Die Orgel der Elbphilharmonie: Ein Instrument, das atmet

Über das Wunderwerk aus Klang und Technik im Herzens des Großen Saals.

»Man spürt diese Orgel. Schon wenn man das Instrument anschaltet, merkt man, wie es atmet und die Muskeln anspannt und sich bereit macht, den Saal mit Musik zu erfüllen. Der Klang kommt dann von allen Seiten und packt einen richtig. Das gibt es so bei keiner anderen Konzert- oder Kirchenorgel.« Thomas Cornelius kommt noch immer ins Schwärmen, wenn er über die Orgel der Elbphilharmonie spricht. Der Hamburger Organist und Komponist ist unter anderem für die Wartung und das Stimmen des Instruments zuständig, er gibt Orgelführungen für Besucher und spielt regelmäßig Konzerte.

15 mal 15 Meter groß, 25 Tonnen schwer

Doch auch wenn die Orgel nicht erklingt, macht sie schon rein optisch mächtig Eindruck. Über vier Etagen erstreckt sich das rund 15 mal 15 Meter große und 25 Tonnen schwere Instrument, und selbst im Reflektor über der Bühne sind noch Pfeifen verbaut. Einen klassischen Orgelprospekt, wie das äußere Erscheinungsbild der Orgel genannt wird, sucht man daher auch vergebens. Stattdessen fügt sich das Instrument organisch und »wie eine Skulptur im Gesamtkontext« in die Saalkonzeption ein, so Cornelius. Überhaupt ist der Raum für ihn mindestens genauso wichtig wie das eigentliche Instrument:

»In der Kirche kommt ja immer noch die sakrale Ebene hinzu, der Konzertsaal hingegen hat eine ganz andere Atmosphäre. Und natürlich gibt es hier viel weniger Hall.«

Thomas Cornelius

Die Orgel der Elbphilharmonie
Die Orgel der Elbphilharmonie © Wilfried Sander

»Ein aufregender Saal braucht halt eine ebenso aufregende Orgel.«

Orgelbauer Philipp Klais

Gleichzeitig bietet die Orgel für das Publikum zahlreiche Gelegenheiten, einen Blick in ihr Inneres zu werfen. Besonders wenn die Innenbeleuchtung der Orgel eingeschaltet ist, offenbart sich das imposante Pfeifenmeer hinter der »Weißen Haut« des Saales, die im Bereich der Orgel an einigen Stellen durchbrochen ist. Nicht zuletzt, und das ist wirklich einmalig in der Orgellandschaft, sind einige Pfeifen so im Saal platziert, dass man sie anfassen kann – eine spezielle fett- und schweißabweisende Beschichtung, die auch Fingerabdrücken standhält, macht’s möglich.

Verschmolzen mit dem Saal

Dass die Orgel so sehr mit dem Saal verschmolzen wirkt, ist auch dem Umstand geschuldet, dass sie in den ersten Entwürfen gar nicht vorgesehen war. Erst eine private Spende ermöglichte den Bau, mit dem schließlich das Bonner Traditionsunternehmen Klais beauftragt wurde. Die Orgelbauer um den Inhaber Philipp Klais hatten nun gar keine andere Wahl, als die insgesamt 4.765 Pfeifen mit Längen zwischen elf Millimetern und zehn Metern in enger Abstimmung mit den Architekten in die noch verfügbaren Nischen des Saales zu integrieren. Klais’ Credo war dabei: »Ein aufregender Saal braucht halt eine ebenso aufregende Orgel.« Nun ziert der sichtbare Teil des Instruments die nach dem »Weinberg-Prinzip« angeordneten Ränge hinter der Bühne, als wäre es nie anders geplant gewesen.

Pfeifenmeer
Pfeifenmeer © Peter Hundert

Geheimtür ins Innere der Orgel

Ins Innere der Orgel gelangt man über die 14. Etage des Saales. Hier befindet sich eine Art Geheimtür aus stummen Pfeifen, die zum sogenannten Schwellwerk führt, mit dessen »schwellbaren« Türen sich die Lautstärke regulieren lässt. Bedient wird dieser Mechanismus vom Spieler über einen Fußregler.

Vom Schwellwerk aus gelangt man über eine schmale Wendeltreppe zu den weiteren Ebenen. Nach oben geht es zum Haupt- und Chorwerk, die ihrem Namen entsprechend einerseits die Haupt-Klangfarben der Orgel beinhalten, andererseits diejenigen Pfeifen, die sich besonders gut für Chorbegleitung eignen. In der Spitze befindet sich das Solowerk, das einige außergewöhnliche Klangfarben bereithält und sehr laut werden kann. Herz und Lunge der Orgel lassen sich hingegen im »Keller« der Orgel im 13. Stock bestaunen: einerseits die großen Gebläse, die die Windversorgung der Pfeifen sicherstellen, andererseits der eher unscheinbare graue Schaltkasten, in dem der kleine Computer steckt, über den das gesamte Instrument gesteuert wird.

Orgel: Thomas Cornelius im
Schwellwerk
Thomas Cornelius im Schwellwerk. Im Hintergrund die Holzladen zur Regulierung der Dynamik. © Peter Hundert

»Auf dieser Orgel kann man alles spielen. Man hat künstlerisch absolute Freiheit, weil alles funktioniert und gut klingt.«

Iveta Apkalna

Komplexe Mechanik

Auch wenn heute natürlich alles elektronisch funktioniert: »Die Technik ist im Prinzip die gleiche wie vor 500 Jahren«, erklärt Thomas Cornelius. Davon zeugt auch der manuelle Spieltisch, der direkt an die Orgel gebaut wurde und von dem sich zumindest ein Teil der Orgel mechanisch steuern lässt.

Manueller Spieltisch der Elbphilharmonie-Orgel
Manueller Spieltisch © Peter Hundert

Steht man in der Orgel, auf der Rückseite des Tisches, bekommt man eine Ahnung von der komplexen Mechanik des Instruments. Denn jede einzelne Taste setzt gleich eine ganze Reihe von Aktionen in Bewegung: Zunächst werden auf Tastendruck die langen, dünnen Holzleisten, die man Abstrakte nennt, nach unten gezogen, wodurch sich am anderen Ende ein Ventil öffnet.

»Jeder Organist kann sich seinen ganz eigenen Orgelklang mischen.«

Nun beginnt der Wind durch die hölzernen Kanäle zu strömen, die zu verschiedenen Windladen führen – zu Holzkästen, auf denen Pfeifen mit derselben Tonhöhe angeordnet sind. Damit diese aber nicht alle gleichzeitig klingen, können per Schalter einzelne Register, auf denen Pfeifen gleicher Klangfarbe zusammengefasst sind, ausgewählt und angesteuert werden. Auf diese Weise kann sich jeder Organist seinen ganz eigenen Orgelklang mischen. Je mehr Register er auswählt, desto mehr Pfeifen erklingen – daher die Redewendung »alle Register ziehen«.

Abstrakte der Elbphilharmonie-Orgel
Abstrakte der Elbphilharmonie-Orgel © Peter Hundert

Neben dem direkt an der Orgel platzierten Spieltisch gibt es noch einen zweiten, mobil und vollständig elektronisch, der für Konzerte auf die Bühne geschoben wird. Mit seinem großen, schwarzen Korpus, in dem vier Manuale, 32 Pedaltasten und 69 Registerschalter verbaut sind, sieht er ein bisschen so aus, als könne man damit auch ein Raumschiff steuern. Und tatsächlich: Vor dem Spiel muss jeder Organist erst einmal einen persönlichen Code eingeben, der seine Einstellungen abruft.

Das Gesicht der Orgel: Iveta Apkalna

Wie man sich in diesem Cockpit zurechtfindet, weiß niemand besser als Iveta Apkalna. Die lettische Organistin ist Titularorganistin der Elbphilharmonie und gibt dem Instrument als solche ein Gesicht. Sie begleitete schon die langwierige Einspielphase der Orgel und durfte sie als Erste der Öffentlichkeit präsentieren.

Elbphilharmonie Orgel: Iveta Apkalna am elektronischen Spieltisch
Iveta Apkalna am elektronischen Spieltisch © Daniel Dittus

»Alle Qualitäten und Details, die ich schon beim ersten Treffen an diesem Instrument so geschätzt und geliebt habe, und die damit verbundenen Emotionen sind immer noch da. Meine Beziehung zur Orgel geht jetzt immer mehr in die Tiefe.«

Iveta Apkalna

Für sie sind es vor allem die warmen Grundtöne, die das Instrument so besonders machen: »Sie verteilen sich im Saal wie Schaum und wärmen die Ohren. Das fasziniert mich besonders.« Und nicht zuletzt: »Auf dieser Orgel kann man alles spielen. Man hat künstlerisch absolute Freiheit, weil alles funktioniert und gut klingt. Diese Orgel macht alles mit.«

Inzwischen ist für Apkalna, die in Riga studiert hat und die dortige Dom-Orgel als ihr musikalisches Zuhause bezeichnet, die Elbphilharmonie-Orgel zur zweiten Heimat geworden. Denn auch wenn sich die akustischen Begebenheiten von Saal und Kirche erheblich unterscheiden: »Dieses Gefühl des Klanges, der mich beim Spielen umarmt und von allen Seiten und aus der Tiefe kommt, das habe ich an beiden Orten.«

Ihre Möglichkeiten als Hausorganistin der Elbphilharmonie möchte sie dazu nutzen, noch mehr Menschen, besonders die jungen, von ihrem Instrument zu begeistern. Und sie setzt sich dafür ein, dass noch mehr Auftragswerke für genau diese Orgel komponiert werden. »Am schönsten wäre es, wenn es in 20 oder auch erst in 50 Jahren ein eigenes Orgelbuch nur mit Werken geben würde, die von der Elbphilharmonie-Orgel inspiriert sind.«

Text: Simon Chlosta, Stand: 12.5.2020

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