Das Stream-Team

Die Elbphilharmonie wird regelmäßig zum digitalen Konzerthaus. Doch dafür ist viel Vorarbeit nötig.

Wenn Matthias Baumgartner kurz vor Konzertbeginn das Zeichen für den Start gibt, wächst die Elbphilharmonie um mehrere Hundert, manchmal Tausend Plätze. Während dann im Großen Saal die letzten Zuschauer eintrudeln, nehmen die übrigen virtuell Platz. Sie sitzen mit Laptop, Smartphone oder Tablet am Küchentisch oder auf dem Sofa, um ein Konzert aus der Elbphilharmonie im Livestream zu verfolgen. Heute dürfen sie sich auf den Jazzgitarristen Wolfgang Muthspiel freuen. Und derjenige, der das Konzert an diesem kalten Oktober-Abend in die heimischen Wohnzimmer bringt, ist Baumgartner.

Matthias Baumgartner (Streamteam)
Matthias Baumgartner © Gesche Jäger

Als technischer Produktionsleiter der Elbphilharmonie betreut der 34-Jährige normalerweise die Abläufe hinter den Kulissen. Mittlerweile kümmert er sich aber auch hauptverantwortlich um die Streams, die regelmäßig aus dem Großen Saal gesendet werden. Er überwacht den Aufbau der Kameras, koordiniert das Team und passt während der Übertragung auf, dass alles funktioniert. Nebenbei findet er die Zeit, zu berichten, wie er zu seiner neuen Aufgabe kam: »Der Wunsch, Streams aus der Elbphilharmonie zu ermöglichen, war eigentlich von Anfang an da. Aber das war ein ziemlich langer Prozess.«

Denn als der Bau der Elbphilharmonie Anfang der 2000er-Jahre geplant und 2007 schließlich beschlossen wurde, steckte das Thema Streaming noch in den Kinderschuhen. Folglich spielte es bei der Konzeption des Saales keine Rolle. So gibt es nur wenig Platz, um Kameras aufzustellen, und die hohen, steilen Ränge sind eher hinderlich für Bildaufnahmen.

Auf der Zielgeraden zur Eröffnung nahm das Thema schließlich Gestalt an. Doch erst brauchte es ein Konzept – und natürlich die technischen Geräte, die anfangs noch ausgeliehen und dann nach und nach angeschafft wurden. »Erst seit 2019 gehört die ganze Technik dem Haus«, erzählt Baumgartner mit Blick auf die 16 Monitore, die mittlerweile einen ganzen Raum im Bauch der Elbphilharmonie füllen.

Das Streamteam: Hinter den Kulissen
Alles auf dem Schirm: Das Stream-Team hinter den Kulissen © Gesche Jäger

Streams aus der Elbphilharmonie

Streaming: IN HAMBURG IST ALLES ANDERS

Beim Streaming-Angebot ging man mit der Zeit – in technischer Hinsicht war der Klassikbetrieb schließlich immer schon Avantgarde. Der Traum, die flüchtigste der Künste auf Tonträger zu bannen oder sie aus dem Konzertsaal heraus in die Welt zu senden, führte zu einer rasanten technischen Entwicklung vom Grammofon über das Radio zunächst bis hin zur CD, mit der Aufnahmen klassischer Musik zum Massenprodukt wurden.

Als technische Pioniere dürfen die Berliner Philharmoniker gelten, die seit der Ära Karajan stets die aktuellen Möglichkeiten der Tontechnik ausnutzten. Auch beim Thema Streaming hatten sie die Nase vorn, denn mit der Digital Concert Hall stellt das Orchester bereits seit 2008 ganze Konzerte in Live-Mitschnitten online zur Verfügung. Inzwischen gibt es 20.000 Abonnenten. Doch auch wenn die Berliner durchaus Pate für die Elbphilharmonie standen: In Hamburg ist alles ganz anders – nicht nur in technischer Hinsicht. So wollte man vor allem kein Bezahlmodell anbieten, sondern stattdessen einen Weg finden, möglichst viele Menschen an den bislang stets ausverkauften Konzerten teilhaben zu lassen. Mittlerweile werden rund 30 Konzerte im Jahr übertragen, darunter viele des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

Das Streamteam (Magazin)
Konzertstreaming für alle © Gesche Jäger

Bis so ein Stream aber über die Bildschirme mobiler Endgeräte flimmert, ist viel Vorarbeit nötig. Erst müssen Konzerte ausgesucht und entsprechende Verträge mit den Künstlern geschlossen werden, denn nicht jeder gibt seine Zustimmung. Ist alles unter Dach und Fach, werden die Mitarbeiter für die Übertragung zusammengestellt, denn, so Matthias Baumgartner: »Ich schaue nur, dass alles läuft. Aber eigentlich ist das alles Team-Arbeit.« Beim heutigen Konzert von Wolfgang Muthspiel gehören insgesamt zwölf Personen zum Stream-Team. Sie sind zuständig für den Aufbau der Technik, für Bild und Ton während der Übertragung und dafür, dass die Bilder zur Musik passen und im richtigen Moment die richtigen Musiker zeigen.

None © Gesche Jäger

»Streamings gehören zu einem Wandel, dem man sich stellen muss.«

Martin Feil

MASSGESCHNEIDERT FÜR DAS HAUS

Letzteres ist die Aufgabe von Regisseur Martin Feil. Wie Baumgartner war auch er an der Entwicklung des Streaming-Konzepts der Elbphilharmonie von Anfang an beteiligt: »Hier hat ein kleines Team sehr eng zusammengearbeitet. Alles ist genau auf die Elbphilharmonie abgestimmt, die ganze Technik ist wirklich maßgeschneidert für das Haus.« Feil kommt eigentlich vom Fernsehen, hat lange Jahre als Regieassistenz gearbeitet, bis er sich schließlich selbstständig machte und offen für neue Techniken wurde. »Streamings gehören zu einem Wandel, dem man sich stellen muss, und den wir nun aktiv mitgestalten.«

Martin Feil (Streamteam)
Martin Feil © Gesche Jäger

Den größten Vorteil sieht er in den relativ geringen Kosten gegenüber teuren TV-Aufzeichnungen. Das hat vor allem mit den Kameras zu tun, die immer kleiner und besser werden. Während bei Fernsehaufzeichnungen in der Regel große, bemannte und fahrbare Kameras verwendet werden, kommen bei den Streams überwiegend sogenannte Remote-Kameras zum Einsatz, die nicht größer als ein herkömmliches Teleobjektiv sind. Sie werden um die Bühne herum am Geländer befestigt oder direkt im Orchester platziert und via Joystick aus dem Regieraum gesteuert. Kabelsalat gehört damit der Vergangenheit an.

Alles im Blick

Bei der Übertragung heute Abend muss Feil den Überblick über acht dieser Kameras behalten. Zusätzlich gibt es für Nahaufnahmen noch eine herkömmliche auf der Bühne, und für den Top Shot, den Blick von oben, steht eine fest installierte Kamera im Reflektor über der Bühne zur Verfügung. Wo die einzelnen Kameras positioniert werden sollen, hat sich Feil vorher genau überlegt, trotzdem wird noch bis zur Probe justiert und umgestellt.

Auch auf die Musik hat sich der studierte Musikwissenschaftler Feil akribisch vorbereitet. Denn heute gibt es eine Besonderheit: Der Gitarrist Muthspiel hat ein ganzes Ensemble dabei, darunter auch – ungewöhnlich im Jazz – ein Streichquartett. Es gibt zudem einen Solisten – den amerikanischen Trompeten-Shootingstar Ambrose Akinmusire – und sogar einen Dirigenten. Und, ebenfalls eine Ausnahme im Jazz: Alle spielen nach Noten, weshalb Feil bei der Übertragung auch eine Partitur vor sich liegen hat, in der jeder Einsatz der Musiker notiert ist.

Einsätze markieren
Einsätze markieren © Gesche Jäger

Dennoch sind am Nachmittag vor dem Konzert noch viele Fragen offen. Wo sitzt wer? Kommt Muthspiel von links oder rechts auf die Bühne? Verdeckt der Pianist den Solisten? Steht die Soundanlage im Weg? Stimmen die Titel, die während der Übertragung eingeblendet werden? Fragen, die während der Anspielprobe geklärt werden müssen. Während die Musiker oben im Saal proben, bereitet das Regie-Team unten den Stream vor. Die Kameramänner, auf Neudeutsch Remote Operators, testen auf Anweisung Feils verschiedene Einstellungen. Diese werden als Pre-Sets abgespeichert, sodass sie während des Konzerts auf Zuruf direkt angewählt werden können.

»Ein bisschen klingt das wie die rätselhaften Ansagen im Supermarkt.«

MOIN AUS OSTFRIESLAND!

Und dann geht es endlich los. Bereits kurz vor dem Konzert beginnt die Übertragung, die zeitgleich auf YouTube und Facebook gestreamt wird, wo sich auch sogleich die ersten Zuschauer zu Wort melden: »Moin aus Ostfriesland!«

Mit dem Auftritt von Wolfgang Muthspiel beginnt für Martin Feil die eigentliche Arbeit an diesem Tag. Hochkonzentriert sitzt er vor den Bildschirmen, auf denen er die Bilder sämtlicher Kameras gleichzeitig im Blick hat, und weist sein Team an: »Kontrabass von der 4. Achtung, Trompeten-Solo! Auch mal Kamera 9 dazwischen nehmen«. Ein bisschen klingt das wie die rätselhaften Ansagen im Supermarkt: »K6 auf die 48, K2 bitte 31«. So geht es anderthalb Stunden lang, selten ist dabei eine Einstellung länger als fünf Sekunden zu sehen. Am Ende werden es mehrere Hundert Schnitte sein.

Alles Einstellungssache
Alles Einstellungssache © Gesche Jäger

Natürlich geht dabei auch mal etwas schief. Während einer kleinen Ansprache Muthspiels trinkt ein Musiker im Hintergrund aus einer Flasche. Sieht nicht gut aus. »Na ja, passiert«, ruft jemand. Weiter im Takt. Auch auf die Noten kann sich Feil an diesem Abend nicht immer verlassen. Doch er sieht es entspannt:

»Das Credo des Jazz ist Freiheit. Man weiß nie, was passiert. Unsere Aufgabe ist, diese Spontaneität einzufangen.«

Martin Feil

Nach dem Konzert steht ein Stream in der Regel ein Jahr lang online zum Abruf bereit, was die Reichweite noch einmal erheblich steigert. So hat eine Aufzeichnung des berühmten Concertgebouworkest aus Amsterdam mit Gustav Mahlers Neunter Sinfonie bis dato über 54.000 Klicks erreicht; das Jazz at Lincoln Center Orchestra mit dem Trompeter Wynton Marsalis haben sogar schon mehr als 114.000 Menschen gesehen.

Technikturm
Technikturm © Gesche Jäger

Den Live-Eindruck kann das alles natürlich nicht ersetzen. Aber die Aussicht, ein Konzert in Jogginghose und mit einem Getränk in der Hand vom heimischen Sofa aus zu genießen, hat ihren ganz eigenen Charme, oder nicht?  

Text: Simon Chlosta, Stand: 22.5.2020

Dies ist ein Artikel aus dem Elbphilharmonie Magazin (1/2020), das dreimal pro Jahr erscheint.

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