Interview: Ivana Rajič
Gianandrea Noseda und das Orchester der Oper Zürich – ein bestens eingespieltes Team, das sich meisterhaft auf die intensive Darstellung großer Gefühle und die Unterstützung berühmter Stimmen versteht. In der Elbphilharmonie präsentieren sie gleich zwei Oster-Programme: Giuseppe Verdis Requiem am 31. März und eine Collage von Werken mit Passionsbezug am 1. April.
Im Interview verrät der italienische Star-Dirigent, wie er Spiritualität lebt, warum er Partituren lieber »liest« als interpretiert und was das Live-Erlebnis von Musik so unvergleichlich macht. Sein Wunsch ans Publikum: offen sein, zuhören – und sich überraschen lassen.
Audio-Einführung zum Konzert am 1. April
Herr Noseda, Sie spielen zwei Osterkonzerte in der Elbphilharmonie mit dem Orchester der Oper Zürich: Das erste präsentiert Giuseppe Verdis Requiem, das zweite eine Collage passionsbezogener Werke, die schließlich in Sergej Prokofjews Balletmusik »Romeo und Julia« mündet. Wie ist die Idee zu diesem Programm entstanden?
Der Ausgangspunkt war die Osterzeit. Ich wollte ein Programm gestalten, das diese spirituelle Dimension aufgreift und gleichzeitig eine Verbindung zu unserer anstehenden Neuproduktion von Prokofjews »Romeo und Julia« herstellt. So entstand die Idee, eine Brücke zwischen diesen Welten zu schlagen.
Für die erste Hälfte lag der Schwerpunkt bewusst auf Spiritualität. Deshalb wählten wir ausgewählte Sätze aus Haydns »Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze«. Mit Regula Mühlemann an Bord, lag es nahe, Sopran-Arien aus Giovanni Battista Pergolesis »Stabat Mater« und Mozarts Messe in c-Moll einzubauen. Ergänzt wird das Programm durch Vivaldis Sinfonia »Al Santo Sepolcro«. So verbinden sich verschiedene musikalische Formen – geistliche Musik, Orchestermusik und vokaler Ausdruck. Auf den ersten Blick wirkt das vielleicht wie ein bunter Mix, aber ich finde, es passt sehr gut zusammen. Mit Regula wird die erste Hälfte besonders spannend, durch den Wechsel zwischen Orchester- und Gesangsstücken. In der zweiten Hälfte folgt Prokofjews Ballettmusik »Romeo und Julia«, die ich bereits bei meinem ersten professionellen Konzert dirigiert habe. Anders im Charakter, aber auf gewisse Weise auch verbunden.
Wie sehen Sie die Verbindung zwischen der spirituellen ersten Hälfte und Prokofjews Ballettmusik?
»Romeo und Julia« handelt vom Konflikt zwischen zwei Familien – es gibt Gewalt und Hass. Gleichzeitig gibt es die Figur des Pater Lorenzo, der versucht, die beiden Seiten zu versöhnen. Er scheitert, aber der Versuch selbst ist bedeutsam. Spiritualität kann also helfen, Gegensätze zu überbrücken. Das Leben ist nicht einfach. Es gibt Reibung, Konflikte, Ärger. Wenn man eine Art Stabilität hat – sei es durch Spiritualität oder etwas anderes – kann das helfen, einen Weg aus dem Konflikt zu finden. Nicht nur um zu entkommen, sondern vielleicht, um ein anderer und hoffentlich besserer Mensch zu werden.
Sie sprachen von Spiritualität als eine Art inneres Gleichgewicht. Was bedeutet Spiritualität für Sie persönlich?
Für mich ist Spiritualität nicht nur mit Religion verbunden. Spirituell zu sein, heißt nicht unbedingt, religiös zu sein. Es geht vielmehr um eine innere Verbindung – zur Welt, zu sich selbst –, die uns bei Entscheidungen leiten kann. Wir treffen ständig Entscheidungen, oft ohne es zu merken. Manchmal glauben wir, frei zu wählen, aber viele äußere Einflüsse lenken uns. Selbst Algorithmen schlagen uns Wege vor. Dennoch haben wir immer die Möglichkeit, zu entscheiden – auch, nicht dem Vorgeschlagenen zu folgen.
Musik schafft Raum für Reflexion. Sie macht nachdenklich, lässt uns präsent sein und Verantwortung für unser Leben übernehmen, auch wenn wir vieles nicht kontrollieren können. Deshalb ist Musik so mächtig: Sie spricht nicht durch Worte, sondern durch Emotionen. Sie erreicht Herz und Verstand zugleich und kann uns führen – nicht mit Zwang, sondern indem sie uns einlädt, zuzuhören und nachzudenken.
Regula Mühlemann singt Mozarts »Exsultate, jubilate«
Ihr Programm führt von späten Barockwerken über Haydn und Mozart bis zur modernistischen Ballettmusik von Prokofjew. Wie gelingt es Ihnen als Dirigent, diese stilistischen Sprünge zu meistern?
Wenn man ein solches Programm betrachtet, sind die stilistischen Unterschiede Teil eines langen historischen Kontinuums. Im Barock war der italienische Stil fast eine gemeinsame Sprache in Europa. Dieser Austausch setzte sich bis in die Klassik fort. Mozart reiste als junger Musiker mit seinem Vater nach Italien, studierte bei Giovanni Battista Martini in Bologna und verbrachte Zeit in Turin und Mailand. Komponisten inspirierten sich gegenseitig, selbst über große Distanzen hinweg, und der Aufwand, Musik zu erhalten, machte diese Verbindungen besonders wertvoll. Die Gesangslinien, die wir bei Pergolesi finden, sind sehr expressiv und typisch italienisch – eine klare musikalische Sprache, die weit über Italien hinaus Wirkung zeigte.
Die technische Grundlage des Dirigierens bleibt jedoch dieselbe. Natürlich passt man Stil und Ausdruck an: Die erste Hälfte verlangt ein kleineres, transparenteres Orchester, während Prokofjew eine völlig andere Energie benötigt. Letztlich geht es immer darum, eine klare musikalische Linie zu finden. Ich versuche, die Musik zu »lesen« und ihr keine Interpretation aufzuzwingen.
Was meinen Sie genau mit »lesen« statt »interpretieren«?
Der Begriff »Interpretation« suggeriert manchmal, man stelle sich vor die Musik. Ich versuche nicht, sie zu übersetzen, sondern zu erkennen, was bereits da ist. Natürlich sieht jeder Dirigent andere Aspekte, weil wir alle unterschiedlich sind – genauso wie das Publikum. Jeder Auftritt ist wie ein neues Kapitel desselben Romans. Die Geschichte bleibt, aber die Perspektive verändert sich. Große Musiker, früher wie heute, sind wunderbare Erzähler. Sie fesseln das Publikum und führen durch die Geschichte. Meine Aufgabe als Dirigent ist ähnlich: zuerst das Herz zu erreichen, dann den Verstand, um die Intention des Komponisten zu vermitteln. atürlich wird nicht jeder gleich reagieren – der persönliche Geschmack spielt immer eine Rolle – aber das Ziel ist es, dem Werk zu dienen und die Geschichte zum Leben zu erwecken.
Und diese Geschichte entfaltet sich auf ganz besondere Weise bei einem Live-Konzert. Worin liegt für Sie der Unterschied zwischen einer Live-Aufführung und dem Musik-Streaming?
Bei einem Live-Konzert trifft man bewusst die Entscheidung, dabei zu sein, und verpflichtet sich dadurch, wirklich präsent zu bleiben. Man verlässt die Komfortzone, plant den Tag, reist an und trifft vielleicht neue Menschen – all diese Absicht und Energie zählen. Oft reagieren wir sonst nur auf äußere Reize, ohne wirklich zu wählen. Ein Live-Konzert erlaubt es, voll da zu sein. Dieses offene, bewusste Erleben macht es möglich, die Musik ganz aufzunehmen – selbst achtzig Minuten können so zu einer tiefgreifenden, intensiven Erfahrung werden.
Apropos Musik, die verwandelt: Sie führen auch Giuseppe Verdis ergreifendes Requiem mit dem Orchester der Oper Zürich in der Elbphilharmonie auf. Wie erleben Sie diese Musik am Pult?
Das Verdi-Requiem ist außergewöhnlich in seiner Intensität und Menschlichkeit. Es mit dem Orchester der Oper Zürich aufzuführen, ist besonders bemerkenswert, da der Opern-Hintergrund der Musiker:innen dem Werk eine tiefgründige Ausdruckskraft verleiht. Sie bilden einen echten Schmelztiegel, kommen aus vielen Ländern, und alle Musiker:innen bringen ihre eigene Lebenserfahrung in die Aufführung ein.
Für mich ist das Requiem mehr als ein religiöses Werk; es ist eine Meditation über Leben und Tod, über die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrung. Es beginnt in Stille, als würde es aus dem Nichts entstehen, und endet in Stille, wobei es das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle umfasst – Angst, Hoffnung, Vergebung, Sehnsucht, Freude und Gelassenheit. Das Stück bewegt sich subtil: Es beginnt in a-Moll und, nach einer Stunde und zehn Minuten, geht es eine halbe Stufe höher nach B‑Moll – eine kleine Verschiebung, und doch fühlt man sich einen Halbton näher am Göttlichen. Die letzten Worte, »Libera me« – »befreie mich« – erinnern sowohl die Musiker:innen als auch die Zuhörer:innen daran, dass jeder Tag eine Gelegenheit zum Wachsen ist: ein besserer Dirigent, ein besserer Freund, ein besserer Mensch zu werden.
Was möchten Sie, dass das Publikum außerdem aus Ihren Osterkonzerten mitnimmt?
Ich wünsche mir, dass es nachdenkt, reflektiert, die Musik genießt und vielleicht überrascht wird – wie ein unerwarteter Schlag ins Gesicht, nur ohne Schmerz! Musik kann nicht die Welt allein verändern, aber sie kann Herzen und Köpfe lenken. Und das gibt Hoffnung.
- Elbphilharmonie Großer Saal
Verdi: Messa da Requiem / Gianandrea Noseda
Orchester und Chor der Oper Zürich
- Elbphilharmonie Großer Saal
Orchester der Oper Zürich / Regula Mühlemann / Gianandrea Noseda
Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze (Auszüge) / Pergolesi: Stabat mater (Auszüge) / Prokofjew: Suiten aus »Romeo und Julia« u.a.



