Die ganze Welt in Musik

Wie Kulturen zueinanderfinden: eine kleine Geschichte der Weltmusik.

Mitreißende Singer-Songwriter aus Benin und drehende Derwische aus dem Nahen Osten, swingende Brassbands aus New Orleans und eindrückliche Rezitationen einer buddhistischen Nonne aus Japan – in der Elbphilharmonie gibt es weit mehr zu hören als nur »klassische« Musik. Denn schließlich haben auch andere Erdteile faszinierende Musikstile hervorgebracht, deren Traditionen teilweise sogar erheblich länger zurückreichen als Mozart & Co. Und wo sonst sollten sie alle zusammenkommen als in Hamburg, dem Tor zur Welt?

Die beninische Sängerin Angélique Kidjo (8. Dezember 2018) Die beninische Sängerin Angélique Kidjo (8. Dezember 2018) © Daniel Dittus
Die drehenden Derwische aus Damaskus (3. Februar 2019) Die drehenden Derwische aus Damaskus (3. Februar 2019) © Claudia Höhne
Die Hot 8 Brass Band aus New Orleans (17. April 2016) Die Hot 8 Brass Band aus New Orleans (17. April 2016) © Claudia Höhne
Die buddhistische Nonne und Lautenpriesterin Kyokuyo Okada (21. Oktober 2019) Die buddhistische Nonne und Lautenpriesterin Kyokuyo Okada (21. Oktober 2019) © Radek Rudnicki

Jenseits vom Erwartbaren

Oft sind diese Konzerte ein besonderes Erlebnis – schon der Dresscode auf der Bühne kann überraschen. Zudem fordern ungewohnte Gesangstechniken, fremdartige Instrumente und Tonsysteme anderer Musikstile die eigenen Hörgewohnheiten heraus. Die arabische oder indische Musik etwa kennt keine Akkorde wie die europäische, unterteilt ihre hochkomplexen Skalen aber in gut doppelt so viele Tonstufen. Auch klangliche Schönheitsideale unterscheiden sich von Kultur zu Kultur.

Dafür taucht das Publikum ein in eine Klangwelt, die sich sonst nur in abgelegenen Kaukasus-Tälern oder auf indonesischen Inseln finden ließe – die selbst dort aber womöglich schwer zugänglich wäre. Denn in vielen Regionen der Erde ist Musik gar nicht dazu da, im Konzert vorgeführt zu werden, sondern inhärenter Teil religiöser Rituale. Hier zu vermitteln (und die entsprechenden Künstler überhaupt zu finden und zu kontaktieren) ist manchmal gar nicht so einfach für die Elbphilharmonie-Kollegen, die solche Auftritte organisieren.

Live erleben

Konzerte zwischen indischer Jazzkultur und modernen Balkan Beats bietet die Reihe »Around the World«. Die Serie »Klassik der Welt« dagegen präsentiert hochentwickelte Kunstmusik anderer Länder. Themenfestivals etwa zur Musik des Kaukasus oder Indiens setzen zusätzliche Schwerpunkte.

Weltmusik: eine frühe Idee

  • Der Begriff »Weltmusik«

    Der Begriff »Weltmusik« stammt aus den 80er Jahren, als Plattenlabels nach einer geeigneten Genrebezeichnung für den neu aufkommenden Trend suchten. Aufgrund seiner häufig als eurozentrisch wahrgenommenen Perspektive ist der Begriff heutzutage nicht unumstritten.

Letztlich bedeutet »Weltmusik« (so der behelfsmäßige Begriff) also einen kulturellen Austausch. Schon immer war die florierende Globalisierung in der Musikwelt von gegenseitigem Interesse und grenzenloser Kreativität geprägt. Mozart griff mit seinem bekannten »Rondo alla Turca« türkische Janitscharenmusik auf und Puccini probierte sich in seiner Oper »Madame Butterfly« an japanischem Lokalkolorit.

Die Welt öffnet sich :Die 1960er Jahre

Das, was man heute unter »Weltmusik« versteht, hat seinen Ursprung allerdings in den 1960er Jahren, als die Bürgerrechtsbewegung in den USA und die weltoffene Hippie-Generation den kulturellen Austausch forcierten. Durch ein immer größer werdendes Interesse an der afrikanischen Kultur avancierte etwa die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba zum Popstar.

Tony Scott zwischen Amerika und Fernost

Einer der Wegbereiter der Weltmusik war der berühmte amerikanische Jazz-Klarinettist Tony Scott. 1959 kehrte er der New Yorker Szene den Rücken, um für sechs Jahre in Fernost zu leben. Dort wurde er zum Geburtshelfer des Jazz in Asien, spielte auf den ersten Jazz-Festivals in Hongkong und Japan und unterrichtete.

»Ich suchte etwas Neues, emotional und spirituell. Die Jazzwelt hier war kalt für mich geworden. Es war ohne Leidenschaft. Ich fand die gesuchte Wärme in Japan.«

Tony Scott (1966)

Tony Scott mit befreundeten Musikern 1951 © Wikimedia Commons

Umgekehrt saugte der neugierige Scott alles an asiatischer Musiktradition auf, was ihm begegnete. Wo er hinkam, suchte er sich Menschen, mit denen er gemeinsam musizieren konnte – und sei es ein ganzes Gamelan-Ensemble auf Bali. In Japan fand er sich mit Hozan Yamamato an der Shakuhachi (Bambusflöte) und Shinichi Yuize an der Koto (Zither) zusammen. Zu dritt nahmen sie das Album »Music for Zen Meditation« auf, eine der ersten Ethnojazz-Produktionen überhaupt.

Album »Music for Zen Meditation« (1964)

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Ravi Shankar: Kulturbotschafter aus Indien

Ein weiterer bekannter Weltmusiker der ersten Stunde war Ravi Shankar. Der legendäre Sitar-Spieler sorgte wie kein anderer dafür, dass die klassische indische Musik die Konzerthäuser und Festivals aller Welt eroberte. Jahrzehntelang tourte er durch Europa und die USA, unterrichtete unter anderem den Beatle George Harrison und inspirierte zahlreiche Rockbands, mit indischen Klängen zu experimentieren.

»In Indien dachten einige wohl, ich würde mich selbst verraten, wenn ich mit George arbeite. Ich wurde sogar der 5. Beatle genannt.«

Ravi Shankar

Ravi Shankar unterrichtet George Harrison
Ravi Shankar unterrichtet George Harrison

Eine enge Partnerschaft verband Ravi Shankar mit dem berühmten Geiger Yehudi Menuhin. Gemeinsam nahmen sie mehrere Platten auf und spielten 1967 bei der UN-Vollversammlung. Ravi Shankar, der 2020 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, komponierte zudem Werke für Sitar und Orchester und begründete damit eine neue kulturübergreifende Musiktradition.

Peter Gabriel gründet das WOMAD-Festival :Die 1980er Jahre

»Es gibt ja eine Slow-Food-Bewegung. Ich glaube, ich bin Teil der Slow-Music-Bewegung.«

Peter Gabriel

Den nächsten Schwung erhielt die Weltmusik-Szene in den 1980er Jahren durch Peter Gabriel. Der ehemalige Frontmann der Band Genesis rief 1982 das WOMAD-Festival (World of Music, Arts and Dance) ins Leben, das heute mit rund 150 Veranstaltungen in über 20 Ländern zu den größten Weltmusik-Festivals gehört.

Peter gabriel beim ersten WOMAD-Festival 1982

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Zudem gründete Gabriel sein eigenes Label »Real World Records« und richtete dafür gleich die passenden Studios in einer alten Mühle im Südwesten Englands ein. Sie erwiesen sich als Sprungbrett für Musiker aus verschiedensten Regionen der Welt wie etwa Youssou N’Dour oder Papa Wemba.

»Die ganze Zeit über stehlen Künstler irgendwo und ich glaube, das ist gesund. Es geht alles um Verbindungen. Letztlich sind wir alle miteinander verbunden.«

Peter Gabriel

Peter Gabriel in den Real World Studios Peter Gabriel in den Real World Studios © Real World Records
Peter Gabriel Peter Gabriel © Wikimedia Commons/Joi
Real World Studios in England, Grafschaft Wiltshire Real World Studios in England, Grafschaft Wiltshire © Rodhullandemu

Zusammen klingen: Weltmusik heute

Heute sind Jazz, Pop und westeuropäische Klassik ohne Einflüsse von Musik aus aller Welt nicht mehr denkbar. Dazu gehören Pop-Hits von Shakira, DJ Snake oder Lil Dicky, multikulturelle Rap-Samples und Latin Jazz genauso wie Werke des erfolgreichen japanischen Komponisten Toshio Hosokawa, der eine Symbiose aus europäischer Avantgarde und traditioneller japanischer Musik anstrebt. Kompositionswettbewerbe wie der »Creole Global Music Contest« rufen zu neuen global-musikalischen Kreationen auf. Die Musik der Welt findet also nicht nur auf die Bühnen, sondern auch zueinander.

Text: Julika von Werder, Stand: 17.11.2020

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