Live stream in 8 days
on 16 May 2021 at 20:00

Händel: Israel in Egypt

Musikfest 2021: Thomas Hengelbrock und seine Balthasar-Neumann-Ensembles führen Händels klangmächtiges Oratorium auf.

Blutiges Wasser, Frösche, Hagel und undurchdringliche Finsternis: Thomas Hengelbrock hält »Israel in Egypt« für Händels avantgardistischstes Werk. Mit seiner bildhaften musikalischen Sprache und den packenden Chorszenen ist das Oratorium wie gemacht für den Dirigenten und seine Balthasar-Neumann-Ensembles, die bekannt sind für ihre kompromisslose Ausdeutung aller textlichen und musikalischen Details eines Werkes. Im Rahmen des digital stattfindenden Internationalen Musikfests Hamburg bringen sie in einem ARTE-Konzertstream das gewaltige Werk nun zur Aufführung – gemeinsam mit hervorragenden Gesangssolisten aus dem Chor. Ein Krimi auf der Konzertbühne!

Note: All Hamburg International Music Festival 2021 concerts are available to stream free of charge. Once premiered, each concert stream can be accessed for the whole festival period.

 

»Händel ist der größte Komponist, der je gelebt hat!«

Ludwig van Beethoven

An overview of all Music Festival 2021 concerts.

Performers

Balthasar-Neumann-Chor und -Solisten
Balthasar-Neumann-Ensemble

direction Thomas Hengelbrock

Programme

Georg Friedrich Händel (1685–1759)
Israel in Egypt HWV 54 / Sinfonia, Exodus, Moses (1738)

 

About The Artists

Thomas Hengelbrock – direction

Thomas Hengelbrock
Thomas Hengelbrock © Florence Grandidier
  • About Thomas Hengelbrock

    Thomas Hengelbrock is one of the most versatile and interesting artists of his generation. Be it Baroque opera, Romantic symphonies or contemporary music, his energy-laden performances are always the product of a detailed study of the score and of his compendious knowledge about the content and meaning of the work. His Balthasar Neumann Choir and Ensemble are both top period-performance formations that he founded over 20 years ago; Hengelbrock has been enjoying international success with them ever since. He is a sought-after partner for many other orchestras such as the Concertgebouw Orkest and the Vienna Philharmonic, and he also appears internationally as an opera conductor and at festivals such as the Salzburg Festival.

Balthasar-Neumann-Chor

Balthasar-Neumann-Chor
Balthasar-Neumann-Chor © Florence Grandidier
  • About the choir

    Gramophone Magazine has called the Balthasar Neumann Choir »one of the world’s best choirs«. Whether it is performing music from the 17th century or contemporary repertoire, the vocal ensemble (founded in 1991) displays passion and a deep understanding of the music at all times. The singers can also be heard in a solo capacity, presenting familiar material in a new guise and interweaving music with literature or dance. With these activities, they follow the ideals of the man the choir is named after: Baroque architect Balthasar Neumann (1687–1753) stood for courageous creativity and integral concepts where architecture, painting, sculpture and garden planning all interact.

    The choir is regularly invited to appear at leading concert halls and music festivals such as the Schleswig-Holstein Music Festival and the Munich Opera Festival, and it has been on tour to China, Mexico and the USA.

Balthasar-Neumann-Ensemble

Balthasar-Neumann-Ensemble
Balthasar-Neumann-Ensemble © Florence Grandidier
  • About the ensemble

    The Balthasar Neumann Ensemble is one of the world’s leading period-performance orchestras. Founded by Thomas Hengelbrock in 1995, it opens up new ways of looking at music of different eras – from the Early Baroque to the modern age. The ensemble is made up of top international musicians and is feted not only for its interpretations on authentic instruments, but especially for its expressive playing at the highest level. The orchestra focuses on the time when a particular work was written, and performs it on instruments dating from that period. The programmes often go beyond the bounds of a pure concert, relating the music to other art forms such as dance and literature.

    The Balthasar Neumann Ensemble is a guest in Europe’s most prestigious concert halls; it plays at international opera productions from Paris to Madrid, and appears at major festivals like the Salzburg Festival.

Ein Experiment geht schief :Händel: Israel in Egypt

Zu viele Chöre. Zu wenige Arien. Zu feierlich. Zu wenig opernhaft. Nein, die Londoner waren nicht begeistert von Georg Friedrich Händels neuestem Oratorium »Israel in Egypt«, als es am 4. April 1739 im Haymarket Theatre aus der Taufe gehoben wurde. Dabei hatte Händel in den Jahren zuvor bereits mit vier anderen Oratorien große Erfolge gefeiert. Es hatte den Anschein gehabt, dass die alttestamentarischen Stoffe, in englischer Sprache gesungen und mit prachtvollen Chören ausgestattet, dem Publikum gefielen. Was war jetzt anders?

Georg Friedrich Händel 1741 (painting by Thomas Hudson)
Georg Friedrich Händel 1741 (painting by Thomas Hudson) © Wikimedia Commons

Das Volk als Protagonist

Tatsächlich einiges. Zunächst einmal wird in diesem Oratorium nicht die Geschichte einzelner Personen erzählt, sondern die eines ganzen Volkes – des Volkes Israel und seines Auszugs aus der ägyptischen Sklaverei, die zehn biblischen Plagen inklusive. Folgerichtig stehen Chöre im musikalischen Mittelpunkt. In Händels früheren englischen Oratorien hingegen – »Esther«, »Deborah«, »Athalia« und »Saul« – gibt es immer noch den gewohnten Wechsel von kunstvollen Arien, die Gefühle ausdrücken, und sprachnahen Rezitativen, die die Handlung voranbringen. Chöre sind zwar ebenfalls Teil dieser Werke, jedoch nicht die Hauptsache. Ganz anders bei »Israel in Egypt«: Unter den 25 musikalischen Nummern der (heute üblichen) zweiteiligen Fassung finden sich ganze vier Arien sowie je zwei Rezitative und Duette. Alles Weitere singt der Chor.

Expressionistische Klänge

Auch die musikalischen Mittel, die Händel wählte, sind ungewohnt. Statt der stilisierten Gefühlsäußerungen, wie sie im 18. Jahrhundert üblich waren, setzte Händel in »Israel in Egypt« auf geradezu expressionistische Töne, insbesondere bei der Schilderung der biblischen Plagen. Ob die haltlose Harmonik, mit der er die Finsternis in Töne goss, das Sirren und Flirren der Mücken und Läuse oder der instrumentale Hagelsturm, den er auf sein Publikum losließ – dem einen oder anderen Zuschauer wird es so vorgekommen sein, als würde er die fast zweitausend Jahre alten Plagen am eigenen Leib erleben. Und auch wenn Händels Publikum aktuell eine gewisse Opernmüdigkeit zeigte: So viel musikalische Experimentierfreude scheint den meisten denn doch nicht geheuer gewesen zu sein.

handgeschriebenes Notenblatt, Händel: Israel in Egypt (Autograph), Stelle »He sent a thick darkness«
»He sent a thick darkness« aus Händels Autograph von »Israel in Egypt« © The British Library

Oper oder Oratorium?

Apropos: Was hatte es eigentlich mit dem plötzlichen Opernverdruss von Londons Theatergängern auf sich? Dazu gibt es zwei Theorien.

Theorie Nummer 1: Ein neues Publikum. Anhänger dieser Theorie gehen davon aus, dass das britische Bürgertum mit zunehmendem Wohlstand und zunehmender Bildung nun auch das musikalische Theater für sich entdeckte, das bis dahin die Domäne des Adels gewesen war. Da der Mittelstand allerdings kein Italienisch sprach und zudem vertrautere Stoffe bevorzugte als die royalen Liebesintrigen der italienischen Oper, passte sich Händel dem Geschmack seines neuen Publikums an.

Theorie Nummer 2: Eine neue politische Lage. Diese Theorie besagt, dass zwar immer noch der gleiche Personenkreis die Oper oder eben das Oratorium besuchte, man aber nun andere Stoffe sehen und hören wollte. Der mutmaßliche Grund: In den 1730er Jahren schwelte ein Konflikt Großbritanniens mit Frankreich und Spanien, in dem es um Machtfragen in den überseeischen Kolonien und Handelsvorteile ging. Entsprechend unbeliebt waren Franzosen, Spanier und andere Katholiken in Großbritannien zu jener Zeit.

Ende 1739, nicht lange nach der Uraufführung von »Israel in Egypt«, eskalierte der Konflikt in dem sogenannten »War of Jenkinsʼ Ear« gegen Spanien, der bis 1742 andauerte. Es könnte also durchaus sein, dass der britische Adel es als seine patriotische Pflicht ansah, englischsprachige Werke zu bevorzugen.

Unerwartete Konkurrenz

Was auch immer der Grund: Fakt ist, dass die Beliebtheit der italienischen Oper zumindest eine Zeit lang deutlich nachließ. Der Opernunternehmer Händel bekam diesen Umschwung des Geschmacks natürlich unmittelbar zu spüren. Erschwerend kam hinzu, dass seine Royal Academy of Music ab 1732 Konkurrenz bekommen hatte: die Opera of the Nobility. Mühsam existierten beide Opernkompanien einige Jahre lang nebeneinander, bevor sie 1737 beide Konkurs anmelden mussten.

Das King’s Theatre  am Haymarket. Gemälde von William Capon, 1783. Mehrere stuckbesetzte Häuserfassaden nebeneinander. Titel: The Old Opera House
King’s Theatre am Haymarket, 1783 (Gemälde von William Capon) © Wikimedia Commons

Konkurs und Neubeginn

Händel jedoch ließ sich so leicht nicht unterkriegen. Obwohl durch den Ruin der Royal Academy finanziell schwer angeschlagen, gründete er noch im gleichen Jahr ein neues Opernunternehmen. Nach einer wieder recht flauen Saison beschloss er im Herbst 1738, erneut auf die Gattung Oratorium zu setzen, mit der er 1732 und 1733 sehr erfolgreich gewesen war. Das Kalkül schien aufzugehen. Im Januar 1739 gelang Händel mit »Saul« ein beachtlicher Erfolg. Sogleich begann er mit der Arbeit an »Israel in Egypt« und suchte einmal mehr nach Möglichkeiten, sein Publikum mit neuen Formen und Ausdruckmöglichkeiten in seinen Bann zu ziehen – mit den bekannten Folgen.

Später Ruhm

Nach dem Misserfolg der ersten Aufführung überarbeitete Händel sein Oratorium noch einmal grundlegend. Er strich den gesamten ersten Teil des ursprünglich dreiteiligen Oratoriums, fügte Arien ein und straffte die Chöre. Der Erfolg blieb jedoch weiterhin aus: Bis zu Händels Tod erlebte »Israel in Egypt« nur noch eine Handvoll Aufführungen. Erst im 19. Jahrhundert wendete sich das Blatt – heute gehört »Israel in Egypt« zu Händels wichtigsten und beliebtesten Oratorien und erfreut sich regelmäßiger Aufführungen von Laien und Profis gleichermaßen.

Text: Juliane Weigel-Krämer

Supported by the Kühne Foundation, the Hamburg Ministry of Culture and Media, Stiftung Elbphilharmonie and the Förderkreis Internationales Musikfest Hamburg

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