, ein Film noir von Louis Malle mit Jeanne Moreau in der Hauptrolle, wurde zum Klassiker nicht zuletzt wegen Miles’ pointierter, dabei skizzenhafter Musik. »Kind of Blue« (1959) war das Album, das seinen Ruhm weit über die Fankreise des Jazz hinaus begründete.
Fünf zeitlos wunderbare Stücke brachten den Trompeter zum letzten Mal mit den beiden Saxofonisten John Coltrane und Cannonball Adderley zusammen, die hier wie alle Beteiligten die womöglich lyrischsten Aufnahmen ihrer jeweiligen Karrieren ablieferten. Der Pianist Bill Evans, der einzige Weiße unter den Mitwirkenden, versöhnte mit seinem impressionistischen, überlegten Spiel die einstige Hitze des Jazz mit einem europäisch anmutenden Intellektualismus. Noch heute ist das Album die beste Empfehlung für Menschen, die argwöhnen, Jazz sei nur etwas für Kopf-Hörer. Denn bei all ihrer Cleverness erreicht die Musik von »Kind of Blue« unmittelbar auch das Herz.
Aus der ungemein produktiven Zeit der 60er-Jahre existieren stapelweise Aufnahmen mit dem zweiten großen Quintett des Trompeters, zu dem Wayne Shorter (Saxofon), Herbie Hancock (Klavier), Ron Carter (Bass) und der unglaubliche Schlagzeuger Tony Williams gehörten. Passend zu Miles’ Jubeljahr 2026 erschien kürzlich die Wiederveröffentlichung der explosiven Aufnahmen eines Engagements in einem Club in Chicago kurz vor Weihnachten 1965 auf zehn LPs, »Live At Plugged Nickel«. Von Free Jazz hielt Miles wenig, aber hier kommt er ihm oft erstaunlich nahe – auf seine Art und befeuert von seinen famosen Mitstreitern. Mag sein, dass sich die Band in Chicago, wo sich damals die Association for the Advancement of Creative Musicians formierte, in besonderem Maße zu freiem, hoch energetischen Musizieren gegen alle Konventionen berufen fühlte.
Letzte Jahre, offene Zukunft
Als Soundtrack für die Hippie-Bewegung, für Flower Power und Festivals à la Woodstock taugte der Jazz, so frei er sich mittlerweile auch gerierte, nicht. Miles Davis, stets hochsensibel gegenüber ästhetischen wie gesellschaftlichen Strömungen, umgab sich mit der nächsten Musikergeneration, die auf elektrische Klaviere, Gitarren und Bässe setzte und das Swing-Gefühl des Jazz mit dem Punch der Rockmusik parierte. Die Alben »In A Silent Way« und »Bitches Brew« (1969), auch »Big Fun« (1969/70) markieren eine Übergangsphase; die Mitschnitte zweier fiebrig-intensiver Konzerte in Osaka vom 1. Februar 1975, die unter dem Titel »Agharta« und »Pangaea« der Nachwelt überliefert wurden, dokumentieren den vollzogenen Wandel hin zu einer von Funk und Voodoo inspirierten Spielart einer freien, hypnotisch groovenden Musik zwischen Jazz und Rock.
Nach Miles’ Comeback 1981 wandelte sich sein Sound erneut, nun stark gestützt von Synthesizern und E-Gitarren. Er knüpfte an das Funk-Pop-Genie Prince an, setzte Drum-Computer und Synthesizer ein und entdeckte HipHop und Rap für sich. Auf »Decoy« (1983) agiert mit dem Schlagzeuger Al Foster, dem Percussionisten Mino Cinelu und Darryl Jones (E-Bass) eine Rhythmusgruppe, für die das Adjektiv beinhart erfunden worden sein muss. Bei manchen Stücken feuerwerkt John Scofield an der Gitarre, und Miles spielt schön hitzig und unberechenbar. Auch »Tutu« (1986) – komponiert und arrangiert von dem letzten bedeutenden Davis-Partner Marcus Miller, der Bass spielt und Keyboards und auch noch die Saxofone – zeigt Miles in Top-Form.
Veteranen aus Hamburg werden sich an grandiose Konzerte in der Fabrik in Altona erinnern, bei denen man lieber nicht wissen wollte, um welche Ziffer die zulässige Höchstbesucherzahl überschritten wurde. Doch auch wer die Musik von Miles Davis erst jetzt kennenlernt, der wird sich für sein Leben verwandelt finden.
Miles Marathon
Vom 1. bis 6. Mai verwandelt sich der alte Kaispeicher in eine Pop-up-Bar. Hier werden so gut wie alle Alben von Miles Davis gespielt, während man bei bestem Ausblick gute Drinks genießen kann.