Umgehört: Einheit in der Vielfalt

Eine Frage, sieben Antworten: »Wie entsteht der charakteristische Klang eines Ensembles?«

Text: Ivana Rajič, 5. August 2025

 

Im Elbphilharmonie Magazin-Format »Umgehört« wird es ganz schön persönlich: Sieben Künstler:innen – ob komponierend oder musizierend, Pop oder Klassik – stellen sich einer Frage und offenbaren ihr (Innen-)Leben. Es geht um ein Mit- und Nebeneinander von unterschiedlichen Perspektiven auf umfassende Themen, die im Grunde genommen auch nur aus einzelnen subjektiven Erfahrungen zusammengesetzt sind. 

Diesmal geht es um das Thema »Vielfalt« und um den charakteristischen Sound von Ensembles. Was macht diesen aus und wie kommt man zu ihm?

Balthasar-Neumann-Ensembles, Thomas Hengelbrock

Thomas Hengelbrock
Thomas Hengelbrock © Mina Esfandiari

Eine feste Größe für historisch informierte und dabei äußerst dynamische Interpre­tationen sind die Balthasar-Neumann-Ensembles, die Thomas Hengelbrock vor über dreißig Jahren gegründet und seither fest in Hamburg verankert hat. »Originalklang bedeutet für uns nicht nur die Verwendung historischer Instrumente und Spiel- oder Gesangstech­niken«, erklären die Musikerinnen und Musiker. »Uns geht es darum, Werke ganzheitlich zu begreifen und den Klang einer vergange­n­en Zeit ins Heute zu transferieren, um ihn in seiner aktuellen Relevanz erfahrbar zu machen« – in dieser Spielzeit noch drei Mal in der Elbphilharmonie: mit den Gastdiri­gen­­ten Lionel Sow und Finnegan Downie Dear, die in die Klangwelten Bachs und Beethovens eintauchen, als »Ergebnis einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der Musik und der Suche nach einer gemeinsamen Vision und Basis«.

Scharoun Ensemble, Peter Riegelbauer

Scharoun Ensemble
Scharoun Ensemble © Felix Broede

»Dunkel, warm, samten« – so charakterisiert der Kontrabassist Peter Riegelbauer den Klang des Scharoun Ensembles. Gegründet 1983 aus den Reihen der Berliner Philharmoniker, teilt es die DNA dieses Orchesters: »Die Tradition und der spezi­elle Klang der Berliner Philharmoniker haben uns alle stark geprägt – auch unsere Arbeit im Ensemble«, erklärt er. Wesentlich dafür seien die Erfahrungen mit den Chef- und Gastdirigenten, Solisten sowie die Impulse zeitgenössischer Komponisten. Eine besondere Beziehung verband das Ensemble, das Streicher und Bläser zu ei­nem ausbalancierten Gesamtklang verschmilzt, mit Hans Werner Henze: »Wenn er über seine Musik sprach, ging es ihm stets um einen tiefen, innerlich bewegenden Ausdruck – das konnte er auf uns übertragen. Wir haben ihn sehr verehrt.« Ihr Konzert in der Elbphilharmonie im Rahmen des Inter­nationalen Musikfests Hamburg im Mai 2026 widmet das Ensemble auch diesem außergewöhnlichen Komponisten – anlässlich seines 100. Geburtstags.

Europa Galante, Fabio Biondi

Europa Galante
Europa Galante © Ana de Labra

Als »sehr warm, leicht und lebhaft« beschreibt Fabio Biondi, der Gründer und Leiter des Barockorchesters Europa Galante, dessen einzigartigen Klang. »Wenn ich von unserem Klang spreche, meine ich den italienischen, der sehr speziell und cha­rakteristisch für unsere Kultur ist«, erklärt er. Bezüglich der Interpretation von Barockmusik sah der Dirigent und Geiger während der Grün­dungszeit von Europa Galante um 1989 die Gefahr einer Glo­balisierung: »Das Risiko bestand darin, dass alle mehr oder ­weniger auf die gleiche Weise und mit dem gleichen Klang spielen würden. Unsere Kultur und unsere Ge­sellschaft beeinflussen uns aber, und es ist wichtig, diesen Einfluss zu bewahren, um zu zeigen, dass man anders ist als andere Musiker.« Ein ausschließlich italienisches Programm unter dem Titel »Lamento« stellt das Orchester demnächst mit dem Tenor Ian Bostridge in der Laeisz­halle vor – eine Reflexion der heutigen Welt, die ein bisschen Hoffnung schenken möchte.

Ensemble 1700, Dorothee Oberlinger

Dorothee Oberlinger & Ensemble 1700 in der Laeiszhalle
Dorothee Oberlinger & Ensemble 1700 in der Laeiszhalle © Daniel Dittus

»Der Siegeszug der historischen Aufführungspraxis, die in den Siebzigern so richtig Fahrt ­aufnahm, hat mich sehr inspiriert und prägt auch das Klangbild des Ensembles 1700«, erklärt die Blockflötenvirtuosin Dorothee Oberlinger, die den Klangkörper 2002 ins Leben rief. Gemeinsam spüren sie dem musikalischen Geist vergangener Jahrhunderte nach. Bei ihrem Konzert in der Laeiszhalle noch im Dezember wird unter anderem Arcangelo Corellis Weihnachtskonzert »Fatto per la Notte di Natale« auf dem Programm stehen – ein Werk, in dem der Barockkomponist die pastoralen Klänge der pifferari imitiert, jener italienischen Hirten, die zur Weihnachtszeit musizierend aus den Dörfern durch die ­Städte zogen. Für die klanglich authentische Interpretation holte sich Oberlinger das traditionelle ital­ienische Ensemble Li Piffari e le Muse zur Seite. »Wir bringen diesen Klang jetzt zurück in unseren«, erklärt Oberlinger. »Das macht noch klarer, was diese Musik ursprünglich ausdrücken wollte.«

Klangforum Wien, Peter Paul Kainrath

Klangforum Wien
Klangforum Wien © Tina Herzl

Seit 1985 schreibt das Klang­forum Wien mit seiner Spezialisierung auf Neue Musik maß­geblich an der Musikgeschichte mit. Rund 600 Uraufführun­gen zeugen von der intensiven Zusammenabeit mit Kom­ponistinnen und Komponisten, die ihrerseits den Klang des Ensembles geprägt haben – da man »gemeinsam das stets Neue hervorbringt«, wie Intendant Peter Paul Kainrath sagt. »Auf dem historischen Fundament von Schönberg, ­Webern, Berg, aber auch noch ein wenig Mahler fußt die Erkun­dung ganz neuer Klang­universen, für die sich das Klangforum sehr gezielt Komponisten gewählt hat, die sich einem bis dahin nicht vorgestellten, unverbrauchten und daher noch nicht ver­ein­nahmtem Klangbild verschrieben haben.« ­Da­zu zählt auch Alex Paxton, der Auftragskomponist des Festi­vals Elbphilharmonie Visions 2025, mit seinem gutge­laun­ten Sound. Im März 2026 bringt das Klangforum dessen neu­es Werk, »How to Eat Your Sexuality«, nach Ham­burg. Und mit der farbenreichen Musik Olivier Messiaens sind die Wiener bereits im Januar in der Elbphilharmonie zu Gast.

Cobla Sant Jordi

Cobla Sant Jordi – Ciutat de Barcelona
Cobla Sant Jordi – Ciutat de Barcelona © Sebastian Madej

Posaunen, Trompeten und traditionelle katalanische Blasinstrumente: Sie ergeben den typischen Klang der Cobla Sant Jordi aus Barcelona. »Die In­strumente erzeugen einen hellen, unverwechselbaren Klang, der in der klassischen Musik seinesgleichen sucht«, erklären die Musiker. Zwei weitere Aspekte prägen das Bläserensemble: ihr »kammer­musikalischer Ansatz, der den Fokus auf gemeinsames Phrasieren und klangliche Ausgewogenheit legt – alle elf Musiker verschmelzen zu einem homogenen Klangkörper, wobei jede einzelne Stimme im Ensemble hörbar bleibt –, und das speziell für diese Besetzung geschriebene Repertoire, das das gesamte Spektrum an Klangfarben und Dynamik dieser Formation auslotet.« Im Großen Saal der Elbphilharmonie hat das Ensemble erst im vergangenen Herbst mit seinen Sardanas – der Musik zum traditionellen katalanischen Kreis­tanz – das ein oder andere Tanzbein zum Schwingen gebracht.

Vox Luminis, Lionel Meunier

Vox Luminis
Vox Luminis © Tom Blaton

Der charakteristische Klang eines En­sem­bles entsteht in er­ster Linie durch seine Besetzung – davon ist Lionel Meunier, der Gründer und künstlerische Leiter von Vox Luminis, überzeugt. »Die Wahl der Musiker ist entscheidend, insbesondere die der Sänger«, führt er aus. »Im Gegensatz zu anderen Instrumenten kann man die Stimme nur bis zu einem gewissen Grad modifizieren.« Gerade deshalb legt der französische Bass gro­ßen Wert da­rauf, dass die Mitglieder des En­sembles ihre eigene Persönlichkeit in den Gesamtklang einbringen. Nicht Uniformität, sondern Ausdruckstiefe ist das Ziel: Persönliche Resonanz auf das Werk, leidenschaftliche Hingabe und die Wertschätzung des gemeinsamen Musizierens formen seinen unver­wechselbaren Klang. Besonders verbunden fühlt sich Meunier dem deutschsprachigen Repertoire. Zuletzt war Vox Luminis mit Bachs pracht­vollem »Magnificat« in der Elbphilharmonie zu erleben – ein klangvoller Auftakt zur Advents­zeit, ganz im Sinne der musikalischen Vision seines Gründers.

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