Elbphilharmonie Jazz Academy

Elbphilharmonie Jazz Academy

Lernen von den Größen der Jazz-Szene – bei der Elbphilharmonie Jazz Academy ist das möglich. Ein Rückblick auf die erste Ausgabe im August 2021.

Von Tom R. Schulz, 10.9.2021

 

Ferienkurse für junge Musiker sind gut, nützlich und schön, und es gibt sie schon sehr lange, auch im Jazz. Sie verheißen Inspiration und jede Menge Anregungen zum handwerklichen und künstlerischen Weiterkommen. Außerdem lernt man da Leute kennen, die genauso krass unterwegs sind wie man selbst. Menschen, für die die Musik auch das Wichtigste ist von allem, was sie so machen, und die auf ihrem Instrument bestimmt auch schon die ersten paar 1000 jener berühmten 10.000 Stunden investiert haben, die jeder Mensch mindestens braucht, um in egal welcher Disziplin wirklich gut zu werden.

»Diese Woche hat mich, was Jazz oder Musik im Allgemeinen angeht, so viel gelehrt, wie es wahrscheinlich keine Woche meines Lebens zuvor getan hat.«

Jakob Bänsch

Die Elbphilharmonie Jazz Academy :15 Auserwählte treffen auf Jazz-Stars

Die Educationabteilung der Elbphilharmonie hat im Spätsommer 2021 erstmals eine solche Woche für 15 nachwachsende Hochleistungskräfte des Jazz durchgeführt. Ausgewählt unter 185 Bewerberinnen und Bewerbern, trafen in der »Elbphilharmonie Jazz Academy« sechs Frauen und neun Männer im Alter zwischen 18 und 28 Jahren aufeinander. Je drei von ihnen spielen Saxofon, Klavier, Bass oder Schlagzeug, zwei Trompeter waren dabei und eine Posaunistin. Ihnen zur Seite standen sechs Dozentinnen und Dozenten, allesamt Koryphäen auf ihrem Instrument bzw. in ihrem Fach: Melissa Aldana (Saxofon), Matt Brewer (Kontrabass), Theo Croker (Trompete/Posaune) Julia Hülsmann (Komposition, Arrangement), Ziv Ravitz (Schlagzeug) und Yaron Herman (Klavier und künstlerische Leitung).

Sechs Tage Intensivtraining

Die Lernkurve war echt steil: In nur sechs Tagen ging es vom allerersten gegenseitigen Kennenlernen zum abendfüllenden gemeinsamen Konzert im Großen Saal der Elbphilharmonie. Alle Akademisten hatten ein oder mehrere eigene Stücke mitgebracht, und von Anfang an ging es darum auszuprobieren, ob diese Stücke funktionieren oder vielleicht noch nicht so gut. Gleich am Montagvormittag spielten diverse Besetzungen kreuz und quer zusammen. Und gleich am ersten Tag hieß es, den anderen und den Dozenten das gerade erst geprobte, noch fremde Stück im Kleinen Saal vorzuspielen. Ein bisschen wie früher in der Schule. Nur dass da in der ersten Reihe gleich sechs Lehrerinnen bzw. Lehrer saßen, die alle immer eine Menge zu sagen hatten über das, was sie da gerade gehört hatten.

Präsentation im Kleinen Saal Präsentation im Kleinen Saal © Daniel Dittus
Kritische Geister: Die Dozenten Theo Croker, Melissa Aldana, Matt Brewer, Yaron Herman, Julia Hülsmann und Ziv Ravitz Kritische Geister: Die Dozenten Theo Croker, Melissa Aldana, Matt Brewer, Yaron Herman, Julia Hülsmann und Ziv Ravitz © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy Elbphilharmonie Jazz Academy © Daniel Dittus
Yaron Herman mit Teilnehmer:innen Yaron Herman mit Teilnehmer:innen © Daniel Dittus
Maxim Burtsev und Yaron Herman am Klavier Maxim Burtsev und Yaron Herman am Klavier © Daniel Dittus
Melissa Aldana Melissa Aldana © Daniel Dittus
Lauri Kadalipp Lauri Kadalipp © Daniel Dittus
Theo Croker Theo Croker © Daniel Dittus
Ziv Ravitz und Dominic Harrison Ziv Ravitz und Dominic Harrison © Daniel Dittus
Matt Brewer und die Kontrabass-Gruppe Matt Brewer und die Kontrabass-Gruppe © Daniel Dittus

Da kam unwahrscheinlich viel Input auf einmal zusammen. Ganz schön verwirrend, ganz schön aufregend, manchmal auch verunsichernd. Selbst für diese Proben, die am Anfang noch eher ein gegenseitiges Abtasten waren und bald immer mehr Gestalt und Kontur gewannen, legte Meistertrommler Ziv Ravitz die Latte von Anfang an richtig hoch. Einer seiner Lehrer habe ihm eingeschärft: Sag zum Probenraum nie Probenraum! Versteh ihn als Bühne, als Konzertraum. Mach jedes Musikmachen zu einem Akt, bei dem du dich ganz offenbarst, bei dem du alles gibst, vom ersten bis zum letzten Ton. Wer das verinnerlicht, bekommt eine andere Haltung gegenüber dem eigenen Spiel. Mehr Respekt. Auch vor sich selbst.

»Die größte und geballteste Inspiration seit langer Zeit!«

Lisa Wilhelm

Und von wegen Input-Overkill: Auch die Pianistin und Komponistin Julia Hülsmann zitierte einen ihrer Lehrer, den Vibrafonisten David Friedman. Der habe mal gesagt, bei solchen Jazzkursen müsse man einfach die Schädeldecke aufmachen und so viel wie möglich reinlassen. Und erst so spät wie möglich den Deckel wieder draufsetzen. Sortieren könne man das alles erst hinterher.

Julia Hülsmann Julia Hülsmann © Daniel Dittus
Julia Hülsmann / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Julia Hülsmann / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Melissa Aldana / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Melissa Aldana / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Theo Croker / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Theo Croker / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Matt Brewer / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Matt Brewer / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021
Ziv Ravitz / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Ziv Ravitz / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus

Proben in allen Konstellationen

Jeden Tag wurde in Ensembles geprobt, vom Trio bis zum Quintett. Der Kleine Saal blieb das Epizentrum des Geschehens, die Kaistudios wurden zu Inkubatoren, in denen die Stücke im Turbo bebrütet wurden. An vier Tagen gab es zudem individuelles Training in den einzelnen Instrumentengruppen. Das war intensiv und spannend und lehrreich, und die Dozenten, die sich alle auf ihre eigene Art sowieso schon mit viel Engagement in die Sache stürzten, wurden nochmal nahbarer.

Wenig Druck, viel Klang :Saxofonistin Melissa Aldana

Die Saxofonistin Melissa Aldana zum Beispiel ließ sich von den drei Saxofon spielenden Akademisten Wangen, Unterlippe und Bauch befühlen, damit die buchstäblich mit Händen greifen konnten, wie vergleichsweise wenig körperlichen Druck sie ausüben muss, um einen so fantastisch vollen Ton auf ihrem Instrument zu produzieren. Mit wenig Atemdruck viel Klang erzeugen: Das ist Training, aber auch das Ergebnis innerer Vorstellung und mentaler Einstellung. Melissa spielt Saxofon, seit sie sechs Jahre alt ist und übt jeden Tag sechs Stunden. Sie ist jetzt 32 Jahre alt. Selbst wenn die bienenfleißige Melissa manchmal ein paar Stunden weniger am Tag mit ihrem Instrument verbracht haben dürfte, kommen bei ihr allein an Übezeit schon locker 50.000 Stunden Lebenszeit raus. All die Sessions und Proben und Konzerte mit anderen nicht mitgerechnet.

»Diese Erfahrung war in vielerlei Hinsicht enorm bereichernd für mich: Der inspirierende Input, die Gelegenheit, in so einem Gebäude mit so vielen tollen Musiker:innen spielen zu dürfen, und nicht zuletzt die wirklich schöne und unterstützende Atmosphäre unter allen Teilnehmenden werden mich noch lange begleiten.«

Lucie Grähl

Vier Paar Riesenohren :Jam-Session der Dozenten

Von nichts kommt halt nichts. Das war am zweiten Abend zu erleben, als Matt Brewer und Ziv Ravitz aus ihrer Übe- und Spielpraxis berichteten und dann auf dringlichen Wunsch der Akademisten zu jammen begannen. Zuerst ließen sie Melissa allein spielen. Ihr gewaltiger Sound, ihre starken Ideen, die Körperlichkeit, mit der sie spielt: All das war vom ersten Moment an da. Irgendwann stieg Trompeter Theo Croker ein, und schließlich kamen Ziv und Matt dazu. Es war klar, dass nichts von all dem vorher abgesprochen war, gleichzeitig kam ein ungebremster, kollektiver, komplexer und trotzdem transparenter Ideenfluss aus diesen vier improvisierenden Künstlern, dass einem die Kinnlade runterfiel. Rückhaltlose Power, vier Paar Riesenohren. Pure Magie.

Melissa Aldana Melissa Aldana © Daniel Dittus
Theo Croker Theo Croker © Daniel Dittus
Matt Brewer / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Matt Brewer / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Ziv Ravitz / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Ziv Ravitz / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Yaron Herman / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Yaron Herman / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Julia Hülsmann / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Julia Hülsmann / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus

Endspurt vorm großen Auftritt

So langsam konkretisierte sich das Programm. In den verbleibenden Tagen wurde ständig weiter daran gefeilt. Besetzungen wurden umgeschmissen, Längen gekürzt, Solo-Reihenfolgen geändert. Lernen und Planen liefen parallel, und Yaron Herman, stets ein umgedrehtes Cap auf dem schlauen Kopf, gewann zusehends ein Bild vom Finale. Am Donnerstag kam das Fernsehen und drehte einen kurzen Beitrag über die »Jazz Academy«. Da stieg das Engagement bei den Lehrkräften kurzzeitig nochmal mächtig an.

Am Freitagabend dann Konzert in der Jazz Hall, dem neuen Saal für Jazz in der Hochschule für Musik und Theater. Halb Gastspiel, halb Generalprobe fürs Abschlusskonzert. Die Stücke stehen fest, die Besetzungen auch, bei zwei Nummern spielen auch Dozenten mit. Und fünf von ihnen liefern zum Showdown eine ausgedehnte Kostprobe ihrer kollektiven Improvisationskunst. Was die Akademisten spielen, klingt auch schon alles ziemlich gut. Jede und jeder weiß und spürt, was noch besser sein könnte und was davon sich bis morgen noch so umsetzen lässt, dass man es im Konzert dann auch abrufen kann. Oder etwas anderes als das, etwas noch besseres. Ist ja Jazz, und nichts ist jemals gleich in dieser Kunst. Guter Jazz ist jedes Mal ein Original.

»Diese Erfahrung hat mein Leben verändert, und ich durfte sie mit den inspiriertesten Leuten verbringen, denen ich bislang begegnet bin.«

Mateusz Szewczyk

Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus

Kein Schaulaufen :Das Abschlusskonzert

Sonnabend, 17.50 Uhr, Elbphilharmonie, 12. Stock, backstage Großer Saal. In zehn Minuten beginnt das erste der beiden Abschlusskonzerte. Das Adrenalin perlt durch 15 junge Gemüter wie Kohlensäure durchs Champagnerglas. Die Akademisten stellen sich im Kreis auf, als ginge es gleich zum Champions League Finale raus auf den Platz.

Die Trainerinnen und Trainer vom Dozententeam stehen auch mit im Kreis. Letztes Teambuilding. Yaron, Julia, Ziv hauen noch ein paar Motivationssprüche raus, die alle in der dringenden Empfehlung gipfeln, sich bitte zu konzentrieren gleich auf der Bühne, vor allem aber unbedingt Spaß zu haben. Sich über Fehler nicht zu ärgern. Einander zuzuhören. Dann geht es raus in den Saal. Die Bühne ist mit Sofas, Sesseln und Stehlampen möbliert, im Hintergrund stehen die Sitzgelegenheiten fürs Dozententeam. Die Botschaft ist klar: Jetzt kommt kein Schaulaufen. Wir machen das hier alle zusammen.  

Und dann liefern sie, die 15 jungen Musikerinnen und Musiker. Nervosität und Vorfreude vermischen sich mit den Sympathien, die ihnen aus dem Saal entgegenschwappen. Der Zauber des Großen Saal tut das Seine hinzu. Alle wissen, es gibt um 21 Uhr noch ein zweites Konzert, doch niemand spart hier irgendwas auf. Manchen der Spielerinnen und Spieler, die man bislang für etwas übervorsichtig gehalten hat, blühen unter der Bühnenbeleuchtung plötzlich auf wie Mittagsblumen im Sonnenlicht. Als hätten sie nur auf diesen Moment gewartet. Das Publikum ist super, es hört gut zu und entlädt seine Begeisterung nach jedem Stück.

Um 21 Uhr, in der zweiten Show, wiederholt sich das Spiel, nur noch besser. Schon wieder klingen die Stücke anders als beim letzten Mal, dabei war das doch gerade eben erst. Jetzt möchte man die ganze Truppe am liebsten auf Tour schicken und in vier Wochen wieder hören. Wie die wohl klingen, wenn sich manches von dem sortiert hat, was seit den tollen Tagen Ende August bei der »Jazz Academy« unter ihrer Schädeldecke gärt ...

Abschlusskonzert Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Abschlusskonzert Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Yaron Herman / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Yaron Herman / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Abschlusskonzert / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Abschlusskonzert / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Julia Hülsmann / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Julia Hülsmann / Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Abschlusskonzert Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Abschlusskonzert Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Abschlusskonzert Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Abschlusskonzert Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus
Abschlusskonzert Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 Abschlusskonzert Elbphilharmonie Jazz Academy 2021 © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Jazz Academy: Abschlusskonzert 2023

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