Alexander Arai-Swale spielt »Fury«

Ein junger Musiker, ein Kontrabass, eine Lagerhalle und Musik, in der es um alles geht.

Ein besonderes Werk braucht einen besonderen Ort: In einer Lagerhalle vor den Toren Berlins hat der junge neuseeländische Bassist Alexander Arai-Swale das Stück »Fury« (Wut) der britischen Komponistin Rebecca Saunders aufgenommen.

»Fury« ist ein ungemein komplexes Werk, das besondere Herausforderungen sowohl an den Instrumentalisten als auch an das Instrument stellt. Spielen kann man es nur auf einem fünfsaitigen Kontrabass (reguläre Bässe sind mit vier Saiten bespannt), bei dem die tiefste Saite um fünf Halbtöne tiefer gestimmt ist – und somit auf einer Frequenz von 23 Hertz knapp oberhalb der Hörgrenze schwingt.

Der Künstler

Alexander Arai-Swale wurde 1994 in Neuseeland geboren und erhielt mit sechs Jahren seinen ersten Unterricht – am Cello. Nach seinem Bachelorabschluss wandte er sich schließlich dem Kontrabass zu und studierte nochmals in Melbourne. In seinem Heimatland trat er mit Orchestern wie dem Tasmanian Symphony Orchestra auf und gewann Preise bei zahlreichen Wettbewerben. 2018 zog Alexander Arai-Swale schließlich nach Berlin, um dort seine Studien fortzusetzen.

Eine gute Entscheidung: In der Saison 2018/19 wurde er als Akademist Mitglied des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin und ist seit 2019 zudem Stipendiat der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker.

Alexander Arai-Swale
Alexander Arai-Swale
Alexander Arai-Swale
Alexander Arai-Swale
Alexander Arai-Swale
Alexander Arai-Swale

Zur Musik :Rebecca Saunders: Fury für Kontrabass solo

Rebecca Saunders: Die Welt im Detail

»Ich brauche nur wenig Input, um ein Stück zu schreiben: eine einzige körperliche Geste, eine besondere Klangfarbe, ein einziges Wort.« So beschreibt Rebecca Saunders ihre Inspirationsquellen. Die gebürtige Londonderin gehört zu den originellsten Köpfen der europäischen Komponistenszene. Schon seit Anfang ihrer Zwanziger lebt sie in Berlin; 2019 wurde ihr – als erster Komponistin und als zweiter Frau überhaupt – der prestigeträchtige Ernst von Siemens Musikpreis verliehen.

Der Klang eines Körpers

Oft arbeitet Rebecca Saunders mit starken Kontrasten. »Harte Kanten ergeben ein gutes Relief, und extreme Gegensätze bergen ein enormes Potenzial.« Zugleich konzentriert sich die Komponistin auf die Frage, wie ein Ton überhaupt zustande kommt.

Auch in »Fury« (2005) nimmt sie die körperlichen Aspekte des Musikmachens ins Visier. Kaum ein Instrument fordert den Spielenden physisch so sehr wie der Kontrabass, dessen Klangpotential sich dank seiner enormen Leibesfülle nur mit vollem Körpereinsatz ausschöpfen lässt. In schwindelerregendem »Furor« also erkundet »Fury« diese Möglichkeiten, das Greifen, Schlagen, Streicheln, Umarmen und Sich-Abarbeiten, von oben bis unten: vom tiefen Pulsieren im Subkontrabereich bis in die zartesten, zerbrechlichsten Höhen.

Alexander Arai-Swale zur Interpretation von »Fury«

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3 Fragen an Rebecca Saunders

Woher kam die Idee, für Kontrabass solo zu schreiben?

Dieses Instrument hat ein enormes emotionales Potenzial und begleitete mich als Komponistin von Anfang an. Vor etlichen Jahren fragte das Remix Ensemble aus Porto verschiedene Komponisten, für welches Instrument sie gern einmal schreiben würden. Mir war sofort klar, dass es der Kontrabass sein sollte. Ein großartiges Instrument mit spannenden Gegensätzen! Wie der Spieler mit dem Instrument agiert ist hier besonders faszinierend, denn es ist eigentlich ein tanzendes Duo. Für mich sind die körperlichen Gesten enorm inspirierend, die den Klang erzeugen.

Meine Werke sind konkret für einen 5-saitigen Kontrabass geschrieben: Die tiefe h-Saite wird noch weiter herabgestimmt, das schafft einen ganz besonderen Klang. Und gleichzeitig kann man ganz oben auf der ersten Saite extrem zart und expressiv spielen. Aus dem Instrument lassen sich also sowohl ausdrucksstarke tiefe Töne herausholen als auch auch wunderschöne, fast schmachtende hohe Klänge.

Rebecca Saunders
Rebecca Saunders © Astrid Ackermann

Wie würden Sie das Stück beschreiben?

Das Stück ist eigentlich keine Beschreibung von Wut. Ich habe das Werk geschrieben, dann erst kam der Titel. Am ehesten könnte man es als eine Reihe von Ausbrüchen beschreiben, die danach streben, sich wieder zu verflüchtigen. Die Klänge tauchen auf aus der Stille und verschwinden dann wieder. Für mich sind sie der Wut insofern ähnlich, als sie sich so aus einem statischen Klangfeld entfalten.

Das Gegenteil von Wut kennzeichnet eine gewisse Melancholie. Auch sie ist im Stück immer wieder präsent, nämlich immer dann, wenn der Kontrabass ganz oben auf der ersten Saite spielt. Der Titel »Fury« ist also mehr ein Versuch, dem Publikum einen Hinweis zu geben, worum es tatsächlich gehen könnte. Man darf nicht vergessen, dass jeder Zuhörer etwas anderes mit nach Hause nimmt.

Alexander Arai-Swale hat »Fury« in einer alten Lagerhalle aufgenommen. Stellen Sie sich beim Komponieren immer vor, an welchem Ort – vielleicht abseits der Bühnen – das Werk aufgeführt werden könnte?

Beim Komponieren höre ich zwar den Ton in meinem Kopf, aber die Musik lebt erst, wenn sie im Raum gespielt wird, wenn wir sie hören und mit dem Klang mitschwingen. Spannend finde ich zum Beispiel die Vorstellung, dass der Kontrabass auf einer großen Bühne oder in einer Kirche steht. Dass der Musiker alleine vor dem Publikum spielt und welche Resonanzen und Echos dabei zum Klingen gebracht werden.

Ich habe viele Werke geschrieben, bei denen mehrere Solisten oder Kammermusiker im Raum verteilt sind und eine Art Collage bilden. Es ist sehr aufregend, wenn man ein Stück in eine ganz andere akustische Situation bringt, es klingt anders und wird anders wahrgenommen.

Text: Laura Etspüler, Stand: 22.9.2020

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