Die Ostfriesen des Orchesters

Die Bratsche zwischen Witz und Vorurteil.

Kennen Sie den?

Jahrzehntelang geht der alte Orchesterbratscher vor dem Konzert an seinen Spind und wirft einen Blick hinein, bevor er auf die Bühne tritt. Ob dieses Rituals neugierig geworden, öffnen seine Kollegen nach seiner Pensionierung den Spind – und finden einen Zettel: »Bratsche links, Bogen rechts.«

Was Musiker anderer Instrumentengruppen verlässlich in wieherndes Gelächter ausbrechen lässt, ruft bei Bratschern nurmehr gleichgültiges Schulterzucken hervor; ständig bekommen sie derlei zu hören. Unter Nicht-Musikern aber ist oft nicht bekannt: Die Bratscher sind die Ostfriesen des Orchesters.

Zu groß, zu klein – Kompromisse in der Bauweise

© Frinck51/Wikimedia Commons

Größenunterschied Geige und Bratsche

Der Grund liegt in Geschichte und Charakteristik des Instruments. Eine Bratsche ist zunächst einmal eine große Geige, der die hohe E-Saite fehlt und die stattdessen über eine tiefe C-Saite verfügt. Sie ist damit eine Quinte tiefer gestimmt als die Geige und eine Oktave höher als das Cello. Allerdings ist die Bratsche für diese Stimmung eigentlich zu klein: Um dasselbe Verhältnis von Tonumfang und Größe zu erreichen wie die Geige, müsste ihr Korpus 10-15 cm länger sein. Als Resultat entfalten sich die brillant strahlenden Obertöne deutlich weniger als bei der kleinen Schwester Geige, was der Bratsche ihre charakteristische, dunkel abgetönte Klangfarbe verleiht.

Größer aber ließe sich die Bratsche kaum konstruieren. Ohnehin erfordert ihre Mensur (der Abstand der Töne auf dem Griffbrett) und Bauweise größere und kräftigere Hände als eine Geige. Um diesem technischen Handicap Rechnung zu tragen, hielten Komponisten die Bratschenstimmen lange bewusst einfach – eine Steilvorlage für witzelnde Orchesterkollegen.

Verspätete Solo-Karriere

Zudem existiert – im Vergleich etwa zur Violine oder zum Klavier – relativ wenig prestigeträchtige Sololiteratur, mit der sich das Image hätte aufpolieren lassen. Genuine Violakonzerte schrieben im 18. Jahrhundert nur Komponisten, die heute als Kleinmeister gelten, etwa Carl Stamitz und Franz Anton Hoffmeister. Lange blieb die Bratsche auf ihre Funktion als untertäniges Bindeglied zwischen Violinen und Cello beschränkt. Das Potenzial des Instruments nutzten dann Komponisten des 19. Jahrhunderts: Hector Berlioz in »Harold en Italie«, Richard Strauss in »Don Quixote«. Erst das 20. Jahrhundert aber eröffnete den Bratschisten weitere Horizonte. Béla Bartók schrieb 1945 das große Solokonzert für Viola und Orchester; auch Paul Hindemith, selbst Bratscher, steuerte viele Werke bei. Alfred Schnittke, Sofia Gubaidulina und György Ligeti entdeckten die Bratsche für die Moderne.

»Das Image ist immer noch schlechter als das der anderen Streicher, weil das Spezifische des Instruments weniger das Solistische ist als vielmehr in der Kunst der Mittelstimme liegt. Der ungeübte Hörer hört auf die Melodiestimme – aber was sich da im Geflecht der Stimmen sonst so abspielt, das kann nur wirklich schätzen, wer das selbst erlebt.«

Tabea Zimmermann

Inzwischen ist es längst nicht mehr so, dass wenig vielversprechende Geigenschüler zur Bratsche abgeschoben werden. Eine ganze Generation exzellenter Musiker hat sämtliche Bratschenvorurteile mit großer Virtuosität ein für allemal widerlegt, darunter Tabea Zimmermann, Antoine Tamestit oder Kim Kashkashian.

Übrigens: Mag die Musikgeschichte die Viola auch lange benachteiligt haben, so bietet der Bratschenstand im Ausgleich doch ein Exklusivrecht. Als einzige Instrumentengruppe verfügen Bratschisten über die Möglichkeit, ein Extra-Prädikat zu verleihen. Wer als Kind direkt Viola erlernte – und nicht, wie viele, zunächst Violine – wird von den Kollegen ehrfürchtig als »Edel-Bratsche« bezeichnet.

Text: Clemens Matuschek

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