Musik: Eine Sucht ohne Nebenwirkungen

Musik: Eine Sucht ohne Nebenwirkungen

Warum bekomme ich von Musik Gänsehaut? Ein Interview mit dem Musikpsychologen Prof. Dr. Reinhard Kopiez über die körperlichen Reaktionen beim Musikhören.

Seit Jahrzehnten gehört Musikhören zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen. Das wundert den Musikpsychologen Prof. Dr. Reinhard Kopiez nicht: »Das liegt daran, dass Musik wichtige Bereiche abdeckt, in denen nur wenige alternative Tätigkeiten mithalten können.« Er erklärt, dass Musik bei der Konzentration und Ausdauer helfen kann, unsere Stimmungen reguliert und den Zusammenhalt von Gruppen fördert. 

Aber was passiert beim Musikhören im Körper? Woher kommt eigentlich Gänsehaut? Was ist das Besondere an einem Live-Konzert? Solchen Fragen widmet sich der norddeutsche Wissenschaftler in seinen Studien zum Musikerleben. Über mehrere Jahre hat er im »Music Lab« in Hannover erforscht, wie Menschen auf welche Musik reagieren.

»Ab ins Konzert – auch wenn ich das Programm noch nicht kenne. Und zuhören!«

Prof. Dr. Reinhard Kopiez

Prof. Dr. Reinhard Kopiez
Prof. Dr. Reinhard Kopiez © Kopiez

Sie untersuchen, was im Körper passiert, wenn wir emotional auf Musik oder bestimmte Momente in der Musik reagieren. Wo fängt man da an?

Wir beobachten das autonome Nervensystem – also die unmittelbaren und meist unbewussten körperlichen Reaktionen. Für uns sind dabei vor allem vier Parameter wichtig: Schon nach einer Sekunde reagiert als erstes die Haut – nicht umsonst funktionieren auch traditionelle Lügendetektoren über eine Messung des Hautleitwertes, der von der Aktivität der Schweißdrüsen abhängt. Das zweite ist die Herzfrequenz, vor allem die Variabilität, also die Veränderung der Frequenz. Drittens untersuchen wir die Atembewegung. Die ist relativ träge und man muss sie aufwendig mit einem Brustgurt messen.

Der letzte Parameter ist in unserem Bereich relativ neu und ich glaube, er ist der eigentliche Knaller unserer Untersuchungen: die Pupillenveränderung. Wir beobachten also den Durchmesser der Pupille mit kleinen Kameras auf einer Brille. Die Veränderung dieses Durchmessers zeigt eindeutige Reaktionen: Wenn es aufregend wird, heißt es »Augen auf«. Denn durch eine große Pupille fällt mehr Licht – das machen ja Babys schon so. Die Aufmerksamkeit nimmt also zu. Ich würde es so sagen: Man sieht dann differenzierter und nimmt die Dinge in einem größeren Fokus wahr.

Reaktion der Pupille Reaktion der Pupille © Pixabay

»Wenn es aufregend wird, heißt es: Augen auf!«

Können Sie etwas dazu sagen, welche Momente in der Musik diese Wirkung besonders hervorrufen?

Einen besonderen Weg zur unmittelbaren Reaktion bilden gewisse Überraschungsmomente. Wenn zum Beispiel in Bachs »Matthäus-Passion« dieser erschütternde »Barabbam«-Ruf kommt, ist das ein klanglicher Überfall – oder in Strawinskys »Le sacre du printemps«: Da gibt es auch überfallartige Klangereignisse, die mich völlig unvorbereitet wie ein Knall erreichen. In solchen Fällen kann es zu sehr starken Reaktionen wie Gänsehaut kommen. Wir sprechen dann von einer Art Schreckreaktion, die psychoakustisch auf einer ganz basalen und reflexartigen Ebene passiert.

Matthäus-Passion: »Barabbam«-Ruf

Johann Sebastian Bach
Johann Sebastian Bach © Wikimedia

Igor Strawinsky: »Le sacre du printemps«

hr-Sinfonieorchester: Strawinsky »Le sacre du printemps«
hr-Sinfonieorchester: Strawinsky »Le sacre du printemps«

Allerdings verlieren diese Momente ja oft kaum etwas von ihrer emotionalen Wirkung, wenn ich sie schon kenne – sie also keine Überraschung mehr sind.

Das stimmt. Aber Musik ist nicht wie ein Stück Seife, das sich abnutzt, wenn ich es mehr benutze. Im Gegenteil: Es kann ja auch ein gutes Gefühl sein, wenn Hörerwartungen eingelöst werden, oder? Musik kann schon süchtig machen – ohne negative Nebenwirkungen.

 

Bildet sich ein besonders intensiver Moment im Musikerleben auch im Gehirn ab?

Ja, auf jeden Fall. Und zwar hängt das Belohnungszentrum damit stark zusammen – »Nucleus accumbens« heißt das. Das ist ein ganz kleines Gebiet in der Tiefe des Gehirns, das typischerweise immer besonders aktiv isst, wenn man Schokolade ist, Drogen konsumiert oder auch beim Sex.

 

Welche Gehirnareale sind beim Musikhören allgemein noch beteiligt?

Das ist eine ziemlich umfassende Aktivierung. Die Neurowissenschaft hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass es kein Musikzentrum oder Ähnliches im Gehirn gibt. Ein Hörzentrum gibt es, aber das kümmert sich eher um Sprache. Inzwischen gehen wir davon aus, dass für die Verarbeitung eines musikalischen Erlebnisses sehr komplexe Netzwerke im Gehirn aktiviert werden. Erstaunlicherweise gehört dazu oft auch das motorische Areal. Wenn ich zum Beispiel selber Klavier spielen kann und ein Klavierstück höre, dann sind auch die Areale aktiv, die eigentlich für die Bewegung der Finger zuständig sind – ohne, dass meine Finger sich wirklich bewegen.

Gänsehaut Gänsehaut © EverJean / Wikimedia

»Gänsehaut kriegen wir nicht nur bei Knalleffekten.«

Gänsehaut ist ursprünglich ein Schutzmechanismus gegen die Kälte, also eigentlich eine Reaktion auf etwas Negatives – wie passt das mit dem Belohnungszentrum zusammen?

Das ist erstmal richtig. Es gibt bei der Gänsehaut mindestens zwei grundlegende biologische Verursachungen: Die eine ist Kälte, die zweite ist ein Bedrohungsszenario.


Also auch nicht viel besser!

Nein, man fragt sich also: Was hat Musikerleben denn damit zu tun? Manche Forscher glauben, dass diese intensiven musikalischen Erlebnisse auf Trennungsrufe zwischen Affenmutter und Kind zurückzuführen sind – heißt, wenn die Mutter ihr Kind ins Gras legt, um Nahrung zu suchen, ruft sie die ganze Zeit nach ihm, wovon sich beim Kind die Haare aufstellen und einen Kälteschutz bilden. Das finde ich eine ansprechende, aber eher steile These. Denn es gibt in der Musik ja viel mehr als nur Trennungsrufe.

Und Gänsehaut kriegen wir auch nicht nur bei Knall-Effekten, sondern auch in Momenten, in denen es ganz plötzlich ganz leise wird und nur ein Solo-Instrument oder eine Stimme übrigbleibt – wie zum Beispiel in Mahlers Zweiter Sinfonie bei dem unglaublich berührenden Einsatz der Altistin. Diese Musik haben wir übrigens schon mehrfach für unsere Studien ausgewählt, weil viele Menschen davon jedes Mal wieder eine Gänsehaut bekommen. Ich glaube, wir können nur eines sagen: Immer wenn sich etwas ändert, wird es interessant für uns. Nicht wenn es laut ist, sondern wenn es laut wird – wenn es leise wird und nicht, wenn es leise ist. Diese Momente des Übergangs, die sind für unser Erlebnissystem immer intensiv.

Gustav Mahler: 2. Sinfonie c-Moll, IV. »Urlicht« (Alt-Solo)

Gustav Mahler: 2. Sinfonie
Gustav Mahler: 2. Sinfonie

Kann ich das Gefühl haben, dass mich etwas berührt, ohne dass sich das mit den Messungen bestätigen lässt?

Ja, so viel wir wissen, gibt es alle Varianten: Es gibt bewusste intensive Erlebnisse mit Gänsehaut und welche ohne so starke körperliche Reaktionen – aber auch umgekehrt: Manchmal stellen wir sogar starke körperliche Reaktionen fest, ohne dass der Proband bewusst ein so intensives Erlebnis hat. Das ist sehr individuell, ob diese körperlichen Begleitphänomene in einer messbaren Stärke auftreten. Es gibt das eben auch auf der rein mentalen Ebene.

 

Musik an sich gibt es ja auf einer rein mentalen Ebene: Ich kann mir Musik vorstellen und innerlich hören. Und sogar davon kann ich ja manchmal Gänsehaut bekommen. Das heißt, es kommt zu einer körperlichen Reiz-Reaktion, ohne dass überhaupt ein Reiz vorliegt. Wie erklären Sie sich das?

Ich würde sagen, das ist etwas spezifisch Menschliches. Unsere mentale Fähigkeit, die Vorstellungskraft, ist so stark, dass sich das Vorgestellte wie etwas Reales auswirkt. Deshalb können auch die Begleiterscheinungen so sein, als wäre es eine reale Hörerfahrung. Es ist ungeheuer interessant, dass wir dazu in der Lage sind, solche Imaginationen zu entwickeln. Grundsätzlich müssen wir immer davon ausgehen, dass auch solche Fähigkeiten eine evolutionsbiologische Begründung haben.

Hier können wir allerdings nur darüber spekulieren, welche das war. Eine Erklärung wäre, dass diese Vorstellungskraft mal dafür gut war, um zum Beispiel auf langen, monotonen Wanderungen die Ausdauer zu erhöhen. Denn wie wir auch heute noch wissen, kann Musik dabei helfen, lange und anstrengende Tätigkeiten kurzweilig zu machen.

Musikhören kann die eigene Ausdauer erhöhen Musikhören kann die eigene Ausdauer erhöhen © Pixabay

»Musik kann dabei helfen, lange und anstrengende Tätigkeiten kurzweilig zu machen.«

Wie steht es um die ausführenden Musiker selbst? Bekommen die auch eine Gänsehaut, während sie spielen oder singen?

Dazu gibt es leider noch keine umfassenden Studien, aber eher nein – meistens ist der kognitive Apparat dafür beim Musizieren viel zu aktiv. Wir gehen davon aus, dass er solche körperlichen Reaktionen als mögliche Kontrollverluste sogar zu blockieren weiß. Denn der Fokus muss eben auf der eigenen aktiven Leistung, auf der Performance, liegen.


Bei welcher Musik bekommen Sie Gänsehaut?

Ich muss ehrlich gestehen, ich bin eigentlich nicht so reagibel. Ich kenne das nur sehr selten und wenn, dann bei Filmmusik – wie etwa bei der zu »Schindlers Liste«. Häufiger habe ich rein mentale Erfahrungen ohne die physiologischen Reaktionen.

Das heißt, für Sie spielt auch der Kontext – wie eine Szene oder ein Songtext – eine Rolle? Ist das häufig so?

Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Bedeutungen entstehen immer multimedial. Was das Stück für mich bedeutet, hat nicht unbedingt nur etwas mit seinen klanglichen Eigenschaften zu tun. Es kommt dabei nicht nur auf den gegenwärtigen Kontext an, sondern auch auf meine Erfahrungen oder Erinnerungen. Das kennen wir ja wahrscheinlich alle: Musik kann mit besonderen Erlebnissen verknüpft und dadurch mit Bedeutung aufgeladen werden – ein erstes Rendezvous oder was auch immer.

 

Ist das Setting denn auch ein Faktor? Also macht es einen Unterschied, ob ich eine CD höre oder im Konzert sitze?

Grundsätzlich ja – wir wissen vor allem, dass der Raumklang dabei eine wichtige Rolle spielt. Das Besondere am Hörerlebnis im Konzertsaal ist dieses Gefühl, in den Klang eingebettet zu sein. Man spricht von so genannten »Immersions-Erfahrungen«. Das ist etwas, was im Moment auch mit Virtual Reality, besonderen Audio-Formaten und hochentwickelten Kopfhörern versucht wird. Es ist sehr aufwendig und so ein Erleben ist nicht 1:1 künstlich reproduzierbar. Im Konzert kriegt man diesen Effekt quasi kostenlos dazu. Ich glaube, das ist der entscheidende Unterscheid zwischen CD und Konzert – nicht nur das soziale Event. Das Baden in Klängen: Das ist es, was ein Konzerterlebnis so besonders und unersetzbar macht.

NDR Elbphilharmonie Orchester NDR Elbphilharmonie Orchester © Daniel Dittus

»Das Besondere am Hörerlebnis im Konzertsaal ist dieses Gefühl, in den Klang eingebettet zu sein.«

Die Wirkung von Musik auf den Menschen erforschen Sie inzwischen seit vielen Jahren. Ein kleiner Ausblick: Was können und sollten wir aus alledem lernen?

Also zunächst einmal, dass wir uns von der alten Idee von einer musikalischen Hausapotheke – von der Idee, dass Menschen mit Musik berechenbar emotional zu steuern sind – verabschieden müssen. So funktioniert das nicht. Wir alle haben unsere eigene Hör-Biografie, sodass die emotionale Wirkung von Musik eben etwas ganz Individuelles und nicht unbedingt Berechenbares ist. Es sind zwei Sachen, die ich in den letzten 15 Jahren gelernt habe: Erstens, wie individuell musikalisches Erleben ist und zweitens, wie offen das System auch ist für neue Erfahrungen.

Es ist wirklich großartig zu sehen, dass Musik, auf die man nie gewartet hat, einen plötzlich anspringen kann. Und man fragt sich: Wieso hab’ ich das nicht schon vor 20 Jahren gehört? Das ist etwas, was immer wieder passieren kann. Darum: Ab ins Konzert – auch wenn ich das Programm noch nicht kenne. Und zuhören!

 

Interview: Julika von Werder (05.03.2021)

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