Abel Selaocoe / Manchester Collective

Am Fuße des Elfenbeinturms

Jung, kreativ und in der allerersten Liga – über drei Ensembles, die die Konzertwelt umkrempeln.

Dieser berühmte Elfenbeinturm der Klassik – fühlt sich für die einen nach echter Erfüllung an, während er für die anderen schon vor der ersten zaghaften Annäherung etwas Abweisendes, auf jeden Fall irgendwie Weltfremdes ausstrahlt. Ein Publikum, das still und gerade auf seinen Stühlen sitzt, genau weiß, wann es klatschen darf und wann nicht; auf der Bühne Menschen, mehrheitlich weiß, in Frack oder Abendrobe, die genau nach den Noten auf ihren Pulten und nach den unergründlichen Zappeleien des Mannes (seltener der Frau) vorne auf dem Podest spielen – das klingt erstmal nach einem geheimen Club mit Ritualen und Regeln, die nur manche durchschauen können, oder?

Dass das nicht nur auf Publikumsseite problematisch werden kann, sondern auch viele Musiker:innen betrifft, liegt eigentlich auf der Hand. Früher war’s die Orchesterstelle bei den Wiener Philharmonikern, beim Leipziger Gewandhausorchester oder beim Mahler Chamber Orchestra, die erklärtes Ziel und Zweck des beschwerlichen Studiums war. Inzwischen fragen sich aber immer mehr: Wie ist das eigentlich mit der eigenen Kreativität, dem Ausdruckswillen, wenn man dann zwischen 80 anderen sitzt und sofort (unangenehm) auffällt, wenn man aus Versehen den Geigenbogen abwärts statt aufwärts streicht, weil die Musik grade so mitreißend ist und man kurz mal alles gegeben hat?

Bloß nicht auffallen?!

Basisdemokratisch organisierte Ensembles, in denen der oder die Einzelne viel mitzureden und zu gestalten hat, gibt es schon lange als Gegenbewegung zum großen sinfonischen Apparat, in dem man nur ein kleines Rädchen spielt. Seit einigen Jahren aber tauchen immer mehr Orchester auf, die es noch viel weiter treiben – oder eher: die sich und dem Publikum noch viel mehr erlauben. Kein Risiko zu hoch, kein Repertoire-Ausflug zu weit, keine Uhrzeit zu spät, keine Venue zu unpassend, kein Outfit zu bunt. Und wenn das Publikum klatschen will? Dann soll es das bitte tun!

Drei dieser Ensembles sind im Spätsommer 2022 in der Elbphilharmonie zu Gast. Sie zeigen, was sie richtig gut können und was sie anders machen.

Musikalischer Safe Space :Das Chineke! Orchestra

Das Orchester, das am 26. August im Großen Saal die Bühne für sich hat, legt den Finger in eine Wunde, vor der der Großteil aller Beteiligten am liebsten die Augen verschließen möchte: Diversität! Wie bereits kurz erwähnt, ist die Orchesterlandschaft weiß geprägt. Asiatische Musiker:innen gehören seit vielen Jahren schon zum Bild, aber schwarze oder indigene Menschen? Sieht man kaum! Rassistische Motive für dieses gleichförmige Erscheinungsbild allerorten gibt es wohl eher nicht – zumindest nicht in den meisten Fällen. Es fehlt schlicht an Vorbildern. Das sah auch die Kontrabassistin Chi-Chi Nwanoku so und gründete 2015 das Chineke! Orchestra. Ein künstlerischer Ort für Schwarze und indigene Menschen, an dem sie sich nicht sorgen müssen, aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft benachteiligt zu werden.

Das Chineke! Orchestra bei den BBC Proms
Das Chineke! Orchestra bei den BBC Proms © Mark Allan

»Gott, der Schöpfer der Welt und des Guten« – so leitet sich der Name des Orchesters in Igbo ab, einer Sprache, die im südöstlichen Nigeria gesprochen wird. Der Zulauf war so groß, dass noch im selben Jahr das Orchester im Southbank Center in London ein vielbeachtetes Debüt feiern konnte. Und natürlich liegt es nahe, dass nicht nur die Musiker:innen ihren Safe Space bei Chineke! bekommen, sondern auch Komponist:innen, deren Werke entweder selten oder nie gespielt wurden und werden. Nicht, weil sie qualitativ schlechter wären als Beethovens Fünfte, sondern weil sie einfach unbekannt sind oder sogar verboten waren. Und da kommen dann solche Kostbarkeiten wie die Sinfonien von Florence B. Price oder die African-American Folk Symphony von William Levi Dawson zum Vorschein – auch zu hören am 26. August in der Elbphilharmonie.

Das Chineke! Orchestra plays Florence B. Price’s Symphony No 1

Newbies willkommen :Das Manchester Collective

»Uns ist es egal, ob du ein:e regelmäßige:r Konzertgänger:in bist oder zum ersten Mal in einem klassischen Konzert sitzt – herzlich willkommen!« So begrüßt das Manchester Collective seine Hörer:innen und lässt damit überhöhten Erwartungen an ein Konzert schon gleich zu Beginn die Luft raus. Da braucht sich erst gar nicht jemand die Frage zu stellen: Ist das da vorn überhaupt ein Orchester? Da sitzen ein paar Streicher, jemand spielt verschiedene Trommeln, ein junger Typ E-Bass, in der Mitte der südafrikanische Cellist Abel Selacoe, zwischendurch singen alle. Kann das ein klassisches Konzert sein?

Am 28. August 2022 feiert das Manchester Collective sein Elbphilharmonie-Debüt.

Sirocco | Abel Selaocoe with Manchester Collective & Chesab

2016 gründeten Adam Szabo und Rakhi Singh das Kollektiv mit dem Ziel der Zusammenarbeit. Für die beiden sind Kollaborationen der Motor für künstlerischen Ausdruck. Und deswegen besteht das Manchester Collective nicht nur aus Musiker:innen, sondern auch aus Lichtkünstlern, Moderatorinnen, Designern, Tänzerinnen, Regisseuren und Sängerinnen. Gemeinsam erarbeitet man eine Show für die Bühne, in der klassische Meisterwerke genauso ihren Platz finden wie zeitgenössische Uraufführungen.

 

»Die intensivste Aufführung, die ich jemals erlebt habe. Derart berauscht war ich noch nie!«

Publikumsstimme

Komm’ an die Hand! :Das Aurora Orchestra

Das Markenzeichen des Aurora Orchestra ist das Auswendigspielen. Ja, ganz richtig gelesen! Die Musiker:innen lernen jede Note des Programms auswendig, um sich während des Konzerts ganz auf den musikalischen Moment einlassen zu können. Man kann sich gar nicht vorstellen, was das für einen Unterschied macht, wenn auf der Bühne kein Notenständerwald die Sicht versperrt! Nicht nur für die Musiker:innen, sondern auch für das Publikum. Bis auf die, die sitzen müssen, stehen außerdem die meisten der Musiker:innen. Plötzlich sind die Dynamiken, die Energien für alle spürbar, selbst ganz oben in der letzten Reihe. Und da fällt es erst gar nicht auf, wenn ein Geiger oder eine Geigerin mal anders herum streicht als die anderen.

Am 30. Septmeber 2022 ist das Aurora Orchestra gemeinsam mit dem Star-Pianisten Alexandre Tharaud und Nicholas Collon in der Elbphilharmonie zu erleben.

Das Aurora Orchestra probt Richard Strauss’ »Feuervogel«

Mit diesen mitreißenden Konzerten füllt das Aurora Orchestra auf jeden Fall die großen Konzerthallen; grade erst die Londoner Royal Albert Hall, in der 6.500 Menschen mucksmäuschenstill waren, als die ersten leisen Töne von Schostakowitschs Violinkonzert erklangen. Was das Aurora Orchestra außerdem so besonders macht? Sie sprechen, sie erklären, irgendjemand nimmt immer ein Mikro in die Hand und erzählt, warum jetzt gleich was auf der Bühne passieren wird. Und es fühlt sich doch wirklich jede:r sicherer, wenn er oder sie an die Hand genommen wird, oder?

Kein geheimer Club, keine undurchschaubaren Abläufe, sondern ein gemeinsames Musikerlebnis. Mit begeisterten Klatschpausen, wann immer man Lust drauf hat.
 

Text: Renske Steen, Stand 22.8.2022.

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