Roderick Cox

A Celebration of Black Music III

Mit Kolleg:innen aus seiner Heimat und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen präsentiert Thomas Hampson Werke afroamerikanischer Komponisten. Verfügbar bis 6.6.2022.

»Hope in the Night«: Titelgeber des dritten Teils der von Thomas Hampson präsentierten »Celebration of Black Music« ist der Mittelsatz von William Levi Dawsons »Negro Folk Symphony«. In diesem bahnbrechenden Werk verarbeitete Dawson bekannte Spiritual-Melodien – so kunstvoll und zugleich so fern jeder vordergründigen Folklore, dass die Sinfonie bei ihrer Uraufführung 1934 vom Publikum enthusiastisch gefeiert wurde. Auch die erste Hälfte des Konzertprogramms dreht sich ganz um die traditionellen Spirituals. Ob behutsame Arrangements der Originale wie die von Hale Smith oder von Spirituals inspirierte eigene Schöpfungen wie die Lieder aus den Opern von William Grant Still; ob mit Gesang oder rein instrumental: Diese Rhythmen und Melodien gehen ins Blut und sprechen von geplatzten und wahr gewordenen Träumen, von Abschied und Neubeginn, von Mut und Hoffnung. Ein ganzer Abend voll grandioser musikalischer Neuentdeckungen!

Hinweis: Alle Konzerte des Internationalen Musikfests 2021 stehen als kostenlose Streams zur Verfügung und sind nach der Erstausstrahlung für den gesamten Festivalzeitraum abrufbar.

 

Thomas Hampson: A Celebration of Black Music

Alle Konzerte des Musikfests 2021 auf einen Blick.

Teaser »Song of America: A Celebration of Black Music«

Besetzung

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Louise Toppin Sopran
Leah Hawkins Sopran
Lawrence Brownlee Tenor
Thomas Hampson Bariton

Dirigent Roderick Cox

 

Programm

»Hope in the Night«

Dauer: ca. 120 Minuten

Louise Toppin & Thomas Hampson Louise Toppin & Thomas Hampson © Daniel Dittus
Lea Hawkins Lea Hawkins © Daniel Dittus
Roderick Cox Roderick Cox © Daniel Dittus
»A Celebration of Music« »A Celebration of Music« © Daniel Dittus
Lawrence Brownlee Lawrence Brownlee © Daniel Dittus
Thomas Hampson & Dr. Louise Toppin Thomas Hampson & Dr. Louise Toppin © Sophie Wolter
Leah Hawkins Leah Hawkins © Sophie Wolter
Lawrence Brownlee Lawrence Brownlee © Sophie Wolter
Leah Hawkins & Lawrence Brownlee Leah Hawkins & Lawrence Brownlee © Sophie Wolter
Leah Hawkins Leah Hawkins © Sophie Wolter
Louise Toppin Louise Toppin © Sophie Wolter

Die Künstler

Louise Toppin – Sopran

Louise Toppin
Louise Toppin © Romanieo Golphin

Leah Hawkins – Sopran

Leah Hawkins
Leah Hawkins © Dario Acosta

Lawrence Brownlee – Tenor

Thomas Hampson – Bariton

Thomas Hampson
Thomas Hampson © Jiyang-Chen

Roderick Cox – Dirigent

Roderick Cox
Roderick Cox © unbezeichnet

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen © Julia Baier

Hoffnung in der Nacht :Zum Programm

Spirituals sind das Resultat der ebenso schrecklichen wie einzigartigen Geschichte der Sklaverei in Nordamerika. Man findet diese Gesänge nirgendwo sonst – aus mehreren Gründen: Während Sklavenhalter in Lateinamerika ihre verstorbenen Arbeiterinnen und Arbeiter durch immer neue Kräfte aus Westafrika ersetzten, ermunterte man sie in Nordamerika, eigene Familien zu gründen. So entstand dort eine große einheimische Bevölkerung versklavter Menschen – und mit ihr die afroamerikanische Kultur.

Ein weiterer wichtiger Faktor: Religion. Vermischten sich im katholischen Lateinamerika westafrikanische Religionen und katholische Heiligenverehrung (z.B. Voodoo in Haiti), tolerierte der streng protestantische Norden dies nicht. Aus der dortigen Musiktradition entwickelten sich die Spirituals. Zwei Einflüsse formten die Spirituals musikalisch: die vielschichtigen Rhythmen Westafrikas einerseits, die angloamerikanische Hymnendichtung andererseits. So schildern afroamerikanische Spirituals Geschichten des Alten und des Neuen Testaments: siegestrunkene Erzählungen von gewöhnlichen Menschen, die mächtige Feinde besiegten, Daniel in der Löwengrube, Jona und der Wal oder David gegen Goliath.

Valery Coleman
Valery Coleman © Matt Murphy

Lange Zeit waren Spirituals Teil des schwarzen Alltags. Sie wurden bei Versammlungen gesungen, während der Arbeit gesummt oder angestimmt, um Fluchtpläne zu übermitteln. Erst nach Abschaffung der Sklaverei in den 1860er Jahren erklangen Spirituals auch in Konzerten. Als erstes Ensemble überhaupt machten die Fisk Jubilee Singers die Musik ihrer Vorfahren in der Welt bekannt. 1873 reisten sie nach England, 1877 nach Deutschland, wo sie zehn Monate lang Konzerte gaben. Bei einer Aufführung im Potsdamer Königspalast soll Kronprinzessin Victoria (1840 –1901) in Tränen ausgebrochen sein. Was die Gattin Friedrichs III. damals an dieser mitreißenden Musik berührte, sind dieselben Überzeugungen, die Menschen noch heute bewegen: Hoffnung, Stärke und Widerstandskraft.

Auch dieses Konzertprogramm kreist um solche Themen. Valerie Colemans »Umoja« ist eine freudige Ode an das Swahili-Wort für »Einheit«. In rasendem Tempo vermittelt es zeitweise das Gefühl eines barocken Concerto Grosso. Mit seiner Uraufführung im Jahr 2019 spielte das Philadelphia Orchestra erstmals das Werk einer lebenden schwarzen Komponistin.

William Grant Still
William Grant Still © Carl van Mechelen

Die Musik von William Grant Still (1895–1978) und Pulitzer-Preisträger George Walker (1922–2018) ist lebendig und beseelt zugleich. Still ist berühmt für seine »Afro-American Symphony« (1930) – die erste von einem großen Orchester aufgeführte Sinfonie eines afroamerikanischen Komponisten. Dabei war er Opernkomponist durch und durch, schrieb im Laufe seines Lebens acht Bühnenwerke. Auf dem heutigen Programm stehen einige seiner glanzvollsten Opernarien, darunter die prachtvolle Nummer »Golden Days« (1957), die so üppig klingt wie ein Sonnenaufgang.

George Walkers »Lyric for Strings« fesselt mit einer dramatisch gespannten Melodie und erinnert an Samuel Barbers zehn Jahre zuvor komponiertes »Adagio for Strings«. Anschließend folgen Spirituals, aus denen das reiche, vielfältige Repertoire afroamerikanischer Kunstmusik hervorging. Hale Smiths Orchesterversionen von vier traditionellen Spirituals nutzen das große Instrumentarium und seine Klangfarben voll aus und geben diesen wichtigen Liedern ihre durchdringende musikalische Kraft.

George Walker
George Walker © Curtis Institute

Margaret Bonds klassisches Arrangement »He’s Got the Whole World in His Hands« – gesungen von unzähligen afroamerikanischen Opernsängerinnen wie Kathleen Battle und der 2019 verstorbenen, großartigen Jessye Norman – ist in der Lage, jedes Publikum für sich einzunehmen.

Von den drei afroamerikanischen Sinfonien, die in den Dreißigerjahren die Rassentrennung durchbrachen und von großen Orchestern uraufgeführt wurden – William Grant Stills »Afro-American Symphony«, Florence B. Prices e-Moll-Sinfonie und William Dawsons »Negro Folk Symphony« – erklingt letztere bis heute nur selten im Konzert, obwohl sie bei der Uraufführung nahezu einstimmiges Lob erhielt. »Die Sinfonie sei klassisch in der Form, aber afroamerikanisch in der Substanz«, schrieb der große Philosoph Alain Locke (1885–1954). Locke bezog sich dabei auf die traditionellen Spirituals, die kunstvoll in die drei Sätze der Sinfonie eingearbeitet sind. Statt deren Melodien bloß zu zitieren, integrierte Dawson sie raffiniert in nahezu alle Ebenen des Werkes – fernab vordergründiger Folklore.

William Dawson
William Dawson © unbezeichnet

Im Zentrum steht das Motto des heutigen Konzerts, das Spiritual »Hope in the Night«. Laut Dawson erzeugt dieser zweite Satz die »Atmosphäre vom tristen Lebens eines Volkes, dessen Körper von der Sonne verbrannt und zweihundertfünfzig Jahre lang mit der Peitsche gequält wurden; dessen Leben noch vor der Geburt geächtet war.« Es waren die Spirituals, die diese Menschen am Leben hielten. Denn in der Dunkelheit währt die Hoffnung ewig. Das heutige Konzert begreift sich als Teil eines Wandels. Dawsons Sinfonie steht dabei stellvertretend für viele andere Werke schwarzer Komponist:innen, die nun wieder auf den internationalen Bühnen erklingen.

Text: Kira Thurman
Übersetzung: Özlem Karuç

In Zusammenarbeit mit der Hampsong Foundation

Gefördert durch die Kühne-Stiftung, die Behörde für Kultur und Medien Hamburg, die Stiftung Elbphilharmonie und den Förderkreis Internationales Musikfest Hamburg

Stand: 4. Juni 2021

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