Als »einer der einflussreichsten Pianisten der letzten Jahrzehnte« (ARTE) begeistert der US-Amerikaner Brad Mehldau Fans auch weit über den Jazz-Kosmos hinaus. Das liegt nicht nur an Mehldaus außerordentlichen Fähigkeiten beim Improvisieren, sondern auch an seinen Kompositionen, in der seine tiefe Liebe zur Architektur der Musik ebenso zu spüren ist wie seine Begeisterung für gute Popmusik. Im Rahmen von Mehldaus »Reflektor«-Festival spielte er einige Arrangements zusammen mit der hr-Bigband unter Darcy James Argue, die von ARTE mitgeschnitten und veröffentlicht wurden.
Der vielfach preisgekrönte kanadische Musiker Darcy James Argue, »einer der besten Bigband-Komponisten unserer Zeit« leitet nicht nur die Bigband, sondern hat auch die Musik Mehldaus perfekt auf das Ensemble übertragen. »Er bringt die Bigband-Musik in ganz neue Bereiche«, sagt Mehldau. »Das, was er als Komponist und subtiler Arrangeur macht, spricht mich auf vielfältige Weise an.«
Reflektor Brad Mehldau: Ein Rückblick
Fünf Tage durfte Jazz-Pianist Brad Mehldau ein »Reflektor«-Festival in der Elbphilharmonie kuratieren. Der Rückblick fast die Highlights in Bildern zusammen.
Besetzung
Brad Mehldau :Pianist & Komponist
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Über Brad Mehldau
Er war der erste Pianist überhaupt, der solo im Großen Saal der frisch eröffneten Elbphilharmonie konzertierte: Brad Mehldau. Ein Statement, aber eins mit Ansage. Denn seit den 1990er-Jahren hat sich der US-Amerikaner mit gefeierten Alben und Auftritten als der wohl kompletteste Jazz-Pianist seiner
Generation profiliert. Sein geistiges und musikalisches Spektrum reichte dabei schon immer weit über diesen Bereich hinaus und inkludierte ganz selbstverständlich Bach, Brahms, die Beatles und Thomas Mann.Nach vielen umjubelten Gastspielen in Hamburg hat er sich im März 2026 für sein »Reflektor«-Festival eine knappe Woche lang in der Elbphilharmonie eingerichtet und sein Publikum in vier unterschiedlichen Formaten beglückt: solo, im Duo mit dem Bassisten Christian McBride, mit Orchester- und mit Bigband-Begleitung.
Darcy James Argue :Dirigent & Arrangeur
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Über Darcy James Argue
Der kanadische Komponist und Bigband-Leiter Darcy James Argue begann seine musikalische Karriere in der Jazzszene von Montreal, bevor er den Weg nach New York einschlug, wo er mit seinem Ensemble »Darcy James Argue’s Secret Society« seit Jahren für große Aufmerksamkeit sorgt. Inzwischen arrangiert und komponiert er für die Größen der Szene und ist weltweit aktiv.
Darcy James Argue gilt als einer der besten Bigband-Leader seiner Generation und als visionärer Arrangeur. Seine Kompositionen haben ihm nicht nur mehrere Grammy-Nominierungen eingebracht, sie werden auch von der Fachpresse in den höchsten Tönen gelobt. Auf Basis seines immensen Wissen über historische Spielweisen und Eigenheiten des Jazz formuliert er eine neue musikalische Zukunft. Oft beschreitet er dabei im Schulterschluss mit anderen Kunstformen neue, unbekannte Wege. Schon 2013 zeichnete ihn das Magazin DownBeat als besten Arrangeur und besten Komponisten aus; 2024 kürte ihn die Jazz Journalists Association zum Arrangeur des Jahres.
Zu seinen Lehrer:innen gehören große Namen wie Bob Brookmeyer, Maria Schneider und John Hollenbeck. Neben seiner eigenen Band hat er Erfahrungen mit zahlreichen anderen großen Orchestern gesammelt, unter anderem mit der Danish Radio Big Band, dem Canadian National Jazz Orchestra und
NYO Jazz. 2024 berief ihn die hr-Bigband zum Residenzkomponisten, nachdem man zuvor schon mehrfach zusammengearbeitet hatte.
hr-Bigband
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Über die hr- Bigband
Die hr-Bigband ist eine der weltweit besten Formationen ihrer Art und steht für eine große Bandbreite von Stilen und Genres. Dies bezeugen zahlreiche Auszeichnungen, darunter fünf Grammy-Nominierungen, zwei Echo-Jazzpreise und mehrere Preise der deutschen Schallplattenkritik.
Die hr-Bigband vereint hervorragende Musiker, die auch als Solisten hohes Ansehen genießen. Tägliche Proben oder Konzerte und höchste künstlerische Ansprüche formen aus ihnen ein souveränes Ensemble. Regelmäßig überwindet die hr-Bigband stilistische Grenzen – etwa, wenn sie Projekte
zusammen mit Folk-Musikern entwickelt, mit Popstars oder mit renommierten Komponisten der Neuen Musik. Um ihre Musik im orchestralen Format auf die Bühne zu bringen, arbeitet sie mit einer Reihe hochkarätiger Arrangeur:innen und Dirigent:innen zusammen, allen voran mit ihrem Residenzkomponisten Darcy James Argue. Zugleich hält sie die große Tradition des orchestralen Jazz lebendig, mit Programmen von Jelly Roll Morton über Duke Ellington und Gil Evans bis Peter Herbolzheimer. Durch umfangreiche Musikvermittlungs-Aktivitäten und in Kooperation mit der Frankfurter
Musikhochschule gibt sie die Flamme des Jazz weiter.
Perfekt geschneidert :Darcy James Argue über die Musik von Brad Mehldau und die Kunst, sie zu arrangieren
Die Kunst des Arrangierens wird meiner Erfahrung nach nicht besonders gut verstanden. Viele Zuhörer scheinen den Begriff »Arrangieren« mehr oder weniger synonym zu verwenden mit »Stimmen für viele Instrumente schreiben«. Doch das Wesentliche beim Arrangieren ist nicht die Anzahl der beteiligten Musiker, sondern die Kunst des Maßschneiderns: ein bestehendes Musikstück zu nehmen und ihm eine neue Silhouette zu verleihen.
Meine Lieblingsarrangements sind diejenigen, die eine doppelte Freude wecken, nämlich die der Wiedererkennung und der Überraschung zugleich, kunstvoll miteinander verbunden. Das Gefühl, einen alten Freund in einem schicken neuen Outfit zu treffen. (Im Gegensatz zu jemandem, der sich einer dramatischen, aber arg knalligen Verwandlung unterzogen hat.)
Als Arrangeur strebe ich nach einer maßgeschneiderten Passform: Nach dem Schneiden, Säumen, Nähen und Neuweben sollte sich die Partitur wie ein maßgeschneidertes Kleidungsstück anfühlen, eine elegante Ergänzung der Garderobe des Komponisten. Der letzte Teil ist entscheidend – es sollte sich so anfühlen, als gehöre es in seinen Kleiderschrank, nicht in meinen! Ich möchte meinen eigenen Stil nicht so aggressiv aufdrängen, dass man die Person hinter den Kleidern nicht mehr sieht.
Bevor ich ein großes Arrangement-Projekt wie dieses in Angriff nehme, tauche ich gerne ganz in das Gesamtwerk des Komponisten ein. Bei Jazzkünstlern umfasst das nicht nur ihre Stücke, sondern auch ihre Sprache beim Improvisieren; ich versuche, mich in ihre Gedankenwelt hineinzuversetzen. Bei Brad Mehldau hatte ich einen Vorsprung: Mich in ihn hineinzudenken, versuche ich schon seit Jahrzehnten.
Als leicht zu beeindruckender Studienanfänger hatte ich das Glück, Brad 1994 live mit dem mittlerweile legendären MoodSwing-Quartett (Joshua Redman, Christian McBride, Brian Blade) zu hören, noch vor der Veröffentlichung des gleichnamigen Albums. Wie alle anderen im Saal war ich sofort fasziniert von seinem Spiel: von seinem Anschlag, seiner spontanen melodischen Kreativität, seinem flüssigen Kontrapunkt mit der linken Hand, seinem rhapsodischen, über die Taktstriche hinausgehenden Fluss, seinem ungezwungenen Swing selbst bei unmöglich schnellen Tempi. Es sind musikalische Begegnungen wie diese, die uns in unseren prägenden Jahren packen und sich in der Folge wie Wellen durch den Rest unseres Lebens ziehen.
Brad ist nicht nur ein großartiger Musiker, sondern auch ein äußerst umsichtiger Arrangeur. Auch wenn er in dieser Funktion vielleicht nicht immer anerkannt wird, liebe ich seine inspirierte Herangehensweise, insbesondere wenn er Material außerhalb des Jazz-Kanons adaptiert. Ganz egal, ob er nun Lennon/McCartney, David Bowie, Nick Drake, Radiohead, Johann Sebastian Bach, Gabriel Fauré oder Elliot Smith arrangiert, alles wirkt meisterhaft zugeschnitten, mit großer Liebe und großem Verständnis für das Originalmaterial. Ich habe versucht, dieselbe Sorgfalt und denselben Scharfsinn in diese Stücke einfließen zu lassen, die zu meinen Lieblingskompositionen aus Brads umfangreichem Werk zählen.
Ein naheliegender Ausgangspunkt war London Blues aus »Introducing Brad Mehldau« (1995), denn es handelt sich um ein Trio-Stück im Bigband-Stil. Pars pro toto einige weitere repräsentative Beispiele: »Ron’s Place«, ein melancholischer Walzer aus »The Art of the Trio Volume One« (1997) mit sehnsüchtigen Melodiesprüngen und trügerischen harmonischen Auflösungen, ist seit Langem einer meiner Lieblingssongs. Es ist nicht die Art von Stück, die sich für einen traditionellen Bigband-»Shout-Chorus« eignet, aber nach den Soli hören wir ineinander verwobene kontrapunktische Linien, die von Brads eigenen Soli inspiriert sind.
»Sehnsucht«, der letzte Titel aus »Songs / The Art of the Trio Volume Three« (1998), ist häufig in Brads Live-Sets zu finden. Die wehmütige Melodie ist irgendwie sowohl hauchzart als auch hymnisch und hat eine schwebende Qualität, die das zügige Tempo Lügen straft. Mein Arrangement lehnt sich an diese Mehrdeutigkeiten an.
Vom beliebten Doppelalbum »Highway Rider« aus dem Jahr 2010 stammen zwei hochgeschätzte Titel: der Opener »John Boy« und ein Duett mit Joshua Redman, »Old West«. Beide sind Beispiele für Brads unheimliche Fähigkeit, tief in die amerikanische Volksmusik und die deutsche Romantik einzutauchen und zu Herzen gehende Melodien mit erfrischend chromatischer Stimmführung zu kombinieren. Mehr als einmal fragte ich mich: »Spielt er da wirklich diesen Akkord?!«
Mit »Father« aus dem Album »Round Again« von 2020 schließt sich der Kreis, und wir kommen zurück zum klassischen Quartett Redman-Mehldau-McBride-Blade, das mich vor mehr als 30 Jahren so beeindruckt hat. In »Father« verwendet Brad einen meiner Lieblings-Kniffe: Der Bass verdoppelt die Melodie! »Father« ist ein lebhafter Swing-Titel im 3/4-Takt mit gelegentlichen 2/4-Stotter-Schritten. Er endet mit einer hypnotischen, ausgedehnten Coda, die zunächst einen geteilten 5/4-Takt verwendet und dann in eine tranceartige Abfolge gemischter Metren übergeht.
Als musikalischer Schneider hätte ich mir kein besseres Material für meine Arbeit wünschen können. Mein tiefster Dank gilt den Musikern der hr-Bigband für ihr Talent und ihre Arbeit – und vor allem Brad, dass ich ihn für diesen besonderen Anlass neu einkleiden durfte

