Rising Stars: Jess Gillam

Von Renaissance bis Jazz: Was mit dem Saxofon möglich ist, zeigt die junge Britin in einem aufregenden Programm. Video verfügbar bis 30.1.2021.

Konzert-Stream bis 30. Januar 2021 verfügbar.

 

Sie performt Bach und Bowie, Schostakowitsch und Kate Bush und moderiert auf BBC Radio 3 ihre eigene Wochenshow zu klassischer Musik: Jess Gilliam beherrscht das Saxofon nicht nur hinreißend virtuos, sie ist eine regelrechte Botschafterin ihres Instruments. Schon mit 17 Jahren gewann sie als erste Saxofonistin den Wettbewerb BBC Young Musician of the Year; zwei Jahre später mischte sie als »unbestrittenes Highlight« (BBC) die prestigeträchtige Last Night of the Proms auf.

Im Rahmen des Festivals »Rising Stars« hätte die Britin auch in der Elbphilharmonie konzertiert. Aufgrund der gegenwärtigen Corona-Bestimmungen tritt sie stattdessen in ihrer Wahlheimat London vor Mikrofon und Kamera und spielt eine Auswahl ihrer liebsten Stücke. Mit dabei: John Dowlands wohl berühmtestes (und ergreifendstes) Stück »Flow my tears« und das von ungarischer Folklore gefärbte »Pequeña Czarda«.

 

»Jess Gillam versprüht Freude!«

The Times

Festival Rising Stars 2021

Die Stars von morgen in fünf Konzert-Streams erleben.

Jess Gillam mit ihrem Saxofon vor einer bunten Wand, zur Seite blickend.
Jess Gillam © Robin Clewley

Die Künstlerin

»Sie spielt nicht nur unglaublich virtuos, sie ist auch mit dem Herzen bei der Sache.«

The Classical Source

  • britische Saxofonistin (*1998)
  • Repertoire: von Renaissance bis Avantgarde-Pop und Jazz
  • berühmtester Auftritt: Last Night of the Proms 2018
  • Debütalbum »Rise« auf Platz 1 der britischen Klassik-Charts
  • moderiert eigene Wochenshow »This Classical Life« bei BBC Radio 3
  • nominiert für »Rising Stars« von Sage Gateshead
  • Jess Gillam (vollständige Biografie)

    Die Saxofonistin Jess Gillam belebt die Musikwelt mit ihrem Talent und ihrer ansteckenden Persönlichkeit und bringt klassische Musik durch ihre Live-Auftritte als Moderatorin im Fernsehen und Radio einem neuen Publikum nahe.

    Ein Highlight ihrer bisherigen Karriere war der umjubelte Auftritt bei der Last Night of the Proms 2018. In der Saison 2019/20 stand sie außerdem mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra und dem Minnesota Orchestra auf der Bühne.

    »Gillam ist eine echte Größe, die ernsthafte Aufmerksamkeit verdient.«

    Artsdesk

    Jess Gillam ist die erste Saxofonistin, die bei Decca Classics unter Vertrag genommen wurde, ihr Debütalbum »Rise« schoss auf Platz 1 der britischen Klassik-Charts. Sie wurde mit einem Classic BRIT Award ausgezeichnet, erreichte als erste Saxofonistin das Finale der BBC Young Musician und trat 2019 bei den British Academy of Film and Television Awards live vor Millionen von Zuschauern auf. Mit Musikerfreunden gründete sie das Jess Gillam Ensemble, mit dem sie bereits Tourneen plant.

    Jess Gillam moderiert außerdem Sendungen im Fernsehen und Radio. Als bisher jüngste Moderatorin für BBC Radio 3 erhielt sie ihre eigene wöchentliche Sendung »This Classical Life«, in der sie mit Kollegen über Musik spricht, die sie inspiriert.

    Ihre Konzerte verbindet sie oft mit sozialen und Bildungsprojekten. Sie ist Schirmherrin der Awards for Young Musicians und Treuhänderin der neu gegründeten HarrisonParrott-Stiftung, die sich für den gleichberechtigtem Zugang aller Menschen zu den Künsten einsetzt. Mit einer eigenen Konzertreihe bringt sie zudem internationale Talente in ihre Heimatstadt Ulverston.

  • Zeynep Özsuca (Klavier)
    Die Pianistin Zeynep Özsuca lehnt an einer Mauer.
    © Zeynep Özsuca

    Die türkischstämmige Pianistin Zeynep Özsuca trat bereits weltweit als Solistin, Kammermusikerin und Liedbegleiterin auf. Den Klavierunterricht begann sie im Alter von vier Jahren in Ankara, wo sie ihr Studium am Konservatorium der Hacettepe Universität absolvierte. Nachdem sie die Istanbul Symphony’s Young Soloists Competition im Jahr 2001 gewann, zog sie in die USA, um ein Bachelor-Studium in Piano Performance am Oberlin Conservatory zu beginnen. Anschließend führte sie ihr Masterstudium in Liedbegleitung und Korrepetition an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin fort.

    Als Kammermusikern trat sie auf renommierten Konzertpodien und Festivals wie der Berliner Philharmonie, dem Palau de la Musica Valencia, dem Schleswig-Holstein Musikfestival und der Queen Elizabeth Hall auf und war in Live-Radiosendungen im Deutschlandradio, RBB Kulturradio sowie BBC 3 und 4 (Großbritannien) zu hören. Zeynep Özsuca lebt derzeit in London.

Nominiert von Sage Gateshead

Sage Gateshead
Sage Gateshead © Mark Savage

Programm

Francis Poulenc (1899–1963)
Sonate für Oboe und Klavier FP 185 / Bearbeitung für Saxofon

Graham Fitkin (*1963)
Gate

John Dowland (1563–1626)
Flow, my tears F II/6

Pedro Iturralde (1929–2020)
Pequeña Czarda

 

Mehr über die Werke lesen

Der Allrounder :Die ungewöhnliche Geschichte des Saxofons

»Erfunden wurde das Saxofon, um die klangliche Lücke zwischen Klarinette und Oboe zu füllen.«

Ja, das Saxofon hat’s nicht leicht. Per Definition zwar ein Holzblasinstrument, blieb es im Orchester doch immer ein Exot. Für die Militärmusik instrumentalisiert, auf seine Rolle im Jazz reduziert, wurde es später auch für die Popmusik missbraucht (Stichwort George Michael: »Careless Whisper«). Doch man kann das Ganze auch als Erfolgsstory lesen. Denn was hat uns das Saxofon nicht alles geschenkt? Den Bebop von Charlie Parker, das samtige Timbre von John Coltrane und – ja, auch das – zahlreiche schöne Orchesterstellen von Ravels »Boléro« über Weills »Dreigroschenoper« bis hin zu Gershwins »Rhapsody in Blue«. Eigentlich eine erstaunliche Leistung für ein so junges Instrument.

Jess Gillam, lachend, mit Saxofon.
Jess Gillam mit Saxofon © Robin Clewley

Erfunden und 1841 erstmals vorgestellt wurde das Saxofon vom Belgier Adolphe Sax mit dem Ziel, die klangliche Lücke zwischen Klarinette und Oboe zu füllen. Er ließ es sich 1846 in Frankreich patentieren, als eine von über 30 Erfindungen im Laufe seines Lebens (darunter auch Kuriositäten wie eine Signalanlage für die Eisenbahn oder ein Apparat zur Lungengymnastik). Berühmt wurde er jedoch erst durch das Saxofon, das in Hector Berlioz bald einen prominenten Unterstützer fand: »Beweglich und für rasche Passagen ebenso geeignet wie für anmutige Gesangsstellen, für religiöse und träumerische Harmonieeffekte, sind die Saxofone mit großem Vorteil in jeder Art von Musik verwendbar«, so der Komponist in seinem epochalen Handbuch der Orchesterinstrumente. Ein richtiger Allrounder sozusagen, und so nimmt es nicht wunder, dass der Erfolg des Instruments mit der markanten Tabakpfeifenform nicht lange auf sich warten ließ.

Doch so sehr das Saxofon für seinen Klang gerühmt wurde, richtig durchsetzen konnte es sich außerhalb des Jazz dann doch nicht. Und so muss man klassische Kompositionen noch immer suchen: Alexander Glasunows Konzert in Es-Dur mag hin und wieder noch auf den Konzertprogrammen zu finden sein, darüber hinaus wird die Luft schon dünn. Wie gut, dass sich alles arrangieren lässt – und hier tritt die Künstlerin des heutigen Konzerts auf den Plan: Jess Gillam, die eine bunte Mischung sowohl aus Kompositionen speziell für ihr Instrument als auch aus Bearbeitungen anderer Werke bereithält.

»Versuche niemals, Saxofon zu spielen. Lass’ es dich spielen.«

Charlie Parker

Die Musik

Schön klar :Francis Poulenc: Sonate für Oboe (1962)

Den Anfang macht denn auch gleich eine Sonate, die eigentlich für die Oboe gedacht war. Geschrieben hat sie der Franzose Francis Poulenc, der, 1899 in Paris geboren, ab dem 19. Lebensjahr der Gruppe »Les Six« angehörte. Dabei handelte es sich um einen losen Zusammenschluss von sechs Komponisten, die die Musik Frankreichs neu zu definieren versuchten und dabei eine klarere Musiksprache anstrebten, weg von den schillernden Klangzaubereien Debussys und Ravels. Poulenc, dessen großes Vorbild Mozart war, gelang dies besonders gut. Klare Sprache und Klangschönheit prägen auch die Oboensonate die 1962 als eines seiner letzten Werke entstand. Er widmete sie dem russischen Komponisten Sergei Prokofjew, der ihm (augen- und ohrenscheinlich) vor allem im zweiten Satz klanglich auch als Vorbild diente. Zum übrigen Aufbau schrieb Poulenc selbst eine Zusammenfassung: »Ich habe die Elemente für eine Oboensonate gefunden: Der erste Satz ist elegisch, der zweite scherzando und der letzte eine Art liturgischer Gesang.«

Francis Poulenc (Postkarte, 1923)
Francis Poulenc (1923) © Library of Congress

Musik für’s Publikum :Graham Fitkin: Gate (2001)

Schon 1998 zählte die britische Zeitung The Independent Graham Fitkin (*1963) zu den »wichtigsten jungen Komponisten«. Heute, mit Ende 50 zwar nicht mehr ganz so jung, gehört der Brite noch immer zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten der Insel. Stilistisch wird er dem Postminimalismus zugerechnet, seine Musik ist äußert lebendig und durchaus publikumsfreundlich. Beides trifft auch auf sein Stück »Gate« zu, in dem das Saxofon eine elegische, mitunter leicht jazzige Melodie über repetitive, perkussive Muster des Klaviers entfaltet. Raffiniert und äußerst eindrucksvoll!

Melancholiker par Excellence :John Dowland: Flow my Tears (1600)

Von hier geht es zurück in die frühe britische Musikgeschichte und zu dem Lautenspieler John Dowland. Heute gilt er als wichtigster Vertreter der nach der britischen Königin Elisabeth I. benannten »Elizabethan Melancholy« – der ganz besonderen Schwermut dieser Zeit, die sich vor allem in der Kunst zeigte. Auch Dowland kostete das Thema in seinen emotionalen Liedern aus. Zu seinem Markenzeichen wurde etwa eine absteigende Melodie als Symbol einer herabrollenden Träne. Sie darf natürlich auch in einem Lied wie »Flow, my tears« nicht fehlen. Schluchz!

 

Tanz im Wirtshaus :Pedro Iturralde: Pequeña Czarda (1949)

Quasi ein Kollege von Jess Gillam war der spanische Saxofonist und Komponist Pedro Iturralde. Im November 2020 im stolzen Alter von 91 Jahren verstorben, gehörte er zeit seines Lebens zu den großen Virtuosen seines Fachs und beherrschte das gesamte Repertoire seines Instruments. Außerdem gilt er als Erfinder des »Flamenco Jazz«, in dem er die beiden unterschiedlichen Musikstile fusionierte. Sein Stück »Pequeña Czarda« für Saxofon und Klavier entstand bereits 1949. Der Titel verweist auf den traditionellen ungarischen Tanz Csárdás, der wiederum übersetzt so viel wie Wirtshaus bedeutet. Tanzen lässt sich zu Iturraldes virtuosem Stück zwar eher nicht, dennoch versprüht es viel landestypisches Kolorit. Auch der oft abrupte Wechsel zwischen langsamen und schnellen Abschnitten und die weitschweifenden Melodien, die von einer gewissen Melancholie durchzogen sind, sind typisch für diese Gattung, die als stilisierte Form sehr oft Eingang in die klassische Musik gefunden hat.

Text: Simon Chlosta, Stand: 25.1.2021

Pedro Iturralde spielt Saxofon.
Pedro Iturralde © Rai Fernandes Foto

Das Konzert wurde am 22. Januar 2021 in London aufgezeichnet.

 

Veranstalter: HamburgMusik

In Kooperation mit ECHO - European Concert Hall Organisation

Mit Unterstützung der M.M.Warburg & CO.

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