Johann Sebastian Bach

Bach: Wege einer Dynastie

Lange vor Johann Sebastian begann der musikalische Aufbruch der Bachs.

Am 1. Dezember 2001 landet in Frankfurt am Main eine Frachtmaschine der Lufthansa, die in Kiew gestartet ist. 40 Holzkisten hat sie an Bord, in jeder davon acht Kartons, in jedem Karton ein Schatz. Gut 200.000 historische Notenseiten werden aus der Ukraine nach Deutschland gebracht, darunter rund 200 brüchige, vergilbte Blätter mit zwanzig Stücken für Sänger und Instrumente, deren Rätsel die Forscher beschäftigen wie kaum eine andere Sammlung: Das legendäre »Altbachische Archiv« birgt wichtige Erkenntnisse zur Entwicklung der berühmtesten Musikerfamilie aller Zeiten. Die besten Werke seiner Vorfahren bewahrte Johann Sebastian Bach in dieser Handbibliothek aus Manuskripten auf, die sein Sohn Carl Philipp Emanuel übernahm und pflegte.

 

»In Kiew war die Sammlung gewissermaßen vor den Deutschen und vor Stalin in Sicherheit gebracht worden.«

 

So, wie man sie später auch in der Ukraine pflegte. In Kiew war die Sammlung gewissermaßen vor den Deutschen und vor Stalin in Sicherheit gebracht worden. Zuallererst freilich, im August 1943, wurde der Bestand der Berliner Singakademie in ein Schloss in Schlesien evakuiert, außerhalb der Reichweite britischer Bomber. Dort fanden ihn Anfang Mai 1945 Offiziere der 2. Ukrainischen Front der Roten Armee, und die, um es kurz zu sagen, lotsten die Noten diskret an Moskau vorbei, wohin sonst alle Beutegüter überstellt wurden. In Kiew wurden sie dem Konservatorium übergeben, und dort begann die Musikbibliothekarin Liubow Fainshtein mit einer vorbildlichen Inventarisierung. Fachleute bestaunten später den guten Zustand der Papiere. Wie die Kunde von diesem Schatz im Lauf der Jahrzehnte die Musikwissenschaftler erreichte, wie in einem historisch einmaligen Zeitfenster die Rückreise des »ABA« nach Berlin möglich wurde – das ist ein Thriller für sich.

Auch wenn die Blätter bereits in Form alter Schwarzweißfotos zugänglich und einige Werke daraus schon 1935 gedruckt worden waren, konnte man erst jetzt, direkt vorm Original, förmlich dabei zusehen, wie der späte JSB mit zittriger Schrift in einer der alten Partituren Bläserstimmen für eine Neuaufführung in Leipzig ergänzte. Oder das Titelblatt bewundern, das er Jahre zuvor für ein Werk desselben Vorfahren neu anfertigte, jenes Johann Christoph Bach, der in dem vom Thomaskantor verfassten Stammbaum »Ursprung der musicalisch-bachischen Familie« die Nummer 13 trug, mit dem Hinweis »War ein profonder Componist«.

Stammbaum der Familie Bach, kolorierte Zeichnung (nach 1750)
Stammbaum der Familie Bach, kolorierte Zeichnung (nach 1750) © Bach-Archiv Leipzig

MEHR ALS BLOSS »VORLÄUFER«

Bach wusste, was er dieser Dynastie von Musikern verdankte, die ein Jahrhundert vor ihm in Thüringen ihren Anfang genommen hatte. Und er wusste auch, was wir erst in den vergangenen zwanzig Jahren begriffen haben: Leute wie dieser Johann Christoph und sein jüngerer Bruder Johann Michael waren nicht irgendwelche »Vorläufer«. Sie waren Komponisten ersten Ranges. Er hatte sie selbst gekannt, ihre Musik gehört und gelesen; sein Vater Ambrosius hatte als Geiger vieles davon selbst gespielt.

Die tiefe Expressivität Johann Christophs, die leuchtende Balance Johann Michaels tragen in sich auch existenzielle Erfahrungen einer früheren Generation, und ohne diese Musik wäre Bach ein anderer geworden. Im dichten Klang jener fernen Zeit erreichen uns unmittelbar die Leidenserfahrungen und die Glaubensgewissheit einer Familie, der im 17. Jahrhundert nichts erspart blieb – von einem dreißig Jahre währenden, immer brutaler werdenden Krieg bis hin zu den Pestepidemien, deren letzter 1682/83 allein elf Mitglieder der Erfurter Bachfamilien zum Opfer fielen. Der Tod war auch durch die Kindersterblichkeit stets präsent. Den Eltern, die Johann Sebastian als Neunjähriger kurz nacheinander verlor, waren vier von acht Kindern gestorben.

Zu den Überlebenden zählte sein deutlich älterer Bruder Johann Christoph (Nr. 22, 1671 geboren), bei dem er als Vollwaise in Ohrdruf in die musikalische Lehre ging. Die hatte freilich längst begonnen, im Haushalt des Stadtpfeifers Ambrosius und in der Schule mit Musikunterricht von einem Stellenwert, neben dem der Schulalltag im frühen 21. Jahrhundert barbarisch anmutet. Notenlesen lernten die Kinder von Anfang an, gesungen wurde mehrstimmig; am Ohrdrufer Lyzeum galten fünf von dreißig Unterrichtsstunden (ganzen Stunden!) der Musik.

Johann Christoph Bach
Johann Christoph Bach © Wikimedia Commons

Mit der Orgel hatte sich Sebastian schon bei Johann Christoph (13) in Eisenach vertraut machen können, nun lernte er sie bei seinem gleichnamigen Bruder (22) besser kennen, der seinerseits Lehrjahre bei Johann Pachelbel in Erfurt absolviert hatte und höchst interessiert an aller Musik seiner Zeit war. Er sammelte Repertoire von internationalem Zuschnitt. Druckfrische Triosonaten des Venezianers Tommaso Albinoni waren ebenso dabei wie Dietrich Buxtehudes Choralfantasie für Orgel »Nun freut euch, lieben Christen g’mein«. Von der Tabulaturnotation fertigte der dreizehnjährige JSB eine Kopie an, die exzeptionelle Kompetenz verrät. Es war eine Sensation, als diese Blätter 2006 gefunden wurden. Sie hatten den Brand der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek überstanden, weil sie, falsch einsortiert, im Keller lagen.

Als Fünfzehnjährigen finden wir Bach dann schon an der Michaelisschule in Lüneburg. Er erfüllt die Bedingungen für Stipendiaten, die »sonst nichts zu leben, aber gute Stimmen zum Diskant« haben müssen, und gerät, so der Biograf Christoph Wolff, »in eine akademische und musikalische Umgebung von höchstem Ansehen«. Die Chorbibliothek gilt neben der an der Leipziger Thomaskirche als beste in Deutschland, Heinrich Schütz ist mit 30 Werken vertreten, Claudio Monteverdi und weitere Italiener des frühen 17. Jahrhunderts fehlen nicht.

In Lüneburg arbeitet auch Georg Böhm, Organist und Komponist, der virtuoseste Tastenspieler, den Bach bis dahin erlebte. Er erschließt dem Hochbegabten neue Welten und die Bekanntschaft mit Johann Adam Reinken, dem legendären Organisten in Hamburg. Immer wieder reist Bach dorthin, und bei Reinken trifft er wohl auch erstmals auf den bewunderten Buxtehude. Es folgen noch einige Ortswechsel. Arnstadt, Mühlhausen, Weimar, Köthen, Leipzig … und selbst dort noch mit 45 Jahren ein Traum vom Aufbruch, ins ferne Danzig!

NICHT ZU SESSHAFT, NICHT ZU GEMÜTLICH

Das Reisen und Aufbrechen liegt diesem Clan durchaus im Blut, bis hin zu den ausgewanderten Andislebenern, die sich 1887 in Minnesota als stolze »Bach-Band« fotografieren lassen: der Farmer Reinhold Bach am Kontrabass mit sieben Söhnen, die Trompete, Klarinette, Flöte, Geige und Trommel spielen.

Es beginnt ja schon um 1590 damit, dass Veit Bach, ein Bäckermeister aus dem damals ungarischen, heute slowakischen Pressburg, hundert Meilen weit nach Norden reist, um sich im thüringischen Wechmar anzusiedeln und dort an Wurzeln der Familie anzuknüpfen. Die Musiker der Bachfamilien sind viel unterwegs – wobei Strecken, die für uns ein Hüpfer mit Auto oder Bahn sind, im 17. Jahrhundert mehr Zeit in Anspruch nehmen. Es sind nicht fünfzig Autominuten von Wechmar nach Suhl, es ist schnellstenfalls ein fünfstündiger Ritt. Es ist eine grundlegend andere Wahrnehmung von Zeit und Raum, aus der uns die Musik dieser Epoche erreicht, nicht nur eine grundlegend andere gesellschaftliche Situation. Wir sollten uns all diese Bachs nicht zu sesshaft und Thüringen nicht zu gemütlich vorstellen.

Auch Sebastians Großvatergeneration begab sich auf viele lange, teils rätselhafte Wege. Johann, 1604 geboren, verschlägt es nach seiner Suhler Lehrzeit als Stadtpfeifer offenbar in ein Söldnerheer, ehe er zum Gründervater der Erfurter »Stadtbache« wird und die ergreifende Motette »Unser Leben ist ein Schatten« schreibt. Der 1613 geborene Christoph, später Vater von Ambrosius und Johann Christoph (noch einer, aber diesmal Nr. 12), gerät bis ins sächsische Prettin, vermutlich an den Hof einer dänischen Prinzessin und Intellektuellen. Heinrich, der Jüngste, 1615 in Wechmar zur Welt gekommen, wandert als Knabe meilenweit, um Orgeln zu hören – und das zu einer Zeit, als Thüringen längst Durchmarschgebiet zahlreicher Kriegstruppen geworden ist.

Als älterer Mann, Organist an der Oberkirche in Arnstadt, reist Heinrich seinen begabten ältesten Söhnen, Johann Christoph (13) und Johann Michael, so oft nach, dass sein fürstlicher Arbeitgeber unwillig wird. Spätestens mit ihm beginnt die Selbstentdeckung einer Familie als Komponistenkollektiv über Generationen hinweg. Johann Christoph Bachs Motette »Lieber Herr Gott, wecke uns auf« von 1672 hat Heinrich so beeindruckt, dass er das Werk des Sohnes in Schönschrift kopierte. Es ist eben jene Partitur, die JSB in Leipzig mit Bläsern verstärkte und zum Staunen der Zeitgenossen aufführte – so, wie es auch dessen Sohn Carl Philipp Emanuel in Hamburg tat, lange bevor diese Noten mit vielen anderen ihre Odyssee in die Ukraine antraten.

EIN BILD DURCH DIE ZEIT

Wir müssen nur eine kleine Reise machen, um Generationen von Bachs an einem Ort versammelt zu finden. Natürlich die Fahrt zu einem der Konzerte, die die »Wege zu Bach« für uns nachzeichnen. Vielleicht aber auch einen Ausflug nach Erfurt, wo wir in den 350er Bus steigen. Er braucht 45 Minuten bis nach Arnstadt. Im Norden des Städtchens steigen wir aus und gehen vorbei an der Kirche am Markt, in der JSB mit 18 Jahren Organist wurde, hundert Schritte weiter Richtung Süden zur Oberkirche.

In diesem gotischen Rechteckbau diente ein halbes Jahrhundert lang Heinrich Bach als Organist, ein ruhender Pol des Clans auch in unruhigen Zeiten. Als er hier am 12. Juli 1692 aufgebahrt wurde, konnte der Superintendent von einem »Freudentag« sprechen, denn Heinrich hatte mit 77 Jahren ein Alter erreicht wie zu jener Zeit nur einer von hundert Menschen. Zu dieser »sehr volckreichen Leichbestattung« dürften sechzig Bachs aus allen Himmelsrichtungen gekommen sein, sicher auch der siebenjährige Sebastian, der spätestens jetzt Musik von Heinrichs ältesten Söhnen erleben konnte.

 

»Für uns ist es eine einzigartige Möglichkeit, zu sehen, was sie sahen.«

 

Nun ist es still in dieser Kirche, aber da ist noch etwas. Ein Bild. Es hing schon im Altarraum, als Heinrich 1641 sein Amt antrat, und es hängt dort noch immer, so, als seien die Farben gerade erst getrocknet. Zu Füßen des Gekreuzigten sehen wir dessen Mutter, hingesunken in den Schoß einer Frau. Maria schläft unter dem Kreuz ihres Sohnes, entspannt sind ihre Glieder, vielleicht schon in der Gewissheit, dass nun den Menschen der Himmel aufgeschlossen ist. Fließende Linien verbinden die Körper, deren Wärme man spürt; alle Gesichter sind von einer Ausdrucksstärke, die keinen unberührt lässt.

Seit 1594 hat das Bild in der Oberkirche seinen Platz, und Generationen von Bachs nahmen seinen Anblick in sich auf. Vielleicht wussten sie nicht, dass es ein Schüler Michelangelos war, Frans Floris, der es um 1550 gemalt hatte. Für uns ist es eine einzigartige Möglichkeit, zu sehen, was sie sahen. Die Heilsgewissheit, der Trost, das Leben, die Schönheit darin können uns, wie in ihrer Musik, sehr nahekommen.

 

VOLKER HAGEDORN ist Autor von »Bachs Welt. Die Familiengeschichte eines Genies« (Rowohlt 2016). Zuletzt erschien von ihm »Flammen. Eine europäische Musikerzählung 1900–1918« (Rowohlt 2022). Er schreibt regelmäßig für das »Elbphilharmonie Magazin«.

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