Das große Beethoven-ABC

Zum 250. Geburtstag: Ludwig van Beethoven von A bis Z

Am 17. Dezember 2020 feiert die Musikwelt Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag. Dutzende Regalmeter sind schon über den vielleicht größten Komponisten aller Zeiten geschrieben worden – wir schaffen es in 26 Buchstaben.

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Akademie

Seine neuesten Werke stellte Beethoven in Konzerten vor, die »Akademien« genannt wurden. Das Programm war in der Regel bunt gemischt und umfasste Sinfonien, Kammermusik, Arien und → Improvisationen. Legendär ist die Akademie vom 22. Dezember 1808, in der unter anderem die 5. und 6. Sinfonie, das 4. Klavierkonzert, die Chorfantasie und Teile der C-Dur-Messe erklangen – vier Stunden, in einem ungeheizten Saal. Da es noch kein öffentliches Konzertwesen gab, musste er solche Konzerte auf eigenes Risiko veranstalten und sich sogar um den Kartenvorverkauf kümmern. Auf dem Plakat zu seiner allerersten Akademie 1800 ist vermerkt: »Billets sind bei Herrn van Beethoven in dessen Wohnung im Tiefen Graben Nr. 241 im 3. Stock zu haben.«

Plakat Beethoven-Akademie 1800
© Beethoven-Haus Bonn

Das Plakat zu Beethovens erstem eigenen Akademie-Konzert 1800

Beethoven, Ludwig van

War Beethoven blaublütig? Nein. Das »van« in seinem Namen deutet nur auf die  holländisch-belgischen Wurzeln der Familie hin. Sein Großvater stammte aus Mechelen und fand als Sänger Anstellung am Bonner Hof. Frühere Ahnen waren offenbar Bauern: »van Beethoven« bedeutet wörtlich »von den Rübenhöfen«.

Beethovens Unterschrift

CD

Als Ende der 1970er Jahre Ingenieure von Philips und Sony an einem neuen Speichermedium forschten, kam bald die Frage auf, wie viel Musik diese »Compact Disc« fassen können sollte. Der Legende nach entschied am Ende Sony-Chef Norio Ōga: Der studierte Opernsänger wollte Beethovens Neunte Sinfonie endlich einmal am Stück hören, ohne störenden Plattenwechsel. Daher wurde die Länge der CD auf 74 Minuten festgelegt – so lange dauerte Wilhelm Furtwänglers Aufnahme von 1951 aus Bayreuth.

Dicke, der

Bewegliche Karikatur des Geigers Ignaz Schuppanzigh

Bewegliche Karikatur des Geigers Ignaz Schuppanzigh

»Lob auf den Dicken« betitelte Beethoven ein kleines Gesangsstück. Gemeint war der offenbar arg beleibte Geiger Ignaz Schuppanzigh (1776–1830), einer seiner engsten Freunde. Mitte der 1790er Jahre gründete er das erste Profi-Streichquartett, das bis zu seinem Tod bestand und für Beethoven als stets greifbarer Praxispartner von unschätzbarem Wert war. Es brachte fast alle seine Quartette zur Uraufführung, spielte sie regelmäßig in Salons kunstsinniger Wiener Fürsten und rief sogar die erste öffentliche Streichquartett-Konzertreihe ins Leben. Dabei hatte es Schuppanzigh nicht immer leicht mit dem aufbrausenden Genie: »Was kümmert mich seine elende Geige, wenn der Geist zu mir spricht?!« blaffte Beethoven ihn einmal an, als er sich über technische Schwierigkeiten beklagte. Doch ihre Freundschaft hielt bis zum Ende: Bei Beethovens Beerdigung war er neben Franz Schubert einer der Sargträger.

Eroica

Bis heute rätseln Fachleute, was es mit dem Beinamen von Beethovens Sinfonie Nr. 3 auf sich hat. Ursprünglich hatte er sie Napoleon gewidmet. Doch als sich der Held der Revolution selbst zum Kaiser krönte, schlug Beethovens Verehrung in Verachtung um. Wütend radierte er die Widmung auf der Titelseite aus, so heftig, dass er das Papier durchscheuerte. Stattdessen notierte er: »Komponiert, um das Andenken eines großen Mannes zu feiern.« In jedem Fall handelt es sich um die vielleicht wichtigste Sinfonie, die je geschrieben wurde. In Dauer, Besetzungsgröße, Komplexität und emotionaler Wucht stellt sie alles Dagewesene in den Schatten. Wer auch immer der »große Mann« sein soll – Ludwig van Beethoven hat sich mit der »Eroica« selbst ein Denkmal gesetzt.

Leonard Bernstein erklärt, wie bahnbrechend Beethovens »Eroica« wirklich war

Fürsten

»Fürst! Was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt. Was ich bin, bin ich durch mich. Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben, Beethoven gibt es nur einen.« Man ahnt: Beethovens Verhältnis zum Adel war zwiespältig. Respekt brachte er der Oberschicht kaum entgegen; als Rheinländer und Anhänger der französischen Revolution war er Republikaner durch und durch. Angeblich stürmte er einmal mit dem Ausruf »Vor solchen Schweinen spiele ich nicht!« von der Bühne, weil sich das blaublütige Publikum – wie damals üblich – während des Konzerts unterhielt. Andererseits aber lebte Beethoven gut von seinen adligen Mäzenen, die regelmäßig Stücke bei ihm in Auftrag gaben, ihm Musiker zur Verfügung stellten und ihm zeitweilig sogar ein gut dotiertes Stipendium zahlten, um ihn in Wien zu halten.

Goethe, Johann Wolfgang von

1812 fand es tatsächlich statt, das Treffen der beiden Künstlergiganten Beethoven und Goethe. Der Komponist, der bereits an einer Schauspielmusik zu Goethes »Egmont« arbeitete, hatte die Begegnung im böhmischen Kurort Teplitz angebahnt. Doch während sich der Dichterfürst beeindruckt zeigte – »Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; zusammengeraffter, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen« – äußerte sich Beethoven enttäuscht über Goethes Musikgeschmack: Er bevorzuge »lächerliche Virtuosen« (Improvisation). Auch seine schnöseligen Umgangsformen stießen ihn ab: »Goethe behagt die Hofluft zu sehr; mehr, als es einem Dichter ziemt.« Am besten wird ihr Verhältnis durch eine schöne, aber leider widerlegte Anekdote illustriert: Als den beiden beim Spaziergang der Kaiser entgegenkam, trat Goethe angeblich artig zur Seite und zog den Hut – während Beethoven die Arme verschränkte und seine Majestät samt Gefolge aus dem Weg rempelte.

© Wikimedia Commons

Goethe zieht vor dem Kaiser den Hut, Beethoven marschiert einfach weiter – Illustration einer schönen, aber leider widerlegten Anekdote

Heiligenstädter Testament

© Staatsbibliothek Hamburg

Beethovens erschütterndes »Heiligenstädter Testament«

1802 war Beethovens Taubheit so weit fortgeschritten, dass er mit seinem baldigen Tod rechnete, womöglich von eigener Hand. In einem bis heute berührenden, vierseitigen Brief aus dem Kurort Heiligenstadt an seine beiden Brüder ordnete er seinen Nachlass und erklärte sich der Nachwelt: »O ihr Menschen die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet, wie unrecht tut ihr mir! Doch war’s mir noch nicht möglich, den Menschen zu sagen: Sprecht lauter, schreit, denn ich bin taub! Solche Ereignisse brachten mich der Verzweiflung nahe; es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben. – Nur die Kunst hielt mich zurück.« Das fragile Schriftstück lagert heute sicher in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg und wurde anlässlich der Saisoneröffnung im September 2017 in der Elbphilharmonie ausgestellt.

Improvisation

Zeitgenössischen Berichten zufolge war Beethoven am Klavier ein brillanter Improvisator. Das half ihm einerseits beim Komponieren – nachzuvollziehen in seinen Skizzenbüchern, die oft mehrere unterschiedliche Fassungen der Kadenzen von Solokonzerten enthalten. Andererseits bestritt er mit spontan erdachter oder grob aus dem Gedächtnis gespielter Musik einen wesentlichen Teil seiner öffentlichen Auftritte. Einmal soll er den Virtuosen Daniel Steibelt bei einem musikalischen Wettstreit gedemütigt haben, indem er eines von dessen Notenblättern verkehrt herum aufs Pult legte und vollendet darüber improvisierte.

Jugend

Eine glückliche Jugend verlebte Beethoven vermutlich nicht. Spätestens als sein erster Bonner Lehrer Christian Gottlob Neefe ihn zu einem »zweiten Mozart« erklärte, setzte sein alkoholkranker Vater alles daran, ihn als Wunderkind zu vermarkten. Erfolgreich war das nicht, da konnte Klein-Ludwig üben, wie er wollte. Auf Plakaten schummelte Vater Beethoven seinen Sohn regelmäßig ein bis zwei Jahre jünger – erst mit etwa 40 Jahren fand Beethoven wohl heraus, wie alt er wirklich war.

© Kunsthistorisches Museum Wien

Beethoven mit 13 Jahren

Klaviersonaten

Igor Levit spielt Beethovens »Hammerklaviersonate«

Das Klavier war Beethovens ureigenes Instrument und bildete die Basis seines Schaffens sowohl als Komponist wie als Solist. An erster Stelle zu nennen sind seine 32 Klaviersonaten, nach Ansicht des Dirigenten und Pianisten Hans von Bülow das »Neue Testament des Klaviers« – nach Bachs »Wohltemperiertem Klavier« als Altem Testament. Tatsächlich vereinen sie eine schier unglaubliche Fülle an Stilen, Formen, Spieltechniken und Gefühlszuständen. Der besseren Orientierung halber haben sich zahlreiche Beinamen durchgesetzt (»Mondscheinsonate« oder »Appassionata«), die meist nicht von Beethoven stammen, sondern von geschäftstüchtigen Verlegern.

Der Name »Hammerklaviersonate« allerdings ist authentisch und verweist gleichzeitig darauf, dass sich Beethoven auch um technische Aspekte verdient machte, indem er Instrumentenbauern neue Impulse lieferte: Das Hammerklavier, der Prototyp des modernen Konzertflügels, löste damals endgültig das zirpende, mechanisch sensible Cembalo ab. Genau richtig für Beethoven, der mit zunehmender Taubheit immer mehr in die Tasten, nun ja, hämmerte.

Lehrer

© Royal College of Music

Joseph Haydn

Nach seinem ersten Unterricht beim Bonner Hoforganisten Neefe hätte Beethoven eigentlich bei Mozart in Wien studieren wollen. Nach dessen frühem Tod wandte er sich ersatzweise an Joseph Haydn, der auf dem Rückweg von seiner England-Tournee 1792 in Bonn Station machte und ihn spielen hörte. Stolz kommentierte Beethovens erster Förderer, Graf Waldstein (Fürsten): »Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozarts Geist aus Haydns Händen.« In Wien angekommen, suchte sich der ehrgeizige Beethoven allerdings weitere Lehrer, darunter ausgerechnet Mozarts alten Rivalen Antonio Salieri.

Missa solemnis

1819 wurde Erzherzog Rudolph, der jüngste Bruder des Kaisers, zum Erzbischof ernannt. Seit über zehn Jahren war der Fürst bereits Beethovens Klavierschüler und überdies Auftraggeber zahlreicher Werke. Zu seiner Inthronisation hätte Beethoven gern die »Missa solemnis« beigesteuert – leider brauchte er für die Komposition dann aber vier Jahre, und ohnehin hätte das am Ende 80-minütige Werk jeden Gottesdienst gesprengt. Dafür gelang dem Komponisten eine sehr persönliche und klanglich beeindruckende Auseinandersetzung mit seinem Glauben. Folgerichtig erklang das Sanctus 1827 bei seiner eigenen Trauerfeier.

© Beethoven-Haus Bonn

Wie wichtig Beethoven seine »Missa solemnis« war, sieht man schon daran, dass er sie mit auf sein berühmtestes Porträt nahm

Neunte, die

Rowan Atkinson (bekannt als Mr. Bean) »singt« Beethovens Ode an die Freude

Wo immer es etwas Staatstragendes zu feiern gibt – die deutsche Wiedervereinigung, Europa, Konzerthauseröffnungen, G20-Gipfel – ist sie nicht weit: Beethovens 9. Sinfonie mit dem Schlusschor »Ode an die Freude«. Schon Claude Debussy lästerte: »Man hat sie in einen Nebel von hohen Worten und schmückenden Beiworten gehüllt. Man muss sich nur wundern, dass sie unter dem Wust von Geschreibe, den sie hervorgerufen hat, nicht schon längst begraben liegt.« In der Tat verstellt das inflationäre Abspulen den Blick auf zwei Dinge: Die heute so selbstverständlich erscheinende Idee, zum Finale einen Chor auftreten zu lassen, war damals unerhört; Beethovens letzter großer Streich. Und zweitens hat die Menschheit die Textzeile »Alle Menschen werden Brüder« offenbar immer noch nicht verstanden.

Oper

Nur eine einzige Oper hat Beethoven geschrieben – zum Glück. Denn sein »Fidelio« stellt Sänger und Regisseure bis heute vor Probleme. Zu eindimensional sind die Figuren angelegt, angefangen vom Titelhelden, in Wahrheit die als Mann verkleidete Leonore, die ihren zu Unrecht eingekerkerten Mann Florestan befreien will. Die gesprochenen Dialoge ziehen sich arg in die Länge, und auch die Gesangsnummern reißen es nicht heraus. Zwei Mal überarbeitete der Komponist das Werk und verschliss dabei drei Librettisten. Sein Fazit: »Die ganze Sache mit der Oper ist die mühsamste von der Welt.«

Pastorale

Beethoven in der Natur (Gemälde von Julius Schmid, um 1925)
Beethoven in der Natur (Gemälde von Julius Schmid, um 1925) © Wien Museum

Beethoven in der Natur

Beethoven war ein großer Naturliebhaber. In der Stadt herrschte ein infernalischer Lärm von Handwerkern, Pferdehufen und Marktschreiern, vor dem er nur allzu gerne in die Umgebung von Wien flüchtete: »Mein Dekret: nur auf dem Lande bleiben. Mein unglückseliges Gehör plagt mich hier nicht. Süße Stille des Waldes!« Seinen Glücksgefühlen verlieh er auch musikalisch Ausdruck, besonders prominent in der Sinfonie Nr. 6, der »Pastorale«. Darin zeichnet er ein murmelndes Bächlein und ein gewaltiges Gewitter nach, imitiert ornithologisch korrekt diverse Vogelrufe und simuliert sogar eine Dorfkapelle, die sich ständig verspielt.

Quartette

Das Belcea Quartet über Beethovens Streichquartette, die es in Hamburg bereits komplett aufgeführt hat

16 Streichquartette komponierte Ludwig van Beethoven zwischen 1800 und 1826. Seine persönliche Entwicklung lässt sich an ihnen ähnlich gut ablesen wie an den Klaviersonaten; und auch sie bilden einen Kosmos, mit dem man sich sein ganzes Leben beschäftigen könnte. Die ersten sechs Quartette erschienen noch im Paket unter einer gemeinsamen Opusnummer, so wie es bei seinem Lehrer Haydn und bei Mozart üblich gewesen war. Die letzten stehen für sich und dauern mit jeweils etwa 40 Minuten auch deutlich länger. In ihrer kühnen Tonsprache und unkonventionellen, oft von der traditionellen Viersätzigkeit abweichenden Form stellen sie einen bis heute unerreichten Meilenstein dar. Derart kompromisslose Musik konnte man sich noch lange nur durch Beethovens Taubheit erklären.

Riese

War Beethoven schon zu Lebzeiten als Genie anerkannt, so wuchs sein Ruhm nach seinem Tod ins Unermessliche. Schon die erste Biografie seines Sekretärs Anton Schindler betrieb kultische Heldenverehrung. Bald wurden allerorten Denkmäler errichtet, die das Bild vom »Titanen« der Musik festigten. Ein Problem war das für folgende Komponistengenerationen. Johannes Brahms etwa plagte sich jahrzehntelang mit seiner ersten Sinfonie und klagte: »Du hast ja keinen Begriff davon, wie unsereinem zumute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört.«

Denkmal vor dem Beethoven-Haus Bonn

Schicksalssinfonie

John Eliot Gardiner dirigiert das Orchestre Revolutionnaire et Romantique

»So pocht das Schicksal an die Pforte!« Beethovens Adlatus Anton Schindler hat diesen Satz überliefert. Und obwohl niemand weiß, bei welcher Gelegenheit der übereifrige Protokollant ihn aufgeschnappt hat oder ob er ihn am Ende gar selbst erfunden und seinem Chef bloß in den Mund gelegt hat, prägt er seither das Bild der Sinfonie Nr. 5, der »Schicksalssinfonie«. Er passt ja auch so schön ins Bild des grimmigen Künstlergenies, das mit seiner Taubheit hadert und »dem Schicksal in den Rachen greifen« will, wie es Beethoven in einem Brief formulierte. Mythos hin oder her: Dass der gesamte erste Satz nur aus einem einzigen kleinen Motiv gebaut ist, soll dem Komponisten erstmal einer nachmachen. Die Entwicklung von c-Moll zum Finale in C-Dur zementierte zudem eines der wichtigsten ästhetischen Konzepte überhaupt: »per aspera ad astra«, von der Nacht zum Licht.

Taubheit

Für einen Komponisten ist der Verlust des Gehörs wohl die schlimmste Strafe. Beethoven litt seit seinem 28. Lebensjahr unter entsprechenden Symptomen: »Meine Ohren sausen und brausen Tag und Nacht fort. Ich meide alle Gesellschaften, weil’s mir nicht möglich ist, den Leuten zu sagen, ich bin taub. Hätte ich irgendein anderes Fach, so ging’s noch eher, aber in meinem Fach ist es ein schrecklicher Zustand.« Seinem »Heiligenstädter Testament« zufolge trug er sich sogar mit Selbstmordgedanken. Später beauftragte er den Erfinder Johann Nepomuk Mälzel (der auch das Metronom ersann) mit dem Bau von riesigen Hörrohren, die heute im Bonner Beethoven-Haus ausgestellt sind. Sie nützten leider gar nichts. Unterhalten konnte er sich nur noch mithilfe von »Konversationsheften«, in die seine Gesprächspartner ihre Dialoganteile notierten. Und bei der Uraufführung der Neunten Sinfonie schaute das Orchester nicht auf Beethoven, sondern auf einen Dirigenten, der schräg hinter ihm postiert war. Am Ende musste ihn die Sopranistin umdrehen, damit er den Applaus des jubelnden Publikums bemerkte.

© Beethoven-Haus Bonn

Suppenkelle? Nudelsieb? Nein, Beethovens Hörrohre

Unsterbliche Geliebte

© Staatsbibliothek Berlin

Beethovens Liebesbrief an seine »Unsterbliche Geliebte«

»Schon im Bette drängen sich die Ideen zu dir, meine Unsterbliche Geliebte, mein Engel, mein alles, mein Ich. Leben kann ich entweder nur ganz mit dir oder gar nicht.« Was für ein Liebesbrief! Beethoven formulierte ihn 1812 in Teplitz, wo er sich mit Goethe traf. Bis heute ist nicht restlos geklärt, wem die flammenden Worte galten. Nach Jahrhunderten erhitzter Diskussionen hat die Musikwissenschaft Josephine Brunsvik als die wahrscheinlichste Kandidatin ausgemacht, eine neun Jahre jüngere ungarische Adelstochter, die bei Beethoven Klavierunterricht nahm und deren Ehe sich gerade in Auflösung befand. Sogar als Vater ihrer letzten Tochter käme der Komponist in Frage. Die vage Faktenlage ist typisch für Beethovens Frauengeschichten: Andauernd verliebte er sich in Schülerinnen und Musikerinnen, aber Genaueres weiß man nicht. Auch die Widmungsträgerin des berühmten Klavierstücks »Für Elise« ist unbekannt. Einzig dokumentierte Ausnahme: 1810 machte er der Pianistin Therese Malfatti einen Heiratsantrag, den sie allerdings ablehnte. Beethoven blieb Zeit seines Lebens Junggeselle.

Viola

Schon in seiner Jugend wurde Beethoven stellvertretender Hoforganist und Mitglied der Bonner Hofkapelle. Sein Instrument: nicht etwa Klavier, sondern Viola. Dass er seinen Part geliebt hat, darf bezweifelt werden; weder ist er später als Bratschist in Erscheinung getreten, noch hat er ein spezielles Werk für Bratsche geschrieben. Seine Bonner Dienstbratsche (ja, so etwas gibt es) befindet sich heute im Besitz des Beethoven-Hauses. Der Bratschistin Tabea Zimmermann gebührte die Ehre, damit eine CD aufzunehmen.

Beethovens Bratsche

Wein

Obwohl sein eigener Vater Alkoholiker gewesen war (Jugend), trank Beethoven gerne und viel Wein – gemeinsam mit Freunden oder um sich von seiner Taubheit abzulenken. Seine Lieblingssorten: Wiener Heuriger und ungarischer Weißwein aus der Region Etyek bei Budapest. Das wurde ihm allerdings zum Verhängnis, da billiger Wein damals oft giftigen Bleizucker enthielt. Bei Analysen fand sich in Beethovens Haaren eine stark erhöhte Bleikonzentration. Zwar verordnete ihm sein Arzt kurz vor seinem Tod guten Riesling, den Beethoven bei seinem Verleger Schott in Mainz bestellte. Doch als die Lieferung endlich eintraf, war der Komponist bereits sterbenskrank. Seine letzten Worte: »Schade, schade, zu spät.«

x-mal umgezogen

Was würden Sie zu einem Nachbarn sagen, der bis tief in die Nacht hinein in ohrenbetäubender Lautstärke Klavier spielt und protestierenden Vermietern im Zorn auch mal eine Suppenschüssel hinterherwirft? Sie würden hoffen, dass er bald auszieht. Und das tat Beethoven regelmäßig. Über 60 Mal wechselte der Mietnomade während seiner 35 Jahre in Wien die Wohnung. Für den heutigen Tourismus hat das einen positiven Nebenaspekt: Es gibt Beethoven-Häuser noch und nöcher …

Yorckscher Marsch

Nicht fehlen darf Beethoven auch beim höchsten militärischen Zeremoniell der Bundeswehr, dem »Großen Zapfenstreich«, mit dem scheidende Generäle, Bundespräsidenten und -kanzler geehrt werden: Zum fackelbeschienen Einzug erklingt stets sein zackiger »Yorckscher Marsch«. Der Name verweist auf den preußischen Generalfeldmarschall Yorck von Wartenburg, der 1812 ein Abkommen mit Russland schloss und damit die Befreiungskriege gegen Napoleon einleitete. Damit dürfte er Beethovens Applaus sicher gehabt haben, der vom glühenden Napoleon-Fan zum -Gegner geworden war (Eroica). Allzu ernst sollte man sein militärisches Engagement aber nicht nehmen. Den Marsch hatte er nämlich schon drei Jahre zuvor komponiert – für ein Pferdeballett.

Zorn, heiliger

Beethoven war kein einfacher Charakter, mit sich selbst und der Welt nicht oft im Reinen, und sprang auch mit Freunden wie dem »Dicken« oft recht ruppig um. Ganz zu schweigen von seiner Taubheit, die ihn sozial isolierte, und seinem kompromisslosen Eintreten für seine Kunst. So berichtete sein Schüler Ferdinand Ries einmal, wie er Beethoven die druckfrische Ausgabe einiger Klaviersonaten vorspielte: »Es waren ungemein viele Fehler darin, wodurch Beethoven schon sehr ungeduldig wurde. Am Ende aber hatte der Verleger Nägeli sogar vier Takte hineinkomponiert. Als ich sie spielte, sprang Beethoven wütend auf, stieß mich halb vom Klavier und schrie: ›Wo steht das, zum Teufel?‹ Sein Erstaunen und seinen Zorn kann man sich kaum vorstellen.« Und auch wenn der Titel des Rondos »Die Wut über den verlorenen Groschen« nicht von Beethoven stammt, so kann man sich doch gut vorstellen, wie der Komponist fluchend auf dem Boden herumkriecht, um eine heruntergefallene Münze wiederzufinden. Wäre das bei Bach denkbar?

 

Text: Clemens Matuschek, 17.12.2020

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