Video on Demand vom 17.6.2020
verfügbar bis 17.6.2021

Elphi at Home: Mäkelä / Kuusisto / NDR Elbphilharmonie Orchester

Dirigent Klaus Mäkelä & Geiger Pekka Kuusisto im Debüt.

Sie gehören dieser Tage zu den spannendsten Musikern Finnlands: der Dirigent Klaus Mäkelä und der Geiger Pekka Kuusisto. Mäkelä tritt im Sommer 2020 mit nur 24 Jahren den Chefposten beim Oslo Philharmonic an – eine Sensation in der Klassikwelt! Und Kuusisto ist nicht nur bekannt als begnadeter Geiger, sondern auch für seine Improvisationskunst.

Doppeldebüt mit Sicherheitsabstand

Zwar durchkreuzte die Corona-Pandemie ihre gemeinsame Premiere mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester vor großem Publikum. Doch umso größer die Freude, dass das Doppeldebüt dennoch vor Ort im Großen Saal der Elbphilharmonie stattfinden konnte, wenn auch in kleinerer Besetzung und mit dem nötigen Sicherheitsabstand. Auf NDR Kultur war das Konzert live im Radio zu erleben; hier steht es als Video on Demand zur Verfügung. Im ebenfalls mitgeschnittenen Interview plaudern die Musiker über ihr musikalisches Programm und wie es sich anfühlt, wieder auf der Bühne zu stehen.

Besetzung

NDR Elbphilharmonie Orchester
Pekka Kuusisto Violine
Dirigent Klaus Mäkelä

Programm

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)
Sinfonia Nr. 10 h-Moll für Streichorchester

Magnus Lindberg (*1958)
Konzert für Violine und Orchester Nr. 1

Arnold Schönberg (1874–1951)
Verklärte Nacht op. 4 (Revidierte Fassung für Streichorchester)

Interview mit Mundschutz: Pekka Kuusisto und Klaus Mäkelä

Im Interview: Klaus Mäkelä und Pekka Kuusisto

Zu Beginn erklingt die Streichersinfonie Nr. 10 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Warum dieses Werk?

Mäkelä: Ich habe sie aufs Programm gesetzt, weil wir eigentlich seine »Schottische« Sinfonie spielen wollten – ein anderes, späteres Meisterwerk von ihm. Dieses Stück, das er 1823 im Alter von nur 14 Jahren schrieb, ist ein weiterer Beweis seines unglaublichen Talents. Viele seiner insgesamt zwölf Streichersinfonie sind von heiterem Charakter. Diese dagegen beginnt sehr düster, fast wie ein Requiem. Auch das Allegro beginnt eher tragisch.

Interessant ist auch die Form: Das Stück ist in einem Satz geschrieben. Wir wissen nicht, ob er – wie in den anderen Sinfonien – weitere Sätze hätte schreiben wollen oder ob er sie für komplett hielt. Für uns ist sie jedenfalls perfekt. Nicht nur, weil es ein tolles Stück ist, sondern auch, weil wir sie in unserer Besetzung und in der »Social-Distancing-Aufstellung« spielen können.

»Man fühlt tatsächlich instinktiv: Das ist es, was ich machen möchte. «

Pekka Kuusisto

Wie fühlt es sich an, wieder auf der Bühne stehen?

Mäkelä: Großartig! Die Reise war zwar merkwürdig nach der Phase der Isolation, der Saal ist leer und die Musiker sitzen weit auseinander. Aber es fühlt sich ganz natürlich an wieder Musik zu machen.

Kuusisto: Oh ja, fantastisch! Ich möchte unseren Beruf nicht noch mehr verklären, als es ohnehin schon geschehen ist. Aber man fühlt tatsächlich instinktiv: Das ist es, was ich machen möchte. Vielleicht, weil es das einzige ist, was wir können. Und wenn es nicht geht, fühlt man sich wie ein Zugvogel, der in einem Käfig gefangen ist.

Klaus Mäkelä vor der Elbphilharmonie
Klaus Mäkelä vor der Elbphilharmonie © Philipp Seliger

Gemeinsam führt Ihr das Violinkonzert von Magnus Lindberg auf.

Mäkelä: Ja. Ich habe es noch nie dirigiert, aber Du, Pekka, hast es schon oft gespielt.

Kuusisto: Ja, stimmt. Und ich bin froh, es nicht zum ersten Mal zu spielen, weil die Distanz auf der Bühne es wirklich kompliziert macht. Gut, dass Du da bist!

Mäkelä: Oh, vielen Dank. Es ist ein interessantes Stück, weil es in gewisser Hinsicht auf die Klassik zurückblickt – zum Beispiel in der Instrumentation. Lindberg schrieb es 2006 zu Mozarts 250. Geburtstag.

Kuusisto: Stimmt. Soweit ich weiß, hat das NDR-Orchester kürzlich Lindbergs »Kraft« aus dem Jahr 1984/85 gespielt. Das Stück ist total verrückt. Und das Violinkonzert stellt eine Art Evolution dieser Ideen dar. Lustigerweise hat es aber auch diesen Sibelius-Karelien-Touch. Es fühlt sich ein bisschen an wie zu Hause.

Mäkelä: Du hast es sogar mit Magnus Lindberg als Dirigent gespielt. Das ist immer etwas Besonderes, wenn der Komponist dirigiert. Wie war das?

Kuusisto: Oh, das war toll. Er ist so nett und schafft eine so fröhliche Stimmung. Seine Einstellung zum Leben an sich ist eher locker. Er lässt Dich mit dem Stück experimentieren. So hat er mich ermuntert, die Solokadenz zu ignorieren, die er komponiert hat, und stattdessen selbst eine zu improvisieren. Darauf freue ich mich heute Abend. Gerade weil es so merkwürdig ist, für einen leeren Saal zu improvisieren.

Ich habe neulich eine kleine Show in Finnland gespielt, freie Solo-Improvisation, Elektronik, einige Kameras und eine Nebelmaschine. Erst da habe ich realisiert, wie sehr einen das Publikum beeinflusst, wenn man die Musik beim Spielen erfindet. Wenn man eine Partitur hat, hat man ein Sicherheitsnetz. Bei der Improvisation ist das Publikum wie ein Spiegel. Wenn er weg ist, ist das zwar pädagogisch wertvoll, aber nervenaufreibend.

Pekka Kuusisto Pekka Kuusisto © Felix Broede

»Magnus Lindberg hat mich ermuntert, die Solokadenz zu ignorieren, die er komponiert hat, und stattdessen selbst eine zu improvisieren. Darauf freue ich mich.«

Pekka Kuusisto

»Plötzlich spielen Bratschen, Celli und Bässe diesen wunderschönen D-Dur-Akkord. Er ist der Wendepunkt des Stücks und die schönste Musik überhaupt.«

Klaus Mäkelä

Zum Abschluss erklingt »Verklärte Nacht« von Arnold Schönberg. Was kannst Du uns über dieses Stück erzählen?

Mäkelä: »Verklärte Nacht« ist der Endpunkt der Spätromantik. Es dehnt die Grenzen von Harmonik und Textur ins Extrem. Interessant ist, dass es sich eigentlich um zwei Stücke handelt. Uraufgeführt wurde es 1902 als Streichsextett. Doch 1943 überarbeitete Schönberg das Werk und erstellte eine Fassung für Streichorchester. Dazwischen hatte er ganz andere Musik komponiert – Zwölftonmusik. Nun kehrte er zu seinem alten Werk zurück und sah es in ganz neuem Licht. Er nahm einige kleine Änderungen in Artikulation und Tempo vor – und es wurde ein neues Stück.

Was bedeutet das für die Interpretation?

Die Herausforderung ist, wie man das am besten herausbringt. Die Struktur ist so dicht, es sind so viele Ebenen. Balance ist sehr wichtig – und, den richtigen Charakter für jede einzelne Ebene zu finden.

»Verklärte Nacht« basiert auf einem Gedicht von Richard Dehmel.

Genau. Schönberg bezieht sich mehr auf den Inhalt im Ganzen als auf einzelne Zeilen. Aber das Stück ist – genau wie das Gedicht – in fünf Strophen unterteilt. Der schönste Moment der Geschichte und des Stücks ist genau in der Mitte. Bis dahin spricht eine Frau, die ihrem Geliebten beichtet, dass sie ein Kind von einem früheren Partner erwartet, den sie nicht liebt. Dann schweigt sie und wartet, was der Mann antwortet. Das Orchester spielt einen Es-Moll-Akkord, der perfekte Akkord, um die Tragik der Situation auszudrücken. Dann pausiert der Akkord, und wir warten, was passiert.

Das zweite Cello bleibt auf einem b liegen, der Akkord verschwindet – und plötzlich spielen Bratschen, Celli und Bässe diesen wunderschönen D-Dur-Akkord. Er illustriert die Antwort des Mannes, der verständnisvoll reagiert und verspricht, das Kind als sein eigenes anzunehmen. Es ist also der Wendepunkt des Stücks und die schönste Musik überhaupt. Ich glaube, diese Musik spricht ganz direkt. Es ist Musik vom Kaliber von Schuberts Streichquintett, so sensibel und so ausdrucksstark.

Interview: Clemens Matuschek

Klaus Mäkelä in der Elbphilharmonie

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